Warenhäuser

Ich habe mein kleines Auto gestern früh zur Durchsicht gebracht und wollte es eigentlich am Nachmittag wieder abholen. Dann bekam ich es aber nicht zurück. Sie wollen es über Nacht da behalten. Da sieht man es mal wieder: man sollte sich jeden Morgen ordentlich voneinander verabschieden und niemals im Streit in den Tag hinaus gehen. Es kann passieren, dass man sich am Abend nicht wiedersieht. Da es noch sehr früh war habe ich überhaupt nicht mit dem Auto gesprochen. Ich habe auf seinen Pedalen herumgetrampelt, die Tür zugeschlagen und bin ohne ein Wort weggegangen. Nun steht es da, hinter einem Zaun zusammengepfercht mit anderen Autos, die es nicht kennt. Ich kann nur hoffen, dass ich es heute wiederbekomme und dann bringe ich es nie wieder fort. Vielleicht kaufe ich ihm eine kleine Weide, auf der es stehen, sein Gnadenbrot verzehren und in Würde alt werden kann.

Früher habe ich mich damit begnügt, mich hinter ein Lenkrad zu setzen und Fahrgeräusche zu machen, ohne dass ich mich einen Zentimeter fortbewegt hätte. Ich kam trotzdem an, stieg aus und knallte mit der Tür. Dann ging ich meinen Geschäften nach. Meine Nichten haben in ihrem Keller einen Kaufmannsladen, in dem man alles kaufen kann, was man will. Warum reicht einem das irgendwann nicht mehr? Deutschlands große Warenhäuser haben ein Bündnis zur Freigabe der Öffnungszeiten an Sonntagen geschmiedet. Einkaufen sei ein „fundamentaler Teil der Beschäftigung an Sonntagen“ sagen sie. Jaja, rufen wir, aber doch nicht im Warenhaus, sondern bei unseren Nichten im Keller.

Ich stelle mir vor, wie die Männer in unserer Straße morgens alle in ihre Autos steigen und damit zur Arbeit fahren, ohne sich vom Parkplatz zu rühren. Manche lassen die Scheiben runter und haben das Radio an. Die einen summen, die andern tuckern, wieder andere brummen. Nach einer halben Stunde ist auch der letzte angekommen und geht wieder in seine Wohnung zurück. Da helfen sie dann ihren Frauen die Wäsche zusammenzulegen, die gerade die Kinder in die Kita gebracht haben. Natürlich zu Fuß, denn die Kinder müssen ja wirklich in die Kita. Die Männer spielen nur, dass sie auf Arbeit fahren. Wenn die Frauen die Kinder wieder abholen haben auch die Männer Feierabend und fahren so nach Hause, wie sie am morgen hergekommen sind. Wenn sie dann heimkommen, freuen sie sich, dass die Kinder wieder da sind. Kein Auto fährt mehr auf der Straße, es gibt keine Unfälle und in der Werkstatt spielen sie mit den Neuwagen, die nun keiner mehr braucht. Und Warenhäuser heißen Warenhäuser, weil sie das früher mal waren.

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Einfach verschwinden

Alle wachsen. Nur ich nicht. Als ich Kind war hatten wir eine Schildkröte. Sie hieß Erna und lebte über die Sommermonate in unserem Garten. In ihren Panzer hatte mein Vater am Rand ein Loch gebohrt. So konnten wir eine Leine befestigen und ich ging mit Erna Gassi. Schildkröten können sehr alt werden. Als wir zurückkamen war der Garten verkauft, mein Bruder hatte geheiratet und war Vater zweier Kinder. So wachse ich nicht. Ich bin das Oskarchen aus der „Blechtrommel“. Meine Wohnungen werden nicht größer, sondern eher kleiner. Ich arbeite nicht immer mehr, sondern immer weniger. Auch die Autos wachsen nicht. Vielleicht trennen wir uns sogar irgendwann. Muss man denn wachsen? Muss man immer größer werden? Kann man sonst untergehen oder einfach verschwinden?

