Alte Frau

Lügen haben kurze Beine. Das ist wieder so ein albernes Sprichwort, das ich als Kind nicht verstanden habe. Dann haben sie gesagt, es bedeute, „mit Lügen kommt man nicht weit“. Na, warum sagen sie es dann nicht gleich? Ist das nicht auch schon wieder eine Lüge? Oder verschleierte Wahrheit? Unverständlich war sie, die Welt der Erwachsenen. Aber manchmal lohnte es sich darüber nachzudenken, was sie so sagten. Mit Lügen kennen sie sich nun mal bestens aus. Das weiß ich, weil ich inzwischen selbst bald erwachsen bin (Hobbits werden mit 52 schon volljährig!) und kein Tag vergeht, an dem ich nicht lüge, mich verstelle oder etwas verschleiere, dass sich die Balken biegen. Ich fahre zum Beispiel in der Woche fünf verschiedene Getränkemärkte an, um meinen geradezu monströsen Verbrauch an Hefeweizen zu verschleiern. Leider bin ich auch damit nicht weit gekommen. Ich bin aufgeflogen. Das kam so:

Am Donnerstag fuhr ich extra in eine andere Stadt, um nicht viermal hintereinander im selben Ort mit einem Gebinde aufzutauchen. Man weiß ja nicht, wo überall Kameras installiert sind. Ich absolvierte erfolgreich meinen Einkauf, lief jedoch zu Hause mit meinem Bierkasten über den Parkplatz, als meine schöne Nachbarin auf ihrem Stellplatz einzirkelte. Sie arbeitet in einem der Getränkemärkte und registrierte meinen vollen Kasten. Zunächst dachte ich mir nichts dabei. Als ich am Freitag mit meinem Leergut ausgerechnet bei ihrem Getränkemarkt vorfuhr wurde mir heiß. Aber ich konnte nicht mehr zurück. Vielleicht war sie heute nicht da.

Streng genommen will ich ja auch nichts verschleiern. Ich will nur niemanden bevorzugen. Getränkemärkte haben es schwer und ich möchte nicht verantworten müssen, dass der eine zu Gunsten eines andern aufgeben muss. Wie auch immer, die Nachbarin war natürlich da, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Aber der war doch gestern noch voll!“ Ich zählte mein Leergut vor und stammelte: „Ist nicht von mir… ist für eine alte Frau… eine kranke, alte Frau. Die braucht es… für ihren Mann. Der dement ist…“ Ich nahm meinen Pfandbon und rannte los, um hinter den mannshohen Getränkekisten-Wänden Schutz zu suchen. Langsam beruhigte ich mich wieder. Das war knapp. Außerdem hatte ich jetzt doch gelogen. Denn erstens bin ich noch nicht dement und zweitens habe ich gar keine Frau. Und krank ist sie auch nicht.

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Ohne zu lügen

Mein Verhältnis zu Pflanzen ist angespannt. Aus meinem unmittelbaren Umfeld habe ich sie bis auf einen unverwüstlichen Kugelkaktus vollständig entfernt. Ich tat dies den Pflanzen zu Liebe. Ich will ihnen nichts Böses. Aber sie leiden in meiner Nähe. Wenn sie könnten, würden sie fortgehen. Weil sie es nicht können, gehen sie ein. Es liegt wirklich nicht an zu wenig Aufmerksamkeit oder an mangelnder Pflege. Es ist wie eine Entscheidung, die die Pflanze trifft. Neulich klingelte es an der Tür und eine Nachbarin brachte mir ein Alpenveilchen. Oder ein Vergissmeinnicht? Diese kleine Unsicherheit reichte schon aus, um der Pflanze den Gar aus zu machen. Ich konnte richtiggehend dabei zusehen, wie sie verendete. Immerhin hat es die Nachbarin nicht mitbekommen. Sie war ohnehin nur die Überbringerin. Abgegeben hatte es eine meiner Verehrerinnen, die mich leider nicht angetroffen hatte.

