Losigkeiten

Ich freue mich auf das fahrerlose Auto. Es wird Spaß machen, sich hineinzusetzen, den Zielort zu sagen und dann von unsichtbaren geflügelten Wesen durch die Gegend kutschiert zu werden. Vielleicht gibt es gleich eine Solitär-Option, mit der man ausschließen kann, dass noch weitere Fahrgäste zusteigen. Wenn man dann aber den vierfachen Preis bezahlen muss, würde ich das auch nicht machen. Auf keinen Fall würde ich auf die Idee kommen, so ein Fahrzeug zu kaufen. Ich kaufe ja auch nicht die RB 24, nur um damit allein unterwegs sein zu können. Aber ich hoffe sehr, dass das fahrerlose Auto den öffentlichen Nahverkehr revolutionieren und individualisieren wird. Leider wird die Rechnung mit dem Strom nicht aufgehen, solange wir Kohlestrom produzieren, aber das ist eine andere Geschichte.

Es war nicht schlecht, ein Auto zu besitzen. Allerdings stand bei mir der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen. Ich meine keineswegs den finanziellen Aufwand, sondern den organisatorischen und den zeitlichen: Termine machen für die Inspektion, TÜV, hinfahren, abholen, dann auf einmal kein Auto haben, Räder wechseln, Radmuttern nachziehen, waschen, saugen, Fenster putzen, Flüssigkeiten kontrollieren, Erste-Hilfe-Kasten neu kaufen – alles in allem rechtfertigen alle Aufgaben rund um das Auto die Anstellung eines Chauffeurs. Und das alles für das Gefühl, jederzeit überall hin fahren zu können. Das Taxi wäre eine echte Alternative – wenn der Fahrer nicht wäre. Taxifahrer sind wie Kneipenwirte – die Mentalität eines Butlers liegt nicht in ihrer Natur. Eigentlich liegt es nahe, gar nicht mehr selbst mit dem fahrerlosen Auto zu fahren. Man schickt es alleine los, wenn einem überhaupt noch etwas einfällt, was es erledigen könnte. Kinder und alle anderen, die keinen Führerschein haben, werden automobil. Eine Fahrerlaubnis braucht man nicht mehr. Man braucht nur noch ein Smartphone und eine Kreditkarte. Wer kein Geld hat, muss weiter zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren. Irgendwann wird das selbständige Lenken eines Kraftwagens dann verboten, weil dadurch zu viele Unfälle passieren. Wer noch einen Wagen mit Lenkrad hat, bekommt ein H aufs Nummernschild und muss das Lenkrad und die vorderen Sitze ausbauen. Da kommt dann eine schöne Mini-Bar hin oder eine Kino-Anlage.

Für Taxifahrer ist diese Entwicklung erst mal schlecht, für die Kneipenwirte ist sie gut. Mit der Zeit werden dann viele neue Kneipen entstehen, die vielleicht ihren eigenen Fuhrpark haben und die Gäste abholen und nach Hause bringen. Da viele dadurch erst mal ihr Einkommen verlieren werden, gibt es noch eine alternativlose Voraussetzung für das fahrerlose Auto: Das bedingungslose Grundeinkommen.

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Zufälle gibt es nicht

Heute beglückwünsche ich mich zu meiner damaligen Entscheidung, mir ein Fahrrad mit Elektroantrieb zuzulegen. Nicht auszudenken, wenn ich mich damals für Diesel entschieden hätte! Dabei deutete zum damaligen Zeitpunkt nichts, aber auch gar nichts auf einen „Dieselskandal“ hin. Es war wohl einfach Glück und Zufall oder auch ein glücklicher Zufall, wie so oft in meinem Leben. Denn eigentlich hatte ich damals mit Fahrrädern innerlich abgeschlossen. Ich hatte eine lange Phase mit dauerplatt, Kette-ab und ähnlichen Ärgernissen hinter mir und hatte das letzte Fahrrad einfach an einem Laternenmast abgestellt. Mit dem Taxi ließ ich mich zu meinem Auto fahren, das ganz unschuldig guckte (ein Benziner). Nie wieder wollte ich Zeit mit so einem Ding verschwenden und mir schon gar nicht noch mal die Hände daran schmutzig machen. Darauf tranken wir Hefeweizen. Es war der Tag vor meinem Geburtstag und ich war mit allen meinen damaligen Freunden am Müggelsee. Es wurde ein schöner Tag zu zweit.

