Viel zu lernen

Langsam komme ich wieder klar, nachdem ich auf diesen seltsamen Planeten gestürzt bin. Es war eine ganz schöne Bruchlandung aber der seltsame Planet hat freundliche und hilfsbereite Bewohner. Ihnen ist es zu verdanken, dass ich so schnell wieder auf den Beinen war. Jetzt muss ich mir überlegen, was ich hier am besten so mache, denn die Schonzeit geht langsam zu Ende und die Planetenbewohner werden erwarten, dass ich ein bisschen bei ihnen mitmache. Dass ich von zu Hause aus abgeholt werde, kann ich nicht erwarten, denn sie wissen ja gar nicht, wo ich bin und ich weiß nicht, wie ich zu ihnen Kontakt aufnehmen könnte. Also bleibe ich eben hier. Es ist hier aber wirklich seltsam. Es gibt hier „Fernsehen“ und „Talkshows“. Da sitzen dann Planetenbewohner zusammen und streiten und beschimpfen sich. Das ganze wird aufgenommen und gesendet. Mit einem entsprechenden Empfänger kann man es sich ansehen. Es erschließt sich aber nicht unmittelbar, warum man das tun sollte.

Es geht meistens um „Politik“. Das ist etwas, wofür sich alle interessieren sollten, weil es alle angeht. Es geht zum Beispiel darum, wann ein neuer Flughafen fertig wird, ob er überhaupt fertig wird und warum. Oder wer mit wem „eine Ehe eingehen“ kann. So nennen sie ein Ritual, bei dem sich zwei Menschen, die zusammenleben versprechen, dass sie für immer zusammenleben. Danach gehen sie meistens auseinander. Vielleicht sagen sie auch darum, dass „die Ehe geschlossen“ wird. Außerdem gibt es verschiedene Meinungen darüber, ob man allen helfen soll, die in Not geraten, oder nur solchen, die wenigstens die gleiche Sprache sprechen. Ich bin zum Glück in einer Gegend abgestürzt, wo noch allen geholfen wird, egal ob sie von rechts oder von links kommen, oder ob sie vom Himmel fallen.

Das wäre doch auch etwas, wobei ich mithelfen könnte: Anderen helfen. Ich glaube schon, dass ich das gut kann. Allerdings muss ich mich darauf noch ein bisschen vorbereiten. Ich muss vor allem noch mehr darüber herausfinden, wie dieser seltsame Planet funktioniert. Wie kommt man ohne Raumschiff von A nach B und wie lebt man am besten mit Pflanzen zusammen? Das Wichtigste scheint aber diese Politik zu sein. Zumindest im Fernsehen. Da reden sie über nichts Anderes. Oder nein: es scheint doch noch etwas Wichtigeres zu geben. Da laufen dann Männer über einen großen Rasen und versuchen sich gegenseitig einen einzelnen Ball abzujagen. Es gibt so viel zu lernen!

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Der Wald und der Teufel

Hat er nun „böse“ gesagt? Oder „schlecht“? Nehmen wir mal Letzteres an. Obwohl „böse“ auch nicht schlecht wäre. Nein, ich glaube, er hat doch „böse“ gesagt. Meine Mutter hat mich nie als „schlecht“ betitelt, aber „böse“ war ich schon manchmal und auch meine Mutti konnte leicht „böse“ werden. So hat er es gemeint. Die Deutschen waren böse. Sehr, sehr böse. Jawohl. Ich möchte aber nicht erleben, was passiert, wenn Donald Trump böse wird. Also reißt euch jetzt alle mal ein bisschen zusammen! Ich weiß nicht, worum es genau geht, aber Fußball war es nicht. Irgendwas mit Wirtschaft. Wir verkaufen zu viel oder zu wenig in Amerika. Was haben wir denn überhaupt dort verloren? Vielleicht sollten wir ihnen einen Flughafen bauen. Aber dann werden sie erst recht böse. Ganz schlecht.

Die Berliner Fußballfans am Samstag kann er ja nicht gemeint haben. Die waren aber auch sehr böse. Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, „Erdbeerfeld“ bei der nächsten Gelegenheit im Stadion zu singen. Meinetwegen hätte der Mob ja „Fußballfeld“ mitgrölen können. Aber jetzt kommt das nicht mehr in Frage. Helene auspfeifen – spinnen die denn? Was haben die denn in ihrer Brust? Einen Fußball? Waren das Deutsche? Böse-böse. Sehr, sehr böse. Aber vielleicht war Helene auch naiv. Wäre sie doch lieber beim Kirchentag aufgetreten. Da hätten Zehntausende Tücher geschwungen und sie in ihre Herzen aus Fleisch und Blut geschlossen. So zahlt jeder sein Lehrgeld. Das Leben ist eben kein Erdbeerfeld.

