Das größte Publikum

Axel, mein alter Freund, hat sich eine Zeit lang große Mühe mit der Feier seiner Geburtstage gegeben. Sie fanden meistens in seiner aktuellen Wohnung statt und waren in unserer „Blase“ schon wichtige soziale Ereignisse. Fast immer hatte ich auf diesen Feiern meinen Auftritt und sang irgendwelche Lieder vor. Ich kann mir heute beim besten Willen nicht mehr vorstellen, was ich damals überhaupt gesungen habe. Lagerfeuermucke eben. Das Problem war, dass mein Auftritt immer erst nach Mitternacht kam. Wenn ich vorher trank, war ich zwar schön locker, konnte aber kein einziges Lied zu Ende bringen, weil mir die Texte nicht mehr einfielen. Trank ich nicht, wollte die Zeit bis Mitternacht nicht vergehen, ich konnte vor Aufregung nichts essen – aber ich konnte alles auswendig singen. Leider muss ich damals ein so dermaßen selbstverliebtes Arschloch gewesen sein, dass ich es gar nicht gemerkt habe, wenn sich die Herzen der Zuhörer auf mich richteten und sich für mich öffneten. Naja, und dann gingen die Herzen eben einfach wieder zu. Es zieht ja sonst rein.

Manchmal bekommt man eine zweite Chance. Meine nichtalte (und einzige) Freundin hatte ohne von der vorangegangenen Geschichte zu wissen, die Idee, genau diejenigen wunderbaren Frauen zu sich einzuladen, die damals nicht bei Axels Geburtstagen dabei waren. Ich glaube, zum allerersten Mal in meinem Leben war ich zwei Stunden lang wirklich ganz und gar in der Gegenwart. Neun(!) Freundinnen saßen in einer einsamen Hütte in den Bergen vor mir und hörten mir zwei Stunden lang zu. Zwei Stunden Freundlichkeit, auf mich gerichtetes Interesse und offene Herzen. Ich dachte nicht eine Sekunde daran, wann es vorbei sein wird, versuchte vielmehr staunend und ungläubig die Zeit zu dehnen und darin zu baden. Vielleicht ist das ja auch gar nichts Besonderes, aber ich war glücklich und bin es immer noch.

Die Anzahl der Gäste auf Axels Geburtstagen betrug ein Vielfaches von neun. Sie mussten alle zum Rauchen auf den Balkon, auf dem sie dann zu Sülze zerquetscht wurden. Jedenfalls sah es von drinnen so aus, wenn man die an die Fensterscheiben gepressten Leiber betrachtete. Ich erinnere mich an keine und keinen von ihnen, wie sie mir beim Singen zuhörten, obwohl auch sie zweifellos freundlich zu mir waren und mir ihre Aufmerksamkeit schenkten. Ich hatte mit mir selbst zu tun. Die Neun Freundinnen will ich nicht vergessen. Ich habe ihre Namen auf meinem Kühlschrankkalender eingetragen und vielleicht sehe ich ja die eine oder andere von ihnen irgendwann wieder.

Ach so: es war übrigens das größte Publikum, das jemals Zeuge einer Lesung geworden ist. Punktaus.

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Meine Geschenke

Die Frage nach einer Geburtstagsfeier wurde laut. Darunter wird ja gemeinhin eine Veranstaltung verstanden, zu der der Jubilar / die Jubilarin ausgesuchte Gäste einlädt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich anläßlich meines vierzigsten Geburtstages zu einer solchen Unternehmung ansetzte. Als erstes wollte ich eine Liste meiner Freunde erstellen. Ich schrieb:

  1. AXEL (alter Freund)

Dann wusste ich schon nicht mehr weiter. Schließlich musste ich Axels Freunde einladen, sowie seine Kinder und deren Freunde. Doch auch so bekam ich mit knapper Not gerade mal 20 Gäste zusammen. Die Ausrichtung des Festes wiederum verursachte mir erheblichen Aufwand. Ich kaufte tagelang vorher Getränke ein und kochte meine berühmte Kartoffelsuppe. Eigentlich stand ich den ganzen Abend in der Küche. Da ich sehr abgelegen wohne, musste ich Schlafquartiere beschaffen. Die Begleichung der Kosten zehrte alle meine Ersparnisse auf. Seither lebe ich von der Hand in den Mund.

Eigentlich hatte ich mir daraufhin vorgenommen, erst wieder meinen sechzigsten Geburtstag mit einer solchen Feierstunde zu begehen. Der Termin schien mir damals noch in unvorstellbar weiter Ferne zu liegen. So, wie man sich als Kind unmöglich vorstellen kann, wie es ist, fünfzig Jahre alt zu werden. Nun erscheint mir das alles aber gar nicht mehr so unrealistisch. Ich könnte die Feier natürlich weiter auf den siebzigsten verschieben, dann hätte ich wieder ein bisschen Luft.

Soeben wird mir klar, wie es in diesem Jahr laufen wird. Ich bin jetzt schon für zwei private Feierlichkeiten angefragt worden, auf denen ich vorlesen und singen soll. Ich habe zugesagt. Dazu ermutigt haben mich seinerzeit die neun olympischen Musen, die freundlich zu mir waren und in deren Mitte mir Flügel wuchsen. Sie gaben mir damals das Versprechen, bei mir zu bleiben und mich nicht zu verlassen, wenn ich nur den Mut fände, meinen Weg zu gehen. Und so könnte es weitergehen: 2017 wird mein Festjahr. Statt selbst eine Geburtstagsfeier zu organisieren, feiere ich das ganze Jahr mit allen, die mich dabei haben wollen. Freilich haben die dann den ganzen Aufwand, ein Fest zu organisieren. Dafür bringe ich Geschenke mit, die man zwar nicht sehen oder anfassen kann, die aber trotzdem jeder Gast mit sich nach Hause nehmen kann, ohne dass einer leer ausgeht: Meine Geschenke sind Lieder und Geschichten. Sie verwelken nicht und weder Rost noch Motten können sie fressen.