Dem Tode geweiht

Früher habe ich mir viel Mühe mit der Fliegenabwehr gemacht. Ich habe vor jedes Fenster Fliegengitter geklebt und hatte für drinnen eine Klatsche. Das Problem mit der Klatsche war nur, dass sie nie da war, wo man sie gerade brauchte. Ich musste immer erst sehr lange suchen. Anschließend war die Fliege schon immer wieder woanders. Daher habe ich zum Glück nur wenige Fliegen totgeschlagen. Die Balkontür stellt immer wieder eine besondere Herausforderung für Fliegenabwehrmaßnahmen dar. Ich habe schon verschiedene Sachen ausprobiert und benutze in diesem Jahr wie auch schon im vergangenen so einen Vorhang aus vier Streifen, die unten beschwert sind. Man muss beim Anbringen schon sehr sorgfältig arbeiten, damit das Ding auch funktioniert. Über meinen Vorhang lachen sich die Fliegen jetzt bestenfalls tot. Manche fliegen auch einfach durch die scheunentorgroßen Lücken zwischen den Bahnen. Im vergangenen Jahr war ich viel in der Wohnung unterwegs, um die Eindringlinge auf die schon beschriebene Weise wieder zu entfernen.

In diesem Sommer bin ich nicht so beweglich und habe das Treiben der munteren Gesellen von meinem Krankenlager aus studiert. Man braucht sich nichts vorzumachen: es fliegen tatsächlich sehr viele Fliegen hinein. Wenn man dann aber einfach liegen bleibt und die Sache weiter beobachtet, passiert etwas völlig Unerwartetes. Die Fliegen fliegen irgendwann auch wieder hinaus! Voraussetzung ist natürlich, dass man zwischenzeitlich nicht alle Türen und Fenster zumacht oder mit Fliegengitter abklebt. Diese Beobachtung hat mich sehr froh gemacht. Das Leben kann so einfach sein. Wir neigen aus unerfindlichen Gründen dazu, es uns so schwer wie möglich zu machen, aber hin und wieder kriegt man einen Fingerzeig.

Es kann allerdings auch sein, dass meine Wohnung in dieser Hinsicht einen Sonderfall darstellt. Ich muss feststellen, dass noch keine einzige Fliege hereingekommen ist, während ich an diesem Text schreibe, obwohl Fenster und Türen fliegengitterfrei und weit geöffnet sind. Eine Fliege habe ich zwar gesehen. Das heißt, ich sehe sie immer noch. Sie liegt reglos auf dem Rücken auf dem Fensterbrett. Ich bin kein Entomologe, aber es könnte durchaus sein, dass das Tier dort verendet ist. Vielleicht ist meine Wohnung eine Insektenfalle? So wie hier keine Blumen überleben, fallen auch Fliegen tot von der Wand, sobald ich einen Raum betrete. Unter den Kerbtieren hat sich das schon irgendwie herumgesprochen, so dass sie meine Wohnung möglichst meiden. Verfliegt sich doch mal eines hinein, tut es gut daran, so schnell wie möglich wieder ins Freie zu gelangen. Wer es in Tagesfrist nicht schafft, ist dem Tode geweiht.

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Bis zehn zählen

Also ich werde hier ganz zweifellos nudelrund und dick und fett. Ich esse, trinke und schlafe – aber ich bewege mich nicht. Kein Stück. Leider könnte ich das auch gar nicht mehr, denn meine Muskeln haben sich in pures Fett verwandelt. Das sehe ich, wenn ich auf die Waage steige und ich merke es, wenn ich mein Fahrrad aufpumpen will. Geht nicht mehr. Auf der Waage sieht es natürlich gut aus, denn Fett ist ja leichter und schwimmt oben. Es kann nur nur noch ein oder zwei Tage dauern, bis ich mein Lager nicht mehr verlassen kann, weil ich ein einziger Fettklumpen bin.