Als der Abend kam, passierten wir den Fahrradladen auf der Bölschestraße. Es kann noch nicht spät gewesen sein, denn er war noch geöffnet. Und da stand es vor der Tür. Alle Feindseligkeiten waren vergessen und es war um mich geschehen: Ich war verliebt. Ich sah uns durch wogende Weizenfelder in die sinkende Sonne fahren und lachen. Ich betrat den Laden. In meinen Augen drehten sich prall aufgepumpte Speichenräder. Der Verkäufer aber schickte mich weg. Ich sollte eine Nacht schlafen und wenn meine Liebe dann noch stark genug wäre, sollte ich wiederkommen. Natürlich versuchte ich in dieser Nacht wach zu bleiben, aber der Schlaf übermannte mich doch. Am nächsten Tag wurde ich versucht: Mein Bruder rief an; Züge fuhren nicht; die Bölsche wurde lang wie ein Lichtstrahl- ich aber blieb standhaft.

Wie gesagt, der Elektroantrieb war Zufall. Mich störte damals nicht, dass ich treten musste, mich störte, dass ich bei Regen nass wurde. Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Rad zur Arbeit. Auf dem Weg nach Hause entwich die Luft aus dem hinteren Reifen. Alles war wie immer. Ich musste den Schlauch wechseln, machte mir die Hände schmutzig und außerdem meinen Wohnzimmerteppich. Aber seitdem (und ein paar Dosen Pannenspray) halten die Reifen die Luft und der Elektromotor summt. Ich will ihn nicht mehr missen, wenn der Wind von vorn kommt oder wenn es bergauf geht. Zweimal bin ich bislang nass geworden – und immer wieder getrocknet! Und wie gesagt: Ich bin froh, dass es kein Diesel ist.

Abwärts

Gestern hatte ich den ersten richtigen Arbeitstag. Arbeit am Vormittag, Arbeit am Nachmittag, Arbeit am Abend. Am Ende war ich erschöpft. Ich arbeite zu viel. So kann ich nicht weitermachen. Auch meine Vorgesetzten schütteln ihre Köpfe. Ich sollte besser auf mich achtgeben. Das will ich beherzigen. So ausschweifend und hemmungslos will ich mich der Arbeit nicht wieder hingeben. Es gibt Wichtigeres im Leben. Zum Beispiel den Diesel-Gipfel. Das habe ich wegen der Arbeiterei vollständig verpasst. Jetzt, da ich das Debakel zur Kenntnis nehme, ist der Drops schon wieder gelutscht. Wenn ich alles richtig verstanden habe, machen wir jetzt doch weiter mit den Autos. Also nicht elektrisch, wie auf dem Krankenhausgelände, sondern schön mit Abgas. Die Abgase werden aber von einem Computer schöngerechnet. (Wie gesagt, dass ist nur das, was ich verstanden habe.)

Vielleicht sollte ich mir also doch wieder einen Diesel kaufen. Ich mochte den Diesel früher, wegen des kleinen Rituals: man musste ihn vorglühen. Das bedeutete, nach dem Einschalten der Zündung mit dem Starten zu warten, bis eine kleine gelb leuchtende Spirale im Tacho verschwunden war. Wozu das gut war, wusste ich freilich nicht und konnte es auch nicht in Erfahrung bringen. Etwas konnte kaputt gehen, wenn man es nicht tat. Es erinnerte mich an einen Hebel, den man im Trabi vor dem Starten ziehen musste, wenn es kalt war. Wir nannten ihn Schock und es war ein solcher, als wir herausfanden, das er „Choke“ geschrieben wurde. Alle diese kleinen Rituale wird es bei Elektroautos nicht mehr geben und darum interessieren sie mich auch nicht weiter. Genau wie Automatik-Getriebe oder Schlüsselkarten, die man nirgendwo mehr reinstecken, geschweige denn herumdrehen kann.

