Der richtige Zeitpunkt

Nach der Lektüre meines Balkon-Alkoven-Artikels könnte der Eindruck entstanden sein, ich würde jetzt in wilde Hektik und blinden Aktionismus verfallen. Das will ich hiermit noch einmal richtig stellen: Dem ist nicht so. Sicher gibt es viel zu tun. Es ist aber immer besser, erst mal ruhig abzuwarten. Vielleicht gibt es ja noch mehr zu tun. Möglicherweise gibt es bald so viel zu tun, dass man es sowieso nicht schaffen kann. Dann ist es besser, gar nicht erst anzufangen. Nichts ist schlimmer, als angefangene Arbeit, die einfach nicht fertig wird. Das naheliegende Beispiel ist natürlich der Flughafen. Damit hätte man nicht anfangen sollen. Genauso verhält es sich mit den Autobahnen. Wenn man hinten fertig ist, kann man vorne wieder anfangen. Das sind alles nur Zeit- und Geldvernichter. Aktionistischer Schwachsinn.

Immer, wenn eine Aufgabe an mich herangetragen wird, setze ich mich erst einmal hin. Nicht, um darüber nachzudenken, sondern um abzuwarten. Manche Aufgaben erledigen sich dann von selbst, andere durch Zeitablauf und wieder andere werden von anderen erledigt. Aufgaben sofort in Angriff zu nehmen, ist das Falscheste, was man tun kann. Natürlich ist es nicht gleichgültig, wie lange man abwartet. Wird man zu früh aktiv, kann sich die Aufgabe nicht richtig entwickeln. Zu spät ist aber auch nicht gut. Was passieren kann, wenn man zulange abwartet, soll folgendes Beispiel verdeutlichen: An einer Kreuzung von vier Straßen kommen gleichzeitig zwei PKW und zwei Motorräder an. Es gilt rechts vor links. Wer darf fahren? Natürlich muss man erst mal abwarten. Die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verkehrsunfall steigt nun direkt proportional mit der Abwartezeit. Wenn man den richtigen Zeitpunkt verpasst, fahren alle gleichzeitig mit quietschenden Reifen los und krachen ineinander. Den richtigen Zeitpunkt zu finden ist eine hohe Kunst.

Immer einfach gar nichts zu machen, heißt nicht „abwarten“ sondern „aussitzen“. Das ist auch eine Kunst, enthebt einen aber gewissermaßen seiner Gestaltungsmöglichkeiten. Wer Letzteres für eine Illusion hält, ist mit aussitzen gut beraten. Ich möchte aber doch lieber gestalten und begnüge mich darum mit abwarten. Da wäre zum Beispiel noch die Frage, was das für ein Baum ist, der da auf meinem Balkon wächst und welche Früchte er tragen wird. Es wäre verkehrt, gleich zu antworten. Man muss den Dingen schon erlauben sich zu entwickeln, damit man etwas über ihr wahres Wesen erfährt. Und dann werden wir ja sehen.

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Schritte

Ich war schon lange nicht mehr auf dem Balkon. Das sieht man auch. Ich habe noch zwei Blumenkästen vom vorvorletzten Sommer auf der Brüstung stehen. Um deren Bepflanzung muss ich mich jetzt nicht mehr kümmern. Den einen ziert Löwenzahn (wahrscheinlich). Im anderen schießt ein langes einstieliges Gewächs mit weißen Blüten in die Höhe, das jetzt schon an die dreißig Zentimeter erreicht haben dürfte. Ich kann es leider nicht nachmessen, weil ich den Balkon aus einem mir unbekannten Grund zur Zeit nicht betrete. Dabei habe ich viel mit ihm vor. Ich will mir Pflanzgefäße für den Boden besorgen und dann alles einpflanzen, was ich so zu fassen kriege. Ich möchte, dass der Balkon in ein paar Jahren völlig überwuchert ist. Man soll denken, man wäre im Urwald wenn man die Balkontür aufmacht. Das wird auch funktionieren. Ich muss nur anfangen. Heute wird es nichts mehr.

