Hinterher

Hinterher ist man ja immer schlauer. So ist das Seebrückenrestaurant in Sellin aktuell kein guter Tip. Entweder bewirtschaften sie nur einen Teil oder sie haben wegen einer Hochzeit gleich ganz geschlossen. Wenn man gut zu Fuß ist, macht das nichts. Hat man aber nur 10.000 Schritte zur Verfügung, ist der Tag gelaufen. Für den Verbleib auf der Brücke gibt es noch einen Fischbrötchenimbiss, der mit Hefeweizen Werbung macht. Bestellt man eins, bekommt man ein Sanddorn-Mixgetränk, ist ja egal. Dann sitze ich mit dem Rücken zu einem Mann, der mir extrem unsympathisch ist. Er hat ganz offenbar gute Laune und scheint sehr wichtig zu sein. Mit der Zeit wird er aber immer sympathischer, bis sich schließlich herausstellt, dass er einer der Betreuer einer Behindertengruppe ist, die in Sellin Urlaub machen. Er ist wirklich sehr wichtig. Klammer auf: Man soll ja nicht mehr „Behinderte“ sagen. Ich begrüße das, solange einem klar ist, dass man mit dem Wort einer Person oder einer Gruppe Einschränkungen und Defizite zuschreibt, die die Gesellschaft verursacht, in der sie leben. Dass ein Mensch, der in allen Angelegenheiten einen Betreuer hat nicht wählen darf, hat sich dieser Mensch nicht ausgedacht und es hat auch nichts mit seinem pathologischen Befund zu tun. Wenn man das Etikett auf der Schublade aber einfach nur gegen ein anderes austauscht, ändert sich nix. Klammer zu.

Das „Übersee“ auf der anderen Seite in Göhren kann man dagegen uneingeschränkt empfehlen, wenn man mit dem Chef klarkommt, der jeden Morgen einen großen Kasper frühstückt. Tatsächlich kümmert er sich aber einfach nur gut um seine Gäste, ist ein guter Beobachter und weiß eine ganze Menge. Eigentlich ist er Entertainer und das Café ist eine offene Bühne. Jeder Tisch kommt mal ins Rampenlicht und alle spielen irgendwie mit. Sogar ich. Am Montag ist Ruhetag.

Den ersten Platz belegt aber ganz klar der Biergarten neben dem Fischrestaurant „Kleine Melodie“ in Baabe. Bei Selbstbedienung gibt es hier alle Getränke, die es auch im Restaurant gibt, dazu ein umfangreiches Speisenangebot und jede Menge geräucherten Fisch. Bei der Einschätzung der Gäste liege ich wieder voll daneben. Ein einsamer Alter mit noch älter aussehendem Schäferhund ist mir wieder unsympathisch. Dann telefoniert er und lädt irgendjemanden zum Fischbrötchen essen ein. Schließlich kommt sein Sohn mit Frau und Hund und die Frau des alten Herrn. Es sind einfache, humorvolle und sehr feine Leute. Ich mag sie. Hinterher ist man eben immer schlauer.

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Stufe 2

Eigentlich wohne ich ja in Baabe. Dort wollte ich einen befreundeten Geldautomaten besuchen. Weil ich aber schon in Baabe losging, schoss ich auf der Strandpromenade übers Ziel hinaus und kam so unversehens nach Göhren. Dort wiederum gibt es ein Lokal, dass bei Regenwetter ganz großes Kino bietet. Durch großformatige Ultra-HD-Fenster schaut man über die Terrasse auf’s Meer und weiß immer, wie gerade das Wetter ist. Je nachdem ob draußen die Schirme auf- oder zugeklappt werden. Außerdem sieht man immer ein paar Unerschrockene, die versuchen, draußen auf der Terrasse klarzukommen. Dazu werden alle gewünschten Getränke gereicht und Speisen auch. Dem Kneipenkonzept entsprechend gibt es an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand eine Bank. Vor der Bank stehen Tische mit der Schmalseite zur Bank, so dass immer eine Person am Tisch sitzen kann. Auf der anderen Seite steht ein Stuhl, aber mit dem Rücken zum Fenster. Wollen dort Paare Platz nehmen, kann nur einer rausgucken. Der andere guckt auf die Wand, an der aber schöne Bilder hängen. So ist das ganz offenbar gedacht.

Dem Gast ist aber meistens egal, was sich einer so denkt, wenn er Tische hinstellt. Für mich war es schon eine Herausforderung, als das erste Paar konzept- und regelkonform am Tisch direkt neben mir Platz nahm. Der Körper meiner Nebenfrau ragte signifikant in meinen Armlängenbereich hinein. Nachdem ich diese Übung (Stufe 1) absolviert hatte, ohne sozial unverträgliches Verhalten an den Tag zu legen, kam folgerichtig Stufe 2. Es ist immer geschultes Personal in der Nähe, gibt sich nicht direkt zu erkennen, beobachtet aber aufmerksam und würde sofort eingreifen, wenn etwas schiefläuft. Sie fragen auch immer, ob „bei Ihnen noch alles in Ordnung“ ist?

