Zufälle gibt es nicht

Heute beglückwünsche ich mich zu meiner damaligen Entscheidung, mir ein Fahrrad mit Elektroantrieb zuzulegen. Nicht auszudenken, wenn ich mich damals für Diesel entschieden hätte! Dabei deutete zum damaligen Zeitpunkt nichts, aber auch gar nichts auf einen „Dieselskandal“ hin. Es war wohl einfach Glück und Zufall oder auch ein glücklicher Zufall, wie so oft in meinem Leben. Denn eigentlich hatte ich damals mit Fahrrädern innerlich abgeschlossen. Ich hatte eine lange Phase mit dauerplatt, Kette-ab und ähnlichen Ärgernissen hinter mir und hatte das letzte Fahrrad einfach an einem Laternenmast abgestellt. Mit dem Taxi ließ ich mich zu meinem Auto fahren, das ganz unschuldig guckte (ein Benziner). Nie wieder wollte ich Zeit mit so einem Ding verschwenden und mir schon gar nicht noch mal die Hände daran schmutzig machen. Darauf tranken wir Hefeweizen. Es war der Tag vor meinem Geburtstag und ich war mit allen meinen damaligen Freunden am Müggelsee. Es wurde ein schöner Tag zu zweit.

Als der Abend kam, passierten wir den Fahrradladen auf der Bölschestraße. Es kann noch nicht spät gewesen sein, denn er war noch geöffnet. Und da stand es vor der Tür. Alle Feindseligkeiten waren vergessen und es war um mich geschehen: Ich war verliebt. Ich sah uns durch wogende Weizenfelder in die sinkende Sonne fahren und lachen. Ich betrat den Laden. In meinen Augen drehten sich prall aufgepumpte Speichenräder. Der Verkäufer aber schickte mich weg. Ich sollte eine Nacht schlafen und wenn meine Liebe dann noch stark genug wäre, sollte ich wiederkommen. Natürlich versuchte ich in dieser Nacht wach zu bleiben, aber der Schlaf übermannte mich doch. Am nächsten Tag wurde ich versucht: Mein Bruder rief an; Züge fuhren nicht; die Bölsche wurde lang wie ein Lichtstrahl- ich aber blieb standhaft.

Wie gesagt, der Elektroantrieb war Zufall. Mich störte damals nicht, dass ich treten musste, mich störte, dass ich bei Regen nass wurde. Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Rad zur Arbeit. Auf dem Weg nach Hause entwich die Luft aus dem hinteren Reifen. Alles war wie immer. Ich musste den Schlauch wechseln, machte mir die Hände schmutzig und außerdem meinen Wohnzimmerteppich. Aber seitdem (und ein paar Dosen Pannenspray) halten die Reifen die Luft und der Elektromotor summt. Ich will ihn nicht mehr missen, wenn der Wind von vorn kommt oder wenn es bergauf geht. Zweimal bin ich bislang nass geworden – und immer wieder getrocknet! Und wie gesagt: Ich bin froh, dass es kein Diesel ist.

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Wie es war, zufrieden zu sein

Was hat sich verändert? Der Alltag wird zurückkommen, seine Sorgen, seine Nöte und die Ärgernisse. Alles wird wieder wie früher. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht gelingt es mir ja, nicht zu vergessen, dass es mal einen Zustand gab, in dem ich einfach nur froh war, am Leben zu sein. Es spielte keine Rolle, dass ich kein Handy hatte und es war mir egal, dass ich nur ein gepunktetes Nachthemd trug, das hinten offen war. Ein Blick, ein Lächeln allein konnte mich glücklich machen. Ich sah die Gesichter der Menschen und ich kannte sie und ich war voller Vertrauen. Ich sah mir Fußballspiele im Fernsehen an, weil mein Bettnachbar es wollte und freute mich darüber. Es war – das mag jetzt befremdlich klingen – wunderbar. Ich war zufrieden und meine Seele hatte Ruhe. Mir war vollkommen klar, dass ich es nicht im Mindesten in der Hand habe, ob ich lebe oder nicht. Und da ich nun einmal am Leben war, gab es nichts mehr, was ich noch begehren konnte. Vielleicht lag es an den Medikamenten oder daran, dass ich tatsächlich noch einmal davon gekommen war oder an Beidem zusammen. Wie auch immer, es wird nicht so bleiben. Dieses Gefühl einer paradiesischen Geborgenheit wird verblassen und schließlich verschwinden. Aber ich kann mich daran erinnern.