Was soll ich ihr nun sagen, wenn sie sich bei unserer nächsten Begegnung nach der blauen Blume erkundigt? „Sie ist leider sofort nach der Übergabe eingegangen.“ Undenkbar. Ich werde sie anlügen müssen. Nicht auszudenken, wenn sie sich, ermutigt durch meine Dankbarkeit, zu einem weiteren Besuch entschlösse, bei dem sie mich dann anträfe und dem Brüderchen etwa ein Schwesterchen mitbrächte. Ich müsste mich in immer tiefere Lügengespinnste verstricken, indem ich ihr vormachte, ich hätte das Gewächs in meinen Garten gepflanzt. Zweifellos würde sie darauf bestehen, auch das neue Mitbringsel in den Garten zu verbringen und Zeugin dieser pflanzlichen Familienzusammenführung zu werden. Nun habe ich aber nicht nur die Blume nicht in den Garten gepflanzt, sondern einfach in den Müll geworfen. Darüber hinaus habe ich auch gar keinen Garten.

Aaaaach. Es wird immer schlimmer. Wir sind unterwegs in den Garten, den ich gar nicht habe und die zweite Blume hat sich vor lauter Fremdschämen auch schon verabschiedet. Meine Verehrerin hat es noch gar nicht bemerkt. Ich halte an einem riesigen Gartencenter an, wo ich vorgebe, noch Dünger kaufen zu wollen. Wir gehen beide hinein und dann schnüre ich durch die verwinkelten Gänge davon. Es gelingt mir tatsächlich, meine verdutzte Begleiterin abzuhängen. Ich springe draußen ins Auto und fahre mit quietschenden Reifen weg. Seitdem bin ich auf der Flucht. Ich werde das Land verlassen und irgendwo ganz neu beginnen. Von vorn anfangen. Ein Leben ohne Pflanzen. Und ohne zu lügen.

Methode

Schon krass, was da vorige Woche in Schweden passiert ist! Da geht man seinen Weg, denkt an nichts Schlimmes und – Wwwwooaaam – passiert es in Schweden. Ausgerechnet die Schweden! Aber irgendwie haben sie es sich ja selbst zuzuschreiben. Trotzdem gibt es jedoch auch einen Zusammenhang zwischen dem, was in Schweden passiert ist und dem, was in Florida passiert ist. Da hatte Donald Trump einen Auftritt und hat vor dem größten Publikum, das jemals in einen Flugzeug-Hangar gepasst hat, eine Rede gehalten. Der Auftritt war inszeniert, wie ein Kino-Film. Die Air Force One kreuzte vor dem Hangar zu den Klängen grandioser Film-Musik. Ich erinnerte mich an den Film ‚Independence Day‘, in dem der amerikanische Präsident, der ja mal Jagdflieger war, die Welt vor den Außerirdischen rettet. Entweder sind wir jetzt in diesem Film oder der amerikanische Präsident hat es aus dem Film in das nächste Level geschafft.

Das ist alles gar nicht zum Lachen. Ich habe Leute getroffen, die allen Ernstes an einen Terroranschlag in Schweden glaubten. Auf Nachfrage erklärten sie, sie wüssten es von Trump. Donald Trump ist keine Witzfigur. Das Vorgehen hat Methode. Wir sollten uns den Tag merken, an dem der erste alternative Fakt per Präsidenten-Akklamation in die Welt gesetzt wurde. Aber genug davon. Vielleicht tue ich dem Präsidenten ja Unrecht. Vielleicht stimmt es ja doch, dass er einfach ein bisschen überdreht ist, weil er so wenig Schlaf bekommt. Er muss ja nachts diese ganzen Tweets schreiben und vor allem muss er den ganzen Tag lang dieses unehrliche Zeugs aus den Zeitungen lesen. Kein Wunder, wenn er dann mit den Fakten durcheinander kommt. Da muss man ja nicht gleich wieder so ein Riesen-Ding draus machen. Aber sie wollen eben einfach nicht die Wahrheit sagen.

Information ist eben kein Kinderkram! Information ist wie elektrischer Strom. Wenn man zuviel hört und sieht und liest, bringt man irgendwann alles durcheinander und am Ende gibt es einen Kurzschluss. Es geht heutzutage gar nicht mehr anders, als Information von sich fern zu halten und den größeren Teil zu verwerfen, ohne ihn auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Andererseits gibt es eine bewährte Methode für den Umgang Information: Alles anzweifeln. Nichts glauben. Selber denken. Wenn wir das zu unserer Methode machen, sind wir fast nicht mehr manipulierbar. Wenn das in Europa passiert, wäre es wirklich schrecklich für alle, die wie Trump auf Dummheit und Unmündigkeit setzen: Cogito ergo sum.