Ein warmes Licht

Es gibt einen kleinen Text von mir, den ich mit „Meggie“ überschrieben habe. Darin schreibe ich über meine Zeit im Hennigsdorfer Pioniertheater. Es gab damals offenbar nicht viele Jungen, die Theater spielen wollten. Meine erste Rolle war der Oberon im Sommernachtstraum. Ich glaube, im ersten Bild sitze ich im Elfenwald unter einem Baum und die Feen und Elfen tanzen für mich. Irgendwann habe ich genug davon und jage sie weg. Es stand so in meinem Text. Ich habe mir später nie verziehen, dass ich nicht wenigstens eine von ihnen da behalten habe.

In der vergangenen Woche bekam ich über meine Website eine Nachricht. Ich sollte mit dem Zug zu einem bestimmten Bahnhof fahren. Ich sollte meine Gitarre und Geschichten zum Vorlesen mitbringen und würde dort abgeholt werden. Zur bestimmten Stunde war ich am Bahnhof. Eine meiner Arbeitskolleginnen fuhr mit dem Wagen vor. Jedenfalls sah es für mich so aus. Ich stieg ein. Wir fuhren lange durch die Dunkelheit. Dann schien mir, als ob wir in eine Schneeschüttler-Kugel fuhren. Wir stiegen aus und betraten das Grundstück, auf dem ein Haus stand, aus dem uns warmes Licht entgegen schien. Vor dem Haus stand ein verwunschener Baum. Es war genau derselbe Baum, unter dem ich seinerzeit als Oberon gesessen hatte, als ich die Feen verjagte. Ich merkte gleich, welche Funktion dieser Baum hier hatte, denn ich verfing mich in ihm und kam nicht weiter vorwärts. Es war ein Wächterbaum, der das Feenhaus viel besser beschützte, als es ein lärmender und übel riechender Hund gekonnt hätte. Erst das helle Lachen der Feen aus dem Haus, brachte den Baum dazu, mich wieder loszulassen und ich konnte eintreten.

Da erst sah ich es, dass die Wesen, die ich, seit ich sie kenne für Arbeitskolleginnen gehalten hatte, niemand anderes waren, als Feen und Elfen, die über uns wachen und die uns beschützen. Außer den Dreien, die ich bis dahin zu kennen glaubte, waren noch neun weitere versammelt. Und dann begann mein Prüfung. Sie wollten meine Lieder hören und meine Geschichten. Ob ich es wohl vermochte, sie zu unterhalten. Ihr könnt euch wohl denken, wie mir zumute war, denn wer bin ich schon, dass ich solches zu leisten im Stande wäre?

Und doch bestand ich die Prüfung. Sie brachten mir Wohlwollen und Vertrauen entgegen und ich verstand, dass das warme Licht, das ich von draußen sehen konnte, nicht von den Lampen herrührte. Ich hätte bei ihnen bleiben können in dieser Nacht, aber ich war zu klein dazu. Ihr helles Lachen jedoch nahm ich mit mir. Es wird bei mir sein, wenn niemand mehr lachen kann. Dann wird ein Licht angehen, tief in mir drin, ein warmes Licht, das nicht von Lampen herrührt. Und dann werde ich leuchten.

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Nicht gelesen

Ich bekam zu Weihnachten eine schöne messinggearbeitete Taschenuhr. Durch einen Druck auf ein Knöpfchen in der Krone öffnet sich der Messingdeckel und gibt den Blick auf das Zifferblatt frei. Das Besondere an dieser Uhr ist nun, dass man auf ihr nichts weiter als die Uhrzeit ablesen kann. Wer den Trick beherrscht, kann vielleicht noch anhand des Sonnenstandes die Himmelsrichtung ermitteln. Mehr hat sie aber nicht drauf. Ich weiß noch nicht so richtig, wo ich sie hin stecken soll. Vielleicht kaufe ich mir ja noch eine Weste für die Uhr. Ich freue mich schon darauf, wenn ich die Uhr einmal meinen Nichten zeige, die dann über das Zifferblatt wischen werden oder mit Daumen und Zeigefinger hineinzoomen wollen.

