George Clooney, ältere Damen und ein Darm

Es gibt eine Studie, die untersucht, welche Auswirkungen das Alter von Vätern auf die Entwicklung ihrer Nachkommen hat. Insbesondere geht es dabei um alte Väter, die aber keine Großväter sind. Die erste Aussage der Studie war, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kindern oft sehr persönlich ist. Danach habe ich nicht mehr weitergelesen. Ich war platt. Wie haben sie das herausgefunden? Was kommt als Nächstes? Gibt es denn gar keine Geheimnisse mehr? Wird jetzt schonungslos alles aufgedeckt und ans Licht gezerrt? Ich fände es dessen ungeachtet viel interessanter, was kleine Kinder aus älteren Vätern machen. George Clooney, der ja auch nicht mehr ganz jung und im Juni Vater von Zwillingen geworden ist berichtet, dass er viermal am Tag vor Müdigkeit weinen muss. Ich bin dagegen durchgehend so müde, dass ich gar nicht zum Weinen komme, weil ich vorher einschlafe. Das passiert mehr als viermal am Tag.

Der Zeitungsartikel, dessen Anfang ich immerhin gelesen habe, beginnt mit einem Mann, der mit 70 Vater geworden ist. Na und? Was soll das überhaupt? Wieso beschäftigt sich die Studie denn mal wieder nur mit Vätern? Es gibt wahrscheinlich keine einzige Studie, die untersucht, welche Rolle das Alter bei der Elternschaft von siebzigjährigen Müttern spielt. Das sollten sie mal untersuchen. Vater werden ist schließlich nicht schwer. Mutter sein dagegen sehr, erst recht mit 70! George Clooney sagt das auch: er bewundert seine Frau, die rund um die Uhr für die Babies da ist. Wie man liest, ist Amal Clooney aber noch lange nicht so alt, dass sie für eine entsprechende Studie in Frage käme.

Über alte Frauen liest und hört man ohnehin sehr wenig. Außer „Hänsel und Gretel“ und ähnlichen Geschichten beschäftigt sich nur noch das Volkslied „Hab‘ mein Wage voll gelade“ mit „alten Weibsen“. Wenn ich es nicht fehldeute, kommt es zu dem Schluss, dass zumindest bei der Personenbeförderung die Jugend dem Alter vorzuziehen sei. Dass das stimmt, weiß jeder, der bei Bahnfahrten einen Platz am Vierer-Tisch reserviert. Der Altweibersommer wiederum erfreut sich hingegen bei jung und alt großer Beliebtheit. Auf der Wies’n hätten sie ihn gern und wir haben ihn. Dabei hat es nicht an alten Frauen gefehlt, die die Bezeichnung „Altweibersommer“ zumindest diskriminierend fanden. Dazu hat das Landgericht Darmstadt aber schon 1989 festgestellt, dass die Verwendung dieses Ausdrucks keinen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte von älteren Damen darstellt. Bleibt nur noch die Frage, ob sich so ein Darm eigentlich gebauchpinselt fühlt, dass eine ganze Stadt nach ihm benannt ist?

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Lasst euch nichts erzählen!

Der Postbote kam pünktlich um zwanzig nach sieben. Unter jedem Arm hatte er ein Paket. Außerdem begleitete ihn ein Kind. Er scannte die beiden Pakete, machte dann kehrt und verließ das Haus. Das Kind blieb zurück. Es sah zu mir hoch und lächelte ein bisschen unsicher. Ich zog meine Mundwinkel nach oben und mich selbst in meine Gemächer zurück. Mir war nicht ganz wohl. Hatte ich ein Kind bestellt? Aber ich hatte doch noch gar nicht unterschrieben. Was sollte ich jetzt mit einem Kind anfangen? Ging es schon in die Schule? Aber noch waren Ferien. Ich habe gar keine Zeit, mich um ein Kind zu kümmern. Vielleicht ging es von alleine wieder weg. Die Tür war noch offen. Was, wenn es einfach hineinschlüpfte und sich in der Wohnung versteckte? So, wie die Spinne, die ich immer hinauswerfen will. Sie sitzt ganz frech im Bad an der Wand über der Badewanne. Ich gehe dann Glas und Postkarte holen, aber wenn ich zurück bin, ist die Spinne verschwunden. Sie sitzt dann in ihrem Versteck und lacht sich kaputt.

