Mit Widmung

Ruth Herzberg ist einfach die Härteste! Jetzt hat sie geschrieben, dass sie an einem Roman arbeitet, der dann ein rosa Cover bekommt, weil sie eine Frau ist. Sie muss diesen Roman schreiben, weil sie das Geld braucht, damit sie nach Italien fahren kann, wo sie dann die Sonnenuntergänge fotografiert. Ich müsste auch an meinem Roman schreiben, aber Ruth Herzberg macht es scheinbar einfach. Sie steht jeden Tag um 16:00 Uhr auf und arbeitet dann bis zum Abend. Ich stehe jeden Tag um 6:00 Uhr auf, habe Termine und schaffe nichts. Das macht aber auch nichts, weil ich erwerbstätig bin. Ich bin ein Angestellter und muss nur meine Aufträge abarbeiten. Das würde ich auch als Einäugiger hinkriegen. Schaffen muss ich nichts. So wird aber der Roman nicht fertig. Inzwischen habe ich so vielen Leuten von dem Roman erzählt, dass jetzt schon mehr Menschen darauf warten, als auf den rosa Roman von Ruth Herzberg. Es ist mir schon ein bisschen unangenehm.

Gestern war ich noch mal in der Arztpraxis, um stolz herzuzeigen, welche Fortschritte ich mit meiner Genesung mache. Ich wollte das an der Rezeption erledigen, wurde aber sofort in ein Behandlungszimmer geführt und eine Ärztin wurde gerufen. Sie interessierte sich gar nicht für meine Fortschritte, sondern fragte gleich nach dem Roman. Immer noch nicht weiter? Warum dauert das so lange? Ich wusste es nicht. Vielleicht konzentriere ich mich nicht richtig, oder ich lasse mich zu leicht ablenken. Möglicherweise sollte ich mich auch nicht mit Fingerübungen wie diesen hier aufhalten, sondern einfach kontinuierlich romanschreiben. Ich weiß aber noch gar nicht, welche Farbe das Cover haben wird. Blau? Wahrscheinlich.

So einfach ist es aber leider nicht. Romanschreiben kann man nicht nebenbei. Romanschreiber ist man immer hauptberuflich. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange man arbeitet und welche Tages- oder Nachtzeit man bevorzugt. Man kann aber nebenbei keine anderen Hauptaufgaben haben, wie Kinder betreuen oder eben einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Darum muss man schon sehr davon überzeugt sein, dass man jetzt einen Roman schreiben muss. Das kann bei mir noch ein bisschen wachsen. Es kann auch passieren, dass ich den Roman erst als Rentner schreiben kann. Als Rentner könnte ich mich ins Private zurückziehen und in aller Ruhe arbeiten. Wenn ich dann fertig bin, kriegen alle einen Schreck, weil niemand mehr mit einem Roman von mir gerechnet hat. Wenn die Ärztin dann noch in ihrer Praxis ist, schenke ich ihr ein Exemplar. Mit Widmung.

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Autor: Ulf Gladis

Ulf Gladis, Jahrgang 1967, kommt aus Hennigsdorf bei Berlin. Unter dem Pseudonym liedersaenger veröffentlichte er bei CreateSpace Independent Publishing Platform "Alles gelogen", "Wittgensteins Leiter", "Tamagotchi", "Entropie und Wollmaus", "Schwarze Banane" und "Debakel im Strandkorb". Aktuelle Nachrichten erscheinen auf www.liedersaenger.de

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