Menschlichkeit und Mut

Zum Wochenende erreicht uns im Kleingedruckten eine Gute Nachricht, die hier noch einmal ein bisschen verbreitet werden soll. 13 Realschüler aus Hof haben sich eine Glatze rasiert. Sie taten das aus Solidarität mit einem Mitschüler, der auf Grund einer Chemotherapie seine Haare verloren hat. Ich finde das ganz wunderbar, denn sobald man selbst nicht mehr ganz jung ist, neigt man doch zu der Ansicht, mit der Jugend gehe es nur noch bergab. Sie können nichts, sie wissen nichts und sie wollen nichts wissen. Das glauben Erwachsene seit mehr als 2000 Jahren. Auch die heute jungen Menschen werden das bald glauben. Die Dreizehn aus Hof haben gezeigt, dass das nicht stimmt.

In eine meiner Sing-Gruppen kam ein Junge aus einer Realschule. Wir sangen die gängigen Volkslieder. Der Junge war sehr interessiert, aber er kannte kein einziges davon. Ich fragte ihn, ob in der Schule noch gesungen werde, was er bejahte. Allerdings Lieder von Andreas Bourani und solche Sachen. Als ich fragte, was passieren würde, wenn ich in die Schule käme und „Jetzt fahr’n wir über’n See“ anstimmte, musste er lachen. Vor meinem geistigen Auge vollzog sich der Untergang des Abendlandes. Das saß unsere Zukunft und hatte keine Ahnung von ihrer Vergangenheit, von ihrer Geschichte und von ihrer Kultur. Inzwischen weiß ich wieder, dass ich die Volkslieder auch nicht aus der Schule kenne. Sie sind das Material, dass sich für meine Arbeit mit ganz bestimmten Menschen irgendwann als geeignet herausgestellt hat. Für eine Arbeit mit diesen Schülern wären sie es ganz sicher nicht. Wissen über Geschichte und Kultur zu erwerben, setzt Interesse voraus. Die Schule vermittelt den Stoff ganz bestimmt. Aber nichts von dem, was ich weiß, weiß ich aus der Schule. Wirklich nicht.

In der Schule gibt es kein Fach „Menschlichkeit und Mut“ hat Reinhard Mey mal gesungen. In der Realschule in Hof gibt es das scheinbar doch. Oder sie haben es sich einfach selbst beigebracht. Wenn ein Mensch für einen anderen aufsteht, der bedrängt wird und sich für ihn einsetzt; wenn Menschen einen, dem ein Unglück widerfahren ist in ihre Mitte nehmen und sein Unglück teilen – ist es dann nicht egal, welche Lieder sie singen und ob sie Gedichte aufsagen können? Lieder und Gedichte können sie gut gebrauchen, wenn sie mal alt und einsam sind und die Welt nicht mehr verstehen können. Bis dahin ist noch viel Zeit. Was sie und wir alle heute und morgen brauchen, ist Menschlichkeit und Mut.

Advertisements

Muffen und Flansche

Früher hatte man Handwerker und es wurde viel darüber geklagt, dass es so wenige davon gäbe. Ich kann mich noch erinnern, dass ich vielleicht in den Ferien einmal einen Handwerker zu betreuen hatte. Er tauchte in der Küche unter die Spüle ab, um dort zu handwerken und ich musste ihm das Bier halten. Eine Flasche Bier war ein wichtiges Arbeitsmittel für einen Handwerker. Sie brachten es allerdings niemals selbst mit, sondern es gehörte zu den Dingen, die im Haushalt vorrätig sein mussten. Mir fällt gerade auf, dass ich in all den Jahren meines unbetreuten Einzelwohnens keinen einzigen Handwerker in der Wohnung hatte. Einmal hatte sich einer ungerufen telefonisch angekündigt: Der Lüfter im Bad müsste ausgewechselt werden. Ich blieb einen Tag lang zu Hause. Der Handwerker kam auch, ging aber zum Nachbarn. Ob er dort meinen Lüfter ausgewechselt hat, weiß ich nicht.

