Was ist mit Tee?

Ein Gourmet ist ein Feinschmecker. Mit der Fähigkeit des Feinschmeckens verhält es sich nun genauso, wie mit der des Rückwärtslaufens: sie ist völlig nutzlos. Die Feinschmeckerei verschafft dem Feinschmeckenden keinerlei Vorteil, es sei denn, man rechnet das Erleben von Genuss zu den Vorteilen. Als Genussunfähiger kann ich aus der Beobachtung Genießender allerdings nur gegenteilige Schlüsse ziehen. Genuss scheint doch eher etwas mit Leiden als mit Vorteil und Gewinn zu tun zu haben. Genießende verziehen ihr Gesicht so wie Schmerzempfindende und machen ähnlich wimmernde Geräusche. Genuss kann gar kein Vorteil sein, denn zu seinen hervorstechendsten Wesensmerkmalen zählt ja seine Flüchtigkeit. Das bedeutet nichts anderes, als dass die ganze Lust nur einen Augenblick währt und sich alsbald um so heftiger wieder Sehnsucht, Verlangen und Begehren einstellen. Wenn man nicht total auf Zack ist, kann man sogar den kurzen Lustmoment vollständig verpassen. Mir ist das mal in der Adventszeit mit Dominosteinen passiert: mich verlangte unbändig nach ihnen, ich kaufte mir welche – und fand schließlich die leere Packung im Müll, ohne Erinnerung daran, dass ich sie genossen hatte.

Ein alter Freund, der seinen Namen ganz bestimmt nicht in der Zeitung lesen will, hat auch dieses Gourmet-Ding. Hin und wieder ergibt es sich, dass wir zusammen eine Mahlzeit einnehmen oder er erzählt von einer solchen Gelegenheit. Er eröffnet dann immer mit dem Hinweis, er könne zum Essen kein Bier trinken. Ich reagiere dann immer etwas unbeholfen. Da wir bald wieder eine Zusammenkunft haben, will ich mich etwas vorbereiten und eine Liste mit möglichen Antworten machen, damit ich nicht immer so rum stottere. Also:

Ich kann zum Essen kein Bier trinken

  • Ich auch nicht.
  • Es ist wie Fahrrad fahren: Ich konnte das auch nicht auf Anhieb. Durch tägliches Üben habe ich es aber geschafft.
  • Ich auch nicht. Darum trinke ich vor und nach dem Essen größere Mengen und esse dann nur wenig und sehr schnell.
  • Ich kann beim Bier trinken nichts essen.
  • Essen wird überbewertet.
  • Ich kann beim laufen nicht telefonieren.
  • Nobody is perfect.
  • Trink Wasser wie das liebe Vieh und denk, es wär Krambambuli.
  • Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
  • Und was ist mit Tee?
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Wie Katzen und Menschen

Missverständnisse, nichts als Missverständnisse. Warum? Weil Verstehen nun mal sehr schwer ist. Es ist eigentlich ganz unmöglich. Wie soll man jemanden verstehen, der nicht man selbst ist? Kann man sich denn überhaupt selbst verstehen? Die Katzen von Tante Hannelore schauen mich sehr verständnisvoll an, wenn ich zu ihnen spreche. Was verstehen sie? Wahrscheinlich wundern sie sich darüber, wie man so unablässig und pausenlos Geräusche produzieren kann, wie wir das machen, wenn wir sprechen. Die Katze steht vor der Terrassentür und macht „minkh“ . Das muss reichen. Zwischen Menschen und Katzen gibt es keine Missverständnisse.

Zwischen Menschen und Menschen dagegen schon. Ein Mensch sagt „A“ und ein anderer versteht „B“. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass das der Normalfall aller Kommunikation ist. Verständigung ist eine Illusion. Genau das macht die Sprache aber erst interessant. Eine Sprache, die keine Missverständnisse zulässt, ist nicht schön. Bei Zugmeldungen im Bahnverkehr darf es keine Missverständnisse geben. „Zug 44 3 27 A-Stadt voraussichtlich ab 15“ ist zwar ein in dieser Hinsicht sicherer Satz. Er ließe sich jedoch nur schwer singen. Er kann einen auch kaum wütend oder traurig machen. Man kann ihn nicht mal falsch verstehen. Man kann ihn nur nachplappern oder widersprechen. „Nein. Warten“ hieß das Zauberwort. Wer es ausgesprochen hatte, hatte nun alle Zeit der Welt. Man hätte einfach auflegen und in aller Ruhe ein Buch schreiben können. Ein Zug würde nicht kommen. Leider habe ich diesen magischen Satz in meiner aktiven Bahndienstzeit nie gesagt.