Wie auch immer, die „Politik“ hat offenbar alles eingesehen und die richtigen Entscheidungen getroffen. Allein die Handwerker – das muss man sich mal vorstellen! Die ganzen Handwerker, die nicht mehr mit ihren Dieselautos herumfahren könnten. Bei der Nationalen Volksarmee hatten wir, glaube ich, einmal eine Dieselameise. In unseren Reihen gab es nur einen Kameraden, der sie fahren konnte. Ich fuhr einmal mit. Zunächst musste natürlich vorgeglüht werden. „Vorglühen“ war ein Lebensgefühl. Wir verstanden den Diesel, er war einer von uns. Wenn jetzt ein Computer alles ausrechnet, braucht man wahrscheinlich weder vorzuglühen noch einen Choke zu ziehen. Das Motorgeräusch muss man wahrscheinlich irgendwann auf CD dazu kaufen oder selbst machen. Diesel-Gipfel hin oder her – wenn der Gipfel einmal erreicht ist, gibt es nur noch eine Richtung: abwärts.

Kaufhalle, Obst und Gemüse

Für die Autobauer beginnt eine schwierige Zeit. Manche sprechen von einem Erdrutsch. Manche auch von einem Desaster. Sie machen sich Gedanken um ihre Zukunft. Das sollten sie auch. Die Autobauer haben so langsam mitbekommen, dass ich mir kein neues Auto kaufe. Auch kein gebrauchtes. Ich werde zu Fuß gehen und vielleicht mal mit dem Rad fahren. Aber in erster Linie bin ich mit zwei Beinen ausgestattet. Es gibt diesen Skateboard fahrenden Hund. Er wird gern als Kuriosität herumgezeigt. Aber niemand will einen Hund haben, der Skateboard fährt! So ist das auch mit uns. Wir müssen laufen. Weiter nichts. Laufen wir nicht, sollten wir liegen. Ich konnte in den vergangenen Wochen eingehend darüber nachdenken und auch verschiedene Tests durchführen, die alle Hypothesen bestätigen.

Nun hängt der Wohlstand in diesem Land allerdings daran, dass alle Menschen mehrere Autos in ihrem Leben kaufen. Ohne Autos wird alles anders. Ein Beispiel: Hefeweizen. Wer kein Auto mehr hat, kann einfach nicht jeden Tag drei bis fünf Hefeweizen zu Hause trinken, weil er gar nicht so viel heranschleppen kann. Wie ich schon mehrmals berichtet habe, war ich in der Familie, in der ich heranwuchs für die Getränkebeschaffung zuständig. Ich hatte auch damals kein Auto. (Als wir eins hatten, sind wir damit auch nicht einkaufen gefahren! Es gab gar keine Parkplätze vor der Kaufhalle.) Folgerichtig gab es Getränke aus der Kaufhalle nur zum Wochenende. Die Anzahl war streng limitiert. In der Woche gab es Zitronensaft mit Wasser. Als wir wohlhabend wurden, hatten wir ein Getränke-Siphon mit Kohlensäure-Patronen. Damit konnte man Kirsch- oder Kola-Sirup mixen.

Wenn nach und nach alle Menschen aufhören, ihre Autos, die sie vielleicht gar nicht mehr haben, zum einkaufen zu benutzen, wird nach den Getränkemärkten auch der Lebensmittelhandel Schwierigkeiten bekommen. Die Leute kommen vielleicht jeden zweiten Tag, aber sie haben nur zwei Taschen mit und kaufen an einem Tag Obst und Gemüse und an einem anderen Brot und Käse. Man wird sich nicht anders zu helfen wissen, als das ganze üppige Angebot ein bisschen zurückzufahren. Dann gibt es in der Stadt vielleicht noch zwei Kaufhallen und der Rest wird Obst und Gemüse. Logischerweise fliegen wir dann aus dem Euro raus und müssen eine eigene Währung einführen. Warum wir für die Münzen Aluminium nehmen, obwohl wir gar keine nennenswerten Bauxitvorkommen haben, versteht wieder kein Mensch. Und das alles nur, weil ich mir irgendwann kein neues Auto mehr kaufen wollte. Es tut mir gar nicht leid.