Einmal jedoch kam wirklich ein Handwerker. Ich hatte Schwierigkeiten mit meinem Internetfernsehen von der Telekom. Der Mann blieb lange und ich bot ihm kein Bier an. Kaffee auch nicht. Gar nichts bekam er. Dann telefonierte er, bestellte für mich einen neuen Receiver und ging wieder weg. Das neue Gerät kam mit der Post und funktionierte auch nicht. Ich weiß gar nicht mehr, wie die Sache schließlich ausgegangen ist. Heute funktioniert der Receiver zwar wieder, aber es muss trotzdem etwas kaputt sein. Vielleicht tritt irgend ein Gas aus. Ich schlafe nämlich beim Fernsehen immer ein. Jedesmal.

Vielleicht ist es aber auch eine Schutzreaktion vor dem Fernsehprogramm. Wie auch immer, das Sich-vom-Fernsehsessel-ins-Bett-Schleppen wird jedenfalls immer mühsamer. Erst komme ich nicht hoch und wenn ich dann endlich im Bett liege, schlafe ich natürlich nicht mehr ein. Dann habe ich viel Zeit, zum Beispiel über die Handwerker nachzudenken. Sind sie ausgestorben? Kommen sie nur zu mir nicht mehr, weil ich so ungastlich bin? Vielleicht geht auch einfach nicht mehr so viel kaputt? Reinhard Mey hat seinerzeit das goldene Klempner-Handwerk besungen und alles, was ich über das Klempnern weiß, habe ich aus diesem Lied. Nie im Leben habe ich einen Klempner leibhaftig, geschweige denn bei der Arbeit gesehen. Aber ich weiß, dass es Muffen und Flansche gibt. Es gibt sogar Doppelflansche. Die klemmen aber manchmal. Dann braucht man einen Klempner und sollte sicherheitshalber eine Flasche Bier im Haus haben. Ich fahre lieber doch noch mal einkaufen.

Auch untenrum

Ich vergesse immer die Schnürsenkel. Sie müssten erneuert werden, weil sie sich langsam auflösen. Natürlich werde ich sie weiter vergessen, bis ein Schnürsenkel eines Tages reißt, und zwar dann, wenn ich es sehr eilig habe. Vielleicht vergesse ich sie auch immer, weil ich die richtige Länge nicht weiß. Ich habe mir einmal grüne Schnürsenkel gekauft, sicherheitshalber die längsten, die es gab. Ich musste damit eine Doppelschleife binden, damit ich nicht drauftrete. Jetzt habe ich insgesamt vier mal „Schnürsenkel“ geschrieben. Das Wort ist ja durchaus gebräuchlich, aber eben doch seltsam. Ein „Senkel“ ist eigentlich ein Anker, wenn man den einschlägigen Wörterbüchern glauben mag.

Der „Anker“ war eine Speisegaststätte in meiner Heimatstadt. Ich aß dort in meiner Jugend manchmal ein Hamburger Schnitzel. Einmal wurde mir davon so übel, dass ich mich auf der Toilette übergeben musste. Es war leider die Damentoilette, was mir die anwesenden Damen wiederum sehr übel nahmen. Ein anderes Mal hatte ich so viele Schnitzel gegessen, dass ich mich nicht traute, meinen Eltern unter die Augen zu treten. Ich wollte auf der Treppe warten, bis sie sich schlafen gelegt hätten. Mein Vater schleuderte aber die Wäsche. Das war damals eine Veranstaltung, die gut und gerne bis in die frühen Morgenstunden andauern konnte. Solange wollte ich dann doch nicht warten. Ich schlich mich in mein Zimmer, wurde aber aufgespürt und wegen des mißbräuchlichen Schnitzelkonsums sehr gerügt.

Natürlich wurde der „Anker“ daraufhin aus dem Stadtbild entfernt. Heute steht dort ein Schnellrestaurant, das sich auf gegrillte Hacksteaks spezialisiert hat. So ändert sich alles. Nur der Schnürsenkel ändert sich nicht. Er heißt immer weiter so, obwohl schon lange kein Anker mehr von seinen Enden herab baumelt. Er wird wahrscheinlich noch so heißen, wenn es gar keine Schnürschuhe mehr gibt. Er ist ja heute schon ein unverzichtbares Detail in der Damenunterbekleidung. Und zwar sowohl obenrum als auch untenrum.