Mein Verhältnis zu Uhren war schon immer sehr speziell. Ich habe noch keine Antwort auf die Frage, warum mir Uhren so wichtig sind. Ich erinnere mich an eine Szene mit meinem älteren Bruder, dem in den Ferien einmal die Aufsicht über mich übertragen worden war. Ich verlangte die Herausgabe unseres gemeinsamen Zeltes, das ich draußen aufbauen wollte, um den Rest des schönen Sommertages darin zu verbringen. Mein Bruder lehnte meinen Antrag ohne Begründung ab. Ich bekam einen meiner gefürchteten Wutanfälle (zum Glück bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der man kindliche Wutanfälle noch als solche behandelte und ältere Geschwister sich noch nicht genötigt sahen, schwerwiegende weil folgenreiche Diagnosen anzustellen): Ich riss mir meine über alles geliebte Armbanduhr ab, warf sie mit aller Kraft auf den Boden und trampelte darauf herum, bis nichts mehr von ihr übrig war, das Ähnlichkeit mit einer Uhr hatte. Für mich war das schon ein sehr starker Ausdruck meiner aktuellen Gefühle. Was daraufhin in meinem Bruder vorging weiß ich nicht, jedenfalls führte es nicht zur Herausgabe des Zeltes. Es schien so, als verspürte er überhaupt keine Lust, zur Kenntnis zu nehmen, was ich mit meiner großen Geste eigentlich sagen wollte. Er zuckte die Schultern und sah weiter fern.

Kürzlich wurde ich Zeuge, wie sich ein Gerät ähnlich verhielt, das sich am Handgelenk eines Kollegen als Uhr tarnte. Es handelte sich um eine Samsung Galaxy Gear S3, die der Sprache mächtig ist. Auf eine engagierte Ansprache des Kollegen, die gar nicht an die Uhr gerichtet war, antwortete sie ungefragt: „Falls du etwas gesagt hast, habe ich es nicht verstanden“. Ich habe diesen Text sofort als Begrüßungstext für meinen Anrufbeantworter verwendet. Darüber hinaus lasse ich mein Mailprogramm zweimal täglich eine Nachricht an alle Kontakte im Adressbuch verschicken: „Falls Sie etwas geschrieben haben, habe ich es nicht gelesen.“

Ich bin in Sorge

Wenn ich schon nicht jede Woche hinfahre, möchte ich doch wenigstens wöchentlich einmal mit meinem Vater telefonieren. Leider schaffe ich das nicht immer. Ich weiß ja ungefähr, was er so für Termine hat und wenn er nicht zu Hause ist, braucht man auch nicht anzurufen. Manchmal rufe ich auch nicht an, wenn er eigentlich zu Hause sein müsste, denn was mache ich, wenn er dann nicht rangeht? Sorgen mache ich mir dann nämlich. Sorgen, die ich nicht habe, wenn ich nicht anrufe. Dann kann ich mir vorstellen, was ich will, zum Beispiel, dass er gerade Kreuzworträtsel löst und großen Spaß dabei hat. Wenn er nicht rangeht, habe ich sofort Kopfkino, wie er auf dem Weg zum klingenden Telefon den Wischeimer umkippt, in der Pfütze ausgleitet, mit dem Kopf gegen die offene Küchenschublade knallt und bewusstlos mit dem Gesicht nach unten in der Lache liegenbleibt.

Es ist doch ganz tröstlich zu sehen, dass mir das nicht nur alleine so geht. Die Menschen in den höchsten Staatsämtern sind ja auch so eine Art Familie. Donald Trump hat wahrscheinlich schon ein paar Mal versucht, Angela Merkel ans Telefon zu bekommen. Aber sie war im Schwimmbad oder beim Minister ernennen oder sie hatte schon Feierabend. Da Trump ja bekanntlich nicht fernsieht, konnte er das alles nicht wissen und nun macht er sich Sorgen. Damit es wenigstens am Samstag klappt, ließ er es über alle Medien verbreiten. Auch mein Vater wusste es schon, als ich ihn am Freitag Abend anrief. Der Zeitpunkt ist freilich kühn gewählt, denn wie jeder weiß, erledigt Angela Merkel am Samstag ihren Wocheneinkauf. Ich bin noch nicht zum Fernsehen gekommen, aber sicher haben sie schon berichtet, ob es geklappt hat oder nicht.