Ich glaube das nicht. Wachsen ist nur eine Möglichkeit zu überleben und keinesfalls die beste. Die Saurier hatten alles auf Wachstum gesetzt – und verloren. Gewinner wurden kleine Warmblüter: die Säugetiere. Wer klein bleibt, kann sich besser anpassen und reagiert schneller. Vor allem braucht man weniger Energie. Das scheint mir im Augenblick wieder ein entscheidender Vorteil zu sein. Wenn ich das als Kind schon so gesehen hätte, hätte ich mich auch gegen das Wachsen entschieden. Leider läuft es nicht so. Als Kind will man auf jeden Fall wachsen. Man ist von Großen umgeben und will selber so schnell wie möglich groß werden. Und irgendwann kann man dann nicht mehr damit aufhören. Ich wachse nicht mehr. Um mich herum wachsen sie weiter. Wir werden ja sehen, wohin das führt. Wenn das Gras wächst, wird es gemäht. Die Fingernägel wachsen und werden geschnitten. Gleichzeitig wachsen Faulheit und Trägheit. Die Kinder wachsen auch und die Zeit vergeht. Und ehe man sich’s versieht, gehen sie fort. Dann wächst vielleicht wieder die Leere in den großen Häusern. Was weiß ich schon?

Ich weiß nur, dass es gut ist immer wieder mal das Gegenteil von dem zu machen, was alle machen. „Alle“ hat nämlich kein Gesicht. Wenn alle immer mehr arbeiten, will ich weniger machen. Wenn alle immer mehr Geld brauchen, will ich mit weniger auskommen. Wenn alle wachsen, will ich kleiner werden. Wer nun aber für einen Garten verantwortlich ist, weiß alles über das Wachsen. Und wünscht sich sicher manchmal, es würde so manches einfach verschwinden.

Über die Wupper

Die Hattinger Altstadt ist auf jeden Fall sehenswert. Mitten hinein haben sie einen Kirchturm gebaut, dessen Dach ein bisschen aussieht, wie ein schiefer Hut. Drum herum ist jeder mögliche Platz mit Häuschen bebaut, so dass man mit den Grundrissen kreativ umgehen muss. Hauptsächlich baut man unten schmal und wird nach oben breiter. Ein Sonderfall ist das Bügeleisenhaus. Der Grundriss ist dreieckig oder trapezförmig, um den Platz zwischen zusammenlaufenden Gassen nutzen zu können. Bei den notwendigen Recherchen für das Bügeleisenhaus fällt mir unweigerlich mein eigenes Bügeleisen wieder ein. Ich habe es schon lange nicht mehr benutzt. Ich kann gar nicht sagen, ob ich es überhaupt schon mal benutzt habe. Es ist jedenfalls ein Dampfbügeleisen. Ich glaube, es gibt eine bestimmte Art von Kleidungsstücken, die man mit diesem Gerät bearbeiten muss. Zurzeit besitze ich solche Kleidungsstücke nicht. Sie gehören wahrscheinlich zu einem Dresscode, der mit meiner Lebenswirklichkeit nicht viel zu tun hat.

Hattingen liegt auf der einen Seite des Wohnwagens. Auf der anderen Seite liegt Wuppertal. Durch Wuppertal fließt bekanntlich die Wupper, die für eine der rätselhaftesten Redewendungen der deutschen Sprache herhalten muss: über die Wupper gehen. Kein Mensch weiß mehr, was es eigentlich bedeutet. Die einen sagen so, die anderen so. Dessen ungeachtet und von solcherlei Fragen völlig unberührt gleitet das wichtigste Verkehrsmittel der Wuppertaler über der Wupper dahin: Die Wuppertaler Schwebebahn. Sie ist eigentlich eine Einschienenhängebahn, weil sie ja nicht wirklich schwebt sondern eben an einer Schiene hängt. Mit ein bisschen Fantasie kann man sich vorstellen, ein Riese hätte die Bahn genommen und samt Schiene verkehrtherum in die Luft gehängt. Die Bahn fährt in fünfundvierzig Minuten von Oberbarmen nach Vohwinkel und ist bei den Wuppertalern überaus beliebt. Fährt man einmal hin und wieder zurück, hat man alle Wuppertaler getroffen, die es gibt.

