Ein Glück

Wäre ich ein Zugvogel, hätte ich in diesem Jahr schlechte Karten. Ich könnte nicht ziehen. Ich müsste hierbleiben und versuchen, irgendwie klarzukommen. Die anderen würden wegfliegen und müssten mich hier zurücklassen. Sie könnten gar nicht anders. Ich wäre allein. Ohne den Schutz des Schwarms. Nur auf mich gestellt. Wahrscheinlich müsste ich elendiglich verschmachten. Aaahhhhrrrrgggghhhhhh.

Ja, ich weiß, ich bin gar kein Zugvogel und ich verschmachte auch nicht. Es wäre auch zu schade, wenn gerade kein Kamerateam zur Hand wäre, während ich mit ölverschmiertem Gefieder ein letztes Mal das Köpfchen hebend meine Seele aushauche. Aber nichts dergleichen passiert. Man lebt einfach immer weiter. Das wäre die Hölle. Aber so ist ja nicht. Jeder stirbt früher oder später, was für ein Glück! „Alle guten Dinge müssen enden“ singt Reinhard Mey in seinem Lied von den vielen Sommern. Je früher, desto besser. Wäre ich ein Astronaut auf der Reise zum Mars, ich wäre geliefert. Wahrscheinlich würde ich den großartigsten Weltraumkoller entwickeln, der jemals beschrieben wurde. Ich würde die gesamte Besatzung töten und essen, denn ich brauche Fleisch. Billiges Fleisch, das es im Weltraum nicht gibt. Am Ende würde ich mich selbst aufessen, soweit das möglich wäre. Man kann sich ja eine ganze Menge abschneiden. Elon Musk nennt sein neues Raumfahrzeug „Große Fickende Rakete“ aber es wäre ein Schlachthaus, das durch den Weltraum geschossen wird. Zum Glück wird niemand davon erfahren, denn wir befinden uns mit dem gesamten Sternhaufen, dem wir angehören, in einer kosmischen Quarantäne. Wir kommen hier nicht raus. Zum Glück! Wie gesagt.

Wäre ich aber ein Smartphone, ja, dann hätte ich‘s gut. Ich würde nicht klingeln, niemals, aber das würde auch nicht von mir erwartet. Ich würde geschmeichelt und gestreichelt und bekäme mindestens zwei warme Hauptmahlzeiten am Tag. Ich wüsste alle Geheimnisse und hütete sie. Ich wäre dabei, wenn sich die ersten zarten Bande knüpfen aber ich müsste auch stumm zusehen, wie die Nachrichten immer spärlicher werden und wie das Ende kommt. Ich müsste die hilf- und würdelose Stalkerei mitmachen, die zu keinem guten Schluss führen kann. Darum ist es doch gut, dass ich bin, was ich bin, ohne zu wissen, was es letzten Endes sein könnte. Ich weiß immer nur, was ich nicht bin: kein Smartphone, kein Astronaut und kein Zugvogel; weder Tier noch Pflanze; lebendig, wie ein Fisch im Wasser und doch weder das eine, noch das andere. Was für ein Glück!

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Autor: Ulf Gladis

Ulf Gladis, Jahrgang 1967, kommt aus Hennigsdorf bei Berlin. Unter dem Pseudonym liedersaenger veröffentlichte er bei CreateSpace Independent Publishing Platform "Alles gelogen", "Wittgensteins Leiter", "Tamagotchi", "Entropie und Wollmaus", "Schwarze Banane" und "Debakel im Strandkorb". Aktuelle Nachrichten erscheinen auf www.liedersaenger.de

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