Tagträumer

In der Bach-Motette „Jesu meine Freude“ gibt es ein kleines Stück, das beginnt so: „Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich…“ Wenn man nun nicht gut zuhört oder der Chor ein bisschen undeutlich singt oder vielleicht noch beides zusammentrifft, versteht man möglicherweise etwas Anderes. Man hört dann „Ihr aber seid nicht fleißig, sondern geizig…“ Genau das ist mir wieder eingefallen, als ich gestern früh meinen Balkon inspiziert habe. Ich hatte gedacht, die Fleißigen Lieschen würden die ganze Nacht vor sich hin spinnen, so dass am Morgen alles Stroh zu Gold geworden wäre. Aber nichts da. Statt dessen hatten sie sogar das ganze Regenwasser ausgesoffen, das sich eigentlich in ihren Untersetzern ansammeln sollte. Was für eine Enttäuschung! Glücklicherweise können mich solche Erlebnisse nicht mehr aus der Bahn werfen. Ich bewahre völligen Gleichmut und kümmere mich nicht weiter darum. Auch die Geizigen Lieschen sollen mir willkommen sein, seien sie nun fleißig oder nicht. Ich selbst bin wahrscheinlich auch nicht fleißig. Fleiß wird oft synonym zu arbeitsam und zielstrebig verwendet. Ich bin eher arbeitsscheu. Soweit meine Ziele mit der Vermeidung von Arbeit zusammenhängen, bin ich aber doch zielstrebig.

Ich muss hin und wieder an mein „Traum-Erlebnis“ im Zusammenhang mit dem Autounfall denken, das sich an die Stelle der Erinnerung gesetzt hat: Ich stehe relativ unbeteiligt herum und beobachte einen schlimmen Verkehrsunfall. Überall sind Glasscherben. Eine dunkelhaarige Frau guckt sehr ernst. Könnte es sein, dass ich aus diesem Traum noch gar nicht aufgewacht bin? Dass es mir darum so gut geht und dass ich nur noch Gute Nachrichten wahrnehme? Ein Zeitungsartikel von gestern: An einem Strand in Florida geraten zwei Kinder im Wasser in starke Strömung. Die Mutter und weitere Helfe treiben auch ab und können nichts tun. Zwei Badegäste werden aufmerksam und initiieren eine Kette aus ungefähr achtzig Menschen, die sich mit Armen und Beinen verschränkt ins Wasser legt. An der Kette entlang gelangen die Verunglückten wieder an den sicheren Strand. Ist das nicht einfach unglaublich?

Ich träume. In meinem Traum wird das Unglaubliche Wirklichkeit und die Welt wird hell und warm und alle Menschen werden Schwestern und Brüder. Am Montag werde ich in der Zeitung lesen, dass überall auf der Welt tiefe Schächte gegraben werden und Granaten, Bomben und Schießgewehre stürzen tausend Meter tief hinab. Jawohl!

Lied: Der Teufel, Gerhard Schöne (youtube-link)

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Türen zuschlagen

Es gibt wieder Schwierigkeiten mit den Nachbarn. Einen Tag lang konnte ich gar nicht raus, weil es so aussah, als würden sie ausziehen. Ich frohlockte, aber es stellte sich als Ablenkmanöver heraus. Mann und Frau verließen das Haus mit Reisetasche und Koffer. Aber am nächsten Tag waren sie schon wieder da. Offenbar haben sie vor, den Treppenabsatz vor unseren Wohnungen, den wir uns für den Moment noch teilen, von nun an allein zu beanspruchen. Der Mann bezog vor der Wohnungstür Posten und tat so, als beschäftige er sich mit seinen Schuhen. Ich verschwand so schnell es ging in meinen Gemächern. Das war am Mittwoch.

Mittwochs ist Treppenhausreinigung und alle Mieter sind gehalten, „störende Elemente“ aus dem Hausflur zu entfernen. Ich habe dazu so meine Phantasien, nahm aber am Morgen trotzdem meine Fußmatte herein, nicht ohne sie auf dem Treppenabsatz auszuschütteln, damit die Reinigungskraft auch was zum auffegen hat. Ich glaube, dann macht ihr die Arbeit mehr Freude. Vor meiner Tür lag nun ein ansehnlicher Sandhaufen. Am Abend war der Sandhaufen immer noch da. Keine Ahnung, was da schiefgegangen ist. Ich wollte ihn eigentlich selbst beseitigen, habe ich mir aber angewöhnt, vor dem Öffnen der Tür durch den Spion zu sehen, ob die Luft rein ist. Ich stelle mir jetzt vor, wie der Nachbar gleichzeitig hinter seiner Tür stand und 20 Sekunden durch den Spion äugte. Dann rissen wir beide gleichzeitig die Tür auf.