Es könnte also sein, dass das Kind wirklich weg ist, wenn ich wieder zur Tür komme. Das muss aber nicht heißen, dass es gegangen ist. Es ist irgendwo in der Wohnung und wartet bis ich schlafen gegangen bin. Dann frisst es mir den Kühlschrank leer. Und schon muss ich wieder neue Sachen bestellen, die dann wieder der Postbote bringt. Hoffentlich bringt er nicht jedesmal ein Kind mit. Aber vielleicht kann man sie auch mit dem Rücksendeaufkleber zurückschicken. Einen Rücksendeaufkleber kann man jedoch pro Bestellung nur ein einziges Mal ausdrucken. Dann kam der Postbote wieder zurück. Das Kind stand noch vor der Tür. Der Postmann trug noch ein drittes, sehr großes Paket zu mir hinauf. Jetzt sollte ich unterschreiben. Danach verabschiedete er sich, nahm das Kind an die Hand und ging davon. Das Kind war also gar nicht für mich. Es hätte mich auch sehr gewundert, denn ich brauche grade gar kein Kind. Warum hätte ich dann eines bestellen sollen? Aus purem Übermut? Das sollte mir mal einfallen!

Ich habe übrigens nie verstanden, warum der Klapperstorch die Kinder bringen sollte. Ich habe noch nie einen Storch gesehen, der ein Kind im Schnabel trug und ich kenne auch niemanden, der so etwas je gesehen hätte. Kinder an der Hand von Postboten sind dagegen um einiges wahrscheinlicher und jetzt habe ich es auch mit eigenen Augen gesehen: Die Kinder kommen mit der Post. Lasst  euch bloß nichts erzählen!

Warenhäuser

Ich habe mein kleines Auto gestern früh zur Durchsicht gebracht und wollte es eigentlich am Nachmittag wieder abholen. Dann bekam ich es aber nicht zurück. Sie wollen es über Nacht da behalten. Da sieht man es mal wieder: man sollte sich jeden Morgen ordentlich voneinander verabschieden und niemals im Streit in den Tag hinaus gehen. Es kann passieren, dass man sich am Abend nicht wiedersieht. Da es noch sehr früh war habe ich überhaupt nicht mit dem Auto gesprochen. Ich habe auf seinen Pedalen herumgetrampelt, die Tür zugeschlagen und bin ohne ein Wort weggegangen. Nun steht es da, hinter einem Zaun zusammengepfercht mit anderen Autos, die es nicht kennt. Ich kann nur hoffen, dass ich es heute wiederbekomme und dann bringe ich es nie wieder fort. Vielleicht kaufe ich ihm eine kleine Weide, auf der es stehen, sein Gnadenbrot verzehren und in Würde alt werden kann.

Früher habe ich mich damit begnügt, mich hinter ein Lenkrad zu setzen und Fahrgeräusche zu machen, ohne dass ich mich einen Zentimeter fortbewegt hätte. Ich kam trotzdem an, stieg aus und knallte mit der Tür. Dann ging ich meinen Geschäften nach. Meine Nichten haben in ihrem Keller einen Kaufmannsladen, in dem man alles kaufen kann, was man will. Warum reicht einem das irgendwann nicht mehr? Deutschlands große Warenhäuser haben ein Bündnis zur Freigabe der Öffnungszeiten an Sonntagen geschmiedet. Einkaufen sei ein „fundamentaler Teil der Beschäftigung an Sonntagen“ sagen sie. Jaja, rufen wir, aber doch nicht im Warenhaus, sondern bei unseren Nichten im Keller.

Ich stelle mir vor, wie die Männer in unserer Straße morgens alle in ihre Autos steigen und damit zur Arbeit fahren, ohne sich vom Parkplatz zu rühren. Manche lassen die Scheiben runter und haben das Radio an. Die einen summen, die andern tuckern, wieder andere brummen. Nach einer halben Stunde ist auch der letzte angekommen und geht wieder in seine Wohnung zurück. Da helfen sie dann ihren Frauen die Wäsche zusammenzulegen, die gerade die Kinder in die Kita gebracht haben. Natürlich zu Fuß, denn die Kinder müssen ja wirklich in die Kita. Die Männer spielen nur, dass sie auf Arbeit fahren. Wenn die Frauen die Kinder wieder abholen haben auch die Männer Feierabend und fahren so nach Hause, wie sie am morgen hergekommen sind. Wenn sie dann heimkommen, freuen sie sich, dass die Kinder wieder da sind. Kein Auto fährt mehr auf der Straße, es gibt keine Unfälle und in der Werkstatt spielen sie mit den Neuwagen, die nun keiner mehr braucht. Und Warenhäuser heißen Warenhäuser, weil sie das früher mal waren.

