Soll nicht so bleiben

Die Buchstaben sind alle. Einige wenige sind noch da, aber sie reichen auf keinen Fall mehr für das ganze Jahr. Ich muss mich also ein bisschen zusammenreißen. Entweder schreibe ich kürzere Texte oder ich schreibe weniger Texte oder ich schreibe irgendwann gar nicht mehr. Kürzere Texte schreiben scheidet als Möglichkeit aus, denn dann werde ich nie erfahren, worauf ich eigentlich hinaus wollte. Bis hierher weiß ich es noch nicht. Gar nicht schreiben ist natürlich auch keine Option. Also bleibt das „Weniger“ als die goldene Mitte. Wie kam es überhaupt zu diesem plötzlichen Buchstabenmangel? Damit das klar ist: Es hat nichts mit mir zu tun. Ich kann nichts dafür. Meine paar Buchstaben in der Woche tun nun wirklich nichts zur Sache. Nein, es ist einfach über Jahrzehnte hinweg Raubbau an der Ressource Buchstabe geübt worden. So siehts aus. Jahrhundertelang hatte der Buchstabe sein Auskommen in antiken Schreibwerkstätten oder mittelalterlichen Kloster-Scriptorien. Mit der Erfindung des Buchdrucks war es damit vorbei. Aber auch der Buchdruck hätte dem Buchstaben nie und nimmer gefährlich werden können.

Der Anfang vom Ende war die Erfindung der Schreibmaschine. So muss man es wohl sagen. Mit der Schreibmaschine war der Buchstabe schließlich haushalts- und alltagstauglich geworden. Mit der Erfindung der mechanischen Schreibmaschine setzte eine Entwicklung ein, die zur allumfassenden Verbuchstabung des Alltags geführt hat. Anfangs waren Menschen, die Briefe mit der Schreibmaschine schrieben, eine belächelte Minderheit. Die derzeitige Station dieser Entwicklung ist das Mobiltelefon, mit dem niemand mehr telefoniert. Das Telefon ist ein Fernschreiber geworden – ein Telegraf. Mein Urgroßvater war in seinem Dorf Gemeindediener und hatte eine Handglocke. Damit lief er die Dorfstraße entlang, läutete die Glocke und rief „Bekanntmachuuuuuung“. Dann las er eine Bekanntmachung vor. In den Kirchen gibt es noch den schönen Brauch der „Abkündigungen“, bei denen wichtige Nachrichten vorgelesen werden. Im Gebrauch des Fernsehers und des Radioempfängers muss man sich inzwischen gut auskennen, um die wichtigen Nachrichten herauszufinden.

Es wäre tatsächlich gar nicht so schlecht, wenn die Buchstaben jetzt bald irgendwann alle wären. Dann müssten wir nämlich wieder mehr miteinander und zueinander sprechen. Außerdem gibt es sehr viele Menschen, die mit Buchstaben ohnehin wenig oder gar nichts anfangen können. Die haben bis jetzt in unserer Gesellschaft nicht viel zu sagen. Das soll nicht so bleiben. Und das muss es ja auch nicht.

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Mit Absicht

Wann haben wir eigentlich mit der Zählerei angefangen? Die Anzahl der Frauen; die Zahl der Kinder; die Zahl der Tiere in einer Herde; die Bäume im Wald, die Sterne am Himmel, der Sand am Meer. Alles wird gezählt. Als ich noch ins Kinderferienlager fuhr, zählte ich täglich mein Taschengeld. Die Tage zählte ich nur im Zusammenhang mit dem verbleibenden Geldbetrag. Ich verzog mich an den einzigen Ort, an dem ich allein sein konnte. Das war die Klokabine. Dort zählte ich. Es dauerte nie lange. Was hat es mir gebracht? Ein Gefühl der Sicherheit. Geld zählen gibt Sicherheit. Ein schönes Gefühl.

