Wenigstens einen

Die Klage ist für irgend etwas sehr wichtig. Ich weiß nicht mehr genau, für was. Wahrscheinlich für das seelische Gleichgewicht und dafür, sich selbst ok zu fühlen. Auf der Arbeit wird zurzeit sehr viel geklagt. Da ich selber gar nicht im Klagemodus bin, irritiert mich das ein bisschen. Das müsste es aber gar nicht. Man könnte eine Klagewand einrichten. Wir haben sogar ein kleines Mäuerchen um unser Arbeitsgrundstück herum, das bestimmt ein paar Lücken und Löcher hat. Warum nicht einen Teil davon zur Klagemauer erklären. Jeder, der das Bedürfnis verspürt, könnte seine Klage auf einen kleinen Zettel schreiben und in eines dieser Löcher stecken. Dabei kann dann jeder sein eigenes Klageritual aufführen: sich vor die Brust schlagen, ein Stück Stoff zerreißen oder sich eine Substanz irgendwo hin schmieren.

Immerhin scheint das Wesen der Klage darin zu bestehen, sich selbst als Opfer zu begreifen. Ich glaube, da liegt der Hase im Pfeffer. Darin kann dann auch der Sinn der Klage bestehen: sich diesen Sachverhalt bewußt zu machen. Die Opferrolle ist zwar einerseits bequem, denn man muss nichts tun, weil man ja nichts tun kann. Man ist ja Opfer. Andererseits kann man sich aber fragen, ob man weiterhin Opfer bleiben will. Die Frage am Ende der Klage muss lauten: Wie komme ich aus der Opferrolle raus? Aber warum sollte man die bequeme Opferrolle verlassen wollen? Weil man keine Marionette mehr sein will. Weil man wieder selbst über sein Leben bestimmen will. Weil man wieder leben will. Darum ist es so wichtig, der Klage ihren Raum zu lassen.

Wie kommt man also raus aus der Opferrolle? Auf der Arbeit kann man einfach die Seiten wechseln. Wo es „Opfer“ gibt, gibt es auch „Täter“. Das hilft aber nur kurzzeitig, denn je nach Hierarchietiefe ist man auch als Täter bald wieder Opfer. Es ist hier eher so, wie mit allen Antworten auf wichtige Fragen: Es gibt sie nicht. Jedenfalls nicht so, wie in einem Lösungsheft. Jeder muss sie für sich selbst finden und wenn man eine für sich gefunden hat, gilt sie nicht unbedingt für einen anderen. Es hat irgendetwas mit Freiräumen zu tun. Das sind Leerstellen, die keine Instanz und kein Regime jemals besetzen kann und in denen man herausfindet, wer man selbst ist. Dann muss man es schaffen, sich selbst, so wie man ist, zu lieben. Das geht am Leichtesten, wenn es noch ein paar andere Menschen gibt, die einen lieben, so, wie man ist. Oder wenigstens einen.

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Meine Freunde

Alles, was wir an Gutem im Leben erfahren, führt uns letztlich die eigene Unzulänglichkeit vor Augen. Das fühlt sich nicht gut an, aber es hilft einem, sich ein bisschen mehr so zu sehen, wie man nun einmal ist. Das kann schließlich ganz heilsam sein, denn nichts ist lächerlicher und jammervoller, als ein groteskes Selbstbild, das in der Wirklichkeit keinen Bestand hat. Ich bin kein guter Freund. Das weiß ich, weil ich zuletzt so viel Freundschaft erfahren habe. Um so mehr zeigt sich daran die wahre Größe der Freundschaft: Sie rechnet nicht. Sie fragt nicht, was sie schon von mir bekommen hat oder wie die Chancen stehen, dass sie erwidert wird. Sie ist einfach da. Sie kümmert sich nicht um die eigene Bequemlichkeit. Sie freut sich, wenn ich mich freue. Es geht ihr gut, wenn es mir gut geht. Man kann nichts für sie hergeben, sie kann nicht vergolten werden, nur annehmen kann man sie und irgendwie seine Dankbarkeit zeigen. Aber selbst das interessiert sie nicht. Sie wäre auch ohne Dankbarkeit da.

Ich bin kein guter Freund. Ganz seltsamer Weise und ganz anders als bisher gedacht, kümmert sich die Freundschaft der anderen nicht darum. Ich glaube jetzt, dass man selbst als miserabelster und schlechtester Freund noch gute, sehr gute und beste Freunde haben kann. Ich habe sie wirklich und das macht aus mir keinen besseren Freund und schon gar keinen besseren Menschen. Aber es macht mich zumindest für den Moment etwas weniger hochmütig. Ich weiß noch nicht, ob mir das gut steht. Ich weiß nur, dass ich ohne meine Freunde ganz schön alt aussehen würde. Ich dachte mal, ich brauche die anderen Menschen nicht. Ich dachte, so wie ein Edelgas oder Edelmetall sich eben nicht mit anderen Elementen verbindet, so wäre ich vielleicht ein „Edelmensch“. Dabei dachte ich gar nicht mal an „Adel“ sondern nur an das „Edle“ im Sinne der Chemie. Das stimmt vielleicht sogar, solange man nicht in Not gerät. Aber die Not gehört zum Menschsein. Ein Mensch, der die Not nicht kennt, ist keiner. Darum brauchen wir einander, sofern wir Menschen sind, wie wir Luft und Wasser brauchen.