Es war für uns beide ein gewaltiger Schreck. Wir standen wie zur Salzsäule erstarrt und waren weitere 20 Sekunden völlig bewegungs- und handlungsunfähig. Ich hatte die Fußmatte in der Hand und ließ sie fallen. Sie landete im Sandhaufen und sofort türmte sich eine gewaltige Staubwolke auf. Ich hätte jetzt ziehen und während ich mich zur Seite fallen ließe fünf- oder sechsmal feuern können. Mein Nachbar aber auch. Er hat es nicht getan. Scheinbar hatte ich den Überraschungseffekt auf meiner Seite. Die Staubwolke hatte sich noch nicht verzogen, als ich ihm die Tür einfach vor der Nase zuknallte. Vermutlich wurde er von seiner Frau in die Wohnung zurückgezerrt, wo sie sich dann verbarrikadierten. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Aber irgendwann müssen sie ja mal rauskommen. Genau wie ich. Und ich verwette meine Fußmatte, dass wir wieder genau gleichzeitig unsere Türen aufreißen. Nur, um sie gleich wieder zuzuschlagen.

Kommst du mit?

Hinterher weiß man ja immer alles besser. Zum Beispiel, wie es passieren konnte, dass einer wie Donald Trump Präsident wurde. Schließlich hat er doch genau gesagt, was er vorhat und er hat sich im Wahlkampf weder verstellt, noch hat er Kreide gefressen. Bei Adolf Hitler war es übrigens genauso! Es war alles völlig klar und die Vernünftigen haben ihre Köpfe geschüttelt. Wie kann so etwas nur passieren? Als Franz von Papen Vizekanzler im Kabinett Hitler wurde, war der Plan, den rüden Schreihals „einzurahmen“, ihn unschädlich zu machen. Von Papen soll gesagt haben „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht“ (von Bredow, Noetzel: Politische Urteilskraft. 2009, in: Wikipedia: Franz von Papen). Soviel zu Checks and Balances.

So etwas passiert eben. In einer Demokratie passiert es immer genau dann, wenn das Volk keine Lust mehr hat, die Verantwortung zu tragen und die Macht zu gestalten, und sie lieber anderen überlässt. Dann kommen diejenigen zum Zug, die lange und geduldig genau auf diesen Zeitpunkt gewartet haben – aber nicht zum Guten, sondern zum Bösen. Warum sind beispielsweise so viele Menschen bei Facebook? Weil es bequem ist. Weil man hier nichts gestalten muss. Man kann einfach da sitzen und zugucken. Jetzt soll Facebook etwas gegen Fake-News tun. Man weiß schon gar nicht mehr, ob es nicht vielleicht doch Fakebook und Face-News heißt? Hätte man nicht vor kurzem noch der menschlichen Urteilskraft zugetraut, zwischen gut und böse zu unterscheiden? Das soll jetzt Facebook machen. Und sie werden es machen, weil es gut für Facebook ist, wenn immer mehr Menschen ihre Informationen kritiklos von Facebook beziehen.

Daran ist nun keineswegs Facebook schuld! Genauso wenig war Hitler daran schuld, dass er gewählt wurde und auch Trump kann man nicht vorwerfen, dass er sich Ignoranz, Dummheit und Angst zunutze macht, um seine Ziele zu verwirklichen. Es ist vielleicht nicht sehr edel, aber verwerflich ist es nicht. Verwerflich ist es, die Dinge nicht selbst in die Hand zu nehmen, für die man eigentlich selbst zuständig ist. Verwerflich ist es, nach Gewalt zu rufen, wenn die Probleme einem über den Kopf zu wachsen scheinen. Verwerflich ist es, sich mit einem wohligen Schaudern die brennende Welt anzuschauen, wie einen Blockbuster, anstatt in ihr zu leben und das Seine zu tun. Aber so sind wir eben. Die meisten von uns sind kleine Schisser, die ihre Ruhe haben und es schön bequem haben wollen. Und darum wird uns genau das passieren, was wir verdient haben. Oder? Auf drei…??

Liedfett: Kommst du mit? (Youtube-Video)