Spätestens Sonntag

Bis zu den nächsten Bundestagswahlen muss ich mir also irgendwie die Zeit vertreiben. Weil mir nichts Besseres einfällt, bestelle ich Zeugs im Internet. Da ist zum Beispiel eine Mütze mit eingebauten Bluetooth-Kopfhörern. Als das Paket endlich da ist, studiere ich das Handbuch. Dort steht, dass man die Kopfhörer aufladen soll und drei Sekunden für Power on und fünf Sekunden für das Pairing auf einen Knopf drücken soll. Die Kopfhörer selbst steckt man dann durch Löcher in der Mütze in der Höhe der Ohren. Die Mütze gibt es in einer Einheitsgröße. Ich setze sie auf und will mich im Spiegel betrachten – aber das Bild ist weg. Auf den Ohren: Perfekter Sitz. Nur die Augen sind verdeckt. Offenbar habe ich keinen Einheitskopf. Meine Augen befinden sich im Verhältnis zu meinen Ohren an der falschen Stelle. Ich könnte jetzt dort, wo meine Augen sitzen Löcher in die Mütze schneiden. Davon steht aber nichts im Handbuch. Als es mir gelingt, unter dem Mützenrand hervorzulugen, sehe ich im Spiegel, dass ich eine Art Mitra trage: Turmhoch und spitz ragt das Teil in die Höhe. An der Stelle, wo früher meine Ohren waren, befinden sich kartoffelartige Verdickungen, deren linke hektisch blau blinkt.

Ich brauche die Mütze sehr dringend, weil ja jederzeit ein Wähler anrufen könnte, dem ich Rede und Antwort stehen muss. Nicht immer habe ich dann gerade die Hände frei, um bei jedem Klingeln zum Telefon zu greifen. Wenn ich keine Mütze trage, muss ich mir nämlich mit beiden Händen die Haare aus den Augen halten. Der Wähler möchte dann vielleicht wissen, wie ich dieses oder jenes Problem zu lösen gedenke. Ich würde nicht müde werde zu erklären, dass ich keine Ahnung hätte. Politik wird ja gern mit einem Warenhaus verwechselt und der Stimmzettel mit einem Problemlösungskatalog, auf dem man seine Wünsche ankreuzen kann. Politik ist aber etwas ganz anderes, nämlich ein Aushandlungsprozess, bei dem nicht feststeht, was am Ende herauskommt. Es gibt nur Kompromisse und keine Garantien. Sein Kreuz muss man bei demjenigen machen, von dem man denkt, dass er oder sie diesen Prozess am besten gestalten kann. Leider fragt niemand, wie man denn so im Prozess gestalten sei und warum man meint, dass man gerade das besonders gut könne.

Es rufen aber keine Wähler an. Das ist logisch, denn für diese Bundestagswahl kandidiere ich ja noch gar nicht. Aber die blau blinkende Kartoffelmütze kann ich ja trotzdem aufsetzen. Es soll nämlich bald wieder kälter werden. Spätestens Sonntag.

https://youtu.be/eLRPQhMyj5M

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Autor: Ulf Gladis

Ulf Gladis, Jahrgang 1967, kommt aus Hennigsdorf bei Berlin. Unter dem Pseudonym liedersaenger veröffentlichte er bei CreateSpace Independent Publishing Platform "Alles gelogen", "Wittgensteins Leiter", "Tamagotchi", "Entropie und Wollmaus", "Schwarze Banane" und "Debakel im Strandkorb". Aktuelle Nachrichten erscheinen auf www.liedersaenger.de

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