Apropos Sorgen: Es gibt einen kleinen Ort im Harz, der Sorge heißt. Elend liegt gleich nebenan. Ich war einmal beruflich nach Sorge unterwegs und schrieb in meine Email-Abwesenheits-Notiz: „Ich bin in Sorge.“ Daraufhin bekam ich Anrufe und Emails, was denn los sei?

Nichts weiter. Nächste Woche bin ich wieder da.

Hühner zumachen

Ich hatte so eine geniale Idee davon, was ich zum Abschluss der Woche schreiben will, dass ich aus dem Bett schnellte, wie ein geöltes Handtuch. Nur noch schnell die Schultergymnastik und dann gleich die Idee aufschreiben. Es war wirklich nur ein Wort. Irgendwann stand ich im Bad und konnte im Spiegel sogar noch das Restleuchten der Idee in meinen Augen sehen, aber worum es sich dabei handelte, war dort verschwunden, wo sich die PIN meiner SIM-Karte und sämtliche Internet-Passwörter Gute Nacht sagen. Ich dachte: nur nicht dran denken, dann wird es mir schon wieder einfallen. Da es sich bei den Satzteilen vor und nach dem Doppelpunkt um Antagonismen handelt, konnte daraus nichts werden. Bis zur Stunde, da ich dies schreibe (und das ist spät!), ist die Idee nicht wieder aufgetaucht. Darum muss dieser Text leider an dieser Stelle enden.

Natürlich tut er das nicht. Dieser Text tut genauso wenig, was man ihm sagt, wie die Woche, wenn man sie zum Vorübergehen anhalten will (schon wieder ein Antagonismus) oder das Wochenende, lädt man es zum Verweilen ein. Ebensowenig kommt die Idee wieder zum Vorschein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das tut, wenn ich das Ende dieser Geschichte erreicht haben werde, aber das ist eben leider noch nicht der Fall. Wir haben also noch etwas Zeit miteinander und ich kann ja ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern.

Gestern hatte ich mich ein bisschen in der Terminplanung vergaloppiert. Ich habe Termine an weit entfernten Orten zugesagt, was letztlich dazu führte, dass ich vom ersten Termin aufbrechen musste, bevor wir dort zu einem nennenswerten Ergebnis gekommen waren. Das gleiche passierte beim zweiten Termin, wobei ich meinen Aufbruch von dort hinauszögerte, weil ich hoffte, wenigstens den Anfang vom Abschluss mitzukriegen. Ich fuhr dann so spät los, dass ich beim dritten Termin ankam, als sie gerade fertig waren. Solche Tage mag ich am liebsten. Sie sind leider eher selten. Von dem zweiten Termin ist mir noch ein Schild in Erinnerung, das an der Tür klebte: „Abends nicht vergessen, die Hühner zuzumachen.“ Ich liebe das. Ich habe ähnliche Schilder in der ganzen Wohnung. Ich habe die ganze Zeit des Termins damit verbracht, über dieses Schild nachzudenken. Dann wurde mir klar: Man muss abends die Hühner zumachen, damit die Eier nicht aus ihnen herausfallen. Sie schlafen ja auf diesen Stangen und dann wären am Morgen die Eier alle kaputt.

Kinder, wie die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert. Jetzt sind die Wörter alle und es wird schon bald wieder hell. Aber die Idee ist immer noch nicht wieder da.

Winterschlaf

Es gibt kein Bild, das bei mir mehr Sehnsucht und gleichzeitig Wohlbehagen hervorruft, als das eines winterschlafenden Felltieres. Wie es zusammengerollt auf weichen Matten in seiner gemütlichen und sicheren Höhle liegt. Draußen gibt es absolut nichts mehr zu holen. Wozu also rausgehen? Es muss wunderbar sein, Tage, Wochen und Monate einfach nur dazuliegen. Man muss nichts essen, nichts trinken, man muss nicht aufs Klo. Nur daliegen muss man.