Auch gestern ist es schon nichts geworden und morgen wird es auch nichts werden. Übermorgen kann ich nichts kaufen, weil Sonntag ist. Dieser blöde Sonntag! Immerhin habe ich aber schon etwas in meiner Wohnung aufgeräumt. Das Schrankbett in meiner Kammer war total zugestellt. Ich fand das schade, denn so ein Schrankbett (oder Klappbett) macht ja nur Sinn, wenn man es auch einfach so aufklappen kann. Das ging lange Zeit nicht. Jetzt geht es wieder. Ich musste dazu eigentlich nur verschiedene leere Pappkartons aus der Zeit Ludwigs des XIV entsorgen. Seit den Tagen des Sonnenkönigs stehen sie in meiner Kammer vor dem Schrankbett. Jetzt war einfach mal Schluss. Ohne Bedauern habe ich sie platt gemacht und in den Papiercontainer gesteckt. Ich kann nun einen Schlafgast beherbergen.

Ich hatte erst Bedenken, Schlafgästen dieses Klappbett in einer fensterlosen Kammer anzubieten. Diese Bedenken habe ich nicht mehr. Gäste schlafen ab sofort im Alkoven. Alkoven waren in der Tat richtige Schrankbetten – eingebaut in einen Schrank in der Wand. Allerdings gab es zum Ende des 19. Jahrhunderts Probleme mit der Hygiene. Sie haben das Stroh nicht gewechselt und außerdem lagerten unter dem Alkoven meistens Lebensmittel. Diese Probleme habe ich nicht. Mein Alkoven ist sauber und absolut hygienisch.

Falls ein Gast meinen Alkoven doch einmal nicht zu schätzen weiß, gibt es natürlich auch noch andere Schlafplätze. Mit dem Balkon bin ich dadurch allerdings noch nicht weiter gekommen. Er ist immer noch kahl und ein bisschen unansehnlich. Aber einen Gedanken aufzuschreiben, ist der erste Schritt auf seinem Weg in die Wirklichkeit. Danach kommt der zweite Schritt. Und dann der dritte.

Stasi-Trick

Also beim Lila-Bäcker werden sie jetzt aggressiv. „Ich hätte gern diese…“ „Kornstange?“. „Ja bitte“. Dann: „Haben sie eine Kundenkarte?“ „Nein.“ Warum nicht?“ Ich wurde rot. Warum hatte ich denn keine Kundenkarte? Hatte ich sie zu Hause vergessen? Nein, besser verloren. „Ich habe meine Kundenkarte verloren.“ Gesicht verzieht sich. Und dann anfangen, zu weinen. Nicht mehr sprechen können. Hysterisches Schluchzen, minutenlang. Was hätte die strenge Verkäuferin da wohl gemacht? Ich habe nicht gefragt, aber was soll ich denn mit einer Kundenkarte? Ich war zum ersten Mal in meinem Leben bei einem Lila-Bäcker. Und zum letzten Mal. Jedenfalls bei diesem. Ich wollte mir ein Brötchen kaufen. Ein Brötchen kaufe ich vielleicht einmal im Monat. Wenn ich dafür erst einen Antrag ausfüllen muss, verzichte ich lieber auf das Brötchen.

Angeblich kann man beim Einkaufen mit einer Kundenkarte Geld sparen. Das ist ein schöner Trick, auf den ich bisher noch nicht hereingefallen bin. Geld sparen kann man nämlich nur, wenn man gar nicht einkauft. Es ist völlig gleichgültig, ob ein Brötchen dreißig Cent kostet oder nur fünfundzwanzig. Ich besitze ein großes Marmeladeglas voller Centstücke, mit denen ich alle Brötchen bezahlen könnte, die ich noch bis an mein Lebensende kaufen werde. Bei jedem Einkauf bekomme ich solche Centstücke, die ich einfach nicht wieder los werde. In diesem immer größer werdenden Kupferklumpen ist mein gesamtes Vermögen gebunden und ich weiß einfach nicht, wie ich es liquidieren könnte, ohne dabei blödsinnig zu werden oder ein Sparkassenkonto zu eröffnen. Die Sparkasse hat Automaten, in die man das Klumpengeld hineinschmeißen kann. Dann wird es dem Konto gutgeschrieben. Leider nicht meinem, denn das macht die Sparkasse nur für ihre Kunden. Die Kundenkarte haben die schon viel länger und irgendwie scheint mir das Sparkassenkonzept lebensnaher als das vom Lila-Bäcker.

