Das Beste

Schreiben ist eigentlich gar nicht so schwer. Es geht sogar ganz leicht. Was dagegen schwer ist, ist nicht zu schreiben. Leider verbringe ich mit dieser (Un-)Tätigkeit die meiste Zeit. Das eigentliche Schreiben geht dann ratz-fatz und dauert nur noch ein paar Minuten. Davor sitzt man aber stundenlang da und leidet. Es ist ja nicht etwa so, dass man sich in dieser Zeit ausdenkt, was man gleich schreiben will. Man denkt einfach nur sehr lange immer dasselbe: Dass einem nichts einfällt. Man könnte das abkürzen und gleich schreiben, dass einem heute nichts einfällt. Oder einfach nichts schreiben. Aber das tut man nicht. Man bleibt sitzen und wird immer wütender und immer verzweifelter.

Die Verzweiflung kommt immer dann, wenn ich vergesse, dass es das Schreiben ist, dass am Ende den Text hervorbringt. Es ist nicht das Denken. Beim Denken entsteht gar nichts. Denken führt zu Verzweiflung. Beim Schreiben entsteht ein Text. Genauso ist es beim Sprechen. Es ist eine furchtbare Quälerei, Leuten zuzuhören, die sich überlegen, was sie sagen wollen. Lebendig wird die Sprache erst, wenn sie unbedacht aus einem herausfließt. Zum Glück tut sie dass nicht unaufhörlich und endlos. Mal fließt es und dann eben wieder nicht. Dann kann man mal schweigen, zuhören oder lesen. Die anderen haben nämlich auch was zu sagen.

Je älter ich werde, desto öfter denke ich, ich brauche das nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen. Ich habe das alles schon mal gehört und auch schon längst gelesen. Wenn ich mich dann aber doch entscheide zuzuhören, verstehe ich auf einmal wieder, warum das so wichtig ist: Ich (der ich heute und jetzt bin) habe das noch nie gehört. Je näher man einem Menschen steht, desto schwerer wird es, immer die gleichen Geschichten zu hören. Und doch sollten wir zuhören, denn es kann sein, dass sie ihre Bedeutung erst an einem ganz bestimmten Punkt unseres Lebens entfalten. Wenn wir dann nicht mehr zuhören können, verpassen wir womöglich das Beste.

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Was ist mit Tee?

Ein Gourmet ist ein Feinschmecker. Mit der Fähigkeit des Feinschmeckens verhält es sich nun genauso, wie mit der des Rückwärtslaufens: sie ist völlig nutzlos. Die Feinschmeckerei verschafft dem Feinschmeckenden keinerlei Vorteil, es sei denn, man rechnet das Erleben von Genuss zu den Vorteilen. Als Genussunfähiger kann ich aus der Beobachtung Genießender allerdings nur gegenteilige Schlüsse ziehen. Genuss scheint doch eher etwas mit Leiden als mit Vorteil und Gewinn zu tun zu haben. Genießende verziehen ihr Gesicht so wie Schmerzempfindende und machen ähnlich wimmernde Geräusche. Genuss kann gar kein Vorteil sein, denn zu seinen hervorstechendsten Wesensmerkmalen zählt ja seine Flüchtigkeit. Das bedeutet nichts anderes, als dass die ganze Lust nur einen Augenblick währt und sich alsbald um so heftiger wieder Sehnsucht, Verlangen und Begehren einstellen. Wenn man nicht total auf Zack ist, kann man sogar den kurzen Lustmoment vollständig verpassen. Mir ist das mal in der Adventszeit mit Dominosteinen passiert: mich verlangte unbändig nach ihnen, ich kaufte mir welche – und fand schließlich die leere Packung im Müll, ohne Erinnerung daran, dass ich sie genossen hatte.

Ein alter Freund, der seinen Namen ganz bestimmt nicht in der Zeitung lesen will, hat auch dieses Gourmet-Ding. Hin und wieder ergibt es sich, dass wir zusammen eine Mahlzeit einnehmen oder er erzählt von einer solchen Gelegenheit. Er eröffnet dann immer mit dem Hinweis, er könne zum Essen kein Bier trinken. Ich reagiere dann immer etwas unbeholfen. Da wir bald wieder eine Zusammenkunft haben, will ich mich etwas vorbereiten und eine Liste mit möglichen Antworten machen, damit ich nicht immer so rum stottere. Also:

Ich kann zum Essen kein Bier trinken

  • Ich auch nicht.
  • Es ist wie Fahrrad fahren: Ich konnte das auch nicht auf Anhieb. Durch tägliches Üben habe ich es aber geschafft.
  • Ich auch nicht. Darum trinke ich vor und nach dem Essen größere Mengen und esse dann nur wenig und sehr schnell.
  • Ich kann beim Bier trinken nichts essen.
  • Essen wird überbewertet.
  • Ich kann beim laufen nicht telefonieren.
  • Nobody is perfect.
  • Trink Wasser wie das liebe Vieh und denk, es wär Krambambuli.
  • Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
  • Und was ist mit Tee?