Mein Sonntagabend-Fernsehen hat mir einen schönen Film über den deutschen Wald gezeigt. Der ist nämlich nicht böse. Der Wald ist die Lösung aller unserer Probleme. Der Wald macht gesund. Wenn wir nur zehn Minuten im Wald sind, werden wir bessere Menschen. Das klingt plausibel, denn Fußballstadien stehen ja nicht im Wald und auch die Wirtschaft haut den Wald erst um, bevor sie sich dort breit macht, wo er einmal stand. Der Wald ist ein Organismus, „jede Handvoll Waldboden enthält mehr Lebewesen, als Menschen auf der Erde leben.“ Das letzte gilt aber auch für den Inhalt meines Kücheneimers. Ich hatte mal eine Freundin aus dem Schwarzwald, die sehr traurig wurde, als ich ihr stolz den Hennigsdorfer Wald zeigte. Vielleicht hängen das Böse-sein und geringer Waldbestand irgendwie zusammen. Im Schwarzwald kenne ich nun wirklich keine bösen Menschen. Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg hieß zwar mal Teufel, aber das ist ja nun schon sehr lange her. Und vielleicht ist der Teufel ja auch gar nicht böse.

Anpfiff

Alles, was einmal frisch und neu war, fühlt sich irgendwann alt und verbraucht an. Fast alles. Gute Texte und gute Musik tragen die Gabe der ewigen Jugend in sich. Alles andere wird alt. Als ich meinen ersten gut bezahlten Arbeitsplatz aufgab und gegen schlechtere Bezahlung und mehr Freiheit eintauschte, war ich glücklich. Aber nur kurz, denn die Gewohnheit macht das Neue zum Gewöhnlichen und ich fühlte mich bald wieder unwohl mit meiner Arbeit. Als ich zu Hause auszog, um in einer großen Wohngemeinschaft zu leben, dachte ich, dass nun alles leicht und einfach werden würde. Als aber der Alltag begann, wurde es schwierig und kompliziert. Man kann ewig so weiter machen: von einem Neuanfang zum anderen gleiten und sich immer wieder frei und sorglos fühlen, bis sich die Sorgen (immer schneller, als gedacht) einschleichen. Aber dann kann man als Person auch nicht wirken, was nichts anderes bedeutet, als sich selbst nicht verwirklichen zu können.

Denn sich zu verwirklichen heißt, zu wirken. Dafür braucht man Zeit, was immer das sein mag. Es ist das individuelle Erleben von Zeit, dass sich so unangenehm anfühlt, nicht mehr und nicht weniger. Es scheint leider so zu sein, dass Probleme zum Leben nicht nur dazugehören, sondern dass sie das Eigentliche sind. Nicht in dem Sinne, dass sie das Leben selbst wären, sondern so, dass sich das Leben in der Auseinandersetzung mit Problemen erst entfaltet. Bei Arno Geiger (Der alte König in seinem Exil) habe ich den Satz gelesen: „Ohne Probleme ist das Leben auch nicht leichter.“ Das stimmt, denn ohne Probleme hätte man das Problem, ein Problem erfinden zu müssen.

Wenn man also fröhlich bleiben will (Das Leben ist schön!), kommt es darauf an, einen lustvollen Umgang mit Problemen zu pflegen. Ein Problem ist eine Aufgabe, deren Lösung mit Schwierigkeiten verbunden ist. Je größer die Schwierigkeit, um so größer die Lust. Alle unsere Spiele funktionieren so: Kreuzworträtsel, Mensch ärgere dich nicht, ja, sogar Fußball! Überall nichts als Schwierigkeiten – aber nur darum finden wir es interessant. Niemand würde sich dafür interessieren, wie ich allein einen Ball 90 Minuten lang in ein leeres Fußballtor schieße. Wer ein Problem „endgültig“ und „ein für alle Mal“ lösen will, gleicht dem, der ein saures Gesicht macht, weil bei einem Fußballspiel schon wieder zwei Mannschaften aufeinander treffen, die sich gegenseitig daran hindern wollen, Tore zu schießen. So funktioniert das Spiel und alle können es kaum erwarten, dass es endlich los geht. Alles klar? Anpfiff!