Der Normalfall sind solche Automaten nicht. Aus normalen Geldautomaten kommen Geldscheine heraus. Der erste Geldautomat wurde vor 50 Jahren in Großbritannien aufgestellt. Die Kreissparkasse Tübingen zog knapp ein Jahr später nach. Ich glaube, die DDR-Sparkasse in Ost-Berlin hatte Ende der 1980er Jahre auch schon Geldautomaten. Dafür brauchte man eine spezielle Geldkarte. Es wäre doch ein schöner Sciencefiction-Stoff gewesen, wie es einem Hacker gelungen ist, die Dinger so umzuprogrammieren, dass sie Westgeld ausspuckten. Es gab ja auch bestimmte Telefonzellen in Berlin, in die man nur zwanzig Pfennige einwerfen musste und dann stundenlang nach West-Berlin telefonieren konnte. Davor gab es immer lange Schlangen. Aber die Zellen waren bestimmt ein Stasi-Trick. So, wie die Kundenkarte vom Lila-Bäcker.

Inhalt, Inhalt, Inhalt

Ich hatte mich hingesetzt, um schnell noch einen Text zu schreiben. Da war es noch hell. Schon nach kurzer Zeit musste ich mir eingestehen, dass ich überhaupt nicht schreiben kann. Ich schaute mich statt dessen ein bisschen im Internet um. Vielleicht komme ich ja auf Ideen. Diese Schulz-Sache ist aber einfach kein Thema für mich. Oder doch? Er bezichtigt Angela Merkel eines Anschlags auf die Demokratie, weil sie nicht sagt, welche Inhalte ihre Politik haben wird. Aber gerade das finden die Wähler doch offenbar gut. Wenn es anders sein sollte, werden sie doch SPD wählen. Ich glaube aber nicht, dass das passieren wird. Inhalte werden allerdings völlig überbewertet und nicht nur von Herrn Schulz oder von der SPD. Wenn es in der Politik neuerdings um Inhalte gehen soll, dann weiß ich auch nicht weiter. Und welchen Inhalt hat denn dann der Inhalt? Ist irgendwann Schluss, oder ist Inhalt so etwas wie eine endlose Matroschka-Puppe? Dreht sich der ganze Inhalt nicht nur um sich selbst?

Wie gesagt, kein Thema für mich. Es dauerte nur ein paar Minuten und ich hatte einen zehntägigen Ostseeurlaub gebucht und eine Reiserücktrittsversicherung beim ADAC abgeschlossen. Bei so was bin ich ganz fix. Geschrieben hatte ich immer noch nichts. Internet ist gefährlich. Die Hotelkosten wurden sofort von meiner Kreditkarte abgebucht. Darüber bin ich ganz froh, denn es versaut mir immer den ganzen Urlaub, wenn ich hinterher noch irgendwo bezahlen muss. Ich könnte den PIN vergessen, die Karte funktioniert nicht oder etwas viel Schlimmeres passiert. Dieses Problem habe ich also geschickt umgangen. Ich bekam auch gleich eine Mail vom Hotel, in der sie sich bedankten und mir schrieben, dass sie das Geld auf jeden Fall behalten würden, ob ich nun käme oder nicht. Ich könnte es auf gar keinen Fall zurück bekommen. Darum die Versicherung. Jetzt bin ich gespannt, was passiert, wenn meine Kreditkarte merkt, dass sie ihr Geld von mir auch nicht zurückbekommt. Das wäre ja noch schöner. Warum heißt sie denn sonst Kreditkarte?

Meine Bank wird schon wissen, warum sie mir keine richtige Kreditkarte mehr gibt. Aber diesen einen Urlaub können sie mir ruhig noch mal finanzieren. Ich freue mich jetzt doch ein bisschen über meine Buchung. Immerhin muss ich jetzt keine Gedanken mehr auf die Urlaubsplanung verwenden und kann mich bis September einfach nur freuen. Außerdem konnte ich was schreiben. War das jetzt schon Inhalt?

