Ronja von Rönne: Warum man nicht schreibt

Wenn man als Schriftsteller sein Geld verdient, fragen einen ständig Leute, warum man denn schreibe. Kennt man ja von Lehrern, die ständig gefragt werden, warum sie eigentlich unterrichten, statt geil auszuschlafen. Oder von Baggerführern, von denen man gerne wissen will, was eigentlich ihre Inspiration für die Baustelle auf der A99 war.

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http://sudelheft.blogspot.de/2017/10/warum-man-nicht-schreibt.html

Wie man’s macht

Ich schlafe inzwischen so viel, dass meine publizistische Arbeit darunter zu leiden scheint. Im Schlaf kann man nun mal nichts schreiben. Daran kann man auch immer schön überprüfen, ob man schläft oder ob man wach ist. Wenn man schlafend versucht, etwas zu schreiben, dürfte es nicht gehen. Entweder wird man wach oder es gelingt einfach nicht, weil die Tastatur sich auflöst, der Stift abbricht oder einfach verschwindet. Das sollte einen misstrauisch machen. Zur Sicherheit kann man dann versuchen, etwas zu lesen. Ein Hinweisschild könnte schon reichen. Wenn das auch nicht funktioniert, ist man wahrscheinlich nicht wach. Da ich gerade schreiben kann, schlafe ich offenbar nicht mehr. Diese Zeiträume werden aber immer kürzer. Es kann sein, dass sich das Gehirn gewissermaßen umgepolt hat und ich jetzt bald sechzehn Stunden schlafe und nur noch acht Stunden wach bin.

Das wäre aber völlig ok. Das Wachsein wird nämlich überbewertet. Es gibt nicht mehr viel, wozu es nötig ist. Spontan fallen mir die Nahrungssuche und die Fortpflanzung ein. Das erste dieser beiden Probleme habe ich geregelt. Ich muss eigentlich nur noch die Pfandflaschen abgeben und dafür sind die acht Stunden mehr als ausreichend. Das zweite Problem ist meines Wissens noch ungelöst. Möglicherweise kann ich nun nicht mehr ausreichend Zeit für die Partnersuche aufbringen und bleibe deswegen kinderlos. Das wäre aber auch kein Beinbruch, wie man so schön sagt. Meine Oma war deswegen sehr besorgt. Sie sagte immer „Das ist totes Land“ und guckte mich sehr ernst an. Ich weiß immer noch nicht genau, was sie gemeint hat. Vielleicht, dass die Fortpflanzung der einzige Zweck der Existenz sei? Dem stimme ich nicht bei.

Letztlich stellt sich natürlich die Frage, wozu die Schlaferei gut ist. Vielleicht entwickelt sich mein Gehirn gerade in einem epochalen Evolutionssprung weiter. So, wie Säuglinge auch viel schlafen müssen, weil im Gehirn so viel passiert. Wenn ich mich jetzt fortpflanze, muss ich dann in neun Monaten wieder mit dem Schlafen aufhören, weil die Neugeborenen einen nun mal nicht schlafen lassen, wie man hört. Dann hört das Gehirn wieder auf, sich zu entwickeln und ich bleibe so dumm, wie Bohnenstroh. Andererseits können dann aber auch die Gene nicht weitergegeben werden und ich werde zwar supersmart, sterbe aber aus. Es ist also alles egal wie 88. Wie man’s macht, ist’s verkehrt. Darum mache ich es lieber gleich richtig. Dann ist es sowieso verkehrt.

Total verrückt

Wenn man überlegt, was den Menschen vom Tier unterscheidet, fällt einem ja nicht mehr viel ein. Das soll jetzt gar nicht den Menschen abwerten, sondern eher das Tier aufwerten. Gefühle im Allgemeinen und Liebe im Besonderen sind schon lange keine Alleinstellungsmerkmale mehr. Auch die Sprache als Kommunikationsmittel nicht. Aber Buchstaben, Worte und Sätze, die man aufschreiben kann, die hat nun mal kein anderes Tier als der Mensch. Von weitem sieht ein Text eigentlich immer gleich aus, aber wenn man ihn aus der Nähe betrachtet, macht er was im Kopf. Ich finde das faszinierend. Es muss ein grundsätzlich verschiedenes Erlebnis sein, einen Text in Braille-Schrift mit den Händen zu lesen, wenn man ihn nicht sehen kann. Ich weiß gar nicht, ob ich die Fähigkeit hätte etwas zu schreiben, wenn ich es nicht gleichzeitig lesen könnte.

