Ohne Quatsch

Manche Menschen fahren im Urlaub nach Kreta oder in die Toskana. Sie wollen dort alle Sorgen vergessen und für ein paar Tage frei und glücklich sein. Das gelingt, weil der Himmel dort so blau und so hoch ist. Niemand kommt auf die Idee, er könnte einem auf den Kopf fallen. Es gibt es aber auch in Brandenburg (!) solche Orte. Das ist auch gar kein geographisches Phänomen, sondern es braucht einfach nur Menschen, die einen Traum haben und Mut.

Ich fahre zwei- bis dreimal in der Woche auf dem Weg zu meiner Erwerbsarbeit durch das Dorf Schönfeld. Es liegt ganz malerisch zwischen dem Strochennest in Willmersdorf, Tempelfelde und Beiersdorf und gehört zur Stadt Werneuchen auf dem Barnim. In der Hauptstraße 31 befindet sich nun ein Hof mit Scheune, über dem sich ein Himmel aufspannt, der sich vor niemandem verstecken muss. Der Hof mit Scheune heißt Creativ31 und die Bewohnerinnen und Bewohner des Hofes haben einen Traum, den sie ganz mutig in Wirklichkeit verwandeln. Am vergangenen Wochenende war die Brandenburger Landpartie, der Hof war mit von der Partie und ich sollte dort an zwei Tagen lesen und singen. Eigentlich im Erdbeerfeld. Dann wurde es aber der verzauberte Garten unter dem unglaublich hohen Himmel. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht haben, aber es kamen Jüngere und Ältere, die sich wirklich alles angehört haben, was ich mir so ausgedacht hatte. Ich dachte ja mal, aus mir würde ein großer Sänger. Aber dann reimte sich das meiste nicht, was ich aufschrieb und hatte auch keine richtige Melodie. Auch diesen Text kann man nicht singen. Aber vorlesen kann man das alles und die Jüngeren wie die Älteren haben es sich angehört. Das hat mich sehr gerührt, ich fühlte Verantwortung und ich hoffe, ich habe meine Sache gut gemacht.

Ich konnte mir das alles gar nicht richtig vorstellen und am ersten Morgen bin ich aufgewacht und checkte mein Telefon in der Hoffnung, das Ganze würde abgesagt. Unwetterwarnung. Terrorgefahr. Aber dann waren da Menschen, die auch aufgeregt waren, aber auch voller diebischer Vorfreude und voller Vertrauen und Glauben an sich selbst und an das, was sie tun und auch an mich. Das hat mir unendlich viel Mut gemacht. Und ich will weitergehen, auf diesem Weg der Träume und des Selbstvertrauens. Und danke an alle, die mich begleiten und die mir Mut machen. DANKE! Ohne Quatsch.

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Ich schreibe auch

In der Vergangenheit habe ich öfter versucht, mal rauszukommen. Ich kaufte mir Konzertkarten für Annett Louisan oder für Christina Stürmer. Zum Konzert von Annett bin ich auch wirklich losgefahren. Allerdings fand ich den Veranstaltungsort nicht. Ich weiß nicht mehr, wo es war, jedenfalls hatte ich mich völlig verfranzt und stand irgendwann in der leeren Dunkelheit in Berlin mit zwei Annett-Louisan-Karten in der Tasche. Zu Christina Stürmer bin ich dann gar nicht erst losgefahren. Vor kurzem las Ronja von Rönne im Roten Salon in der Volksbühne in Berlin. Das läuft dann immer so, dass ich sofort online Karten zum selbst ausdrucken kaufe. Immerhin nur noch eine, weil mir inzwischen klar ist, dass ich diese Phase meiner Entwicklung allein durchstehen muss.