Sommermärchen

Krause war noch einmal davongekommen. Die Sache mit Peggie hätte ihm zwar fast den Verstand geraubt, aber irgendwie war es ihm gelungen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Und dann traf er Billie. Billie war das komplette Gegenteil von Peggie und aus irgendeinem Grund, den er sich nicht erklären konnte, verliebte sie sich in ihn. Krause wusste natürlich inzwischen, dass es für das Verliebtsein keinen Grund brauchte, ja keinen geben konnte. Verliebtheit war eine Art Wahn, irrational und sich jeder Erklärung widersetzend. Mit „Wahn“ ist das Phänomen aber nur unzureichend bezeichnet, es ging außerdem noch mit einem schweren Rauschzustand einher. Wenn beides abklang, blieb ein übler Kater zurück.

Krause seinerseits war nun keineswegs in Billie verliebt. Früher hätte er dann vielleicht traurig geguckt und Billie weggeschickt. Oder er hätte sie gar nicht erst wahrgenommen. Jetzt aber, mit den Erfahrungen, die die dritte Lebenshälfte so mit sich brachte, sah Krause deutlich das Potential, das sich aus ihrer Verbindung ergeben würde. Wenn der Rausch nämlich bei Billie nachlassen und ihr so speiübel werden würde, dass sie keine Kraft mehr für ihre Beziehung aufbringen könnte, wäre Krause da und bereit, das wirkliche, echte Leben zu zweit zu meistern, das dann beginnen würde. Die meisten Beziehungen scheitern ja wohl an den Enttäuschungen, die der abklingende Wahn-Rausch der Verliebtheit zurücklässt. Noch lange bevor Billie von sich wusste, dass sie etwas Derartiges auch nur in Erwägung ziehen würde, schlug Krause ihr vor, zu heiraten. Da kannten sie sich vielleicht seit zwei Wochen und hatten sich auch noch nicht sehr oft getroffen. Aber Krause wollte auf keinen Fall noch mal erleben, dass eine, die sich für ihn interessierte wieder aus seinem Leben verschwand, als wäre sie nie da gewesen. Billie stimmte sofort zu. Krause stellte Billie seinen Eltern vor: „Das ist Billie. Wir wollen heiraten.“ Der Vater fragte, warum denn so plötzlich? Krause entgegnete, er sei jetzt fünfzig Jahre alt und hätte noch nie jemanden geheiratet. Von plötzlich könne da wohl keine Rede sein. Die Zeit wäre jetzt reif.

Sie heirateten am Johannistag. Und obwohl er es überhaupt nicht wollte, verliebte sich Krause dann doch noch in Billie und Billie hörte einfach nicht auf, in Krause verliebt zu sein. Mit der Hochzeit nahm er auch ihren Namen an, so dass sie jetzt beide Billie hießen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie noch heute verliebt ineinander.

Der Schweiger

Ich bin sehr schüchtern. Schüchtern und menschenscheu. Ich verberge mich gern und bin normalerweise inkognito unterwegs. Kürzlich sollte ich einer Dame begegnen, die alle meine Bücher gekauft hätte. Die Dame wünschte sich einen Besuch bei sich zu Hause. Das geht natürlich nicht. Es ist sogar völlig undenkbar. Darum schreibe ich ja unter Pseudonym und veröffentliche im Internet, damit ich möglichst nicht mit real existierenden Menschen in Kontakt komme. Real existierende Menschen sind immer eine Enttäuschung. Genau wie ich für diese Menschen eine Enttäuschung wäre, würde ich einer solchen Einladung nachkommen. Würde die Dame hingegen eine Salonlesung in ihrem Anwesen organisieren und mich angemessen honorieren, würde ich natürlich hingehen.

Viele Menschen wünschen sich tatsächlich, dem einen oder der anderen Prominenten persönlich zu begegnen. Während ich den Wunsch der Dame, meine Bekanntschaft zu machen noch gut nachvollziehen kann, verstehe ich nicht, wieso man einer völlig fremden Fernsehfigur begegnen möchte. Hätte ich in einem Straßenkaffee gesessen und Gunter Gabriel hätte sich an den Nachbartisch gesetzt – es wäre mir völlig gleichgültig gewesen. Ich war einmal im Franz-Klub, als Walter Momper und Wolfgang Thierse hereinkamen. Ich konnte mit den beiden aber nichts anfangen. Gut, das sind vielleicht schlechte Beispiele. Nehmen wir statt dessen Judith Rakers. Vielleicht wäre das doch etwas anderes. Also gut, wenn Judith Rakers an meinen Tisch käme und mir gestünde, sie hätte alle meine Bücher gekauft, würde ich ihr eins signieren, wenn sie es dabei hätte. Ich würde schreiben: „Für Judith“. Und dann vielleicht „Herzlich“ aber mit Herz, also „<3lich“ und dann mit meinem Vornamen unterschreiben.