In der Schule galt ich als guter Leser. Ich wurde oft gebeten, irgendetwas vorzulesen. Es fiel mir leicht. Es stand ja da und das Lesen verursachte mir überhaupt keine Anstrengung. Es ging wie von selbst. Es gab Mitschüler, die konnten das nicht. Sie buchstabierten und stotterten, schwitzten und stöhnten. Ich habe wahrscheinlich nie verstanden, was ihnen solche Schwierigkeiten bereitete, aber ich habe sie dafür nicht verachtet. Zumindest ist es das, was ich heute hoffe. Es ist aber leider auch möglich, dass ich früher ganz anders war, als ich mir das heute so vorstelle. Es könnte sogar sein, dass ich auch heute noch ganz anders bin, als ich mir das so denke. Darum zucke ich vielleicht immer so ein bisschen zusammen, wenn ich in den Spiegel gucke.

Der Spiegel ist auch so etwas, was einem zum Menschen macht. Dabei geht es gar nicht um das Möbelstück. Das ist nur ein Symbol. Ein Text kann ein Spiegel sein oder ein Bild. Man erfährt dabei immer etwas über sich selbst. Der eigentliche Spiegel aber sind andere Menschen, die sich trauen, einem Sachen über einen selbst zu sagen, die vielleicht wenig angenehm sind. Wir machen das viel zu selten miteinander. Es lohnt sich aber, denn man erfährt immer viel mehr Angenehmes als Unangenehmes. Dann ist einem das Angenehme auf einmal unangenehm. Wenn man also überlegt, was den Menschen eigentlich vom Tier unterscheidet, fällt einem vor allem eines ein: Der Mensch ist total verrückt. Aber auch nett, irgendwie.

Ohne Quatsch

Manche Menschen fahren im Urlaub nach Kreta oder in die Toskana. Sie wollen dort alle Sorgen vergessen und für ein paar Tage frei und glücklich sein. Das gelingt, weil der Himmel dort so blau und so hoch ist. Niemand kommt auf die Idee, er könnte einem auf den Kopf fallen. Es gibt es aber auch in Brandenburg (!) solche Orte. Das ist auch gar kein geographisches Phänomen, sondern es braucht einfach nur Menschen, die einen Traum haben und Mut.

Ich fahre zwei- bis dreimal in der Woche auf dem Weg zu meiner Erwerbsarbeit durch das Dorf Schönfeld. Es liegt ganz malerisch zwischen dem Strochennest in Willmersdorf, Tempelfelde und Beiersdorf und gehört zur Stadt Werneuchen auf dem Barnim. In der Hauptstraße 31 befindet sich nun ein Hof mit Scheune, über dem sich ein Himmel aufspannt, der sich vor niemandem verstecken muss. Der Hof mit Scheune heißt Creativ31 und die Bewohnerinnen und Bewohner des Hofes haben einen Traum, den sie ganz mutig in Wirklichkeit verwandeln. Am vergangenen Wochenende war die Brandenburger Landpartie, der Hof war mit von der Partie und ich sollte dort an zwei Tagen lesen und singen. Eigentlich im Erdbeerfeld. Dann wurde es aber der verzauberte Garten unter dem unglaublich hohen Himmel. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht haben, aber es kamen Jüngere und Ältere, die sich wirklich alles angehört haben, was ich mir so ausgedacht hatte. Ich dachte ja mal, aus mir würde ein großer Sänger. Aber dann reimte sich das meiste nicht, was ich aufschrieb und hatte auch keine richtige Melodie. Auch diesen Text kann man nicht singen. Aber vorlesen kann man das alles und die Jüngeren wie die Älteren haben es sich angehört. Das hat mich sehr gerührt, ich fühlte Verantwortung und ich hoffe, ich habe meine Sache gut gemacht.

Ich konnte mir das alles gar nicht richtig vorstellen und am ersten Morgen bin ich aufgewacht und checkte mein Telefon in der Hoffnung, das Ganze würde abgesagt. Unwetterwarnung. Terrorgefahr. Aber dann waren da Menschen, die auch aufgeregt waren, aber auch voller diebischer Vorfreude und voller Vertrauen und Glauben an sich selbst und an das, was sie tun und auch an mich. Das hat mir unendlich viel Mut gemacht. Und ich will weitergehen, auf diesem Weg der Träume und des Selbstvertrauens. Und danke an alle, die mich begleiten und die mir Mut machen. DANKE! Ohne Quatsch.