Bislang dachte man ja, Primaten wären weder zum Winterschlaf noch zur Winterruhe fähig. Weit gefehlt. Ich habe schon immer gewusst, dass das nicht stimmen kann. Da haben wir zum Beispiel den Westlichen Fettschwanzmaki. Ein lupenreiner Primat aus der Unterordnung der Feuchtnasenprimaten. Und er hält nicht nur Winterschlaf, er träumt wahrscheinlich auch noch dabei! Sieben Monate Kopfkino in der gemütlichen Baumhöhle. Warum bin ich kein Fettschwanzmaki? Ich bin mir ziemlich sicher, dass das großäugige Tier zu meinen Vorfahren gehört und finde die in mir repräsentierte Entwicklungsstufe nicht unbedingt vorteilhaft. Besonders den Fettschwanz, von dessen Fett der Maki während des Winterschlafes zehrt, finde ich zumindest interessant. Ich erinnere mich an Fernsehserien, in denen die Protagonisten Mützen mit Schwanz aufhatten. Daniel Boone zum Beispiel. Ja, erst jetzt verstehe ich es richtig. Diese Mütze von Daniel Boone war eine Reminiszenz an das ursprüngliche Leben als Fettschwanzmaki. Vielleicht tat er es gar nicht mal bewusst, aber Daniel Boone wollte eigentlich sagen: ,Hätte ich meinen schönen Fettschwanz noch, müsste ich nicht dieses gefährliche Leben als Jäger und Fallensteller führen.‘

Tja. Nun ist es aber einmal so. Evolution führt auch manchmal ins Nichts. Erfolg ist nur vom Ende aus beschreibbar. Die Dinosaurier waren erfolgreich. Der Fettschwanzmaki träumt noch vom Erfolg. Ja, es mag ein kafkaesk anmutender Gedanke sein, aber vielleicht sind wir nur der Traum eines Westlichen Fettschwanzmakis in seiner Baumhöhle. Es könnte ja sein, dass er sich im Herbst mit einem superfetten Schwanz zur Ruhe gelegt hat. Er war vielleicht total angenervt von der elenden Schwanzschlepperei und träumt nun von einem freien Leben ohne Fettschwanz. Womit er freilich fehlgeht, denn ohne Fettschwanz kein Winterschlaf. Ohne Winterschlaf kein Kopfkino. Ohne Kopfkino kein Leben ohne Fettschwanz.

Na ja. Wenn er im Frühjahr aufwacht, ist das ganze Fett aus dem Schwanz ja aufgezehrt. Dann denkt er nicht mehr dran, wie schwer das Leben im Herbst war und freut sich wieder über seinen Schwanz, bis er vor lauter Freude eine feuchte Nase bekommt.

Und jetzt wird geschlafen.

Veröffentlicht: liedersaenger, 2013 – Debakel im Strandkorb

Glaubt mir nicht

Wenn ich will, kann ich sehr überzeugend sein. Ich bringe es ohne viel Mühe fertig, Menschen davon zu überzeugen, dass ich die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit sage. Das funktioniert übrigens nur darum so gut, weil ich das, was ich sage, selbst glaube. Wenn sich dann herausstellt, dass ich mich doch geirrt habe, habe ich kein schlechtes Gewissen. Wer mir glaubt, ist schließlich selbst schuld. Zweifel und Skepsis sind nun nicht nur mir gegenüber angebracht, sondern allgemein für das Überleben unabdingbar. Leider sind diese beiden Grundtugenden nur wenigen von uns gegeben. Wir glauben ja so leicht. Ich hatte mal eine junge Arbeitskollegin, die sich angewöhnt hatte, jeden Satz von mir mit der Bemerkung „…na, ob das so stimmt…“ zu kommentieren. Es hat mich wahnsinnig gemacht, aber sie hatte recht. Sie wird es im Leben noch weit bringen.

Gestern wurde mir ein vortreffliches Chili kredenzt, wobei an meinem Tisch beiläufig aber kritisch die fehlende Schärfe bemängelt wurde. Ohne auch nur eine Sekunde überlegen zu müssen, konnte ich über die etymologischen Wurzeln des Chili dozieren. Ich hielt ein schönes kleines Referat, das in der These gipfelte, „Chili“ hätte eben ganz und gar nichts mit der scharfen Frucht zu tun, sondern sei das spanische Wort für Bohnen. Spanisch ist die Muttersprache der schönen Frau meines Bruders und ich habe sie schon oft aus ihrem Munde gehört. Es klingt wie Musik, wenn sie spanisch spricht, man möchte Triolen klatschen und sich irgendwie dazu bewegen. Damit enden aber auch schon meine Erfahrungen mit dem Spanischen und ich kann nicht sagen, was mich letztlich für meinen philologischen Beitrag qualifizierte. Trotzdem beharrte ich auf meiner Bohnen-These, die ich kurzerhand zum Axiom erhob.