In der Mathematik gibt es auch keine Missverständnisse. Leider verstehen die wenigsten Menschen etwas davon, aber Computer und Roboter verwenden sie mühelos. Daher dürften Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Robotern ausgeschlossen sein. Es wird erst schwierig, wenn der Mensch ins Spiel kommt. In der Zeitung stand, dass Mensch und Roboter bald Kollegen sein werden. Man muss keine Angst davor haben, dass Menschen dann bald keine Arbeit mehr haben. Es wird nämlich einen neue Berufsgruppe notwendig werden, so etwas wie Roboter-Mensch-Mediatoren. Wahrscheinlich wird die neue Arbeitswelt nur noch mit zeitaufwändigen Supervisions- und Mediationssitzungen zu bewältigen sein, in denen die Menschen ihre Kommunikationserfahrungen mit den Robotern verarbeiten müssen. Während dieser Zeit müssen dann die Roboter alleine weiter arbeiten und irgendwann machen die einen nur noch Yoga und malen, während die anderen die Industrie wuppen. Das ist dann wahrscheinlich am Besten für alle und Menschen und Roboter verhalten sich dann zueinander wie heute Katzen und Menschen. Minkh.

Türen zuschlagen

Es gibt wieder Schwierigkeiten mit den Nachbarn. Einen Tag lang konnte ich gar nicht raus, weil es so aussah, als würden sie ausziehen. Ich frohlockte, aber es stellte sich als Ablenkmanöver heraus. Mann und Frau verließen das Haus mit Reisetasche und Koffer. Aber am nächsten Tag waren sie schon wieder da. Offenbar haben sie vor, den Treppenabsatz vor unseren Wohnungen, den wir uns für den Moment noch teilen, von nun an allein zu beanspruchen. Der Mann bezog vor der Wohnungstür Posten und tat so, als beschäftige er sich mit seinen Schuhen. Ich verschwand so schnell es ging in meinen Gemächern. Das war am Mittwoch.

Mittwochs ist Treppenhausreinigung und alle Mieter sind gehalten, „störende Elemente“ aus dem Hausflur zu entfernen. Ich habe dazu so meine Phantasien, nahm aber am Morgen trotzdem meine Fußmatte herein, nicht ohne sie auf dem Treppenabsatz auszuschütteln, damit die Reinigungskraft auch was zum auffegen hat. Ich glaube, dann macht ihr die Arbeit mehr Freude. Vor meiner Tür lag nun ein ansehnlicher Sandhaufen. Am Abend war der Sandhaufen immer noch da. Keine Ahnung, was da schiefgegangen ist. Ich wollte ihn eigentlich selbst beseitigen, habe ich mir aber angewöhnt, vor dem Öffnen der Tür durch den Spion zu sehen, ob die Luft rein ist. Ich stelle mir jetzt vor, wie der Nachbar gleichzeitig hinter seiner Tür stand und 20 Sekunden durch den Spion äugte. Dann rissen wir beide gleichzeitig die Tür auf.

Es war für uns beide ein gewaltiger Schreck. Wir standen wie zur Salzsäule erstarrt und waren weitere 20 Sekunden völlig bewegungs- und handlungsunfähig. Ich hatte die Fußmatte in der Hand und ließ sie fallen. Sie landete im Sandhaufen und sofort türmte sich eine gewaltige Staubwolke auf. Ich hätte jetzt ziehen und während ich mich zur Seite fallen ließe fünf- oder sechsmal feuern können. Mein Nachbar aber auch. Er hat es nicht getan. Scheinbar hatte ich den Überraschungseffekt auf meiner Seite. Die Staubwolke hatte sich noch nicht verzogen, als ich ihm die Tür einfach vor der Nase zuknallte. Vermutlich wurde er von seiner Frau in die Wohnung zurückgezerrt, wo sie sich dann verbarrikadierten. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Aber irgendwann müssen sie ja mal rauskommen. Genau wie ich. Und ich verwette meine Fußmatte, dass wir wieder genau gleichzeitig unsere Türen aufreißen. Nur, um sie gleich wieder zuzuschlagen.