Dabei wäre ich ja gerne mal rausgegangen. Aber erst konnte ich nicht, weil es geregnet hat. Dann war es zu heiß. Schließlich habe ich für alle Nachbarn Pakete angenommen, weil ich der Einzige bin, der bei diesem Wetter noch in der Wohnung ist. Jetzt muss ich da sein, falls sie zurück kommen und ihre Pakete holen wollen. Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Zettel, das Paket sei beim Nachbarn und dann ist der Nachbar nicht da. Wie soll man denn jetzt an sein Paket kommen? Man kann es ja nicht mal selbst abholen! Ein Nachbar, der ein Paket angenommen hat, hat gefälligst da zu sein. Wenn meine Nachbarn leider plötzlich verstorben sein sollten, werde ich hier nie mehr rauskommen. Ich merke schon, dass ich psychisch langsam zu meiner alten Form zurückfinde. Nur körperlich nicht. Körperlich erreiche ich allmählich die Schlachtreife. Ich bin ein Schwein im Käfig. Ein glückliches Schwein, aber ein Schwein. Ich habe mich übrigens auch wegen meiner Sehstörung noch nicht rausgewagt. Die präparierte Sonnenbrille war doch keine richtige Sehhilfe und die zugeklebte Fernbrille war für meinen Geschmack doch zu auffällig. Jetzt hat die Post einen Sonnenbrillen-Clip gebracht, den ich vor die abgeklebte Brille klappen kann. Jetzt fühle ich mich wieder einigermaßen gesellschaftsfähig und muss es eigentlich auch ausprobieren.

Aber wir wollen nichts überstürzen. Ich werde mich noch früh genug wieder bewegen müssen. Der Körper braucht erst mal viel Ruhe. Auch wenn es schwerfällt, zwinge ich mich, noch einen Ruhetag einzulegen. Ich kann ja schon mal auf den Balkon hinaustreten und mich ein bisschen unter den Sonnenschirm setzten. Dann gucke ich den Fleißigen Lieschen beim Fleißig-Sein zu und kriege bestimmt ganz große Lust, auch was zu tun. Wenn das passiert, trinke ich ein Glas kaltes Wasser und zähle bis zehn. Und dann werden wir ja sehn.

Schritte

Ich war schon lange nicht mehr auf dem Balkon. Das sieht man auch. Ich habe noch zwei Blumenkästen vom vorvorletzten Sommer auf der Brüstung stehen. Um deren Bepflanzung muss ich mich jetzt nicht mehr kümmern. Den einen ziert Löwenzahn (wahrscheinlich). Im anderen schießt ein langes einstieliges Gewächs mit weißen Blüten in die Höhe, das jetzt schon an die dreißig Zentimeter erreicht haben dürfte. Ich kann es leider nicht nachmessen, weil ich den Balkon aus einem mir unbekannten Grund zur Zeit nicht betrete. Dabei habe ich viel mit ihm vor. Ich will mir Pflanzgefäße für den Boden besorgen und dann alles einpflanzen, was ich so zu fassen kriege. Ich möchte, dass der Balkon in ein paar Jahren völlig überwuchert ist. Man soll denken, man wäre im Urwald wenn man die Balkontür aufmacht. Das wird auch funktionieren. Ich muss nur anfangen. Heute wird es nichts mehr.

Auch gestern ist es schon nichts geworden und morgen wird es auch nichts werden. Übermorgen kann ich nichts kaufen, weil Sonntag ist. Dieser blöde Sonntag! Immerhin habe ich aber schon etwas in meiner Wohnung aufgeräumt. Das Schrankbett in meiner Kammer war total zugestellt. Ich fand das schade, denn so ein Schrankbett (oder Klappbett) macht ja nur Sinn, wenn man es auch einfach so aufklappen kann. Das ging lange Zeit nicht. Jetzt geht es wieder. Ich musste dazu eigentlich nur verschiedene leere Pappkartons aus der Zeit Ludwigs des XIV entsorgen. Seit den Tagen des Sonnenkönigs stehen sie in meiner Kammer vor dem Schrankbett. Jetzt war einfach mal Schluss. Ohne Bedauern habe ich sie platt gemacht und in den Papiercontainer gesteckt. Ich kann nun einen Schlafgast beherbergen.

Ich hatte erst Bedenken, Schlafgästen dieses Klappbett in einer fensterlosen Kammer anzubieten. Diese Bedenken habe ich nicht mehr. Gäste schlafen ab sofort im Alkoven. Alkoven waren in der Tat richtige Schrankbetten – eingebaut in einen Schrank in der Wand. Allerdings gab es zum Ende des 19. Jahrhunderts Probleme mit der Hygiene. Sie haben das Stroh nicht gewechselt und außerdem lagerten unter dem Alkoven meistens Lebensmittel. Diese Probleme habe ich nicht. Mein Alkoven ist sauber und absolut hygienisch.

Falls ein Gast meinen Alkoven doch einmal nicht zu schätzen weiß, gibt es natürlich auch noch andere Schlafplätze. Mit dem Balkon bin ich dadurch allerdings noch nicht weiter gekommen. Er ist immer noch kahl und ein bisschen unansehnlich. Aber einen Gedanken aufzuschreiben, ist der erste Schritt auf seinem Weg in die Wirklichkeit. Danach kommt der zweite Schritt. Und dann der dritte.