Ich muss sagen, dass die eingangs postulierte Leichtgläubigkeit durch am Esstisch mitgeführte Mobiltelefone erheblich beeinträchtigt wird. Schamlos und als wäre es das Normalste von der Welt, wird sofort losgegoogelt. Dann möchte man sich in einer Hütte in den Hochalpen befinden, wo es kein Netz gibt. Mitten in der Stadt steht man innerhalb von Sekunden als Blödmann da. Die traurige Wahrheit ist nämlich, dass Chili einfach das ist, wonach es sich anhört – nämlich Chili. Eine Schote. Und Bohnen sind als Zutat zum Chili con Carne nicht schlecht, aber vor allem eins: und zwar umstritten. Aber ich habe es ja gleich gesagt: Glaubt mir nicht! Und damit hatte ich eben doch wieder recht.

Das größte Publikum

Axel, mein alter Freund, hat sich eine Zeit lang große Mühe mit der Feier seiner Geburtstage gegeben. Sie fanden meistens in seiner aktuellen Wohnung statt und waren in unserer „Blase“ schon wichtige soziale Ereignisse. Fast immer hatte ich auf diesen Feiern meinen Auftritt und sang irgendwelche Lieder vor. Ich kann mir heute beim besten Willen nicht mehr vorstellen, was ich damals überhaupt gesungen habe. Lagerfeuermucke eben. Das Problem war, dass mein Auftritt immer erst nach Mitternacht kam. Wenn ich vorher trank, war ich zwar schön locker, konnte aber kein einziges Lied zu Ende bringen, weil mir die Texte nicht mehr einfielen. Trank ich nicht, wollte die Zeit bis Mitternacht nicht vergehen, ich konnte vor Aufregung nichts essen – aber ich konnte alles auswendig singen. Leider muss ich damals ein so dermaßen selbstverliebtes Arschloch gewesen sein, dass ich es gar nicht gemerkt habe, wenn sich die Herzen der Zuhörer auf mich richteten und sich für mich öffneten. Naja, und dann gingen die Herzen eben einfach wieder zu. Es zieht ja sonst rein.

Manchmal bekommt man eine zweite Chance. Meine nichtalte (und einzige) Freundin hatte ohne von der vorangegangenen Geschichte zu wissen, die Idee, genau diejenigen wunderbaren Frauen zu sich einzuladen, die damals nicht bei Axels Geburtstagen dabei waren. Ich glaube, zum allerersten Mal in meinem Leben war ich zwei Stunden lang wirklich ganz und gar in der Gegenwart. Neun(!) Freundinnen saßen in einer einsamen Hütte in den Bergen vor mir und hörten mir zwei Stunden lang zu. Zwei Stunden Freundlichkeit, auf mich gerichtetes Interesse und offene Herzen. Ich dachte nicht eine Sekunde daran, wann es vorbei sein wird, versuchte vielmehr staunend und ungläubig die Zeit zu dehnen und darin zu baden. Vielleicht ist das ja auch gar nichts Besonderes, aber ich war glücklich und bin es immer noch.

Die Anzahl der Gäste auf Axels Geburtstagen betrug ein Vielfaches von neun. Sie mussten alle zum Rauchen auf den Balkon, auf dem sie dann zu Sülze zerquetscht wurden. Jedenfalls sah es von drinnen so aus, wenn man die an die Fensterscheiben gepressten Leiber betrachtete. Ich erinnere mich an keine und keinen von ihnen, wie sie mir beim Singen zuhörten, obwohl auch sie zweifellos freundlich zu mir waren und mir ihre Aufmerksamkeit schenkten. Ich hatte mit mir selbst zu tun. Die Neun Freundinnen will ich nicht vergessen. Ich habe ihre Namen auf meinem Kühlschrankkalender eingetragen und vielleicht sehe ich ja die eine oder andere von ihnen irgendwann wieder.

Ach so: es war übrigens das größte Publikum, das jemals Zeuge einer Lesung geworden ist. Punktaus.