Alles beginnt von vorn

Früher war vieles besser. Musik war ein Handwerk, genau wie die Malerei. Musiker und Maler waren Handwerker. Schreiber waren es sowieso und das Handwerk ernährte seinen Mann. Sicher eher schlecht als recht, aber immerhin. Heute ist das Schreiben Kunst und Malen und Musik sind es erst recht. Aus den Handwerkern wurden Künstler. Das scheint auf den ersten Blick eine Aufwertung zu sein, ist es aber nicht. Die Kunst ist brotlos und auch sozial schlechter gestellt als das Handwerk. Das Handwerken ist aus der Mode gekommen. Wir hatten noch einen Keller, in dem eine Werkbank stand. Mein Vater war oft dort unten. Ich weiß nicht mehr, was er da gemacht hat. Auf jeden Fall muss er so oft dort gewesen sein, dass ich aus einem Elektronik-Baukasten eine Wechselsprechanlage gebaut habe, um ihn am Wochenende zum Essen nach oben in den vierten Stock rufen zu können. Später, als ich schon Mitarbeiter in der Kirchengemeinde war, habe ich dort Plakate und Handzettel für Veranstaltungen im Linoldruckverfahren hergestellt. Linolschnitt-Messer konnte man überall kaufen und Linoleum-Reste gab es auch im Überfluss. Ich habe auch ganz selbstverständlich irgendwas mit der Nähmaschine gemacht, Knöpfe angenäht und Socken gestopft.

Heute mache ich nicht mehr viel mit den Händen. Als ich vor kurzem einen sechsseitigen handgeschriebenen Brief verschickt habe, hat sich jemand wohlmeinend daran gemacht, ihn abzutippen, weil meine Handschrift vielleicht nicht lesbar wäre. Was wird aus den Menschen, wenn das Handwerken immer weiter in Vergessenheit gerät oder zu einer Kunst wird? Was wird aus den Kindern, wenn es in den Schulen nur noch Displays und Tastaturen gibt? Vielleicht passiert gar nichts Schlimmes. Als 1825 die erste Eisenbahn von Stockton nach Darlington fuhr, sagten Mediziner schwere Gesundheitsprobleme für die Passagiere voraus, die aus der hohen Geschwindigkeit resultieren würden. Solche Probleme hat es nicht gegeben. Aktuell verunglücken viel weniger Menschen beim Bahnfahren als beim Autofahren.

Wenn es zutrifft, dass sich das Gehirn durch den Gebrauch der Hände so sprunghaft entwickelt hat, wird es vielleicht einfach wieder kleiner. Dann können irgendwann immer weniger Menschen die ganzen Gerätschaften verstehen und benutzen, die durch die großen Gehirne erdacht wurden. Schließlich gibt es niemanden mehr, der dazu in der Lage ist und der ganze Technik-Schrott ist ein einziges Rätsel, über das man sich am Lagerfeuer Geschichten erzählt. Dann kommt vielleicht einer auf die Idee, mit dem verkohlten Holz eine Geschichte an eine Höhlenwand zu malen. Und alles beginnt von vorn.

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Die Flut

Das ganze Land versinkt im Regen. Niemand kann sich erinnern, jemals solch einen Regen erlebt zu haben. Ich selbst kann mich zwar nicht mehr an viel erinnern, aber an meine verregneten Sommerurlaube schon. In meiner Erinnerung gehört der Regen zum Sommer wie der Schnee zum Winter. Im Winter schneit es eben. Wenn nicht, war es kein richtiger Winter. So ist es auch mit dem Sommer. Aber diesmal ist etwas anders. Wir wohnen zu neunt in einem alten Wirtshaus in einer kleinen Stadt an der Ester. Wenn wir uns nicht gerade über die Köstlichkeiten hermachen, die Küche und Keller zu bieten haben, malen wir Bilder.