Ich bin, wie ich bin und verändere mich. Wozu ich tauge, weiß ich noch nicht. Was ich aber voller Stolz herzeigen kann, sind meine Freundinnen und Freunde. Und mein Wert oder meine Würde speist sich nicht aus dem, was ich bin oder was ich vermag, sondern allein daraus, dass ich diese Freunde habe.

Wie es war, zufrieden zu sein

Was hat sich verändert? Der Alltag wird zurückkommen, seine Sorgen, seine Nöte und die Ärgernisse. Alles wird wieder wie früher. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht gelingt es mir ja, nicht zu vergessen, dass es mal einen Zustand gab, in dem ich einfach nur froh war, am Leben zu sein. Es spielte keine Rolle, dass ich kein Handy hatte und es war mir egal, dass ich nur ein gepunktetes Nachthemd trug, das hinten offen war. Ein Blick, ein Lächeln allein konnte mich glücklich machen. Ich sah die Gesichter der Menschen und ich kannte sie und ich war voller Vertrauen. Ich sah mir Fußballspiele im Fernsehen an, weil mein Bettnachbar es wollte und freute mich darüber. Es war – das mag jetzt befremdlich klingen – wunderbar. Ich war zufrieden und meine Seele hatte Ruhe. Mir war vollkommen klar, dass ich es nicht im Mindesten in der Hand habe, ob ich lebe oder nicht. Und da ich nun einmal am Leben war, gab es nichts mehr, was ich noch begehren konnte. Vielleicht lag es an den Medikamenten oder daran, dass ich tatsächlich noch einmal davon gekommen war oder an Beidem zusammen. Wie auch immer, es wird nicht so bleiben. Dieses Gefühl einer paradiesischen Geborgenheit wird verblassen und schließlich verschwinden. Aber ich kann mich daran erinnern.

Dass es jetzt gar nicht mehr aufhören will, zu regnen, war natürlich nicht so geplant. Davon haben auch die Fleißigen Lieschen nichts. Sie werden ertrinken und niemand kann sie retten. Aber sie waren da, wir hatten unsere Zeit und wenn die Sonne wieder auf den Balkon scheint, werden wir weitersehen. Als ich nach einer heftigen Bronchitis einmal nicht wieder mit dem Rauchen angefangen habe, habe ich viel Zeit gewonnen. Der Kopf wurde freier, weil ich nicht ständig an die Bevorratung denken musste. Wie ich jetzt feststelle, habe ich dann aber den Balkon nicht mehr genutzt, weil es offenbar ein Rauch-Balkon war. Dafür sah ich wieder mehr fern. Im Moment finde ich fernsehen noch sehr anstrengend, die Augen beginnen bald zu schmerzen und ich möchte doch lieber auf dem Balkon sitzen.

Noch vor kurzem dachte ich dann: Warum soll ich hier sitzen, wenn ich gar nicht rauche? Seit zwei Wochen denke ich das nicht mehr. Und das Beste: ich muss nicht mal Hefeweizen dabei trinken. Ich kann einfach nur dasitzen und mich freuen, dass die Sonne scheint. Das wird bald nachlassen. Aber die Sonne kommt wieder. Und dann werde ich mich erinnern, wie es war, zufrieden zu sein.

Sommermärchen

Krause war noch einmal davongekommen. Die Sache mit Peggie hätte ihm zwar fast den Verstand geraubt, aber irgendwie war es ihm gelungen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Und dann traf er Billie. Billie war das komplette Gegenteil von Peggie und aus irgendeinem Grund, den er sich nicht erklären konnte, verliebte sie sich in ihn. Krause wusste natürlich inzwischen, dass es für das Verliebtsein keinen Grund brauchte, ja keinen geben konnte. Verliebtheit war eine Art Wahn, irrational und sich jeder Erklärung widersetzend. Mit „Wahn“ ist das Phänomen aber nur unzureichend bezeichnet, es ging außerdem noch mit einem schweren Rauschzustand einher. Wenn beides abklang, blieb ein übler Kater zurück.

