Jeden Tag aufs Neue

Die Kirche kann man sich heute nur noch mit ihrer langen und widersprüchlichen Geschichte denken. In dieser Geschichte ist sie mit dem Begriff „Glauben“ in einer ganz bestimmten Weise umgegangen und hat ihn geprägt. „Glauben“ war damit für die Kirche in erster Linie „Meinung“, das heißt Dogma. Das Dogma ist ein System aus unbeweisbaren Lehrsätzen und „glauben“ bedeutete, zu glauben, dass diese Sätze wahr sind. Ich bin nicht der einzige, der mit dieser Art zu glauben nichts anfangen kann. Jesus, mein jüdischer Rabbi hätte es auch nicht gekonnt. Im Judentum gibt es zwar auch eine Vielzahl unbeweisbarer Lehrsätze, aber um Jude zu sein, muss man nicht daran glauben. Man muss tun, was die Sätze vorschreiben und sich an die Regeln halten. Das ist nicht wenig, aber es ist etwas anderes. Zu glauben heißt im Judentum, sich zu entscheiden, diesen Weg zu gehen. Und das ist etwas, das man jeden Tag neu tun muss.

Was hat Jesus überhaupt so gemacht? Für ihn war „Glauben“ nämlich untrennbar verbunden mit „Tun“. Entgegen einer weit verbreiteten Überzeugung hat Jesus nun aber nicht die Armenfürsorge erfunden. Er hat auch keine Heilanstalten für Behinderte gegründet. Er hat nicht mal etwas Besonderes in diesen Arbeitsfeldern geleistet, wie etwa Mutter Teresa oder Albert Schweizer. Wenn ich das, was ich über Jesus weiß, richtig verstanden habe, ging es ihm um etwas anderes. Er war ja auf jeden Fall irgendwie mit der Vorstellung konfrontiert, dass ein Retter kommt, der die Gottesherrschaft errichtet. Das bedeutete (und bedeutet), dass das Heil in der Ferne liegt und nur von außen über uns gebracht werden kann. Wir können dann nichts besseres tun, als geduldig zu warten.

Jesus, mein jüdischer Rabbi ist losgegangen, um allen zu sagen, dass sie auf den Retter von außen lange warten können. Er wird nicht kommen. Donald Trump wird kommen. Marine le Pen wird kommen. Frauke Petry wird kommen. Aber ein Retter wird nicht kommen und auch kein Reich Gottes, das aus dem Himmel auf uns herab schwebt. Das Reich Gottes ist nämlich wie eine Party, zu der wir eingeladen sind. Sie hat schon lange angefangen und wir können entscheiden, ob wir hingehen oder nicht. Ja zu sagen (jeden Tag!) bedeutet, nicht länger zu warten, sondern hier und jetzt anzufangen, ohne zu fragen, was es bringt, ob es lohnt. Wenn man das einmal macht, hat man eine andere Möglichkeit mit dem Wort „Glauben“ zu leben. Es ist ein Geschenk. Aber man behält es nicht und muss es jeden Tag aufs Neue annehmen.

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Glaubt mir nicht

Wenn ich will, kann ich sehr überzeugend sein. Ich bringe es ohne viel Mühe fertig, Menschen davon zu überzeugen, dass ich die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit sage. Das funktioniert übrigens nur darum so gut, weil ich das, was ich sage, selbst glaube. Wenn sich dann herausstellt, dass ich mich doch geirrt habe, habe ich kein schlechtes Gewissen. Wer mir glaubt, ist schließlich selbst schuld. Zweifel und Skepsis sind nun nicht nur mir gegenüber angebracht, sondern allgemein für das Überleben unabdingbar. Leider sind diese beiden Grundtugenden nur wenigen von uns gegeben. Wir glauben ja so leicht. Ich hatte mal eine junge Arbeitskollegin, die sich angewöhnt hatte, jeden Satz von mir mit der Bemerkung „…na, ob das so stimmt…“ zu kommentieren. Es hat mich wahnsinnig gemacht, aber sie hatte recht. Sie wird es im Leben noch weit bringen.

Gestern wurde mir ein vortreffliches Chili kredenzt, wobei an meinem Tisch beiläufig aber kritisch die fehlende Schärfe bemängelt wurde. Ohne auch nur eine Sekunde überlegen zu müssen, konnte ich über die etymologischen Wurzeln des Chili dozieren. Ich hielt ein schönes kleines Referat, das in der These gipfelte, „Chili“ hätte eben ganz und gar nichts mit der scharfen Frucht zu tun, sondern sei das spanische Wort für Bohnen. Spanisch ist die Muttersprache der schönen Frau meines Bruders und ich habe sie schon oft aus ihrem Munde gehört. Es klingt wie Musik, wenn sie spanisch spricht, man möchte Triolen klatschen und sich irgendwie dazu bewegen. Damit enden aber auch schon meine Erfahrungen mit dem Spanischen und ich kann nicht sagen, was mich letztlich für meinen philologischen Beitrag qualifizierte. Trotzdem beharrte ich auf meiner Bohnen-These, die ich kurzerhand zum Axiom erhob.

Ich muss sagen, dass die eingangs postulierte Leichtgläubigkeit durch am Esstisch mitgeführte Mobiltelefone erheblich beeinträchtigt wird. Schamlos und als wäre es das Normalste von der Welt, wird sofort losgegoogelt. Dann möchte man sich in einer Hütte in den Hochalpen befinden, wo es kein Netz gibt. Mitten in der Stadt steht man innerhalb von Sekunden als Blödmann da. Die traurige Wahrheit ist nämlich, dass Chili einfach das ist, wonach es sich anhört – nämlich Chili. Eine Schote. Und Bohnen sind als Zutat zum Chili con Carne nicht schlecht, aber vor allem eins: und zwar umstritten. Aber ich habe es ja gleich gesagt: Glaubt mir nicht! Und damit hatte ich eben doch wieder recht.