Dass es jetzt gar nicht mehr aufhören will, zu regnen, war natürlich nicht so geplant. Davon haben auch die Fleißigen Lieschen nichts. Sie werden ertrinken und niemand kann sie retten. Aber sie waren da, wir hatten unsere Zeit und wenn die Sonne wieder auf den Balkon scheint, werden wir weitersehen. Als ich nach einer heftigen Bronchitis einmal nicht wieder mit dem Rauchen angefangen habe, habe ich viel Zeit gewonnen. Der Kopf wurde freier, weil ich nicht ständig an die Bevorratung denken musste. Wie ich jetzt feststelle, habe ich dann aber den Balkon nicht mehr genutzt, weil es offenbar ein Rauch-Balkon war. Dafür sah ich wieder mehr fern. Im Moment finde ich fernsehen noch sehr anstrengend, die Augen beginnen bald zu schmerzen und ich möchte doch lieber auf dem Balkon sitzen.

Noch vor kurzem dachte ich dann: Warum soll ich hier sitzen, wenn ich gar nicht rauche? Seit zwei Wochen denke ich das nicht mehr. Und das Beste: ich muss nicht mal Hefeweizen dabei trinken. Ich kann einfach nur dasitzen und mich freuen, dass die Sonne scheint. Das wird bald nachlassen. Aber die Sonne kommt wieder. Und dann werde ich mich erinnern, wie es war, zufrieden zu sein.

Überlistet

Ich wollte noch schnell einen Text schreiben und dabei ein Hefeweizen trinken. Dabei merke ich wieder, dass mir manche Sachen schneller von der Hand gehen als andere. Als ich das Hefeweizen getrunken hatte, hatte ich noch kein einziges Wort geschrieben. In Wirklichkeit habe ich mich aber mit dem Schreiben bloß zurückgehalten, damit nicht am Ende der Text fertig und noch Hefeweizen übrig wäre. Es ist sehr in der Tat sehr schwer, beides so aufeinander abzustimmen, dass ich den letzten Schluck trinke, während ich mir den fertigen Text noch mal durchlese. Eigentlich passiert das nie. Entweder trinke ich oder ich schreibe. Es ist aber auch seltsam, wie sich ein eigentlich fertiger Text nach dem Genuss von Hefeweizen verändert. Ich empfehle das mal zu überprüfen: Erst nüchtern lesen. Dann einen halben Liter Hefeweizen trinken. Dann noch mal lesen. Das kann man beliebig oft wiederholen und bekommt immer andere Ergebnisse. Es ist wie „Sprühen und Wischen“ beim malen mit Kreide.

Meine Texte eignen sich gut für diese Lesetechnik, weil sie so schön kurz sind. Man kann so ein Experiment nicht mit „Krieg und Frieden“ machen. Da wird man ja während des Lesens wieder nüchtern. Andererseits verändern sich die Texte ja nicht objektiv, sondern nur das, was das Gehirn schließlich daraus macht. Das finde ich schon interessant. Vielleicht sollte ich viel mehr selbst herumexperimentieren und Anleitungen voranstellen, in welchem Zustand der Text optimal konsumierbar ist. Aber das ist wahrscheinlich total unterschiedlich und von Variablen wie Körpergewicht und Körpergröße abhängig. Also soll jeder seine eigenen Erfahrungen machen. Ich weiß noch nicht, ob ich Kommentare darüber veröffentlichen würde: „Kommt am besten auf Bong“ oder „Auf Absinth möglicherweise Erbrechen“.

Manche Menschen können nur mit Alkohol fröhlich sein. Ich bin leider auch mit Alkohol nicht fröhlicher, als sonst. Die natürliche Fröhlichkeit geht mir so sehr ab, dass ich oft als verbitterter Griesgram verkannt werde. Das bin ich natürlich nicht, denn ich kann mich mit körpereigenen Drogen in einen Trancezustand versetzen, der vielleicht ein wenig befremdlich wirkt, aber das Leben für mich erträglich macht. Den Trick habe ich von Frau Birkenbihl, die herausgefunden hatte, dass bei längerem Hochziehen der Mundwinkel irgendetwas in die Blutbahn oder direkt ins Gehirn gelangt, dass fröhlich macht. Darum sieht man mich neuerdings oft grinsen, was ein bisschen debil aussieht, aber den Eindruck von Fröhlichkeit erwecken kann, was schließlich auf das eigene Gehirn abfärbt. Dann glaube ich echt, ich sei fröhlich. Überlistet.