Das wird aber nicht passieren. Falls doch wäre es eine Enttäuschung für Judith. Sie weiß ja nicht, dass ich nur deswegen schreibe, weil ich nicht in zusammenhängenden Sätzen sprechen kann. Sie würde vielleicht eine interessante Plauderei anfangen wollen und dann ziemlich schnell merken, was mit mir los ist. Vielleicht sollte ich das Sprechen ganz einstellen. Akuter Mutismus. Mit meinem Beruf wäre das ohne Weiteres zu vereinbaren und ich wäre überall bekannt als „Der Schweiger“. Also nicht der, der nur so heißt, sondern der, der es auch tut. Ich würde nur manchmal so brummeln, wenn überhaupt. Spät am Abend, nach einigen Gläsern Wein würde ich bei Vollmond vielleicht beginnen zu singen. Aber das erzählen sie sich bloß und eine kennt eine, deren Schwester hat mal neben einer gesessen, die eine gekannt hat, die es angeblich mal gehört hat.

Unter Menschen

Es ist nicht ganz einfach, sich selbst zu erkennen. Man sieht sich ja nicht. Jedenfalls sieht man sich nicht so, wie einen die anderen sehen. Man will ja auch irgendwie dazugehören und schnell glaubt man, man wäre wie sie. Damit kann man aber gründlich daneben liegen. Tante Hannelore hat zum Beispiel wieder einen Vogel. Es ist diesmal eine junge Krähe. Aber dieses entscheidende Detail bleibt dem Vogel vorenthalten. Er weiß einfach nicht, dass er eine Krähe ist. Er weiß nicht mal, dass er ein Vogel ist, denn er lebt mit zwei Katzen zusammen. Also stolziert er über den Boden und ernährt sich von Katzenfutter. Der Vogel wird glauben, er sei auch eine Katze. Was die Katzen über ihn denken, behalten sie für sich. Ich laufe unter Menschen herum und kaufe im Supermarkt ein. Bin ich deswegen schon ein Mensch? Ich könnte etwas völlig anderes sein, aber irgendwie bin ich unter die Menschen geraten und nun werde ich niemals mehr fliegen. Ich komme gar nicht auf die Idee, denn die Menschen, die ich sehe haben nun mal keine Flügel.

Das Leben ist offenbar dazu da, herauszufinden, wer man ist. Das scheint die einzige Aufgabe zu sein. Man hat einen Zettel auf der Stirn, alle anderen wissen es, nur man selbst hat keine Ahnung. Wenn die Aufgabe erfüllt ist, kann man den Zettel abmachen. Manche werden sehr, sehr alt und haben noch nicht mal angefangen, zu fragen. Andere wollen es einfach nicht wissen. Bin ich ein Falke? Ein Sturm? Oder ein großer Gesang?1 Ich weiß es noch nicht.

Die meisten Leben enden wahrscheinlich, ohne dass die Aufgabe erfüllt ist. Das ist das Leben nämlich eigentlich: ein Versuch. Versuch und Irrtum. Auf unendlich viele Irrtümer kommt dann mal ein Glückstreffer. Für das einzelne Individuum ist das eine nicht tragisch und das andere kein Glück. Das Leben selbst muss herausfinden, wer es ist. Dazu betreibt es diesen ganzen Aufwand. Mich geht das alles eigentlich gar nichts an. Ich bin jetzt doch froh, dass ich von diesen Gedanken nichts mitbekomme, wenn ich nicht gerade schreibe. Das wäre ja furchtbar, wenn ich ständig mit so einem Quatsch beschäftigt wäre. So lebe ich normalerweise sorglos in den Tag hinein und bin einfach der, der ich bin. Und die Krähe wird es auch so machen und da sie nicht schreiben kann, weiß sie sowieso nicht, was sie denkt.

  1. Rainer Maria Rilke. Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen