Ich war noch niemals in New York

Jetzt müssen wir Bayern doch behalten. Der Freistaat darf nicht aus der Bundesrepublik austreten. Das Bundesverfassungsgericht erlaubt es nicht. Genauer gesagt erlaube es die Verfassung nicht, sagt das Bundesverfassungsgericht. Das ist schade, denn wenn Bayern eben einfach nur Bayern wäre, brauchte sich der Ministerpräsident Seehofer nicht mehr so darüber aufzuregen, was die Deutschen in diesem Deutschland da andauernd für einen Unsinn verzapfen. Nun, da er ein Teil von diesem Deutschland bleiben muss, muss er weiterhin viel Energie aufwenden, sich von allem ordentlich abzugrenzen.

Aber was schreibe ich denn da! Natürlich möchte ich Bayern gern behalten. Bayern gehört doch zu Deutschland! Außerdem bezahlen sie viel Geld für den Länderfinanzausgleich. Es wäre sehr traurig, wenn der Scheck nicht mehr käme. Ich habe mich schon lange gefragt, wo eigentlich das ganze Geld für die Währungsunion hergekommen ist. Wahrscheinlich hätte die ganze Wiedervereinigung nicht funktioniert, wäre Theo Waigel damals nicht Bundesfinanzminister gewesen. Als Bayer konnte er so viel D-Mark in den Osten werfen, wie er wollte. Er hatte damals nämlich noch Fortunati Glückssäckel – und keinen Schatten! Nein, nein! Ganz falsch. Jetzt sehe ich klar: Wir, die Ossis, wir haben unseren Schatten verkauft. Theo Waigel war der Herr im grauen Rock. Der Handel gilt. Wollen wir unseren Schatten zurück, müssen wir ihm unsere Seele versprechen. Haben wir das in einer freibierseeligen Nacht etwa gemacht? Ich hoffe nicht.

Jeder Erwachsene DDR-Bürger durfte 4000 Mark 1:1 umtauschen. Natürlich hatte ich 1990 keine 4000 Mark. Ich glaube, ich hatte nicht mal 400 Mark. Ich hätte auch gar nicht gewusst, was ich damit anfangen sollte. Es gab nichts für Geld zu kaufen, was mich angezogen hätte. Darum war ich frei. Ich konnte meine todsichere Festanstellung aufgeben und neue Sachen ausprobieren. Es war so einfach. Es gab einfach nichts zu verlieren. Das Geld, das man zum Leben brauchte, bekam man immer irgendwie. Das war 1986. Und doch haben wir uns nicht frei gefühlt, weil wir es politisch nicht waren; weil wir nicht reisen konnten; weil wir uns nicht informieren und bilden konnten. Und auf einmal hatte ich doch 4000 Mark. Meine Oma wollte ihr Erspartes vor der Halbierung retten und danach wollte sie es nicht zurück. Ich habe das Geld genommen und ich weiß nicht mal mehr, was ich damit gemacht habe; vermutlich mit Halunken durchgebracht.

Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim
durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit
Die Frau rief ‚Mann, wo bleibst du bloß? Dalli Dalli geht gleich los‘
Sie fragte ‚War was?‘ – ‚Nein, was soll schon sein…‘

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Vielleicht doch?

Dieser Tage erzählt man sich ja gern, wie man die Silvesternacht so hingebracht hat. Ich habe sie dieses Mal verschlafen. Das war nun keineswegs so geplant! Eigentlich wollte ich mal wieder dabei sein, wenn die Böller krachen. Ich hatte in den vorangegangenen Tagen festgestellt, dass ich das Feuerwerk schön von meiner Couch aus beobachten könnte, wenn ich mal die Jalousien hochziehe. Ich stellte mir vor, dass es doch ganz schön wäre, wenn ich kurz vor Mitternacht das Licht löschte und dann mit der kleinen Rotkäppchenflasche von der Betriebsweihnachtsfeier dem Neuen Jahr Willkommen zuprosten würde. Der gute Vorsatz war gefasst. Nun käme es nur noch darauf an, bis zur Mitternacht nicht das Bewusstsein zu verlieren. In der Winterzeit ist das nicht leicht. Mir fallen gelegentlich bei der Autofahrt in den frühen Feierabend ab 14:30 Uhr schon die Augen zu. Das ist mir viel zu gefährlich, so dass ich die Heimreise in dieser verschlafenen Zeit schon deutlich früher antreten muss. Am Silvesterabend wollte ich nun aber meiner Verpenntheit nicht nachgeben und überlegte mir eine möglichst effiziente Strategie. Meine Wahl fiel dann auf Alkohol in Verbindung mit exzessivem DVD-Konsum. Letzteres war nötig, weil das aktuelle Fernsehprogramm im Zusammenspiel mit Alkohol mich zwar wachgehalten, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Amoklauf geführt hätte.

