Bewußter vergessen

Wie durch ein Wunder denke ich neuerdings beim Einkaufen immer an den Flaschenbon. Das ist äußerst seltsam, denn meistens lege ich die leeren Flaschen morgens in den Automaten, stecke den Bon dann ein, mache meine Termine und gehe danach, quasi auf dem Nach-Hause-Weg, einkaufen. Ich vergesse alles andere, unter anderem, was ich einkaufen wollte. Aber immer gerade noch rechtzeitig fällt mir der Flaschenbon ein. Ich finde das schön. Außerdem ist es wichtig für das Selbstwertgefühl. Wenn ich zu Hause meine Einkäufe auspacke, von denen ich meistens absolut nichts verwenden kann – und dann auch noch die nicht eingelösten Flaschenbons in der Brieftasche finden würde – ich könnte mir beim Rasieren nicht mehr in die Augen sehen. Aber so schlimm ist es ja zum Glück nicht und ich rasiere mich weiterhin regelmäßig. Darüber hinaus ist es ein Segen, alles zu vergessen. Das muss man erst mal können.

Weil ich das nicht konnte, habe ich mal angefangen, diese Texte zu schreiben. Dabei musste ich mich gedanklich mit irgendeinem beliebigen Thema beschäftigen. Es durfte nur nichts mit der Arbeit zu tun haben. Wenn der Text fertig war, hatte ich die Arbeit vergessen. Das war damals wirklich körperlich spürbar: Im Kopf ging ein Knoten auf. Nachdem ich mir mein Hirn kürzlich einmal unfreiwillig ordentlich durchgeschüttelt habe, brauche ich das nicht mehr. Wenn ich längere Sätze anfange, vergesse ich unterwegs, worauf ich hinaus wollte. Das war allerdings auch schon vor meinem Unfall so. Aber damals war mir das keineswegs bewußt, weshalb meine Ansprachen teilweise einfach nur bizarr wirkten und auf die Dauer ermüdeten. Es scheint nun so zu sein, dass ich nicht viel mehr vergesse als früher, dies aber viel bewußter tue.

Vergessen ist ein Segen. Was ich nicht vergessen will, vergesse ich auch nicht. Alles andere belästigt mich nicht mehr. Beim Verlassen der S-Bahn, grüßte mich unlängst ein Bahnsteigarbeiter. Ich grüßte zurück. Wer war das? Woher kennt er mich? Vergessen. Das ist nicht schlimm. Man muss nur höflich bleiben und trotzdem grüßen. Vielleicht kannte er mich ja auch gar nicht und war selbst einfach nur höflich? Natürlich vergisst man nichts. Niemand kann das. Das Gehirn wertet und gewichtet nur unterschiedlich. Bei mir sind die Prioritäten verrutscht, zu meinem Vorteil, wie ich glaube. Ich wünsche mir, dass das so bleibt. Was ich eigentlich schreiben wollte, habe ich vergessen. Und das ist gut so!

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Wie es war, zufrieden zu sein

Was hat sich verändert? Der Alltag wird zurückkommen, seine Sorgen, seine Nöte und die Ärgernisse. Alles wird wieder wie früher. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht gelingt es mir ja, nicht zu vergessen, dass es mal einen Zustand gab, in dem ich einfach nur froh war, am Leben zu sein. Es spielte keine Rolle, dass ich kein Handy hatte und es war mir egal, dass ich nur ein gepunktetes Nachthemd trug, das hinten offen war. Ein Blick, ein Lächeln allein konnte mich glücklich machen. Ich sah die Gesichter der Menschen und ich kannte sie und ich war voller Vertrauen. Ich sah mir Fußballspiele im Fernsehen an, weil mein Bettnachbar es wollte und freute mich darüber. Es war – das mag jetzt befremdlich klingen – wunderbar. Ich war zufrieden und meine Seele hatte Ruhe. Mir war vollkommen klar, dass ich es nicht im Mindesten in der Hand habe, ob ich lebe oder nicht. Und da ich nun einmal am Leben war, gab es nichts mehr, was ich noch begehren konnte. Vielleicht lag es an den Medikamenten oder daran, dass ich tatsächlich noch einmal davon gekommen war oder an Beidem zusammen. Wie auch immer, es wird nicht so bleiben. Dieses Gefühl einer paradiesischen Geborgenheit wird verblassen und schließlich verschwinden. Aber ich kann mich daran erinnern.

