So ist das Leben

Demografie-Experten zufolge haben bis heute insgesamt 108 Milliarden Menschen auf dieser Erde gelebt. Gehen wir davon aus, dass davon zurzeit sieben Milliarden am Leben sind, verbleiben 101 Milliarden Tote. Wenn die alle zugleich auferstehen, muss man gucken. Aber wir schaffen das. Es wird ja auch nicht in unmittelbarer Zukunft damit gerechnet. Auferstehung ja – aber noch nicht jetzt. Das war vor 500 Jahren noch anders. Der junge Martin Luther war noch felsenfest davon überzeugt, das Jüngste Gericht käme zu seinen Lebzeiten. Das hat jedenfalls der Professor Lesch im Fernsehen gesagt. Darum hatte der Mönch solche Angst, denn nach allem was er sich ausrechnen konnte, war er ein Sünder und musste ins Fegefeuer. Da Luther sein Neues Testament gut kannte, wusste er, dass nur 144.000 davor gerettet werden können (Offenbarung 14,1;3). Damals waren es zwar noch nicht so viele Tote, aber ein paar Millionen werden es schon gewesen sein.

Wenn man sich diese Zahlen anschaut, könnte man zu dem Schluss kommen, das Leben sei die größte Naturkatastrophe aller Zeiten. Nirgendwo wird soviel gestorben, wie am Ende des Lebens. Schrecklich! Das Leben muss einen Warnhinweis bekommen, wie eine Zigarettenschachtel. Man kann die gleichen Bilder verwenden und einfach noch die von Autounfällen, Kriegsgreuel und Terroropfern dazu nehmen: So ist das Leben. Überlegt’s Euch.

Das ist natürlich Quatsch, denn man hat ja keine Wahl. Als ich gemerkt habe, dass ich lebe, war ich ja schon mitten drin. Ich habe es nun einmal und es wäre doch töricht, es wegzuwerfen. Es muss sich doch irgendetwas damit anfangen lassen. Und ich glaube wirklich, dass sein Leben für einen anderen Menschen hinzugeben das Beste ist, was man damit machen kann. Das heißt nicht, dass man für einen anderen sterben soll, aber sein Leben in einer Gemeinschaft aufzubrauchen, das scheint doch noch am meisten glücklich und zufrieden zu machen. Das fällt mir ein, wenn ich mich über meine Nachbarn ärgere, weil sie so umständlich und langsam sind und minutenlang im Treppenhaus herumlungern. Aber auf einmal stehe ich auf der anderen Seite der Tür und sehe mich selbst durch den Spion starren. Vor lauter Ärger sehe ich gar nicht, dass da zwei Menschen schon ein halbes Leben zusammen sind, sich ganz selbstverständlich helfen, dass sie nie laut werden und für einander da sind. Und nicht zuletzt: Dass sie ihre Nachbarn einfach in Ruhe lassen. Es ist Zeit, aufzustehen. Frohe Ostern.

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Autor: Ulf Gladis

Ulf Gladis, Jahrgang 1967, kommt aus Hennigsdorf bei Berlin. Unter dem Pseudonym liedersaenger veröffentlichte er bei CreateSpace Independent Publishing Platform "Alles gelogen", "Wittgensteins Leiter", "Tamagotchi", "Entropie und Wollmaus", "Schwarze Banane" und "Debakel im Strandkorb". Aktuelle Nachrichten erscheinen auf www.liedersaenger.de

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