Überlistet

Ich wollte noch schnell einen Text schreiben und dabei ein Hefeweizen trinken. Dabei merke ich wieder, dass mir manche Sachen schneller von der Hand gehen als andere. Als ich das Hefeweizen getrunken hatte, hatte ich noch kein einziges Wort geschrieben. In Wirklichkeit habe ich mich aber mit dem Schreiben bloß zurückgehalten, damit nicht am Ende der Text fertig und noch Hefeweizen übrig wäre. Es ist sehr in der Tat sehr schwer, beides so aufeinander abzustimmen, dass ich den letzten Schluck trinke, während ich mir den fertigen Text noch mal durchlese. Eigentlich passiert das nie. Entweder trinke ich oder ich schreibe. Es ist aber auch seltsam, wie sich ein eigentlich fertiger Text nach dem Genuss von Hefeweizen verändert. Ich empfehle das mal zu überprüfen: Erst nüchtern lesen. Dann einen halben Liter Hefeweizen trinken. Dann noch mal lesen. Das kann man beliebig oft wiederholen und bekommt immer andere Ergebnisse. Es ist wie „Sprühen und Wischen“ beim malen mit Kreide.

Meine Texte eignen sich gut für diese Lesetechnik, weil sie so schön kurz sind. Man kann so ein Experiment nicht mit „Krieg und Frieden“ machen. Da wird man ja während des Lesens wieder nüchtern. Andererseits verändern sich die Texte ja nicht objektiv, sondern nur das, was das Gehirn schließlich daraus macht. Das finde ich schon interessant. Vielleicht sollte ich viel mehr selbst herumexperimentieren und Anleitungen voranstellen, in welchem Zustand der Text optimal konsumierbar ist. Aber das ist wahrscheinlich total unterschiedlich und von Variablen wie Körpergewicht und Körpergröße abhängig. Also soll jeder seine eigenen Erfahrungen machen. Ich weiß noch nicht, ob ich Kommentare darüber veröffentlichen würde: „Kommt am besten auf Bong“ oder „Auf Absinth möglicherweise Erbrechen“.

Manche Menschen können nur mit Alkohol fröhlich sein. Ich bin leider auch mit Alkohol nicht fröhlicher, als sonst. Die natürliche Fröhlichkeit geht mir so sehr ab, dass ich oft als verbitterter Griesgram verkannt werde. Das bin ich natürlich nicht, denn ich kann mich mit körpereigenen Drogen in einen Trancezustand versetzen, der vielleicht ein wenig befremdlich wirkt, aber das Leben für mich erträglich macht. Den Trick habe ich von Frau Birkenbihl, die herausgefunden hatte, dass bei längerem Hochziehen der Mundwinkel irgendetwas in die Blutbahn oder direkt ins Gehirn gelangt, dass fröhlich macht. Darum sieht man mich neuerdings oft grinsen, was ein bisschen debil aussieht, aber den Eindruck von Fröhlichkeit erwecken kann, was schließlich auf das eigene Gehirn abfärbt. Dann glaube ich echt, ich sei fröhlich. Überlistet.

Plan B

Am Wochenende habe ich noch einmal eine wichtige Lesung. Man kann mich dann live erleben, wie ich in einem Erdbeerfeld stehe und Erdbeeren lese. Wenn das Körbchen voll ist, geh’n wir wieder heim. Sollte ich mit der Erdbeerlese Erfolg haben, trete ich im Herbst vielleicht mal in einem Weinberg auf. Das Problem ist ja immer die Akustik. Irgendwann versteht einen keiner mehr und man braucht Tontechnik. Die funktioniert dann nicht und es versteht einen erst recht keiner mehr. Dabei wird der Text sowohl beim Singen als auch beim Lesen regelmäßig überbewertet. Ich habe einmal ein Lied in einer Kirche vorgesungen. Hinterher bekam ich gesagt, verstanden habe man nichts, aber es sei ein tolles Lied gewesen. So funktioniert das! Wenn die Leute den Text verstehen würden, würden sie gar nichts mehr verstehen. Oder ich müsste Fragen beantworten.