Reblog: Hein

Wie gewöhnlich erwachte ich mitten in der Nacht, pünktlich um drei Uhr. Aber diesmal war etwas anders. Am Fußende meines Bettes stand eine Kapuzengestalt. Ich bekam einen gewaltigen Schreck. Ich rief laut: „Was ist denn hier los?!“ und bekam natürlich keine Antwort. Ich bin aber auch sehr schreckhaft. Ich erschrecke mich zum Beispiel jeden Morgen aufs Neue, wenn das Radio um 7:00 anspringt. Ich bin dann schon lange wach, aber aus Angst, zu verschlafen, habe ich einmal diesen Timer eingestellt. Jetzt kriege ich ihn nicht mehr abgestellt. Ich weiß nicht, ob das gesund ist.

Jetzt stand da also mitten in der Nacht eine Kapuzengestalt und schien schon daran gewöhnt zu sein, dass sich die Leute immer erschrecken. Wie lange hatte er da schon gestanden? Vielleicht war er schon um eins da und hatte jetzt zwei Stunden gewartet. Jedenfalls begann die Gestalt zu sprechen und sagte: „Deine Lebenszeit ist abgelaufen. Du kannst dir jetzt aussuchen, ob du gleich mitkommen oder noch eine zweite Runde dranhängen willst.“
„Was??“
„Wenn du nicht mitkommst, musst du noch mal genauso lange warten, wie bis jetzt. Ich habe viel zu tun und kann nicht zwischendurch einfach so vorbeikommen.“

Ich fand das nicht richtig, dass ich solche Entscheidungen ohne Vorwarnung nachts um drei treffen sollte. Ich musste ihn hinhalten. Ich sagte: „Ich habe keine saubere Unterwäsche mehr.“ Er verzog keine Miene. Er hätte ja wenigstens vorher anrufen können. Ich bin ja schließlich nicht allein auf der Welt. Selbst ich habe soziale Kontakte! Dann hätte ich das auf der Arbeit besprechen können: Was sagt ihr dazu, soll ich es jetzt gleich machen oder noch warten? Gut, meine Rentenversicherung brauche ich nicht fragen. Aber ich habe doch auch Freunde. Wären sie einverstanden, wenn ich gleich mitginge? Welche Antwort hätte ich eigentlich gern?
Die Kapuzengestalt drängelte: „Also, was ist nun? Keiner, der mitgekommen ist, hat es jemals bereut.“
Schon klar. Was soll er auch sonst sagen? Vielleicht ist das Leben aber auch ein Wartebereich, wie auf einer Meldestelle. Und ich wäre jetzt dran und sage: Oooch, nee, jetzt noch nicht, ich will noch ein bisschen weiter warten. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr spricht dafür, dass es so ist. Oder so ähnlich.

Na ja, was soll ich sagen? Ich bin nicht mitgegangen.

Veröffentlicht in „Alles gelogen“, 2017

Warenhäuser

Ich habe mein kleines Auto gestern früh zur Durchsicht gebracht und wollte es eigentlich am Nachmittag wieder abholen. Dann bekam ich es aber nicht zurück. Sie wollen es über Nacht da behalten. Da sieht man es mal wieder: man sollte sich jeden Morgen ordentlich voneinander verabschieden und niemals im Streit in den Tag hinaus gehen. Es kann passieren, dass man sich am Abend nicht wiedersieht. Da es noch sehr früh war habe ich überhaupt nicht mit dem Auto gesprochen. Ich habe auf seinen Pedalen herumgetrampelt, die Tür zugeschlagen und bin ohne ein Wort weggegangen. Nun steht es da, hinter einem Zaun zusammengepfercht mit anderen Autos, die es nicht kennt. Ich kann nur hoffen, dass ich es heute wiederbekomme und dann bringe ich es nie wieder fort. Vielleicht kaufe ich ihm eine kleine Weide, auf der es stehen, sein Gnadenbrot verzehren und in Würde alt werden kann.

Früher habe ich mich damit begnügt, mich hinter ein Lenkrad zu setzen und Fahrgeräusche zu machen, ohne dass ich mich einen Zentimeter fortbewegt hätte. Ich kam trotzdem an, stieg aus und knallte mit der Tür. Dann ging ich meinen Geschäften nach. Meine Nichten haben in ihrem Keller einen Kaufmannsladen, in dem man alles kaufen kann, was man will. Warum reicht einem das irgendwann nicht mehr? Deutschlands große Warenhäuser haben ein Bündnis zur Freigabe der Öffnungszeiten an Sonntagen geschmiedet. Einkaufen sei ein „fundamentaler Teil der Beschäftigung an Sonntagen“ sagen sie. Jaja, rufen wir, aber doch nicht im Warenhaus, sondern bei unseren Nichten im Keller.