Immer besser

Ich verbringe meine Wochenenden gern an abgelegenen Orten. Dieses Mal gedachte ich aus dem Dörfchen Zinndorf in der Märkischen Schweiz, wo ich mich um der Gemeinschaftspflege willen aufhielt, nach Bad Klosterlausnitz in Thüringen zu reisen. Am Einfachsten geht das über die Autobahn A9. Allerdings befürchtete ich dort (zu Recht) einen schrecklichen Stau und wollte über die A13 und A4 ausweichen. Den Anfang der A13 Richtung Dresden konnte man gar nicht verpassen. Er wurde durch einen Mega-Stau von geradezu biblischen Ausmaßen gekennzeichnet. Nach einer guten Stunde hatte ich dann freie Fahrt bis ans nächste Stauende auf der A4. Hier versuchte ich ein Käsebrötchen zu verzehren. Es war außer mit Käse noch mit Tomaten und einer schmierigen, tropfenden Substanz belegt, die den einhändigen Verzehr fast unmöglich machte. Die Brötchenhälften verschoben sich beim Zubeißen gegeneinander und die fettige Creme tropfte mir in den Schoß. Dann zog die Kolonne mit der Geschwindigkeit an. Ich hatte Remouladen-Hand, konnte nicht schalten und versuchte, im 2. Gang mitzuhalten. Bei Tempo 80 gab ich auf.

Die thüringische Landesgrenze präsentierte sich dann als Wetterscheide. Ich fuhr übergangslos von 30 Grad Celsius und Sonnenschein nach 16 Grad, Hagel und Starkregen. Die Scheiben beschlugen sofort. Das Navi hatte ich ausgeschaltet. Wie durch ein Wunder gelangte ich im Blindflug ans Ziel. Im Nebenzimmer hatte ein älterer Herr Quartier genommen. Aus irgendeinem Grund lässt er das Licht in seiner Nasszelle an, so dass ich vom etwas bedrohlich wirkenden Brummen der Lüftung in den Schlaf gesungen wurde. Im Frühstücksraum war für zwei gedeckt, ich war Erster. Als mein Nachbar kam, erkundigte er sich, ob es freie Platzwahl gäbe. Ich bejahte.

Inzwischen liege ich im Park der Kurklinik in der Sonne und denke über das Leben nach. Da ich ein Spätentwickler bin, werde ich auch etwas später eigene Kinder haben. Ich werde dann im Großeltern-Alter sein und mein Kind so wie mein eigenes Enkelkind aufziehen. Auch mein Kind wird mich als seinen Großvater ansehen. So werden wir viel Spaß miteinander haben. Um die Erziehung sollen sich bitte andere kümmern. Das Kind wird ja wohl noch eine Mutter haben. Daran sieht man schon, dass die Mutter des Kindes bedeutend jünger sein wird. Das ist nun mal nicht mehr zu ändern, muss aber kein Nachteil sein. Es wird immer besser.

In der Gegenwart

Spätestens 1989, vielleicht aber auch schon 1988 gab es für die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik sogenannte Reiseerleichterungen für Reisen in die Bundesrepublik. Man bekam auf Antrag ohne weiteres ein Visum. Sogar ich bekam 1989 eins, obwohl ich erst im April des Jahres aus dem Wehrdienst entlassen und möglicherweise Geheimnisträger war. Somit bekam jeder die Gelegenheit, seine lieben Verwandten zu besuchen, wovon wir natürlich sofort Gebrauch machten. Und es roch so schön nach Kaugummi und West-Benzin. Fünfundvierzig Jahre zuvor waren unsere Familien sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits aus Ostbrandenburg und Ostpreußen auf der Flucht vor der Roten Armee über die Oder und über die Ostsee gekommen. Als sich abzeichnete, wohin der Hase im Osten lief, gingen einige weiter Richtung Westen. Von dort schickten sie uns Päckchen und als es möglich war, kamen sie uns auch besuchen. Sie hatten Autos, sie hatten Zigaretten und wir hatten S-Bahn-Fahrkarten für zwanzig Pfennige (Preisstufe 1). Außerdem hatten wir Staatsbürgerkunde und Klassenbewusstsein.