Krause seinerseits war nun keineswegs in Billie verliebt. Früher hätte er dann vielleicht traurig geguckt und Billie weggeschickt. Oder er hätte sie gar nicht erst wahrgenommen. Jetzt aber, mit den Erfahrungen, die die dritte Lebenshälfte so mit sich brachte, sah Krause deutlich das Potential, das sich aus ihrer Verbindung ergeben würde. Wenn der Rausch nämlich bei Billie nachlassen und ihr so speiübel werden würde, dass sie keine Kraft mehr für ihre Beziehung aufbringen könnte, wäre Krause da und bereit, das wirkliche, echte Leben zu zweit zu meistern, das dann beginnen würde. Die meisten Beziehungen scheitern ja wohl an den Enttäuschungen, die der abklingende Wahn-Rausch der Verliebtheit zurücklässt. Noch lange bevor Billie von sich wusste, dass sie etwas Derartiges auch nur in Erwägung ziehen würde, schlug Krause ihr vor, zu heiraten. Da kannten sie sich vielleicht seit zwei Wochen und hatten sich auch noch nicht sehr oft getroffen. Aber Krause wollte auf keinen Fall noch mal erleben, dass eine, die sich für ihn interessierte wieder aus seinem Leben verschwand, als wäre sie nie da gewesen. Billie stimmte sofort zu. Krause stellte Billie seinen Eltern vor: „Das ist Billie. Wir wollen heiraten.“ Der Vater fragte, warum denn so plötzlich? Krause entgegnete, er sei jetzt fünfzig Jahre alt und hätte noch nie jemanden geheiratet. Von plötzlich könne da wohl keine Rede sein. Die Zeit wäre jetzt reif.

Sie heirateten am Johannistag. Und obwohl er es überhaupt nicht wollte, verliebte sich Krause dann doch noch in Billie und Billie hörte einfach nicht auf, in Krause verliebt zu sein. Mit der Hochzeit nahm er auch ihren Namen an, so dass sie jetzt beide Billie hießen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie noch heute verliebt ineinander.

So ist das Leben

Demografie-Experten zufolge haben bis heute insgesamt 108 Milliarden Menschen auf dieser Erde gelebt. Gehen wir davon aus, dass davon zurzeit sieben Milliarden am Leben sind, verbleiben 101 Milliarden Tote. Wenn die alle zugleich auferstehen, muss man gucken. Aber wir schaffen das. Es wird ja auch nicht in unmittelbarer Zukunft damit gerechnet. Auferstehung ja – aber noch nicht jetzt. Das war vor 500 Jahren noch anders. Der junge Martin Luther war noch felsenfest davon überzeugt, das Jüngste Gericht käme zu seinen Lebzeiten. Das hat jedenfalls der Professor Lesch im Fernsehen gesagt. Darum hatte der Mönch solche Angst, denn nach allem was er sich ausrechnen konnte, war er ein Sünder und musste ins Fegefeuer. Da Luther sein Neues Testament gut kannte, wusste er, dass nur 144.000 davor gerettet werden können (Offenbarung 14,1;3). Damals waren es zwar noch nicht so viele Tote, aber ein paar Millionen werden es schon gewesen sein.

Wenn man sich diese Zahlen anschaut, könnte man zu dem Schluss kommen, das Leben sei die größte Naturkatastrophe aller Zeiten. Nirgendwo wird soviel gestorben, wie am Ende des Lebens. Schrecklich! Das Leben muss einen Warnhinweis bekommen, wie eine Zigarettenschachtel. Man kann die gleichen Bilder verwenden und einfach noch die von Autounfällen, Kriegsgreuel und Terroropfern dazu nehmen: So ist das Leben. Überlegt’s Euch.

Das ist natürlich Quatsch, denn man hat ja keine Wahl. Als ich gemerkt habe, dass ich lebe, war ich ja schon mitten drin. Ich habe es nun einmal und es wäre doch töricht, es wegzuwerfen. Es muss sich doch irgendetwas damit anfangen lassen. Und ich glaube wirklich, dass sein Leben für einen anderen Menschen hinzugeben das Beste ist, was man damit machen kann. Das heißt nicht, dass man für einen anderen sterben soll, aber sein Leben in einer Gemeinschaft aufzubrauchen, das scheint doch noch am meisten glücklich und zufrieden zu machen. Das fällt mir ein, wenn ich mich über meine Nachbarn ärgere, weil sie so umständlich und langsam sind und minutenlang im Treppenhaus herumlungern. Aber auf einmal stehe ich auf der anderen Seite der Tür und sehe mich selbst durch den Spion starren. Vor lauter Ärger sehe ich gar nicht, dass da zwei Menschen schon ein halbes Leben zusammen sind, sich ganz selbstverständlich helfen, dass sie nie laut werden und für einander da sind. Und nicht zuletzt: Dass sie ihre Nachbarn einfach in Ruhe lassen. Es ist Zeit, aufzustehen. Frohe Ostern.