Man erlebt hier so viel. Die Gegend hängt so eng zusammen, dass man fast übergangslos von einem Ort in den anderen gelangt. Darum gibt es hier das Sprichwort: „Mit Essen sind wir fertig. Jetzt fangen wir in Bochum an.“ In der Nacht träume ich von Wuppingen und fahre mit dem Dampfbügeleisen über die Hatter. Wir besuchen eine Verkaufsparty und ich bestelle ohne Ende: Wupperware.

In der Gegenwart

Spätestens 1989, vielleicht aber auch schon 1988 gab es für die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik sogenannte Reiseerleichterungen für Reisen in die Bundesrepublik. Man bekam auf Antrag ohne weiteres ein Visum. Sogar ich bekam 1989 eins, obwohl ich erst im April des Jahres aus dem Wehrdienst entlassen und möglicherweise Geheimnisträger war. Somit bekam jeder die Gelegenheit, seine lieben Verwandten zu besuchen, wovon wir natürlich sofort Gebrauch machten. Und es roch so schön nach Kaugummi und West-Benzin. Fünfundvierzig Jahre zuvor waren unsere Familien sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits aus Ostbrandenburg und Ostpreußen auf der Flucht vor der Roten Armee über die Oder und über die Ostsee gekommen. Als sich abzeichnete, wohin der Hase im Osten lief, gingen einige weiter Richtung Westen. Von dort schickten sie uns Päckchen und als es möglich war, kamen sie uns auch besuchen. Sie hatten Autos, sie hatten Zigaretten und wir hatten S-Bahn-Fahrkarten für zwanzig Pfennige (Preisstufe 1). Außerdem hatten wir Staatsbürgerkunde und Klassenbewusstsein.

Das ist jetzt alles Geschichte. Heute ist das Reisen zu den Verwandten kinderleicht und überhaupt nichts Besonderes. Zu manchen reisen wir auch gar nicht mehr, sondern telefonieren höchstens noch. Meine Oma hat immer davon geträumt, einmal nach Paraguay zur reisen. Dort und in Südafrika sollen wir auch Verwandte haben. Sie sagte immer „Para-gu-ai“. Als Kind hatte ich keine richtige Vorstellung davon, wo das liegt, aber ich fürchtete mich ein bisschen davor, dass sie eines schönen Tages in den Sommerferien mit mir dorthin aufbrechen würde. Wir fuhren jeden zweiten Tag auf Fahrrädern in ihren Garten. Ich stellte mir die Reise nach Paraguay ähnlich vor.

Nun ja, wir waren dann nicht mehr in Paraguay. Mich zieht auch nichts dorthin. Dafür fahren wir jetzt aber nach Hattingen. Ich war schon einmal dort und ich muss sagen, dass mich die Tatsache sehr berührt hat, unseren Namen an einem Haus zu lesen, das mir bis dahin völlig unbekannt war. Wir wurden sehr herzlich empfangen und es gibt Grund zu der Annahme, dass es diesmal genauso ist. Wie das aber immer so ist, wird es wohl auch diesmal eine Reise in die Vergangenheit. Ich fürchte mich ein bisschen davor, denn die Vergangenheit ist eben vergangen, alt und verbraucht. Gegen die Vergangenheit gibt es nur ein einziges Mittel: Die Zukunft. Das sind die Kinder. Hoffentlich begegnen wir uns alle in der Gegenwart.

Nicht aus der Welt

Es ist dem sozialen Frieden ganz offensichtlich sehr zuträglich, wenn ich mich aus dem Tagesgeschäft weitestgehend heraushalte. Der Kontakt mit anderen Menschen verursacht mir doch eine gewisse Anspannung. Manchmal bin ich so mit dieser Anspannung beschäftigt, dass ich vergesse „Guten Tag“ zu sagen. Das wirkt dann unfreundlich oder arrogant. Das tut mir leid. Ich bewundere gerade meine jüngeren Nachbarn, die unten ein kleines Grillfest veranstalten. Sie leben jeweils paarweise zusammen, einige haben noch Kinder in ihrer Obhut. Wie machen die das? Sie sind jeden Tag zusammen, es gibt keinen Rückzugsort. Ich würde ausflippen. Vielleicht aber auch gerade nicht. Vielleicht wird die Anspannung ja nur durch die Abstinenz des Sozialen hervorgerufen und ein Leben in der Familie wäre die Therapie. Schließlich habe ich 20 Jahre meines Lebens in einer Familie verbracht. Anschließend 18 Monate Wehrdienst und mindestens noch mal so lange Internat. Ich habe eigentlich gute Erinnerungen an diese Zeit, obwohl ich das heute nicht mehr aushalten würde. Oder doch?

