Eigentlich

Es ist eigentlich keine große Kunst, im richtigen Moment abzugehen. Man muss nur die Augen offenhalten und eins und eins zusammenzählen können. Dann winkt man noch mal und lacht – und dreht sich um und geht seiner Wege. Aber je mehr und je länger man im Rampenlicht steht, desto mehr verliert man scheinbar die Fähigkeit dazu, bis sie ganz und gar verschwunden ist. Dem SED-Politbüro ist es so gegangen. Wer weiß schon, was alles möglich gewesen wäre, wenn für die alten Männer rechtzeitig die jungen Mädchen gekommen wären. An dieses SED-Politbüro musste ich denken, als Angela Merkel und die CDU-Führung am vergangenen Sonntag vor den Kameras standen und sagten, sie wüßten eigentlich nicht, was sie jetzt groß anders machen sollten. Ich fand das gruselig. Das Land vergreist. Die Jungen gucken YouTube oder hauen ab. Und ich gucke mir das alles mit wohligem Schaudern im Fernsehen an.

In manche Ämter ist der Schleudersitz ja eingebaut. Man kann bis zum Schluss sitzen bleiben und ausprobieren, ob man weich landet. Oder man steigt rechtzeitig ab, wie Joachim Gauck zum Beispiel. Ich finde das auf jeden Fall schlauer. Ich überlege mir sogar, ob ich nicht auch mit sofortiger Wirkung von meiner Erwerbsarbeit zurücktreten sollte. Ich bin jetzt schon so lange dabei und es wird immer unwahrscheinlicher, dass ich da noch etwas in Bewegung bringe. Es wird Zeit für die jungen Mädchen! Sie singen so schön. Aber wahrscheinlich würde mir das gar nicht gut tun. Irgendwann hat man ja mal ausgeschlafen und dann will man irgendwas machen. Es ist gar nicht so schlecht, dass es doch verschiedene Orte gibt, an denen ich einen Platz habe und Aufgaben, die außer mir erst mal keiner erledigt. Wenn das nur Lidl und Edeka und Bad putzen und Flaschen wegbringen wären, bekäme ich sicher bald Schwierigkeiten mit mir selbst.

Für Menschen, die in der Politik Verdienstvolles geleistet haben, ist es bitter, wenn sie am Ende dabei vor die Hunde gehen. Aber so ist das eben: Große Leistungen brauchen viel Zeit und je mehr Zeit vergeht, um so schwieriger wird das Loslassen. Man kann auch nichts loslassen, das man nicht erst mal festgehalten hat. Man darf es eben nicht zu fest halten, aber zupacken muss man schon. Alles nur eine Frage der richtigen Spannung zur richtigen Zeit. Alles ganz einfach. Eigentlich.

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Autor: Ulf Gladis

Ulf Gladis, Jahrgang 1967, kommt aus Hennigsdorf bei Berlin. Unter dem Pseudonym liedersaenger veröffentlichte er bei CreateSpace Independent Publishing Platform "Alles gelogen", "Wittgensteins Leiter", "Tamagotchi", "Entropie und Wollmaus", "Schwarze Banane" und "Debakel im Strandkorb". Aktuelle Nachrichten erscheinen auf www.liedersaenger.de

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