Inzwischen wird uns gemeldet, dass es schon vor 50.000 Jahren Menschen gab, die gezählt haben. Erst nur bis zwei, weil ihnen aufgefallen war, dass manche Körperteile zweimal vorkommen. Na ja und dann gab es kein Halten mehr. Auf einmal fand einer heraus, dass es an den zwei Händen jeweils fünf Finger gibt. Gleich wurde Händevoll und in Zehnerschritten gezählt. Wahrscheinlich mussten in der Frühzeit des Zählens alle Stammesmitglieder jeden Morgen zum Durchzählen antreten. Wenn sich Paare näher kamen und nicht wussten, was sie miteinander machen sollten, zählten sie gegenseitig ihre Zähne. Leider fingen sie dann auch an zu zählen, wie viele Zähne sie sich gegenseitig ausschlugen und so kam das unselige „Zahn um Zahn“ in die Welt und damit das Prinzip der Vergeltung.

Vielleicht würden wir noch im Paradies leben, wenn wir nicht angefangen hätten zu zählen. Wir zählen sogar unsere Schritte. Es soll zwar noch einige Menschen geben, die keine Ahnung haben, wieviele Schritte sie an einem Tag gelaufen sind, aber diese Menschen werden auch gezählt. Und es werden immer weniger. Es kann nicht mehr lange dauern, da werden uns unsere Krankenkassen zwingen, unsere Schritte zu zählen. Schafft man sein Schrittziel nicht, zahlt man eine Strafprämie oder man wird im Social-Ranking runtergestuft, was noch viel schlimmer sein kann.

Nicht zuletzt zählen wir unsere Lebensjahre. Es beginnt mit einer Kerze und dann geht es immer weiter. Der Kerzenbrauch schläft irgendwann ein und lebt erst wieder auf, wenn man in der Seniorenresidenz 100 Kerzen auspusten soll und der Bürgermeister helfen muss. Wir haben über Graf Zahl aus der Sesamstraße gelacht. Aber wir lachen nun mal am lautesten, wenn wir uns ertappt fühlen. Ab heute ist Schluss. Ich zähle nicht mehr mit. Ich vergesse auf der Stelle die Anzahl meiner Lebensjahre. Um ein Zeichen zu setzen, habe ich schon mal die Seitenzahlen in meinem neuen Buch weggelassen. Natürlich mit Absicht.

Andererseits

Ich habe meiner Freundin, deren „Bekannter“ ich bin, gestanden, dass sie meine Freundin ist. Sie hat es mit Gelassenheit auf- und die Freundschaftsanfrage angenommen. Dann entschied sie, diesem Ereignis einen würdigen Rahmen zu geben und wählte dafür eine kleine Vernissage in ihrer Heimatstadt. Vorher sollten wir in einem arabischen Bistro zu Abend essen. Da meine Freundin natürlich eine sehr schöne Frau ist, hat sie das Vorrecht, zu spät zu kommen. Sie machte davon Gebrauch und beauftragte mich telefonisch mit der Vorbereitung des Abendessens. Ich sollte Taboulé bestellen. Ich tat, wie mir geheißen und deckte den Tisch.

Das ist so schnell dahin erzählt. Tatsächlich hatte ich mit dem Auflegen des Telefons vollständig vergessen, was ich bestellen sollte. Ich stand am Tresen und stotterte erbärmlich, bis es mir zum Glück wieder einfiel. Dann bestellte ich noch ein zweites Gericht für mich. Dies wirkte offenbar befremdlich, da ich ja offensichtlich allein war. Man gab sich keine Mühe zu verbergen, dass man mich für verrückt oder betrunken hielt, lies mich aber gewähren.

Taboulé wird in diesem Bistro nun mal aus Petersilie hergestellt, die von den Bistroinhabern einmal im Jahr auf Kamelen aus dem Libanon herbeigeschafft wird. Darum ist das Gericht sehr teuer. Ich verausgabte mein Wochenbudget mit lässiger Geste, was seine Wirkung auf meine schöne Freundin nicht verfehlte.