Dass es jetzt gar nicht mehr aufhören will, zu regnen, war natürlich nicht so geplant. Davon haben auch die Fleißigen Lieschen nichts. Sie werden ertrinken und niemand kann sie retten. Aber sie waren da, wir hatten unsere Zeit und wenn die Sonne wieder auf den Balkon scheint, werden wir weitersehen. Als ich nach einer heftigen Bronchitis einmal nicht wieder mit dem Rauchen angefangen habe, habe ich viel Zeit gewonnen. Der Kopf wurde freier, weil ich nicht ständig an die Bevorratung denken musste. Wie ich jetzt feststelle, habe ich dann aber den Balkon nicht mehr genutzt, weil es offenbar ein Rauch-Balkon war. Dafür sah ich wieder mehr fern. Im Moment finde ich fernsehen noch sehr anstrengend, die Augen beginnen bald zu schmerzen und ich möchte doch lieber auf dem Balkon sitzen.

Noch vor kurzem dachte ich dann: Warum soll ich hier sitzen, wenn ich gar nicht rauche? Seit zwei Wochen denke ich das nicht mehr. Und das Beste: ich muss nicht mal Hefeweizen dabei trinken. Ich kann einfach nur dasitzen und mich freuen, dass die Sonne scheint. Das wird bald nachlassen. Aber die Sonne kommt wieder. Und dann werde ich mich erinnern, wie es war, zufrieden zu sein.

Vergessen

Neulich hatten wir es wieder von der Vergesslichkeit. Ich telefonierte mit einer Kollegin, die dies und das für mich erledigen sollte. Sie bemerkte, dass sie solche Sachen neuerdings gleich wieder vergesse. Ich versprach ihr meine Aufträge unmittelbar nach unserem Gespräch noch mal per Mail zu schicken. Meine Kollegin meinte, unsere Vergesslichkeit läge daran, dass wir heutzutage so viel im Kopf haben müssten. Ich pflichtete ihr mit Nachdruck bei. Dann legten wir auf. Ich begann auch sofort mit dem Mail-schreiben, konnte mich aber beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, welchen Inhalt ich schriftlich mitzuteilen verabredet hatte. Also schrieb ich, dass es mir gut gehe, fragte nach dem eigenen Wohlergehen und dem der Kinder und wünschte ein schönes Wochenende. Dann fiel mein Blick auf die Adresszeile. Sie war leer. An wen wollte ich die Mail denn eigentlich abschicken? Mit wem hatte ich vorhin telefoniert und warum hatte ich angerufen? Ich hatte es vergessen. Das war aber nicht schlimm, denn es klopfte an der Tür und ich bekam Besuch.

Es war eine Dame, die mir bekannt vorkam. Ihrem freundlichen Geplauder entnahm ich, dass wir verabredet wären. Tatsächlich kamen noch einige andere Leute und wir setzten uns zusammen. Es gab Gebäck und verschiedene Heißgetränke. Wir unterhielten uns sehr angeregt und der Vormittag verging, wie im Flug. Dann musste die Dame auf die Toilette und ich nahm mehrere Telefonate entgegen, in denen mir Informationen mitgeteilt wurden, die ich sorgfältig notierte. Als ich damit fertig war, war die Dame gegangen und auch die übrigen Teilnehmer unser vormittäglichen Arbeitsgruppe waren fort. Ich war allein und auf meinem Schreibtisch lagen mehrere Zettel, die mit rätselhaften Informationen vollgeschrieben waren. Da ich damit nichts anfangen konnte, überantwortete ich sie dem Aktenvernichter. Ich glaube auch, dass meine Vergesslichkeit und die große Masse an Informationen, die täglich verarbeitet werden müssen, zusammenhängen. Darum halte ich Informationen so gut es geht von mir fern. Ich höre kein Radio mehr. Ich sehe nicht mehr fern. Ich lese keine Zeitung und ich telefoniere auch nicht. Ich hoffe, dass sich das Kurzzeitgedächtnis auf diese Weise schnell wieder regeneriert.

Ich war ganz kurz im Bad, hatte aber vergessen, was ich dort wollte. Als ich wieder zurückkam, fand ich diesen Text auf meinem Computer. Ich weiß weder, wer ihn geschrieben hat, noch weiß ich, was er bedeuten soll. Aber ich brauche noch einen Freitags-Text für meinen Blog. Ich nehme den hier.