Der Film

Da stehen wir nun, quasi auf den Klippen des letzten Tages des Altjahres und haben eigentlich nur noch eine Frage: Was sollen wir bloß machen? Was sollen wir bloß machen – mit den ganzen Fotos? Keine Gesellschaft vor uns hat solche gewaltigen Bildermassen angesammelt. Und als ob es nicht genug wäre, was wir an Selfies und Schnappschüssen selbst produzieren, kommen jetzt noch die Bilder der Überwachungskameras dazu. Wir werden bald keinen Tag mehr absolvieren, an dem keine neuen Bilder von uns entstehen. Wenn wir irgendetwas falsch gemacht haben, sehen wir unser Bild am nächsten Tag auf Facebook. Dann müssen wir auf die nächste Polizeiwache gehen und uns stellen. Es ist ein Spiel. Wer schafft es ins Internet? Wessen Crideo (- neue Sparte, gerade von mir erfunden Crime + Video = Crideo) kriegt die meisten Klicks?

Es dürfte heute kein Mensch mehr leben, der sein Leben nicht lückenlos anhand von Fotos dokumentieren kann. Mein Vater bringt seinen Ruhestand damit dahin, die Fotos der Altvorderen zu digitalisieren und zu dokumentieren. Wenn er damit fertig ist, bekommen wir ein Speichermedium voller Bilder. Vielleicht werden es vier Gigabyte, vielleicht acht. Aber das ist alles noch gar nichts. Wenn meine Nichten später einmal das ganze vorhandene Fotomaterial ihrer Familie auch nur sichten wollten, wird ihr Ruhestand dafür wahrscheinlich nicht mehr ausreichen ( – zwar nicht nur wegen der Bildermenge, aber auch deswegen).

Aber wie jedes Ding, das uns so widerfährt, hat auch die Bilderflut ihr Gutes: Man braucht kein Nahtod-Erlebnis mehr, um sein Leben als Film ablaufen zu sehen. Man steckt einfach den Kopf ins Internet wie Harry Potter seinen ins Denkarium – und schon geht es los. Hier kommt schon mal ein kleiner Vorgeschmack. Vorhang auf für:

ULF – DER FILM  – Gute Unterhaltung!

Wenn oben kein Video zu sehen ist, bitte mal hier draufklicken. Danke!

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Ab heute

Wenn ich aus dem Kindergarten

Allein nach Hause geh

Wenn ich Schleifen binden kann

Wenn ich Kaffee trink, statt Tee

Wenn ich lesen kann, so wie das große Mädchen es vermag

Wenn ich zu Mutti „ich liebe dich“ sag

Wenn ich mich am Voltigiergurt

Ganz allein hochziehen kann

Wenn ich freihändig stehe

Im Galopp und wenn ich dann

Noch so cool ausseh’, als ob ich jeden Blumentopf gewinn’

Wenn ich 50 Jahre bin

Wenn mein altes Fahrrad

Ein nagelneues Motorrad wär

Und ich wär ein Geheimagent

Und käm’ damit daher

Dann rette ich das Mädchen und sie verliebt sich in mich

Unsterblich, und dann küsst sie mich

Wenn ich Walzer tanzen könnte

Auf dem blanken Parkett

Und trotzdem auch so abzappeln

Als ob ich einen Anfall hätt’

Wenn da keine Pickel wären, auf der Stirn und auf dem Kinn

Wenn ich 50 Jahre bin

Wenn ich endlich wüßte

Was nur aus mir werden soll, vielleicht

Werd’ ich Lehrer oder Taxifahrer

Oder werd’ ich reich

Oder werde ich doch Entertainer, wie Hans Rosenthal

Irgendwann einmal

Werd’ ich eine Aktentasche

Ein ganz abgenutztes Stück

Jeden Tag zur Arbeit tragen

Morgens hin, abends zurück

Und hätte nichts als eine große Alu-Stullenbüchse drin

Wenn ich 50 Jahre bin

Jahre kommen, Jahre gehen

Jeden Tag stirbt man ein Stück

Ein Kind schaut in den Spiegel

Ein alter Sack blickt zurück

Das ist ganz gleich, solange sich die beiden achten und versteh’n

Und gemeinsam weiter geh’n

Ich will heute leben

Als hätt’ ich nur diesen einen Tag

Ich will heute sagen

Was ich schon so lang mit mir rumtrag’

Will ab heute nur noch der sein, der ich nun einmal bin

Noch bevor ich 50 bin

copyright: liedersaenger 2016

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