Stufe 2 war der Hammer. Wieder kam ein Paar, wieder nahm die Frau viel zu dicht neben mir Platz. Der Mann hängte seine Jacke über den Stuhl – und setzte sich dann ZWISCHEN DIE FRAU UND MICH! Da war definitiv kein Platz mehr. Ich begann sofort zu krampfen und konnte mich nicht mehr bewegen. Dann bestellte der Mann Tee. Die Frau nahm nichts. Der Chef kam, leuchtete mir ins Auge und machte sich Notizen. Der Mann bekam eine große Kanne Tee, aus der er sich unzählige Male nachschenken konnte. Um mich herum lief alles nur noch in Zeitlupe ab. Als der Mann endlich zahlte, waren meine Fäuste blau angelaufen. Der Chef schickte mich für heute nach Hause und bestellte mich für morgen wieder. Wahrscheinlich muss ich Stufe 2 noch mehrmals wiederholen, bevor wir zur Stufe 3 kommen können.

Auf dem Kopf

Irgendwie ist der Wurm drin. Das ganze Ding läuft nicht mehr richtig rund. Erst falle ich aufs Dach, dann müssen Kollegen ins Krankenhaus oder verknicken sich im Ausland den Knöchel. Aber das ist ja alles noch gar nichts gegen das Weggesperrt-werden. Es kann einem jetzt ohne Weiteres passieren, dass man über Nacht hinter Schloss und Riegel kommt. Bis jetzt ist es nur Leuten passiert, die gerade in der Türkei waren, aber wer sagt, dass sie sich damit begnügen? Wenn es klingelt, könnte es natürlich der Nachbar sein, der sein Paket abholen will. Aber es könnten auch Erdogans Häscher sein, die mich abholen wollen. Natürlich könnte ich durch den Türspion gucken. Aber ich habe genug Mission-Impossible- Filme gesehen, um zu wissen, das man mit Latex-Masken jedes beliebige Aussehen annehmen kann. Alles steht auf dem Kopf. Das hat aber nicht nur negative Folgen. Smava bietet den ersten Kredit mit negativen Zinsen an. Wenn man sich 1000 Euro ausleiht, muss man nach drei Jahren nur 994 zurückzahlen. Wenn man das hochrechnet, braucht man nach 500 Jahren gar nichts mehr zurückzahlen. Das ist doch mal ein Geschäftsmodell. Vor einiger Zeit habe ich einen Text geschrieben („Kopfrum“), der diese Entwicklung voraussieht, ach was, der vorhersagt, wohin sie schließlich führen wird. Wunderbar.

Inzwischen hat es mehrmals geklingelt. Ich kann nicht aufmachen. Ich denke nicht daran, mich einfach so abführen zu lassen. Dafür habe das nicht alles durchgemacht, damit es jetzt so endet. Ich glaube noch, dass ich damit durchkomme. Irgendwo konnten sie einen Straftäter nicht verhaften, weil er nie zu Hause war. Aber das waren deutsche Polizisten. Türkische Agenten werden wahrscheinlich nicht so schnell klein bei geben. Ich muss also untertauchen.

Es liegt auf der Hand, dass ich hier nicht schreiben kann, wohin ich fliehen will. Falls ich es doch tue, ist es natürlich eine falsche Fährte. Der Aufwand ist gerechtfertigt, denn ich kann nicht damit rechnen, dass Mitglieder der Bundesregierung nach mir fragen werden. Bis jetzt hat sich ja auch noch keiner von denen gemeldet, um mir gute Besserung zu wünschen oder zu fragen, ob ich etwas brauche. Aber ich brauche auch nichts. Und die Türken kümmern sich scheinbar auch nicht um Protestnoten der Bundesregierung. Ich bin aufs Dach gefallen. Meine Kollegen müssen ins Krankenhaus oder verknicken sich im Ausland den Knöchel. Aber das ist noch gar nichts gegen das Weggesperrt-werden. Alles steht auf dem Kopf.

Erdbeerfeld

Es ist sehr ruhig. Es ist so ruhig hier, dass es schon wieder beunruhigend ist. Ich habe doch großes Glück mit meiner Nachbarschaft. Immerhin könnte ich auch heimwerkende Deppen oder Rasentraktor fahrende Heckenschneider als Nachbarn haben. Meine gucken nur Fußball. Ich bin auch nur dahinter gekommen, weil die Balkontür offen war und hin und wieder aufjubeln oder stöhnen zu vernehmen war, das gar nicht zu „Moonraker“ passte, obwohl es sich natürlich um einen sehr spannenden Agententhriller handelte. Trotzdem bin ich an einer Stelle kurz weggetreten, denn plötzlich waren alle im Weltraum und mir ist entgangen, wie genau sie dorthin gekommen sind. In dem Film wird am Anfang ein Shuttle entführt und sie sagen immer „Pendler“ dazu. Wie es aussieht, hat also Ian Flemming das Space-Shuttle erfunden, denn der Film ist von 1979 und der erste Shuttle-Flug war 1981. Dann hat er aber auch Donald Trump erfunden. Im Film heißt der Hugo Drax und macht am Ende einen unfreiwilligen Weltraumspaziergang ohne Helm, von dem er nicht zurückkehrt.

