Kaufhalle, Obst und Gemüse

Für die Autobauer beginnt eine schwierige Zeit. Manche sprechen von einem Erdrutsch. Manche auch von einem Desaster. Sie machen sich Gedanken um ihre Zukunft. Das sollten sie auch. Die Autobauer haben so langsam mitbekommen, dass ich mir kein neues Auto kaufe. Auch kein gebrauchtes. Ich werde zu Fuß gehen und vielleicht mal mit dem Rad fahren. Aber in erster Linie bin ich mit zwei Beinen ausgestattet. Es gibt diesen Skateboard fahrenden Hund. Er wird gern als Kuriosität herumgezeigt. Aber niemand will einen Hund haben, der Skateboard fährt! So ist das auch mit uns. Wir müssen laufen. Weiter nichts. Laufen wir nicht, sollten wir liegen. Ich konnte in den vergangenen Wochen eingehend darüber nachdenken und auch verschiedene Tests durchführen, die alle Hypothesen bestätigen.

Nun hängt der Wohlstand in diesem Land allerdings daran, dass alle Menschen mehrere Autos in ihrem Leben kaufen. Ohne Autos wird alles anders. Ein Beispiel: Hefeweizen. Wer kein Auto mehr hat, kann einfach nicht jeden Tag drei bis fünf Hefeweizen zu Hause trinken, weil er gar nicht so viel heranschleppen kann. Wie ich schon mehrmals berichtet habe, war ich in der Familie, in der ich heranwuchs für die Getränkebeschaffung zuständig. Ich hatte auch damals kein Auto. (Als wir eins hatten, sind wir damit auch nicht einkaufen gefahren! Es gab gar keine Parkplätze vor der Kaufhalle.) Folgerichtig gab es Getränke aus der Kaufhalle nur zum Wochenende. Die Anzahl war streng limitiert. In der Woche gab es Zitronensaft mit Wasser. Als wir wohlhabend wurden, hatten wir ein Getränke-Siphon mit Kohlensäure-Patronen. Damit konnte man Kirsch- oder Kola-Sirup mixen.

Wenn nach und nach alle Menschen aufhören, ihre Autos, die sie vielleicht gar nicht mehr haben, zum einkaufen zu benutzen, wird nach den Getränkemärkten auch der Lebensmittelhandel Schwierigkeiten bekommen. Die Leute kommen vielleicht jeden zweiten Tag, aber sie haben nur zwei Taschen mit und kaufen an einem Tag Obst und Gemüse und an einem anderen Brot und Käse. Man wird sich nicht anders zu helfen wissen, als das ganze üppige Angebot ein bisschen zurückzufahren. Dann gibt es in der Stadt vielleicht noch zwei Kaufhallen und der Rest wird Obst und Gemüse. Logischerweise fliegen wir dann aus dem Euro raus und müssen eine eigene Währung einführen. Warum wir für die Münzen Aluminium nehmen, obwohl wir gar keine nennenswerten Bauxitvorkommen haben, versteht wieder kein Mensch. Und das alles nur, weil ich mir irgendwann kein neues Auto mehr kaufen wollte. Es tut mir gar nicht leid.

Advertisements

Ich war noch niemals in New York

Jetzt müssen wir Bayern doch behalten. Der Freistaat darf nicht aus der Bundesrepublik austreten. Das Bundesverfassungsgericht erlaubt es nicht. Genauer gesagt erlaube es die Verfassung nicht, sagt das Bundesverfassungsgericht. Das ist schade, denn wenn Bayern eben einfach nur Bayern wäre, brauchte sich der Ministerpräsident Seehofer nicht mehr so darüber aufzuregen, was die Deutschen in diesem Deutschland da andauernd für einen Unsinn verzapfen. Nun, da er ein Teil von diesem Deutschland bleiben muss, muss er weiterhin viel Energie aufwenden, sich von allem ordentlich abzugrenzen.

Aber was schreibe ich denn da! Natürlich möchte ich Bayern gern behalten. Bayern gehört doch zu Deutschland! Außerdem bezahlen sie viel Geld für den Länderfinanzausgleich. Es wäre sehr traurig, wenn der Scheck nicht mehr käme. Ich habe mich schon lange gefragt, wo eigentlich das ganze Geld für die Währungsunion hergekommen ist. Wahrscheinlich hätte die ganze Wiedervereinigung nicht funktioniert, wäre Theo Waigel damals nicht Bundesfinanzminister gewesen. Als Bayer konnte er so viel D-Mark in den Osten werfen, wie er wollte. Er hatte damals nämlich noch Fortunati Glückssäckel – und keinen Schatten! Nein, nein! Ganz falsch. Jetzt sehe ich klar: Wir, die Ossis, wir haben unseren Schatten verkauft. Theo Waigel war der Herr im grauen Rock. Der Handel gilt. Wollen wir unseren Schatten zurück, müssen wir ihm unsere Seele versprechen. Haben wir das in einer freibierseeligen Nacht etwa gemacht? Ich hoffe nicht.

Jeder Erwachsene DDR-Bürger durfte 4000 Mark 1:1 umtauschen. Natürlich hatte ich 1990 keine 4000 Mark. Ich glaube, ich hatte nicht mal 400 Mark. Ich hätte auch gar nicht gewusst, was ich damit anfangen sollte. Es gab nichts für Geld zu kaufen, was mich angezogen hätte. Darum war ich frei. Ich konnte meine todsichere Festanstellung aufgeben und neue Sachen ausprobieren. Es war so einfach. Es gab einfach nichts zu verlieren. Das Geld, das man zum Leben brauchte, bekam man immer irgendwie. Das war 1986. Und doch haben wir uns nicht frei gefühlt, weil wir es politisch nicht waren; weil wir nicht reisen konnten; weil wir uns nicht informieren und bilden konnten. Und auf einmal hatte ich doch 4000 Mark. Meine Oma wollte ihr Erspartes vor der Halbierung retten und danach wollte sie es nicht zurück. Ich habe das Geld genommen und ich weiß nicht mal mehr, was ich damit gemacht habe; vermutlich mit Halunken durchgebracht.

Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim
durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit
Die Frau rief ‚Mann, wo bleibst du bloß? Dalli Dalli geht gleich los‘
Sie fragte ‚War was?‘ – ‚Nein, was soll schon sein…‘