Selbstversuch

Ich habe es geschafft. Mein Automechaniker drückte mir vorige Woche nach einer Reparatur die Schlüssel in die Hand und bat mich, ihn bei der nächsten Durchsicht daran zu erinnern, die Sache mit auf die Rechnung zu setzen. Gut, es war keine wirkliche Reparatur. Irgendetwas hatte mir während der Fahrt den Kühlergrill herausgeschlagen und ich war einfach nur zu blöd und zu faul, ihn selbst wieder fest zu machen. Ich hatte erwartet, dafür empfindlich zur Kasse gebeten zu werden. Aber wahrscheinlich ist dem Monteur der Grill im Vorbeigehen wieder an Ort und Stelle eingerastet und er wusste nun einfach nicht, was er da berechnen sollte. Am liebsten hätte ich ihm die Schlüssel mit samt Auto ganz da gelassen. Dann hätte die liebe Seele Ruh und ich könnte frank und frei nach Hause gehen. Aber so einfach geht das eben nicht. Ich brauche das Auto. Ich brauche es für die Beschaffung von Hefeweizen. Es muss einfach immer Hefeweizen vorrätig sein und auch anderes Zeug darf nicht alle werden. Wieso eigentlich nicht?

Mein Auto muss immer Benzin im Tank haben. Das steht so im Handbuch. Wenn einmal die Benzinzufuhr unterbrochen wird, geht irgendwas kaputt und das wird dann richtig teuer. Glücklicherweise ist der Mensch nun aber weder auf die unterbrechungsfreie Versorgung mit Hefeweizen angewiesen, noch geht ihm etwas kaputt, wenn die Margarine ausgegangen ist. Im Gegenteil. Wir sind eigentlich so gebaut, dass wir relativ lange Phasen ohne Nahrungsaufnahme überstehen können. Wieso glauben wir, dass uns alles, was wir gern konsumieren jederzeit lückenlos zur Verfügung stehen muss?

Wir glauben eben sehr leicht. Einmal hatte ich keine Kaffeesahne mehr. Ich war verzweifelt. Aber dann machte ich mir doch einen schwarzen Kaffee, kniff die Augen zu und schlürfte das Zeug hinter. Dabei wurde mir bewusst, dass ich mit geschlossenen Augen keinen geschmacklichen Unterschied zu zuvor getrunkenen Kaffees feststellen konnte. Das Zeug schmeckte fürchterlich, aber ganz genauso, wie mit Kaffeesahne. Mir schmeckt Kaffee nun mal einfach nicht! Trotzdem darf er auf keinen Fall ausgehen.

Ich könnte ja mal im Selbstversuch für den Rest der Woche einfach nichts mehr einkaufen. Bitte noch nicht nachmachen, denn das kann passieren: Wenn ich das Auto nicht mehr brauche, um das Hefeweizen heranzukarren, brauche ich es nicht zur Durchsicht bringen. Dann kriegt der Automechaniker kein Geld und macht Pleite. Dann zahlt er keine Steuern mehr und die Bundeswehr kann nicht vergrößert werden. Dann werden wir von der Türkei annektiert und werden alle Muslime, die kein Hefeweizen trinken dürfen. Das wars dann.

In Maßen

Seit gestern ist sie wieder da. Immer bevor sie kommt, wird darüber debattiert, ob sie denn überhaupt sinnvoll ist und ob sie möglicherweise auch ein Gesundheitsrisiko darstellt. Ich habe damit schon lange meinen Frieden gemacht. Noch bevor sie am Horizont der Feuilletons auftaucht, hat sich mein Körper schon auf sie eingestellt. Spätestens Mitte Februar ist es bei mir soweit. Ich lebe noch mit dem Dunklen, aber meine Gedanken sind schon lange ganz woanders. Ich glaube ja, dass dieses Auseinanderfallen von Leben und Denken viel ungesünder ist, als ein regelmäßiger Wechsel. Und so begrüße ich sie freudig: die Zeit des hellen Hefeweizens. Es scheint wieder eine großartige Saison zu werden. Es heißt ja: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bringt es keine Frucht.“ Korn habe ich nun nicht, und zum in die Erde gießen war mir das Weizen auch zu schade; aber die Frucht zeigt sich jetzt und genau hier in voller Blüte.