Ich stelle mir vor, wie die Männer in unserer Straße morgens alle in ihre Autos steigen und damit zur Arbeit fahren, ohne sich vom Parkplatz zu rühren. Manche lassen die Scheiben runter und haben das Radio an. Die einen summen, die andern tuckern, wieder andere brummen. Nach einer halben Stunde ist auch der letzte angekommen und geht wieder in seine Wohnung zurück. Da helfen sie dann ihren Frauen die Wäsche zusammenzulegen, die gerade die Kinder in die Kita gebracht haben. Natürlich zu Fuß, denn die Kinder müssen ja wirklich in die Kita. Die Männer spielen nur, dass sie auf Arbeit fahren. Wenn die Frauen die Kinder wieder abholen haben auch die Männer Feierabend und fahren so nach Hause, wie sie am morgen hergekommen sind. Wenn sie dann heimkommen, freuen sie sich, dass die Kinder wieder da sind. Kein Auto fährt mehr auf der Straße, es gibt keine Unfälle und in der Werkstatt spielen sie mit den Neuwagen, die nun keiner mehr braucht. Und Warenhäuser heißen Warenhäuser, weil sie das früher mal waren.

Immer besser

Ich verbringe meine Wochenenden gern an abgelegenen Orten. Dieses Mal gedachte ich aus dem Dörfchen Zinndorf in der Märkischen Schweiz, wo ich mich um der Gemeinschaftspflege willen aufhielt, nach Bad Klosterlausnitz in Thüringen zu reisen. Am Einfachsten geht das über die Autobahn A9. Allerdings befürchtete ich dort (zu Recht) einen schrecklichen Stau und wollte über die A13 und A4 ausweichen. Den Anfang der A13 Richtung Dresden konnte man gar nicht verpassen. Er wurde durch einen Mega-Stau von geradezu biblischen Ausmaßen gekennzeichnet. Nach einer guten Stunde hatte ich dann freie Fahrt bis ans nächste Stauende auf der A4. Hier versuchte ich ein Käsebrötchen zu verzehren. Es war außer mit Käse noch mit Tomaten und einer schmierigen, tropfenden Substanz belegt, die den einhändigen Verzehr fast unmöglich machte. Die Brötchenhälften verschoben sich beim Zubeißen gegeneinander und die fettige Creme tropfte mir in den Schoß. Dann zog die Kolonne mit der Geschwindigkeit an. Ich hatte Remouladen-Hand, konnte nicht schalten und versuchte, im 2. Gang mitzuhalten. Bei Tempo 80 gab ich auf.

Die thüringische Landesgrenze präsentierte sich dann als Wetterscheide. Ich fuhr übergangslos von 30 Grad Celsius und Sonnenschein nach 16 Grad, Hagel und Starkregen. Die Scheiben beschlugen sofort. Das Navi hatte ich ausgeschaltet. Wie durch ein Wunder gelangte ich im Blindflug ans Ziel. Im Nebenzimmer hatte ein älterer Herr Quartier genommen. Aus irgendeinem Grund lässt er das Licht in seiner Nasszelle an, so dass ich vom etwas bedrohlich wirkenden Brummen der Lüftung in den Schlaf gesungen wurde. Im Frühstücksraum war für zwei gedeckt, ich war Erster. Als mein Nachbar kam, erkundigte er sich, ob es freie Platzwahl gäbe. Ich bejahte.

Inzwischen liege ich im Park der Kurklinik in der Sonne und denke über das Leben nach. Da ich ein Spätentwickler bin, werde ich auch etwas später eigene Kinder haben. Ich werde dann im Großeltern-Alter sein und mein Kind so wie mein eigenes Enkelkind aufziehen. Auch mein Kind wird mich als seinen Großvater ansehen. So werden wir viel Spaß miteinander haben. Um die Erziehung sollen sich bitte andere kümmern. Das Kind wird ja wohl noch eine Mutter haben. Daran sieht man schon, dass die Mutter des Kindes bedeutend jünger sein wird. Das ist nun mal nicht mehr zu ändern, muss aber kein Nachteil sein. Es wird immer besser.