Nun wird zweifellos die Elster über die Ufer treten, die Stadt überfluten und uns in unserem Wirtshaus einschließen. Wir können nicht mehr hinaus. Der Not gehorchend bilden wir am Morgen, an dem wir des Unglücks gewahr werden einen Kreis, fassen uns an den Händen und verschwören uns zur ‚Gemeinschaft der Neun.‘ Wir brechen den Kontakt zur Außenwelt ab und versprechen, nur noch der Gemeinschaft zu leben, deren Bestimmung es ist, zu malen. An Leib und Seele leiden wir keine Not, denn wir haben genug zu essen und zu trinken und wir haben uns. Mit uns ist eine uralte Sumpfschildkröte in ihrem Aquarium im Wirtshaus eingeschlossen. Wir wählen sie zu unserer Anführerin. Jede Entscheidung der Gemeinschaft muss von der Schildkröte bestätigt werden. Wenn sie einverstanden ist, reckt sie ihren faltigen Kopf durch die Wasseroberfläche in die Luft und öffnet weit ihr Maul. Wenn nicht, bleibt sie unter Wasser. Als Erstes wird die Schildkröte zur Entscheidung über das WLAN des Wirtshauses und die Handys der Mitglieder befragt. Die Entscheidung der Gemeinschaft lautet, das WLAN abzuschalten und die Handys der Flut zu überantworten. Sollte das Reptil das bestätigen, kann ich auch keine Nachrichten mehr ins Internet senden. Ich habe dagegen gestimmt, aber abschalten wäre natürlich konsequent. Wir haben uns. Wir brauchen die Außenwelt nicht. Wir wollen malen. Wenn uns das Material ausgeht, wird uns schon einfallen, wie wir weitermachen können. Aber soweit ist es noch lange nicht. Nach einhundert Tagen hört der Regen auf und die Schildkröte will hinaus. Sie schwimmt davon und kehrt wieder zurück. Im Maul hat sie einen Ölzweig. Das Wasser läuft langsam ab.

Nach einhundert Jahren leben alle Menschen in Frieden. Ihr Mythos ist die große Flut und die Geschichte von der ‚Gemeinschaft der Neun‘. Ihr heiliges Buch ist eine Sammlung von Bildern, die ihnen immer neue Geschichten erzählen; Geschichten vom Leben, vom Licht und von der Liebe.

Bild aus der Zukunft

In dem Märchen „Sechse kommen durch die ganze Welt“ gibt es einen Jäger, der so weit und scharf sehen kann, dass er einer weit entfernten Fliege, die auf einem Ast eines Baumes sitzt ein Auge herausschießen kann. Freilich wusste er auch nicht, wozu das gut sein sollte und wahrscheinlich musste er für den Alltagsgebrauch ein Auge abdecken, damit er sich noch in der Nähe zurechtfand. Erst als er in den Dienst eines Mannes kommt, der vom König betrogen worden ist, kann er seine Fähigkeiten gewinnbringend anwenden, sowie die vier anderen Männer auch.

Ich war noch mal bei einer Augenärztin, weil ich dachte, ich sehe mit zwei Augen doppelt. Aber so einfach ist das nicht. Es sind ja nicht einfach Doppelbilder, es sind Bilder, die ineinander verschoben sind, es ist schwer zu beschreiben. Mein Vater hat mich darauf gebracht, worum es sich eigentlich handelt: Wenn ich mit beiden Augen gucke, sehe ich die Zukunft und die Gegenwart gleichzeitig! Ich kann wahrscheinlich genau einen Tag in die Zukunft gucken. Die beiden Zeiten gleichzeitig anzuschauen ist natürlich sehr verwirrend und überhaupt nicht hilfreich. Leider gibt es auch keine Möglichkeit, nur die Zukunft zu sehen, denn wenn ich ein Auge abdecke (egal welches), sehe ich wieder nur die Gegenwart. Es ist also noch nicht ganz klar, wozu meine neugewonnene Fähigkeit taugen kann.

Ein paar Anwendungen liegen natürlich auf der Hand. Da wäre zunächst dieses Blog. Ich könnte den Text lesen, der morgen erscheint und ihn einfach abschreiben. Obwohl… es kann gut sein, dass ich gar nichts sehen würde, wenn ich nachschaue, bevor ich etwas geschrieben habe. Denn wenn ich nichts schreibe, erscheint morgen auch kein Text. Ich müsste also erst mal anfangen. In der Zukunft würde dann nie mehr zu lesen sein, als das, was ich gerade geschrieben habe. Wenn ich dann fertig bin, brauche ich eigentlich auch nicht mehr in die Zukunft schauen. Mehr Anwendungsmöglichkeiten fallen mir jetzt gar nicht ein. Es scheint sich also doch um eine relativ nutzlose Fähigkeit zu handeln.

Aber das ist eben so, wie mit dem Rückwärtslaufen (Spinner, 14.4.17). Ich habe das nicht vergessen: Was man kann, soll man auch machen und wenn es noch so nutzlos erscheint. Und darum freue ich mich schon auf meinen Malkurs Ende Juli. Vielleicht werde ich ein Bild aus der Zukunft malen, so wie nur ich es kann, wenn ich die Augenklappe abnehme.