Vielleicht noch ein paar Worte zu den Auswirkungen auf die Gesundheit. Ich würde dazu raten, sich nicht von EU-Entscheidungen abhängig zu machen. Es ist doch schön, wenn jetzt wieder europaweit helles Hefeweizen vorgehalten werden muss, aber das sollte keinen allzu großen Einfluss auf den Privathaushalt haben. Wer beim dunklen bleiben will, soll das um Himmelswillen tun! Das ist genauso, wie mit den Winterreifen. Lasst sie doch drauf, wenn ihr wollt. Mancher mag es auch lästig finden, die Garderobe zu wechseln und trägt jetzt die Wintersachen einfach durch. Ist doch in Ordnung! Alles gut! EU und Brüssel in allen Ehren – aber Europa ist doch auch Friedrich der Große und das Gesetz der größtmöglichen Toleranz: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.

Ich kann nur für mich sagen, dass ich seit gestern wieder das helle bevorzuge. Wie flüssiger Bernstein funkelt es im Glas und verspricht einem das Himmelreich, wenn es ordentlich gekühlt durch die Kehle rinnt. Was die Gesundheit angeht, kann ich mir nicht denken, dass es einen anderen Effekt hat, als das dunkle: In Maßen genossen ist es dem Wohlbefinden eher förderlich. Und wenn man nun mal keinen Maßkrug hat, weil wir ja hier nicht in Bayern sind – na, dann tun es eben auch mal zwei Halb-Liter Gläser. Prost!

Soll nicht so bleiben

Die Buchstaben sind alle. Einige wenige sind noch da, aber sie reichen auf keinen Fall mehr für das ganze Jahr. Ich muss mich also ein bisschen zusammenreißen. Entweder schreibe ich kürzere Texte oder ich schreibe weniger Texte oder ich schreibe irgendwann gar nicht mehr. Kürzere Texte schreiben scheidet als Möglichkeit aus, denn dann werde ich nie erfahren, worauf ich eigentlich hinaus wollte. Bis hierher weiß ich es noch nicht. Gar nicht schreiben ist natürlich auch keine Option. Also bleibt das „Weniger“ als die goldene Mitte. Wie kam es überhaupt zu diesem plötzlichen Buchstabenmangel? Damit das klar ist: Es hat nichts mit mir zu tun. Ich kann nichts dafür. Meine paar Buchstaben in der Woche tun nun wirklich nichts zur Sache. Nein, es ist einfach über Jahrzehnte hinweg Raubbau an der Ressource Buchstabe geübt worden. So siehts aus. Jahrhundertelang hatte der Buchstabe sein Auskommen in antiken Schreibwerkstätten oder mittelalterlichen Kloster-Scriptorien. Mit der Erfindung des Buchdrucks war es damit vorbei. Aber auch der Buchdruck hätte dem Buchstaben nie und nimmer gefährlich werden können.

Der Anfang vom Ende war die Erfindung der Schreibmaschine. So muss man es wohl sagen. Mit der Schreibmaschine war der Buchstabe schließlich haushalts- und alltagstauglich geworden. Mit der Erfindung der mechanischen Schreibmaschine setzte eine Entwicklung ein, die zur allumfassenden Verbuchstabung des Alltags geführt hat. Anfangs waren Menschen, die Briefe mit der Schreibmaschine schrieben, eine belächelte Minderheit. Die derzeitige Station dieser Entwicklung ist das Mobiltelefon, mit dem niemand mehr telefoniert. Das Telefon ist ein Fernschreiber geworden – ein Telegraf. Mein Urgroßvater war in seinem Dorf Gemeindediener und hatte eine Handglocke. Damit lief er die Dorfstraße entlang, läutete die Glocke und rief „Bekanntmachuuuuuung“. Dann las er eine Bekanntmachung vor. In den Kirchen gibt es noch den schönen Brauch der „Abkündigungen“, bei denen wichtige Nachrichten vorgelesen werden. Im Gebrauch des Fernsehers und des Radioempfängers muss man sich inzwischen gut auskennen, um die wichtigen Nachrichten herauszufinden.