Um möglichst lange wach zu bleiben, wählte ich die drei Hobbitfilme. Es funktionierte. Ich kämpfte mit einem Drachen, badete in Gold und versuchte dann, meine Abenteuer in ein Buch zu schreiben. Allein, als ich damit fertig war, war es noch lange nicht Mitternacht. Noch mehr als eine Stunde. Wahrscheinlich war das der Fehler, aber ich legte noch Herr der Ringe, Teil eins nach und mich selbst auf der Couch ab. Das explodierende Altjahr verschmolz mit dem Getöse, in dem die freien Völker Mittelerdes unterzugehen drohten. Ich bekam weder vom einen, noch vom anderen etwas mit.

Als ich wieder zu mir kam, war Mitternacht lange vorbei und die Gemeinschaft um den Ringträger zerfallen. Es war still und ich brauchte lange, um von der Couch wieder hoch zu kommen. Meine Strategie war nicht schlecht, aber das Timing hat nicht gestimmt. Oder vielleicht doch?

Neujahrsansprache

Naja, naja. Vor allem kommt es 2017 doch wohl darauf an, schön auf dem Teppich zu bleiben. Das fällt um so leichter, wenn der Teppich schön sauber ist. Das ist ein Teppich aber nie. Er ist das Habitat vieler verschiedener Tiere und anderer Bewohner, die wir zum Glück nicht sehen können. Der Teppich ist Lebensraum und Heimat. Die Teppichbewohner erzählen sich Geschichten, über eine Welt, die unabhängig vom Teppich existiere und die Klugscheißer unter ihnen glauben nicht daran. Der Teppich wird mehr oder weniger regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht, auf die die Bewohner keinen Einfluss haben. Es gibt unerklärliche Teppichbeben und verheerende Stürme, die aus dem Nichts kommen und alles, was sich nicht retten kann aus dem Teppich saugen. Die Ursachen für diese Katastrophen liegen im Dunkeln. Darum nennt man sie ja auch Katastrophen. Sie kommen einfach über einen.

Kein Teppichbewohner kann seinen Teppich jemals verlassen. Aber es gibt ein paar Denker unter ihnen, die sich so ihre Gedanken machen. Es gibt sogar ein paar, die behaupten, man würde einen Teppich bewohnen. Natürlich wurden die sofort verhaftet und zum Widerrufen gezwungen. Die nicht widerrufen wollten oder es nicht konnten wurden umgebracht. Aber die Idee war nun mal im Teppich. Was wäre, wenn es wirklich so wäre? Der Teppich ist flach und hat nur zwei Dimensionen, aber was wäre, wenn es noch eine dritte Dimension gäbe, die man natürlich weder wahrnehmen noch sich vorstellen, jedoch mathematisch beschreiben könnte? Und wenn in dieser Dimension Wesen lebten, für die der Teppich etwas ganz anderes wäre, als für seine Bewohner? Die vom Leben im Teppich gar nichts wüssten und auch gar nichts wissen wollten. Ja, was wäre dann?

Gar nichts weiter wäre dann. Wenn sich die außerhalb des Teppichs Lebenden einbilden, dass ihre sogenannte „Welt“ alles ist, was es gibt, unterscheiden sie sich in gar nichts von den meisten Teppichbewohnern. Man könnte allenfalls etwas daraus lernen, nämlich, dass man sich selbst und seinen Teppich nicht so furchtbar ernst und wichtig nehmen sollte. Krieg im Teppich oder Sturm im Wasserglas – beides ist doch einfach nur lächerlich. Viel besser, als sich jeden Tag zu fürchten oder sich zu ärgern, ist es doch, sich zu freuen. Zum Beispiel über die Schönheit des Teppichs, in dem man nun mal lebt. Und über ein Lächeln von einem anderen Teppichbewohner. Oder über ein gutes Wort.

Das würde ich den Bewohnern meines Teppichs sagen, wenn sie mich denn hören könnten.