Bis hierhin ist es leicht. Wenn dann der Veranstaltungstag heranrückt, kommt der schwierige Teil. Solche Events sind ja immer abends, so 20:00 Uhr, was bedeutet, dass ich zu einer Zeit losgehen muss, zu der ich mich eigentlich gerade auf der Couch ablege. Es kostet einige Überwindung, der Gewohnheit nicht einfach nachzugeben. Die Volksbühne ist verkehrstechnisch so gut erschlossen, dass man aus dem U-Bahn-Schacht auftauchend direkt davor steht. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich taumelte und lief eine ganze Weile nach rechts. Dann begann ich meinen Zielort spiralförmig zu umkreisen. Irgendwann wird man dann hineingesogen.

Man erkennt Nicht-Berliner auf solchen Veranstaltungen daran, dass sie viel zu früh erscheinen. Kein Stadtbewohner würde eine halbe Stunde vorher auch nur losgehen. Für mich hatte das den Vorteil, dass ich aus den fünf Plüsch-Sofas des Roten Salons wählen konnte. Ich entschied mich für den Dreisitzer direkt neben der Bar. Bis kurz vor 20:00 war ich so gut wie allein und probierte die Bar-Karte durch. Dann kam die Autorin mit ihrem Freund und die beiden verzogen sich in eine andere Sofa-Nische. Schlagartig füllte sich der Salon. Zwei 16jährige, Junge und Mädchen, sprangen neben mir auf dem Sofa herum und lieferten sich eine Kissenschlacht. Ich hielt die Kapazität des Sofas jetzt für saturiert und bat höflich, meinen Platz freizuhalten, während ich schnell noch mal zur Toilette musste. Als ich zurück kam, waren noch zwei junge Frauen dazugekommen, die mich unschuldig anlächelten. Ich lächelte zurück und quetschte mich in die Sofaritze. Dann stand Ronja auf, ging auf die Bühne, lächelte auch und erzählte von ihrem letzten Urlaub und was sie sonst so macht. Zwischendurch las sie etwas vor.

Als ich nach Hause fuhr, war ich sehr glücklich und ich dachte, dass ich es gut habe. Ich schreibe auch. Aber ich habe es besser. Ich muss nämlich nichts verkaufen.

Ein warmes Licht

Es gibt einen kleinen Text von mir, den ich mit „Meggie“ überschrieben habe. Darin schreibe ich über meine Zeit im Hennigsdorfer Pioniertheater. Es gab damals offenbar nicht viele Jungen, die Theater spielen wollten. Meine erste Rolle war der Oberon im Sommernachtstraum. Ich glaube, im ersten Bild sitze ich im Elfenwald unter einem Baum und die Feen und Elfen tanzen für mich. Irgendwann habe ich genug davon und jage sie weg. Es stand so in meinem Text. Ich habe mir später nie verziehen, dass ich nicht wenigstens eine von ihnen da behalten habe.

In der vergangenen Woche bekam ich über meine Website eine Nachricht. Ich sollte mit dem Zug zu einem bestimmten Bahnhof fahren. Ich sollte meine Gitarre und Geschichten zum Vorlesen mitbringen und würde dort abgeholt werden. Zur bestimmten Stunde war ich am Bahnhof. Eine meiner Arbeitskolleginnen fuhr mit dem Wagen vor. Jedenfalls sah es für mich so aus. Ich stieg ein. Wir fuhren lange durch die Dunkelheit. Dann schien mir, als ob wir in eine Schneeschüttler-Kugel fuhren. Wir stiegen aus und betraten das Grundstück, auf dem ein Haus stand, aus dem uns warmes Licht entgegen schien. Vor dem Haus stand ein verwunschener Baum. Es war genau derselbe Baum, unter dem ich seinerzeit als Oberon gesessen hatte, als ich die Feen verjagte. Ich merkte gleich, welche Funktion dieser Baum hier hatte, denn ich verfing mich in ihm und kam nicht weiter vorwärts. Es war ein Wächterbaum, der das Feenhaus viel besser beschützte, als es ein lärmender und übel riechender Hund gekonnt hätte. Erst das helle Lachen der Feen aus dem Haus, brachte den Baum dazu, mich wieder loszulassen und ich konnte eintreten.

