Meine Freunde

Alles, was wir an Gutem im Leben erfahren, führt uns letztlich die eigene Unzulänglichkeit vor Augen. Das fühlt sich nicht gut an, aber es hilft einem, sich ein bisschen mehr so zu sehen, wie man nun einmal ist. Das kann schließlich ganz heilsam sein, denn nichts ist lächerlicher und jammervoller, als ein groteskes Selbstbild, das in der Wirklichkeit keinen Bestand hat. Ich bin kein guter Freund. Das weiß ich, weil ich zuletzt so viel Freundschaft erfahren habe. Um so mehr zeigt sich daran die wahre Größe der Freundschaft: Sie rechnet nicht. Sie fragt nicht, was sie schon von mir bekommen hat oder wie die Chancen stehen, dass sie erwidert wird. Sie ist einfach da. Sie kümmert sich nicht um die eigene Bequemlichkeit. Sie freut sich, wenn ich mich freue. Es geht ihr gut, wenn es mir gut geht. Man kann nichts für sie hergeben, sie kann nicht vergolten werden, nur annehmen kann man sie und irgendwie seine Dankbarkeit zeigen. Aber selbst das interessiert sie nicht. Sie wäre auch ohne Dankbarkeit da.

Ich bin kein guter Freund. Ganz seltsamer Weise und ganz anders als bisher gedacht, kümmert sich die Freundschaft der anderen nicht darum. Ich glaube jetzt, dass man selbst als miserabelster und schlechtester Freund noch gute, sehr gute und beste Freunde haben kann. Ich habe sie wirklich und das macht aus mir keinen besseren Freund und schon gar keinen besseren Menschen. Aber es macht mich zumindest für den Moment etwas weniger hochmütig. Ich weiß noch nicht, ob mir das gut steht. Ich weiß nur, dass ich ohne meine Freunde ganz schön alt aussehen würde. Ich dachte mal, ich brauche die anderen Menschen nicht. Ich dachte, so wie ein Edelgas oder Edelmetall sich eben nicht mit anderen Elementen verbindet, so wäre ich vielleicht ein „Edelmensch“. Dabei dachte ich gar nicht mal an „Adel“ sondern nur an das „Edle“ im Sinne der Chemie. Das stimmt vielleicht sogar, solange man nicht in Not gerät. Aber die Not gehört zum Menschsein. Ein Mensch, der die Not nicht kennt, ist keiner. Darum brauchen wir einander, sofern wir Menschen sind, wie wir Luft und Wasser brauchen.

Ich bin, wie ich bin und verändere mich. Wozu ich tauge, weiß ich noch nicht. Was ich aber voller Stolz herzeigen kann, sind meine Freundinnen und Freunde. Und mein Wert oder meine Würde speist sich nicht aus dem, was ich bin oder was ich vermag, sondern allein daraus, dass ich diese Freunde habe.

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Autor: Ulf Gladis

Ulf Gladis, Jahrgang 1967, kommt aus Hennigsdorf bei Berlin. Unter dem Pseudonym liedersaenger veröffentlichte er bei CreateSpace Independent Publishing Platform "Alles gelogen", "Wittgensteins Leiter", "Tamagotchi", "Entropie und Wollmaus", "Schwarze Banane" und "Debakel im Strandkorb". Aktuelle Nachrichten erscheinen auf www.liedersaenger.de

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