Das wäre ganz schlecht, denn ich weiß die Antworten nicht. Ich habe ein Lied über den Weichensteller, da lautet eine Textzeile: „Hier kommt er nicht mehr lebend raus, er weiß dass dem so ist.“ Ausgerechnet diese Zeile hat mal jemand verstanden und prompt gefragt, warum er da nicht mehr lebend rauskommt? Woher soll ich das wissen? Ist eben so! Wenn wir früher Neil Young gehört haben, haben wir auch kein Wort verstanden. Es war auch für das Nachsingen von Neil Young nicht nötig, etwas vom Text zu verstehen. Ich habe mir vom Tonband die Texte in Lautschrift abgeschrieben, mein Vater lötete mir einen Munti-Ständer und ich sang Zeug in einer Fantasiesprache. Aber wir waren alle glücklich, denn wir hatten Rosenthaler Kadarka.

Das zweite Problem ist natürlich immer das Wetter. Gegen schlechtes Wetter macht man immer einen Plan B, der dann nicht funktioniert, weil keiner Lust auf schlechtes Wetter hatte und der Plan darum nicht zu Ende gedacht ist. Der beste Plan B ist aber immer der, der wieder zu Plan A zurückführt. Den hatten wir auf unserem Mädchenwandertag an der Unstrut. Plan A sah vor, dass wir von unserm Quartier nach Freyburg wandern. Am Morgen regnete es dann, wie verrückt. Plan B bestimmte, mit dem Auto nach Freyburg zu fahren und von dort zurückzulaufen, weil der Regen dann vielleicht aufgehört hätte. Dann war aber die Straße nach Freyburg gesperrt und die Umleitung in Laucha führte so lange im Kreis herum, bis wir wieder am Ausgangspunkt waren und der Regen aufgehört hatte. Von dort aus lief dann alles nach Plan A. So macht man das.

Zu spät

Gern hätte ich eine Zeit am späteren Vormittag, in der ich Leserbriefe beantworte. Diese Zeit habe ich nicht, was nicht an der Zeit liegt. Es liegt daran, dass ich keine Leserbriefe bekomme. Was nicht weiter schlimm ist. Wenn ich es ganz dringend brauchen würde, könnte ich mir Briefe ausdenken, die ich dann beantworte. So weit ist es aber noch nicht. Dass ich keine Leserbriefe bekomme, bedeutet keinesfalls, dass ich keine Leser habe. Es bedeutet nur, dass mir meine Leser keine Briefe schreiben.

Ich selbst schreibe nun nicht etwa, um irgend jemandem etwas mitzuteilen. Ich schreibe, um zu erfahren was ich geschrieben habe. Ich würde damit nicht anfangen, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass es auch jemand liest. Aber der Leser ist immer jemand anderes, als derjenige, an den ich mich wende. Ganz am Anfang schieb ich für eine sehr reale Person. Meine Leser wurden aber ganz andere Personen. Es kann durchaus passieren, dass daraus eine neue Religion entsteht, wie es beim Christentum gewesen ist. Na gut- eine Religion wird es vielleicht nicht. Dafür fehlt meinen Texten wahrscheinlich das Metaphysische und das Transzendente.

Überhaupt finde ich den Vergleich mit dem Christentum inzwischen unangemessen. Das passiert manchmal, wenn ich beim Schreiben eines Textes zwischendurch einschlafe. Mein liebster Schreibplatz ist nämlich das große Bett. Leider werde ich es heute noch verlassen müssen, denn ich habe keine Kaffeesahne mehr. Nur wegen der Kaffeesahne für eine volle Stunde das Bett zu verlassen, finde ich aber auch unangemessen. Ich habe gerade einen Text von Ruth Herzberg gelesen. Eigentlich bin ich ein grandioser Kopierer. Ich kann nichts besser, als andere zu kopieren. Dafür müssen sie mir natürlich gefallen. Ruth Herzberg gefällt mir und ich habe versucht, einen Link zu ihrem Blog auf meinem Blog zu teilen. Es hat nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Darum haben jetzt alle Email-Follower einen kryptischen Link bekommen, der nicht funktioniert. Das tut mir leid.

Bevor ich wieder wie ich selbst schreiben kann, muss ich erst einen Text von mir lesen, um dann meinen eigenen Stil zu kopieren. Manche Kopien gehen auch gar nicht mehr weg. Als Kind habe ich Herricht und Preil gehört. Als meine Mutter merkte, was aus mir geworden war, vernichtete sie die Schallplatten. Aber es war zu spät.