Überlistet

Ich wollte noch schnell einen Text schreiben und dabei ein Hefeweizen trinken. Dabei merke ich wieder, dass mir manche Sachen schneller von der Hand gehen als andere. Als ich das Hefeweizen getrunken hatte, hatte ich noch kein einziges Wort geschrieben. In Wirklichkeit habe ich mich aber mit dem Schreiben bloß zurückgehalten, damit nicht am Ende der Text fertig und noch Hefeweizen übrig wäre. Es ist sehr in der Tat sehr schwer, beides so aufeinander abzustimmen, dass ich den letzten Schluck trinke, während ich mir den fertigen Text noch mal durchlese. Eigentlich passiert das nie. Entweder trinke ich oder ich schreibe. Es ist aber auch seltsam, wie sich ein eigentlich fertiger Text nach dem Genuss von Hefeweizen verändert. Ich empfehle das mal zu überprüfen: Erst nüchtern lesen. Dann einen halben Liter Hefeweizen trinken. Dann noch mal lesen. Das kann man beliebig oft wiederholen und bekommt immer andere Ergebnisse. Es ist wie „Sprühen und Wischen“ beim malen mit Kreide.

Meine Texte eignen sich gut für diese Lesetechnik, weil sie so schön kurz sind. Man kann so ein Experiment nicht mit „Krieg und Frieden“ machen. Da wird man ja während des Lesens wieder nüchtern. Andererseits verändern sich die Texte ja nicht objektiv, sondern nur das, was das Gehirn schließlich daraus macht. Das finde ich schon interessant. Vielleicht sollte ich viel mehr selbst herumexperimentieren und Anleitungen voranstellen, in welchem Zustand der Text optimal konsumierbar ist. Aber das ist wahrscheinlich total unterschiedlich und von Variablen wie Körpergewicht und Körpergröße abhängig. Also soll jeder seine eigenen Erfahrungen machen. Ich weiß noch nicht, ob ich Kommentare darüber veröffentlichen würde: „Kommt am besten auf Bong“ oder „Auf Absinth möglicherweise Erbrechen“.

Manche Menschen können nur mit Alkohol fröhlich sein. Ich bin leider auch mit Alkohol nicht fröhlicher, als sonst. Die natürliche Fröhlichkeit geht mir so sehr ab, dass ich oft als verbitterter Griesgram verkannt werde. Das bin ich natürlich nicht, denn ich kann mich mit körpereigenen Drogen in einen Trancezustand versetzen, der vielleicht ein wenig befremdlich wirkt, aber das Leben für mich erträglich macht. Den Trick habe ich von Frau Birkenbihl, die herausgefunden hatte, dass bei längerem Hochziehen der Mundwinkel irgendetwas in die Blutbahn oder direkt ins Gehirn gelangt, dass fröhlich macht. Darum sieht man mich neuerdings oft grinsen, was ein bisschen debil aussieht, aber den Eindruck von Fröhlichkeit erwecken kann, was schließlich auf das eigene Gehirn abfärbt. Dann glaube ich echt, ich sei fröhlich. Überlistet.

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Pfeifen und Flaschenbiertrinken

Was für ein Fest! Man hört und liest wieder mal von alten Bekannten und manche sieht man sogar wieder. Dafür sind Feiertage ja auch gedacht. Ich habe in diesem Jahr leider keine besonderen Ostergrüße verschicken können und hoffe auf Nachsicht. Andererseits ist es ja nun nicht gerade so, dass ich selten von mir hören lasse. Es kann natürlich sein, dass nicht alle potentiellen Adressaten auf diesem Kanal zu erreichen sind. Aber nun ist das Fest ja vorbei und der Ernst des Lebens geht weiter. Ich freue mich schon. Der Ernst des Lebens ist nämlich der Ernstfall, wie der Vorname schon sagt. In der Musik unterscheidet man zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik. Unterhaltung ist also das Gegenstück zum Ernstfall. Ist ja klar.