Da erst sah ich es, dass die Wesen, die ich, seit ich sie kenne für Arbeitskolleginnen gehalten hatte, niemand anderes waren, als Feen und Elfen, die über uns wachen und die uns beschützen. Außer den Dreien, die ich bis dahin zu kennen glaubte, waren noch neun weitere versammelt. Und dann begann mein Prüfung. Sie wollten meine Lieder hören und meine Geschichten. Ob ich es wohl vermochte, sie zu unterhalten. Ihr könnt euch wohl denken, wie mir zumute war, denn wer bin ich schon, dass ich solches zu leisten im Stande wäre?

Und doch bestand ich die Prüfung. Sie brachten mir Wohlwollen und Vertrauen entgegen und ich verstand, dass das warme Licht, das ich von draußen sehen konnte, nicht von den Lampen herrührte. Ich hätte bei ihnen bleiben können in dieser Nacht, aber ich war zu klein dazu. Ihr helles Lachen jedoch nahm ich mit mir. Es wird bei mir sein, wenn niemand mehr lachen kann. Dann wird ein Licht angehen, tief in mir drin, ein warmes Licht, das nicht von Lampen herrührt. Und dann werde ich leuchten.

Mit dem richtigen Feuer

Manchmal sprudeln die Ideen aber auch nur so. Gerade eben hatte ich den Einfall mit der langen Lesenacht. Ich bin darauf gekommen, weil ich ja bei einer gewöhnlichen Lesung immer entscheiden muss, was ich überhaupt vorlesen will. Eigentlich gibt es für die Auswahl überhaupt keine vernünftigen Kriterien und sie erfolgt vollkommen zufällig. Das ist mit hohem Risiko verbunden, denn so kann es passieren, dass ich komplett daneben liege und genau die Texte nicht lese, die die Leute hören wollen. In der langen Lesenacht würde ich alle jemals verfassten Texte komplett vorlesen und keinen einzigen weglassen. Dabei kämen dann gut und gern so sechshundert Stücke zum Vortragen. Wenn ich für jeden Beitrag zwei Minuten ansetze, sind wir schon bei zwanzig Stunden pausenlosem Lesen. Dann gibt es ja noch Reaktionen des Publikums, vielleicht doch auch Pausen zwischendurch und vielleicht die eine oder andere Verzögerung, so dass man also 24 Stunden einplanen sollte.

Bei einer solchen Unternehmung müsste allerdings meine medizinische Betreuung gewährleistet sein. Sonst besteht die Gefahr, dass ich während des Lesens dehydriere und auf offener Bühne kollabiere. Eben bin ich während des Schreibens einfach eingeschlafen. Das kann auch beim Lesen schon mal passieren, dann muss man mich durch heftiges Applaudieren und Pfeifen eben wieder aufwecken. Das Ärzteteam sollte mich dabei aber immer genau im Blick behalten. Vielleicht ist es ratsam, alle zwei oder drei Stunden den Blutdruck zu messen. Wenn es nicht mehr geht, muss das Ganze eben abgebrochen werden. Wenn es gelingt, Axel Hacke dafür zu gewinnen, kann er in diesem Fall als Ersatz weiter lesen, damit die Leute nicht ganz umsonst gekommen sind.

Das bringt mich auf eine weitere und viel bessere Idee. Ich werde in der langen Lesenacht überhaupt nicht selbst lesen. Während ich mir das vorstelle, merke ich nämlich, dass ich dazu gar nicht in der Lage sein würde. Nein, es muss mir irgendwie gelingen, namhafte Autoren und Synchronsprecher zu bewegen, gemeinsam dieses geradezu übermenschliche Werk aufzuführen. Die Stimmen von Robert de Niro aber auch die von Ernie und Bert, Hape Kerkeling, Ronja von Rönne natürlich und Stefanie Sargnagel. Sie lesen dieses ganze Zeug und ich sitze inkognito im Publikum und freue mich darüber, wie schön sie das machen. Denn auch der langweiligste und nichtssagendste Text kann noch zu uns sprechen, wenn wir ihn von der richtigen Person mit dem richtigen Feuer zu hören bekommen.