Dann betraten wir die Galerie, wo man schon auf uns gewartet hatte. Wir waren etwas spät dran, aber jetzt konnte es losgehen. Der Besitzer der Galerie sagte ein Gedicht auf und eine sehr junge Flötenspielerin brachte Stücke aus drei verschiedenen Epochen zu Gehör. Ein Stück sei von der Gruppe ABBA – falls wir die kennen würden. Wir mussten lachen und ich fühlte mich gleich wesentlich jünger, als bei der zuvor gehörten „Forelle“. Dann erhob ich mich, um ein paar Texte aus meinem neuen Buch vorzutragen. Leider hatte ich es gar nicht dabei und nahm wieder Platz. Niemand applaudierte. Es war auch nicht weiter aufgefallen, denn wir saßen in der letzten Reihe. Dann war die Ausstellung eröffnet. Gezeigt wurden großformatige Fotografien in Schwarz-Weiß.

Ich finde, ich sollte mich öfter in der Kunst- und Kulturszene der Umgebung blicken lassen. Ausstellungseröffnungen sind doch eine schöne Alternative zu Lesung, Theater oder Konzert. Sie dauern nicht so lange und man hat viel mehr Gelegenheit zum schlauen Plaudern. Man findet die kleine Galerie übrigens in der Brauerstraße 9 in Bernau bei Berlin und sie heißt „aNderRSeitS – Galerie für Außenseiterkunst“.

Ich schreibe auch

In der Vergangenheit habe ich öfter versucht, mal rauszukommen. Ich kaufte mir Konzertkarten für Annett Louisan oder für Christina Stürmer. Zum Konzert von Annett bin ich auch wirklich losgefahren. Allerdings fand ich den Veranstaltungsort nicht. Ich weiß nicht mehr, wo es war, jedenfalls hatte ich mich völlig verfranzt und stand irgendwann in der leeren Dunkelheit in Berlin mit zwei Annett-Louisan-Karten in der Tasche. Zu Christina Stürmer bin ich dann gar nicht erst losgefahren. Vor kurzem las Ronja von Rönne im Roten Salon in der Volksbühne in Berlin. Das läuft dann immer so, dass ich sofort online Karten zum selbst ausdrucken kaufe. Immerhin nur noch eine, weil mir inzwischen klar ist, dass ich diese Phase meiner Entwicklung allein durchstehen muss.

Bis hierhin ist es leicht. Wenn dann der Veranstaltungstag heranrückt, kommt der schwierige Teil. Solche Events sind ja immer abends, so 20:00 Uhr, was bedeutet, dass ich zu einer Zeit losgehen muss, zu der ich mich eigentlich gerade auf der Couch ablege. Es kostet einige Überwindung, der Gewohnheit nicht einfach nachzugeben. Die Volksbühne ist verkehrstechnisch so gut erschlossen, dass man aus dem U-Bahn-Schacht auftauchend direkt davor steht. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich taumelte und lief eine ganze Weile nach rechts. Dann begann ich meinen Zielort spiralförmig zu umkreisen. Irgendwann wird man dann hineingesogen.

Man erkennt Nicht-Berliner auf solchen Veranstaltungen daran, dass sie viel zu früh erscheinen. Kein Stadtbewohner würde eine halbe Stunde vorher auch nur losgehen. Für mich hatte das den Vorteil, dass ich aus den fünf Plüsch-Sofas des Roten Salons wählen konnte. Ich entschied mich für den Dreisitzer direkt neben der Bar. Bis kurz vor 20:00 war ich so gut wie allein und probierte die Bar-Karte durch. Dann kam die Autorin mit ihrem Freund und die beiden verzogen sich in eine andere Sofa-Nische. Schlagartig füllte sich der Salon. Zwei 16jährige, Junge und Mädchen, sprangen neben mir auf dem Sofa herum und lieferten sich eine Kissenschlacht. Ich hielt die Kapazität des Sofas jetzt für saturiert und bat höflich, meinen Platz freizuhalten, während ich schnell noch mal zur Toilette musste. Als ich zurück kam, waren noch zwei junge Frauen dazugekommen, die mich unschuldig anlächelten. Ich lächelte zurück und quetschte mich in die Sofaritze. Dann stand Ronja auf, ging auf die Bühne, lächelte auch und erzählte von ihrem letzten Urlaub und was sie sonst so macht. Zwischendurch las sie etwas vor.

Als ich nach Hause fuhr, war ich sehr glücklich und ich dachte, dass ich es gut habe. Ich schreibe auch. Aber ich habe es besser. Ich muss nämlich nichts verkaufen.