Es wäre tatsächlich gar nicht so schlecht, wenn die Buchstaben jetzt bald irgendwann alle wären. Dann müssten wir nämlich wieder mehr miteinander und zueinander sprechen. Außerdem gibt es sehr viele Menschen, die mit Buchstaben ohnehin wenig oder gar nichts anfangen können. Die haben bis jetzt in unserer Gesellschaft nicht viel zu sagen. Das soll nicht so bleiben. Und das muss es ja auch nicht.

Mit Absicht

Wann haben wir eigentlich mit der Zählerei angefangen? Die Anzahl der Frauen; die Zahl der Kinder; die Zahl der Tiere in einer Herde; die Bäume im Wald, die Sterne am Himmel, der Sand am Meer. Alles wird gezählt. Als ich noch ins Kinderferienlager fuhr, zählte ich täglich mein Taschengeld. Die Tage zählte ich nur im Zusammenhang mit dem verbleibenden Geldbetrag. Ich verzog mich an den einzigen Ort, an dem ich allein sein konnte. Das war die Klokabine. Dort zählte ich. Es dauerte nie lange. Was hat es mir gebracht? Ein Gefühl der Sicherheit. Geld zählen gibt Sicherheit. Ein schönes Gefühl.

Inzwischen wird uns gemeldet, dass es schon vor 50.000 Jahren Menschen gab, die gezählt haben. Erst nur bis zwei, weil ihnen aufgefallen war, dass manche Körperteile zweimal vorkommen. Na ja und dann gab es kein Halten mehr. Auf einmal fand einer heraus, dass es an den zwei Händen jeweils fünf Finger gibt. Gleich wurde Händevoll und in Zehnerschritten gezählt. Wahrscheinlich mussten in der Frühzeit des Zählens alle Stammesmitglieder jeden Morgen zum Durchzählen antreten. Wenn sich Paare näher kamen und nicht wussten, was sie miteinander machen sollten, zählten sie gegenseitig ihre Zähne. Leider fingen sie dann auch an zu zählen, wie viele Zähne sie sich gegenseitig ausschlugen und so kam das unselige „Zahn um Zahn“ in die Welt und damit das Prinzip der Vergeltung.

Vielleicht würden wir noch im Paradies leben, wenn wir nicht angefangen hätten zu zählen. Wir zählen sogar unsere Schritte. Es soll zwar noch einige Menschen geben, die keine Ahnung haben, wieviele Schritte sie an einem Tag gelaufen sind, aber diese Menschen werden auch gezählt. Und es werden immer weniger. Es kann nicht mehr lange dauern, da werden uns unsere Krankenkassen zwingen, unsere Schritte zu zählen. Schafft man sein Schrittziel nicht, zahlt man eine Strafprämie oder man wird im Social-Ranking runtergestuft, was noch viel schlimmer sein kann.

Nicht zuletzt zählen wir unsere Lebensjahre. Es beginnt mit einer Kerze und dann geht es immer weiter. Der Kerzenbrauch schläft irgendwann ein und lebt erst wieder auf, wenn man in der Seniorenresidenz 100 Kerzen auspusten soll und der Bürgermeister helfen muss. Wir haben über Graf Zahl aus der Sesamstraße gelacht. Aber wir lachen nun mal am lautesten, wenn wir uns ertappt fühlen. Ab heute ist Schluss. Ich zähle nicht mehr mit. Ich vergesse auf der Stelle die Anzahl meiner Lebensjahre. Um ein Zeichen zu setzen, habe ich schon mal die Seitenzahlen in meinem neuen Buch weggelassen. Natürlich mit Absicht.