Das ist jetzt alles Geschichte. Heute ist das Reisen zu den Verwandten kinderleicht und überhaupt nichts Besonderes. Zu manchen reisen wir auch gar nicht mehr, sondern telefonieren höchstens noch. Meine Oma hat immer davon geträumt, einmal nach Paraguay zur reisen. Dort und in Südafrika sollen wir auch Verwandte haben. Sie sagte immer „Para-gu-ai“. Als Kind hatte ich keine richtige Vorstellung davon, wo das liegt, aber ich fürchtete mich ein bisschen davor, dass sie eines schönen Tages in den Sommerferien mit mir dorthin aufbrechen würde. Wir fuhren jeden zweiten Tag auf Fahrrädern in ihren Garten. Ich stellte mir die Reise nach Paraguay ähnlich vor.

Nun ja, wir waren dann nicht mehr in Paraguay. Mich zieht auch nichts dorthin. Dafür fahren wir jetzt aber nach Hattingen. Ich war schon einmal dort und ich muss sagen, dass mich die Tatsache sehr berührt hat, unseren Namen an einem Haus zu lesen, das mir bis dahin völlig unbekannt war. Wir wurden sehr herzlich empfangen und es gibt Grund zu der Annahme, dass es diesmal genauso ist. Wie das aber immer so ist, wird es wohl auch diesmal eine Reise in die Vergangenheit. Ich fürchte mich ein bisschen davor, denn die Vergangenheit ist eben vergangen, alt und verbraucht. Gegen die Vergangenheit gibt es nur ein einziges Mittel: Die Zukunft. Das sind die Kinder. Hoffentlich begegnen wir uns alle in der Gegenwart.

Kinder-Geschichten

Meine Nichten haben mich anlässlich meines letzten Besuches zur Rede gestellt, ob ich auch ein Kinderbuch geschrieben hätte. Ich verneinte wahrheitsgemäß. Daraufhin schickten sie mich wieder fort, nicht ohne mich zu ermahnen, damit endlich mal in die Gänge zu kommen. Seitdem sitze ich hier und zermartere mir das Hirn. Ich war schon drauf und dran, mir einzugestehen, dass ich die Zielgruppe „Kind“ einfach nicht bedienen kann. Ganz allmählich wurde jedoch mir klar, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Die ganze Wahrheit besteht darin, dass das Buch-schreiben nicht zu den Dingen gehört, die ich wirklich gut kann. Viele kurze Texte auf einzelne Seiten zu drucken und sie dann zu einem Buch zusammenzubinden hat nicht viel mit Buch-schreiben zu tun.

Kinder-Geschichten sollte ich aber eigentlich erzählen können. Die Kinder-Welt unterscheidet sich nicht wesentlich von der Erwachsenen-Welt. Die Geschichte vom Schnee auf meinem Balkon oder auch die von meinem Besuch bei den Feen und Elfen könnte doch auch für Kinder unterhaltsam sein. Vielleicht klingt die Sprache ein bisschen anders, als in „echten“ Kinder-Geschichten. Im Großen und Ganzen glaube ich aber nicht, dass für Kinder grundsätzlich andere Themen interessant sind, als für Erwachsene. Die Janosch-Geschichte von Maulwurf und Grille ist zum Beispiele eine klassische Kinder-Gute-Nacht-Geschichte, ausgedacht von einem Erwachsenen und Erwachsene können sich nun mal nur Geschichten für Kinder ausdenken, die sie auch selbst spannend und interessant finden.

Vielleicht ist das Lesen bei den Kindern ein bisschen aus der Mode gekommen. Buchseiten flimmern eben nicht, es gibt keine Hintergrundbeleuchtung und wenn man einfach nur drauf guckt, sehen sie doch extrem langweilig aus. Man müsste sich konzentrieren, still sitzen und lesen und dabei noch in sich hineinhören. Es kann gut sein, dass solche Übungen nicht gut ankommen, bei dem ganzen Geflimmer im Kinderzimmer. Das macht aber erst mal nichts, denn irgendwann wird das blaue Licht ausgehen und wenn dann ein bisschen Geist im Kinderkopf übrig geblieben ist und ein Buch in der Nähe ist, dann werden die beiden schon zusammen finden. Wenn es dann kein Kinderbuch ist – umso besser!