Der Film

Da stehen wir nun, quasi auf den Klippen des letzten Tages des Altjahres und haben eigentlich nur noch eine Frage: Was sollen wir bloß machen? Was sollen wir bloß machen – mit den ganzen Fotos? Keine Gesellschaft vor uns hat solche gewaltigen Bildermassen angesammelt. Und als ob es nicht genug wäre, was wir an Selfies und Schnappschüssen selbst produzieren, kommen jetzt noch die Bilder der Überwachungskameras dazu. Wir werden bald keinen Tag mehr absolvieren, an dem keine neuen Bilder von uns entstehen. Wenn wir irgendetwas falsch gemacht haben, sehen wir unser Bild am nächsten Tag auf Facebook. Dann müssen wir auf die nächste Polizeiwache gehen und uns stellen. Es ist ein Spiel. Wer schafft es ins Internet? Wessen Crideo (- neue Sparte, gerade von mir erfunden Crime + Video = Crideo) kriegt die meisten Klicks?

Es dürfte heute kein Mensch mehr leben, der sein Leben nicht lückenlos anhand von Fotos dokumentieren kann. Mein Vater bringt seinen Ruhestand damit dahin, die Fotos der Altvorderen zu digitalisieren und zu dokumentieren. Wenn er damit fertig ist, bekommen wir ein Speichermedium voller Bilder. Vielleicht werden es vier Gigabyte, vielleicht acht. Aber das ist alles noch gar nichts. Wenn meine Nichten später einmal das ganze vorhandene Fotomaterial ihrer Familie auch nur sichten wollten, wird ihr Ruhestand dafür wahrscheinlich nicht mehr ausreichen ( – zwar nicht nur wegen der Bildermenge, aber auch deswegen).

Aber wie jedes Ding, das uns so widerfährt, hat auch die Bilderflut ihr Gutes: Man braucht kein Nahtod-Erlebnis mehr, um sein Leben als Film ablaufen zu sehen. Man steckt einfach den Kopf ins Internet wie Harry Potter seinen ins Denkarium – und schon geht es los. Hier kommt schon mal ein kleiner Vorgeschmack. Vorhang auf für:

ULF – DER FILM  – Gute Unterhaltung!

Wenn oben kein Video zu sehen ist, bitte mal hier draufklicken. Danke!

Ab heute

Wenn ich aus dem Kindergarten

Allein nach Hause geh

Wenn ich Schleifen binden kann

Wenn ich Kaffee trink, statt Tee

Wenn ich lesen kann, so wie das große Mädchen es vermag

Wenn ich zu Mutti „ich liebe dich“ sag

Wenn ich mich am Voltigiergurt

Ganz allein hochziehen kann

Wenn ich freihändig stehe

Im Galopp und wenn ich dann

Noch so cool ausseh’, als ob ich jeden Blumentopf gewinn’

Wenn ich 50 Jahre bin

Wenn mein altes Fahrrad

Ein nagelneues Motorrad wär

Und ich wär ein Geheimagent

Und käm’ damit daher

Dann rette ich das Mädchen und sie verliebt sich in mich

Unsterblich, und dann küsst sie mich

Wenn ich Walzer tanzen könnte

Auf dem blanken Parkett

Und trotzdem auch so abzappeln

Als ob ich einen Anfall hätt’

Wenn da keine Pickel wären, auf der Stirn und auf dem Kinn

Wenn ich 50 Jahre bin

Wenn ich endlich wüßte

Was nur aus mir werden soll, vielleicht

Werd’ ich Lehrer oder Taxifahrer

Oder werd’ ich reich

Oder werde ich doch Entertainer, wie Hans Rosenthal

Irgendwann einmal

Werd’ ich eine Aktentasche

Ein ganz abgenutztes Stück

Jeden Tag zur Arbeit tragen

Morgens hin, abends zurück

Und hätte nichts als eine große Alu-Stullenbüchse drin

Wenn ich 50 Jahre bin

Jahre kommen, Jahre gehen

Jeden Tag stirbt man ein Stück

Ein Kind schaut in den Spiegel

Ein alter Sack blickt zurück

Das ist ganz gleich, solange sich die beiden achten und versteh’n

Und gemeinsam weiter geh’n

Ich will heute leben

Als hätt’ ich nur diesen einen Tag

Ich will heute sagen

Was ich schon so lang mit mir rumtrag’

Will ab heute nur noch der sein, der ich nun einmal bin

Noch bevor ich 50 bin

copyright: liedersaenger 2016

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