Einmal benutzen

Ich bin in Kauflaune. Ich bin sogar geradezu im Kaufrausch. Ständig will ich etwas kaufen. Es begann am vergangenen Samstag mit diesem völlig überteuerten Stift. Er ist von der Firma, die für überteuerte Produkte bekannt ist, aber für Stifte nicht. Sie können gar keine Stifte bauen. Niemand aus dieser Firma hat seit seiner Schulzeit noch mal einen Stift in der Hand gehabt. Also haben sie etwas gebaut, das sie zwar Stift nennen, mit dem man aber gar nicht schreiben kann. Es hat keine Miene oder Tinte oder irgendetwas zum Schreiben. Jedenfalls funktioniert es nicht auf Papier. Man könnte damit allenfalls etwas in frischen Ton einritzen, aber dafür ist der Griffel auch nicht gedacht. Man muss auf der gläsernen Oberfläche des Tablets so tun, als ob man schreibt und es funktioniert natürlich nur auf dem völlig überteuerten Tablet der Firma. Außerdem ist der Stift so lang, dass er in keine Federtasche passt. Man muss extra eine für eben diesen Stift kaufen.

Und so geht es weiter. Es gibt so viele schöne Sachen. Meine Autowerkstatt hat meinen labilen Zustand sofort erkannt und mir für die neue Saison nigel-nagelneue Räder verkauft. Sieht doch gleich viel schöner aus und der Frühling kann kommen. („Zahlst mit Karte, wa?“) Gerade jetzt kann ich kaum mehr an mich halten, mir eine vollständige Tonübertragungsanlage zuzulegen. Ich könnte alles bequem im Internet bestellen und dann größere Säle damit beschallen. Dabei habe ich noch gar keine Herbsttournee geplant. Aber egal. Was man hat, hat man schon mal.

Leider ist es nun nicht nur so, dass sämtliche Stellflächen in meiner Wohnung und auch in der Garage bereits belegt sind. Hinzu kommt, dass alles, was einmal schön und neu war ganz schnell alt wird und verstaubt. Hier Staub, da Staub, überall Staub. Alles voller Staub. Ungerührt und respektlos lässt er sich auf meine schönen Sachen nieder. Und während ich meine Gitarrenverstärker-Box abstaube, denke ich, dass ich sie erst mal entsorgen müsste, bevor ich eine neue bestelle. Oder wie wäre es, sie wenigstens einmal zu benutzen? Und damit landen wir wieder beim größten Elend der schönen glitzernden Warenwelt: Ich kann all die wunderbaren Sachen überhaupt nicht gebrauchen. Ich habe keine weitere Verwendung dafür, als sie hinzustellen und immer wieder abzustauben. Das ist doch ein Jammer! Oder?

Wie Katzen und Menschen

Missverständnisse, nichts als Missverständnisse. Warum? Weil Verstehen nun mal sehr schwer ist. Es ist eigentlich ganz unmöglich. Wie soll man jemanden verstehen, der nicht man selbst ist? Kann man sich denn überhaupt selbst verstehen? Die Katzen von Tante Hannelore schauen mich sehr verständnisvoll an, wenn ich zu ihnen spreche. Was verstehen sie? Wahrscheinlich wundern sie sich darüber, wie man so unablässig und pausenlos Geräusche produzieren kann, wie wir das machen, wenn wir sprechen. Die Katze steht vor der Terrassentür und macht „minkh“ . Das muss reichen. Zwischen Menschen und Katzen gibt es keine Missverständnisse.

Zwischen Menschen und Menschen dagegen schon. Ein Mensch sagt „A“ und ein anderer versteht „B“. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass das der Normalfall aller Kommunikation ist. Verständigung ist eine Illusion. Genau das macht die Sprache aber erst interessant. Eine Sprache, die keine Missverständnisse zulässt, ist nicht schön. Bei Zugmeldungen im Bahnverkehr darf es keine Missverständnisse geben. „Zug 44 3 27 A-Stadt voraussichtlich ab 15“ ist zwar ein in dieser Hinsicht sicherer Satz. Er ließe sich jedoch nur schwer singen. Er kann einen auch kaum wütend oder traurig machen. Man kann ihn nicht mal falsch verstehen. Man kann ihn nur nachplappern oder widersprechen. „Nein. Warten“ hieß das Zauberwort. Wer es ausgesprochen hatte, hatte nun alle Zeit der Welt. Man hätte einfach auflegen und in aller Ruhe ein Buch schreiben können. Ein Zug würde nicht kommen. Leider habe ich diesen magischen Satz in meiner aktiven Bahndienstzeit nie gesagt.