Leider wird die Ruhe nicht lange anhalten, denn meine Nachbarn haben das Pech, dass ich hin und wieder Musik mache. Ich habe mir jetzt lange genug die Zeit mit Stillarbeit vertrieben und werde mich jetzt mit der Endfassung von „Erdbeerfeld“ beschäftigen. Es ist doch ein richtiger Gröhler geworden. Ich habe das Demo meiner besten Freundin vorgespielt und sie meinte, ich müsste an den Höhen noch etwas arbeiten. Außerdem fehle noch eine Strophe. Die Strophe habe ich jetzt und um an den Höhen zu arbeiten, muss ich nun mal singen. Letzte Nacht habe ich festgestellt, dass sich der Verzehr von hochprozentigem Kräuterlikör positiv auf die Höhen auswirkt. Das kann ich leider nicht mehr wiederholen. Aber ich will dazu noch Akkordeon spielen.

Auf Facebook habe ich einmal ein Video von einer sehr attraktiven Frau gesehen, die Akkordeon spielt. Ich habe mein Akkordeon hervorgeholt und festgestellt, dass ich nicht spielen kann. Auch ein Foto mit dem Instrument macht mich nicht attraktiver, als ich ohnehin schon bin. Manche Frauen können einfach jedes Instrument tragen. Aber die von Facebook konnte auch spielen. Nach Noten! Dabei habe ich eine halbe Kindheit hindurch jeden Tag eine Stunde geübt. Hat alles nichts genutzt. Hätte ich statt dessen jeden Tag eine Stunde Tagebuch geschrieben, wüssten wir heute vielleicht mehr über mich. Aber egal. Nicht mehr zu ändern. Jetzt habe ich die Nachbarn lange genug geschont. Erdbeerfe——eld, Erbeerfe—–eld.

Türen zuschlagen

Es gibt wieder Schwierigkeiten mit den Nachbarn. Einen Tag lang konnte ich gar nicht raus, weil es so aussah, als würden sie ausziehen. Ich frohlockte, aber es stellte sich als Ablenkmanöver heraus. Mann und Frau verließen das Haus mit Reisetasche und Koffer. Aber am nächsten Tag waren sie schon wieder da. Offenbar haben sie vor, den Treppenabsatz vor unseren Wohnungen, den wir uns für den Moment noch teilen, von nun an allein zu beanspruchen. Der Mann bezog vor der Wohnungstür Posten und tat so, als beschäftige er sich mit seinen Schuhen. Ich verschwand so schnell es ging in meinen Gemächern. Das war am Mittwoch.

Mittwochs ist Treppenhausreinigung und alle Mieter sind gehalten, „störende Elemente“ aus dem Hausflur zu entfernen. Ich habe dazu so meine Phantasien, nahm aber am Morgen trotzdem meine Fußmatte herein, nicht ohne sie auf dem Treppenabsatz auszuschütteln, damit die Reinigungskraft auch was zum auffegen hat. Ich glaube, dann macht ihr die Arbeit mehr Freude. Vor meiner Tür lag nun ein ansehnlicher Sandhaufen. Am Abend war der Sandhaufen immer noch da. Keine Ahnung, was da schiefgegangen ist. Ich wollte ihn eigentlich selbst beseitigen, habe ich mir aber angewöhnt, vor dem Öffnen der Tür durch den Spion zu sehen, ob die Luft rein ist. Ich stelle mir jetzt vor, wie der Nachbar gleichzeitig hinter seiner Tür stand und 20 Sekunden durch den Spion äugte. Dann rissen wir beide gleichzeitig die Tür auf.

Es war für uns beide ein gewaltiger Schreck. Wir standen wie zur Salzsäule erstarrt und waren weitere 20 Sekunden völlig bewegungs- und handlungsunfähig. Ich hatte die Fußmatte in der Hand und ließ sie fallen. Sie landete im Sandhaufen und sofort türmte sich eine gewaltige Staubwolke auf. Ich hätte jetzt ziehen und während ich mich zur Seite fallen ließe fünf- oder sechsmal feuern können. Mein Nachbar aber auch. Er hat es nicht getan. Scheinbar hatte ich den Überraschungseffekt auf meiner Seite. Die Staubwolke hatte sich noch nicht verzogen, als ich ihm die Tür einfach vor der Nase zuknallte. Vermutlich wurde er von seiner Frau in die Wohnung zurückgezerrt, wo sie sich dann verbarrikadierten. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Aber irgendwann müssen sie ja mal rauskommen. Genau wie ich. Und ich verwette meine Fußmatte, dass wir wieder genau gleichzeitig unsere Türen aufreißen. Nur, um sie gleich wieder zuzuschlagen.