Bis zehn zählen

Also ich werde hier ganz zweifellos nudelrund und dick und fett. Ich esse, trinke und schlafe – aber ich bewege mich nicht. Kein Stück. Leider könnte ich das auch gar nicht mehr, denn meine Muskeln haben sich in pures Fett verwandelt. Das sehe ich, wenn ich auf die Waage steige und ich merke es, wenn ich mein Fahrrad aufpumpen will. Geht nicht mehr. Auf der Waage sieht es natürlich gut aus, denn Fett ist ja leichter und schwimmt oben. Es kann nur nur noch ein oder zwei Tage dauern, bis ich mein Lager nicht mehr verlassen kann, weil ich ein einziger Fettklumpen bin.

Dabei wäre ich ja gerne mal rausgegangen. Aber erst konnte ich nicht, weil es geregnet hat. Dann war es zu heiß. Schließlich habe ich für alle Nachbarn Pakete angenommen, weil ich der Einzige bin, der bei diesem Wetter noch in der Wohnung ist. Jetzt muss ich da sein, falls sie zurück kommen und ihre Pakete holen wollen. Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Zettel, das Paket sei beim Nachbarn und dann ist der Nachbar nicht da. Wie soll man denn jetzt an sein Paket kommen? Man kann es ja nicht mal selbst abholen! Ein Nachbar, der ein Paket angenommen hat, hat gefälligst da zu sein. Wenn meine Nachbarn leider plötzlich verstorben sein sollten, werde ich hier nie mehr rauskommen. Ich merke schon, dass ich psychisch langsam zu meiner alten Form zurückfinde. Nur körperlich nicht. Körperlich erreiche ich allmählich die Schlachtreife. Ich bin ein Schwein im Käfig. Ein glückliches Schwein, aber ein Schwein. Ich habe mich übrigens auch wegen meiner Sehstörung noch nicht rausgewagt. Die präparierte Sonnenbrille war doch keine richtige Sehhilfe und die zugeklebte Fernbrille war für meinen Geschmack doch zu auffällig. Jetzt hat die Post einen Sonnenbrillen-Clip gebracht, den ich vor die abgeklebte Brille klappen kann. Jetzt fühle ich mich wieder einigermaßen gesellschaftsfähig und muss es eigentlich auch ausprobieren.

Aber wir wollen nichts überstürzen. Ich werde mich noch früh genug wieder bewegen müssen. Der Körper braucht erst mal viel Ruhe. Auch wenn es schwerfällt, zwinge ich mich, noch einen Ruhetag einzulegen. Ich kann ja schon mal auf den Balkon hinaustreten und mich ein bisschen unter den Sonnenschirm setzten. Dann gucke ich den Fleißigen Lieschen beim Fleißig-Sein zu und kriege bestimmt ganz große Lust, auch was zu tun. Wenn das passiert, trinke ich ein Glas kaltes Wasser und zähle bis zehn. Und dann werden wir ja sehn.

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Autor: Ulf Gladis

Ulf Gladis, Jahrgang 1967, kommt aus Hennigsdorf bei Berlin. Unter dem Pseudonym liedersaenger veröffentlichte er bei CreateSpace Independent Publishing Platform "Alles gelogen", "Wittgensteins Leiter", "Tamagotchi", "Entropie und Wollmaus", "Schwarze Banane" und "Debakel im Strandkorb". Aktuelle Nachrichten erscheinen auf www.liedersaenger.de

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