Alle, die mich jemals beraten haben, haben meine mangelhafte Ernsthaftigkeit festgestellt. Ich hatte mal einen Coach, der mit mir geübt hat auf meine Innenwangen zu beißen, damit ich nicht grinsen konnte. Dabei muss ich nur grinsen, wenn irgendetwas sehr lächerlich ist. Also passiert es in ernsten Situationen auch nie. Obwohl ich das Innenwangenbeißen irgendwann sehr gut beherrschte, habe ich es doch nie ausgeübt. Denn wenn etwas lächerlich ist, soll man auch lachen oder wenigstens grinsen. Erdogan zum Beispiel kommt mir sehr lächerlich vor. Ich kann mich irren und auch wenn er tatsächlich lächerlich ist, kann er natürlich trotzdem sehr gefährlich sein. Aber man sollte deswegen nicht aufhören, über ihn zu lachen. Dann ist er nämlich nicht mehr ganz so mächtig. Angela Merkel hatte wahrscheinlich denselben Coach, wie ich. Sie soll ja ungeheuer witzig sein können. Aber das Innenwangenbeißen ist offenbar zu einem Reflex geworden.

Dabei ist das Grinsen die beste Methode, allen modernen Zivilisationskrankheiten vorzubeugen. Vera F. Birkenbihl hat zeitlebens darauf hingewiesen. Seit ich das weiß, grinse ich beim Autofahren, morgens nach dem Aufwachen und auch einfach mal so zwischendurch. Nach Birkenbihl gibt es neurophysiologische Zusammenhänge, die bei häufigem Grinsen das Belohnungssystem anspringen lassen. Natürlich werde ich so niemals ernsthafte Berufe wie Bundeskanzler oder Präsident ausüben können. Auch Fußballtrainer kommt für mich nicht mehr in Frage. Aber ich bin jeden Tag glücklich und habe nicht so viel Angst. Beruflich kann ich mich in der Unterhaltungsbranche austoben. Ich weiß bis heute nur von wenigen Tätigkeiten, die man auf gar keinen Fall grinsend erfolgreich ausüben kann. Die eine ist Pfeifen. Eine andere ist Flaschenbiertrinken. Ach, und küssen. Geht leider auch nicht. Da gibt’s gar nichts zu lachen! 🙂

Spaß muss sein

Ich bin wieder gesund. Das verdanke ich dem neuen Arzt. Die alte Ärztin ist genauso wenig schlecht, wie sie alt ist. Sie hat nur keine Zeit und das macht mich krank. Sobald man die Praxis betrat, musste man damit rechnen, totgetrampelt oder angesteckt zu werden. Ich wähnte mich manchmal in einem abgelegenen afrikanischen Dorf, das einmal im Jahr von einer Ärztin aufgesucht wird. Die Patienten warten dann lange, um ihrer Zuwendung teilhaftig zu werden und verzichten dabei gern auch auf Privatsphäre. Ein Wandschirm genügt. Ich will es mal so sagen: Ich bin für die gute Ärztin einfach nicht krank genug. Sie ist ein paar Nummern zu groß für mich. Völlig überdimensioniert.

Meine neue Arztpraxis war am Morgen gegen 9:00 menschenleer. Zwei Schwestern erwarteten mich an der Rezeption. Dann kam der Arzt ins leere Wartezimmer, stellte sich vor und bat mich ins Sprechzimmer. Haben sie das für mich inszeniert? Oder kann man sich einfach anders organisieren? Der Doktor verwickelte mich in ein belangloses Geplauder, um dann völlig unvermittelt den Blutdruck zu messen. Aha. Hier misst der Chef noch selbst. Genutzt hat es ihm freilich nichts, ich verblüffte wie immer mit rekordverdächtigen Praxiswerten. Dann wollte er Lunge und Herz abhören. Erst sollte ich atmen, dann wieder nicht. Der Doktor legte das Stethoskop weg und bemerkte beiläufig, so eine Herzklappe sei ja heute auch kein Problem mehr. Früher wäre das ein riesiger Eingriff gewesen, voller Risiken und Nebenwirkungen. Aber heute würde einfach ein kleiner Schnitt gemacht und ein Schlauch eingeführt, das sei schon beinahe alles.

Dann suchte er etwas in einer Schublade. Den Schlauch? Ein Skalpell? „Aber Sie brauchen das nicht!“ rief er plötzlich. „Alles in Ordnung!“. Offenbar hatte er nicht gefunden, was er suchte. Bei aller Liebe zur Technik seien die eigenen Herzklappen immer noch die besten, wenn sie gut funktionieren. Na also. Im Wartezimmer war inzwischen eine zweite Patientin angekommen. Sie wurde aufgerufen und machte sich mit ihrem Rollator auf den Weg. Der Doktor erwartete Sie vor seinem Zimmer, nicht ohne sie zu ermahnen, nicht so zu rasen. Auf dem Flur seien nur 30 kmh erlaubt. Die Patientin konnte zwar nicht darüber lachen, meinte aber: „Hmmm. Spaß muss sein. Nicht?“