Ich könnte obdachlos werden oder fliehen müssen. Dann schliefe ich mit hunderten in einer Turnhalle. Es wäre doch schön, wenn mir das alles nichts ausmachen würde. Aber leider macht es mir schon eine Menge aus, auch nur einkaufen zu gehen. Das Verlassen des Hauses am ersten Apriltag ist mir noch gut im Gedächtnis. Ich musste raus, denn das Wetter schrie überlaut nach Hefeweizen. Ich fuhr mit dem Rad. Leider nicht nur ich. Hunderte seltsam gewandete Pedaletreter schleppten sich auf dem Radweg dahin. Auf dem Kopf trugen sie Helme, die aussahen, wie die neuen DVB-T2-Antennen. Keiner von denen fuhr Bier holen. Warum verstopfen sie dann meinen Radweg? Kaum scheint einmal die Sonne, kommen sie alle aus ihren Löchern und fahren ziellos hin und her.

Na ja. Wie gesagt, es tut mir leid. Manchmal freue ich mich ja auch immer noch über Gesellschaft. Man merkt es mir dann vielleicht nicht an, (ich kann es nicht so zeigen), aber dann fühle ich mich doch ganz wohl. Man soll aber auch aufhören, wenn es am schönsten ist. Und so verabschiede ich mich lieber rechtzeitig, bevor wir einander überdrüssig werden und gehe wieder meiner Wege. Ist besser so und wir sind ja nicht aus der Welt.

Ich bin in Sorge

Wenn ich schon nicht jede Woche hinfahre, möchte ich doch wenigstens wöchentlich einmal mit meinem Vater telefonieren. Leider schaffe ich das nicht immer. Ich weiß ja ungefähr, was er so für Termine hat und wenn er nicht zu Hause ist, braucht man auch nicht anzurufen. Manchmal rufe ich auch nicht an, wenn er eigentlich zu Hause sein müsste, denn was mache ich, wenn er dann nicht rangeht? Sorgen mache ich mir dann nämlich. Sorgen, die ich nicht habe, wenn ich nicht anrufe. Dann kann ich mir vorstellen, was ich will, zum Beispiel, dass er gerade Kreuzworträtsel löst und großen Spaß dabei hat. Wenn er nicht rangeht, habe ich sofort Kopfkino, wie er auf dem Weg zum klingenden Telefon den Wischeimer umkippt, in der Pfütze ausgleitet, mit dem Kopf gegen die offene Küchenschublade knallt und bewusstlos mit dem Gesicht nach unten in der Lache liegenbleibt.

Es ist doch ganz tröstlich zu sehen, dass mir das nicht nur alleine so geht. Die Menschen in den höchsten Staatsämtern sind ja auch so eine Art Familie. Donald Trump hat wahrscheinlich schon ein paar Mal versucht, Angela Merkel ans Telefon zu bekommen. Aber sie war im Schwimmbad oder beim Minister ernennen oder sie hatte schon Feierabend. Da Trump ja bekanntlich nicht fernsieht, konnte er das alles nicht wissen und nun macht er sich Sorgen. Damit es wenigstens am Samstag klappt, ließ er es über alle Medien verbreiten. Auch mein Vater wusste es schon, als ich ihn am Freitag Abend anrief. Der Zeitpunkt ist freilich kühn gewählt, denn wie jeder weiß, erledigt Angela Merkel am Samstag ihren Wocheneinkauf. Ich bin noch nicht zum Fernsehen gekommen, aber sicher haben sie schon berichtet, ob es geklappt hat oder nicht.

Apropos Sorgen: Es gibt einen kleinen Ort im Harz, der Sorge heißt. Elend liegt gleich nebenan. Ich war einmal beruflich nach Sorge unterwegs und schrieb in meine Email-Abwesenheits-Notiz: „Ich bin in Sorge.“ Daraufhin bekam ich Anrufe und Emails, was denn los sei?

Nichts weiter. Nächste Woche bin ich wieder da.