In der Mathematik gibt es auch keine Missverständnisse. Leider verstehen die wenigsten Menschen etwas davon, aber Computer und Roboter verwenden sie mühelos. Daher dürften Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Robotern ausgeschlossen sein. Es wird erst schwierig, wenn der Mensch ins Spiel kommt. In der Zeitung stand, dass Mensch und Roboter bald Kollegen sein werden. Man muss keine Angst davor haben, dass Menschen dann bald keine Arbeit mehr haben. Es wird nämlich einen neue Berufsgruppe notwendig werden, so etwas wie Roboter-Mensch-Mediatoren. Wahrscheinlich wird die neue Arbeitswelt nur noch mit zeitaufwändigen Supervisions- und Mediationssitzungen zu bewältigen sein, in denen die Menschen ihre Kommunikationserfahrungen mit den Robotern verarbeiten müssen. Während dieser Zeit müssen dann die Roboter alleine weiter arbeiten und irgendwann machen die einen nur noch Yoga und malen, während die anderen die Industrie wuppen. Das ist dann wahrscheinlich am Besten für alle und Menschen und Roboter verhalten sich dann zueinander wie heute Katzen und Menschen. Minkh.

von Ruth Herzberg:

Ich war nach München zu einem Auftritt eingeladen und nach großen Zweifeln, langen Telefonaten mit meiner Schwester, durchweinten Nächten und Extrasitzungen bei meinem Psychiater, fuhr ich dann doch hin, obwohl ich das auf keinen Fall wollte. Jedesmal in München graut es mich vor mir, weil mir das „Grüß Gott“ so leicht über die Lippen kommt.…

über Woher ich meine Inspiration nehme — frauruth

Kappe und Flügel

Ich habe inzwischen drei Computer, die ich an den Wochenenden nacheinander in Betrieb nehme. Dann aktualisieren sie vollautomatisch ihre Software. Ich brauche nichts zu machen. Ich kann aber auch nichts machen. Während die Computer aktualisieren, neu starten und weiter aktualisieren und wieder neu starten, sind sie zu nichts Anderem zu gebrauchen. Nicht mal zum Musikhören. Sie brauchen zum Aktualisieren den ganzen Tag. Um noch irgendetwas machen zu können, wozu man einen Computer benötigt, habe ich mir ein Tablet zugelegt. Das aktualisiert auch ohne Unterlass, ist aber etwas schneller fertig. So hoffe ich, zwischen zwei Aktualisierungen schnell diesen Text absetzen zu können.

Ja, die Welt verändert sich rasant. Bald werden auch Waschmaschinen und Kühlschränke mit dem Internet verbunden sein und sich permanent aktualisieren wollen. Wenn man dann Wäsche waschen will geht es nicht, weil erst ein neues Betriebssystem geladen werden muss. Vielleicht ist auch ein Virus im Kühlschrank und bevor weiter gekühlt werden kann, muss erst das gesamte System desinfiziert werden. Das kann eine Weile dauern. Bitte haben Sie Geduld. Ich werde es vielleicht noch erleben, dass die ICap auf den Markt kommt. Das ist eine Kappe, die Gedanken auslesen kann und in Texte verwandelt. Für die ersten Versionen wird man sich vielleicht den Schädel rasieren müssen, damit der Kontakt mit der Kopfhaut gewährleistet ist. Die Kappen gibt es dann auch als Perücken.

Dann beginnt eine Zeit, in der wir zum Schreiben nicht mehr die Hände benutzen müssen. Das kann einen Entwicklungssprung bedeuten, genau wie damals, als die Hände nicht mehr zur Fortbewegung gebraucht wurden. Nur mit den freien Händen bekam man die Gedanken überhaupt erst aus dem Kopf heraus. Dafür gibt es dann die Kappe. Kann man verhindern, dass Gedanken in den Kopf hinein gelangen? Kann jemand die Kappe umpolen und Menschen fernsteuern? Sehr wahrscheinlich. Dagegen gibt es dann eine Anti-Virus-Software, die sich ständig aktualisieren muss. So werden wir an den Wochenenden in abgeschirmten Räumen herumsitzen und aktualisieren, neu starten, hoch- und runterfahren. Genau, wie ich das heute schon mache. Es gibt vielleicht nur einen Unterschied: Heute muss ich noch mit den Händen schreiben. Wenn die Hände wieder frei werden, was werden wir mit ihnen machen? Nun, vielleicht bekommen wir Flügel.