Diesmal nicht

Heute, da sich die erste Arbeitswoche nach einer unfreiwilligen Auszeit ihrem Ende zuneigt, ist es an der Zeit, sich schon mal ganz langsam auf den bevorstehenden Urlaub einzustimmen. Ab heute noch viermal Freitag – und dann ist es schon wieder so weit. Erwischt einen der Urlaub unvorbereitet, dann ist es, als ob man mit voller Geschwindigkeit gegen eine Wand fährt. Früher, beim Schulsport, wurde uns immer eingeschärft, nicht aus vollem Lauf einfach stehen zu bleiben, sondern langsam auszupendeln. Natürlich lief man dann viel mehr, als man eigentlich musste, aber das wollten sie ja bloß. Beim Arbeiten muss man so auspendeln, dass man nicht in den Urlaub hineinpendelt, denn dafür ist der Urlaub zu kurz. Das ist nicht einfach. Vor allem muss man rechtzeitig mit dem Pendeln anfangen. Bei mir ist das doppelt schwierig, weil ich mich ja auch gerade einpendele. Ich darf gar nicht zu sehr wieder in dieses Arbeitsgefühl hineinschwingen, damit ich rechtzeitig wieder hinaus komme und dann gut vorbereitet meinen Urlaub antreten kann.

Für ein Arbeitstier wie mich ist das alles kein Zuckerschlecken. Am Montag versuchten die Kolleginnen, mir vorsichtig ein paar Aufträge zu übergeben. Ich lächelte und nickte. Nach einer Weile fragten sie, ob ich mir nicht vielleicht etwas aufschreiben wollte? Ich entgegnete, das sei auf jeden Fall eine gute Idee, denn schon wisse ich nicht mehr genau, worüber wir gerade gesprochen hatten. Leider hatte ich auch nichts zu schreiben dabei. Man half mir aus. Ich hatte die falsche Brille auf und schrieb mir alles auf. Zu Hause war dann aber auch mit richtiger Brille alles völlig unleserlich. Aufschreiben wird überbewertet. Am Dienstag traf ich viele Menschen wieder. Eine Frau machte mir Komplimente. Ich hätte schöne Augen. Ein alter Mann maßregelte sie, man wäre nicht zum quatschen hier. Darauf sangen wir „Hab mein Wage voll gelade, voll mit Männern alten…“ Der alte Mann sang laut mit.

Am Mittwoch kam meine Kollegin und fuhr mich hierhin und dorthin. Überall warteten Menschen auf mich und wollten mit mir gemeinsam singen. Am Donnerstag fiel mir zum Glück ein, dass ich mich nicht so sehr ins Arbeiten hineinsteigern darf. Ich glaube, wenn ich so weitermache, habe ich gute Aussichten auf einen erfolgreichen Urlaub. Nichts ist schlimmer, als auf einmal Urlaub zu haben und Körper und Geist sind noch im Arbeitsmodus. Dann kommt man vielleicht in der letzten Woche von dreien ein bisschen runter – und dann ist alles zu kurz. Das wird mir diesmal nicht passieren.

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Autor: Ulf Gladis

Ulf Gladis, Jahrgang 1967, kommt aus Hennigsdorf bei Berlin. Unter dem Pseudonym liedersaenger veröffentlichte er bei CreateSpace Independent Publishing Platform "Alles gelogen", "Wittgensteins Leiter", "Tamagotchi", "Entropie und Wollmaus", "Schwarze Banane" und "Debakel im Strandkorb". Aktuelle Nachrichten erscheinen auf www.liedersaenger.de

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