Spinn‘ ich?

Es geht los. Der Zusammenbruch des Internets hat begonnen. Es fängt natürlich ausgerechnet mit meiner Website an. Aber das wird sich schnell fortsetzten. Es hängt mit der Sonnenaktivtät zusammen. Dagegen kann man leider überhaupt nichts machen. Der letzte Ausbruch passierte zu einer Zeit, als es noch keine elektronischen Geräte gab (1859). Die Polarlichter waren in Rom und auf Hawai zu sehen und machten die Polarnacht so hell, dass man lesen konnte. Es handelte sich um den größten bisher beobachteten magnetischen Sturm auf der Erde und wurde als Carrington-Ereignis bekannt. Allerdings waren die ersten Telegrafenleitungen bereits installiert und wurden durch diese Sache erheblich gestört. Eigentlich sollten zwischen zwei Ereignissen dieser Art im Mittel 500 Jahre liegen.

Nun passiert es eben schneller. Wahrscheinlich schreibe ich schon ins Nichts. Ich kann mir schon mal Gedanken machen, wie ich meine Postillen in Zukunft an den Mann bringen will. Dazu fällt mir allerdings nichts ein. Ohne Internet werde ich verstummen. In „Matrix“ verliert der Held Neo auf einmal seinen Mund. Bis zur Nase nichts als Kinn. So wird es kommen. Aber das wäre nicht das eigentliche Problem. Vielmehr würde schlicht NICHTS mehr funktionieren. Geldverkehr, Einkaufen, Nahverkehr, Arbeiten, Arztkontakte, Medikamentenversorgung, Telefon, Fernsehen, Postzustellung, Information, Parlament, Regierung, Bildung, Kunst… Alles wäre weg. Oder spinn’ ich? Ich glaube nicht. Wir sind in rekordverdächtig kurzer Zeit von einer Technologie vollständig abhängig geworden, deren Grundlagen wir weder garantieren noch beeinflussen können. Und: wir kommen aus der Nummer nicht mehr raus. Wir können nur weitermachen und hoffen, dass es zu unseren Lebzeiten nicht passiert. Und hier kommt wieder Tante Hannelore ins Spiel. Sie glaubt zwar, sie hätte mit dem Internet nichts zu schaffen, womit sie freilich irrt. Aber sie hatte schon die Notfall-Reserven gebunkert, als de Maiziére noch zur Schule ging. Ich muss es also nur schaffen, mich irgendwie bis zu ihr durchzuschlagen.

Das war übrigens schon immer der Plan. Hannelore bewohnte und bezahlte (!) in West-Berlin allein eine 4-Zimmer-Wohnung, falls ihre Geschwister es irgendwie einmal in die Freie Welt schaffen würden. Im November 1989 trafen wir uns bei ihr und auch damals war alles da: Ein Kasten Bier, ein Eisschrank voll essen und Konserven im Keller. Wir hätten gleich da bleiben können. Es war nicht notwendig. Aber selbst Tante Hannelore wird nicht ewig leben. Und was dann?

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Der Film

Da stehen wir nun, quasi auf den Klippen des letzten Tages des Altjahres und haben eigentlich nur noch eine Frage: Was sollen wir bloß machen? Was sollen wir bloß machen – mit den ganzen Fotos? Keine Gesellschaft vor uns hat solche gewaltigen Bildermassen angesammelt. Und als ob es nicht genug wäre, was wir an Selfies und Schnappschüssen selbst produzieren, kommen jetzt noch die Bilder der Überwachungskameras dazu. Wir werden bald keinen Tag mehr absolvieren, an dem keine neuen Bilder von uns entstehen. Wenn wir irgendetwas falsch gemacht haben, sehen wir unser Bild am nächsten Tag auf Facebook. Dann müssen wir auf die nächste Polizeiwache gehen und uns stellen. Es ist ein Spiel. Wer schafft es ins Internet? Wessen Crideo (- neue Sparte, gerade von mir erfunden Crime + Video = Crideo) kriegt die meisten Klicks?

Es dürfte heute kein Mensch mehr leben, der sein Leben nicht lückenlos anhand von Fotos dokumentieren kann. Mein Vater bringt seinen Ruhestand damit dahin, die Fotos der Altvorderen zu digitalisieren und zu dokumentieren. Wenn er damit fertig ist, bekommen wir ein Speichermedium voller Bilder. Vielleicht werden es vier Gigabyte, vielleicht acht. Aber das ist alles noch gar nichts. Wenn meine Nichten später einmal das ganze vorhandene Fotomaterial ihrer Familie auch nur sichten wollten, wird ihr Ruhestand dafür wahrscheinlich nicht mehr ausreichen ( – zwar nicht nur wegen der Bildermenge, aber auch deswegen).

Aber wie jedes Ding, das uns so widerfährt, hat auch die Bilderflut ihr Gutes: Man braucht kein Nahtod-Erlebnis mehr, um sein Leben als Film ablaufen zu sehen. Man steckt einfach den Kopf ins Internet wie Harry Potter seinen ins Denkarium – und schon geht es los. Hier kommt schon mal ein kleiner Vorgeschmack. Vorhang auf für:

ULF – DER FILM  – Gute Unterhaltung!

Wenn oben kein Video zu sehen ist, bitte mal hier draufklicken. Danke!