Drei Wochen rumliegen

Was hat es eigentlich mit diesen Altersangaben auf sich? Ein 50jähriger überschlägt sich mit seinen Auto. Eine 33 Jahre alte Autofahrerin übersah einen 57 Jahre alten Rollerfahrer. Eine 28 Jahre alte Fahrradfahrerin stieß mit einem Taxi zusammen (Wie alt war das Taxi?). Der Taxifahrer war 47 Jahre alt und erlitt einen Schock. Ein 93jähriger überschlägt sich mit seinem Auto und fährt weiter. Mir fällt auf, dass die Altersangaben immer dann gemacht werden, wenn sonst keine Informationen zur Identität preisgegeben werden. Sollen sie ein Ersatz sein? Wenigstens das Alter, wenn schon keine Namen? Wenn man so mir nichts, dir nichts durch die Straßen läuft, hat man ja nicht mal das. Man sieht vielleicht gerade noch Mann oder Frau, aber das wars dann auch. Vielleicht sollten alle Benutzer öffentlicher Straßen zum Tragen von T-Shirts mit dem aktuellen Alter verpflichtet werden. Dann kann man wenigstens sagen: mir ist ein 19jähriger Fußgänger entgegengekommen.

Wenn jemand gestorben ist, finde ich das Alter dagegen sehr interessant. Warum weiß ich auch nicht. Ich will es einfach nur wissen und dann ist es gut. Wahrscheinlich überprüfe ich unbewußt, wie nahe mir die Einschläge kommen. Gunter Gabriel war 75 und Andrea Jürgens starb mit 50. Andrea Jürgens ist nicht mit Jenny Jürgens zu verwechseln, die auch 50 Jahre alt ist und noch lebt.

Möglicherweise ist das Alter aber auch entscheidend für die Folgen eines Ereignisses. Es scheint einen großen Unterschied zu machen, ob sich ein 50jähriger mit seinem Auto überschlägt oder ein 93jähriger. Mit 93 hat man unter Umständen viel mehr Erfahrung mit Autoüberschlägen. Vielleicht ist es einem mit 50 auch zum ersten Mal passiert. Aber dann kam irgendwann das zweite und das dritte Mal. Nach dem 65. Geburtstag musste man sich dann auch keine Sorgen mehr darüber machen, ob man überhaupt noch arbeiten gehen kann. Ein Überschlag mit 93 ist dann nicht mehr viel aufregender als wenn einem mit 50 der Schnürsenkel reißt. Beim ersten Mal ist alles noch ganz furchtbar und alle besuchen einen und wünschen gute Besserung. Aber irgendwann weiß man, wie man sich helfen kann und redet nicht weiter darüber. Wenn ein Parkplatz kommt kann man ja mal anhalten und muss nicht mitten auf der Straße stehen bleiben. Und außerdem hat man im Alter einfach nicht mehr die Zeit, einfach so drei Wochen lang rumzuliegen.

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Bis zehn zählen

Also ich werde hier ganz zweifellos nudelrund und dick und fett. Ich esse, trinke und schlafe – aber ich bewege mich nicht. Kein Stück. Leider könnte ich das auch gar nicht mehr, denn meine Muskeln haben sich in pures Fett verwandelt. Das sehe ich, wenn ich auf die Waage steige und ich merke es, wenn ich mein Fahrrad aufpumpen will. Geht nicht mehr. Auf der Waage sieht es natürlich gut aus, denn Fett ist ja leichter und schwimmt oben. Es kann nur nur noch ein oder zwei Tage dauern, bis ich mein Lager nicht mehr verlassen kann, weil ich ein einziger Fettklumpen bin.

Dabei wäre ich ja gerne mal rausgegangen. Aber erst konnte ich nicht, weil es geregnet hat. Dann war es zu heiß. Schließlich habe ich für alle Nachbarn Pakete angenommen, weil ich der Einzige bin, der bei diesem Wetter noch in der Wohnung ist. Jetzt muss ich da sein, falls sie zurück kommen und ihre Pakete holen wollen. Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Zettel, das Paket sei beim Nachbarn und dann ist der Nachbar nicht da. Wie soll man denn jetzt an sein Paket kommen? Man kann es ja nicht mal selbst abholen! Ein Nachbar, der ein Paket angenommen hat, hat gefälligst da zu sein. Wenn meine Nachbarn leider plötzlich verstorben sein sollten, werde ich hier nie mehr rauskommen. Ich merke schon, dass ich psychisch langsam zu meiner alten Form zurückfinde. Nur körperlich nicht. Körperlich erreiche ich allmählich die Schlachtreife. Ich bin ein Schwein im Käfig. Ein glückliches Schwein, aber ein Schwein. Ich habe mich übrigens auch wegen meiner Sehstörung noch nicht rausgewagt. Die präparierte Sonnenbrille war doch keine richtige Sehhilfe und die zugeklebte Fernbrille war für meinen Geschmack doch zu auffällig. Jetzt hat die Post einen Sonnenbrillen-Clip gebracht, den ich vor die abgeklebte Brille klappen kann. Jetzt fühle ich mich wieder einigermaßen gesellschaftsfähig und muss es eigentlich auch ausprobieren.

Aber wir wollen nichts überstürzen. Ich werde mich noch früh genug wieder bewegen müssen. Der Körper braucht erst mal viel Ruhe. Auch wenn es schwerfällt, zwinge ich mich, noch einen Ruhetag einzulegen. Ich kann ja schon mal auf den Balkon hinaustreten und mich ein bisschen unter den Sonnenschirm setzten. Dann gucke ich den Fleißigen Lieschen beim Fleißig-Sein zu und kriege bestimmt ganz große Lust, auch was zu tun. Wenn das passiert, trinke ich ein Glas kaltes Wasser und zähle bis zehn. Und dann werden wir ja sehn.

Experte

Jetzt, wo ich so daliege und den ganzen Tag mit mir selbst beschäftigt bin, frage ich mich natürlich, was ich eigentlich überhaupt kann. Da ich gerade die Fleißigen Lieschen in Blumenerde gesetzt und die Wäsche aufgehängt habe, weiß ich, dass es diese beiden Sachen nicht sind. Besonders bei der Wäsche bin ich wieder mal gründlich am Phänomen der vereinzelten Socke gescheitert. Und zwar gleich dreifach. Ich hatte mir ja Socken mit Wochentagsbeschriftung gekauft, um dem Problem beizukommen. Es half aber nicht. Jetzt habe ich doch tatsächlich drei Socken übrig und zwar eine Freitags-, eine Samstags- und eine Sonntagssocke. Das ist doch verrückt! Andererseits weiß ich jetzt, dass ich eben kein Experte für Haushalt oder für Garten und Balkon bin. Ist nicht schlimm.

Es ist auch ganz und gar falsch in dieser Frage nach dem Ausschlussverfahren vorzugehen. Da könnte bei jedem eine endlose Liste zusammenkommen. Man muss im Gegenteil gleich mit positiven Antworten kommen. Was kann ich? Zack! Zack, zack!! Zack!!! So müssen die Antworten sitzen. Na also! Das Gedächtnis hat übrigens auch ein kleines bisschen abbekommen. Das muss wahrscheinlich so sein, um die böse Erinnerung zu verstecken. Es fällt mir vor allem auf, wenn ich etwas längere Zeitungsartikel lesen will. Nach einer Weile habe ich den Faden verloren und weiß nicht mehr, worum es eigentlich ging. Einmal habe ich nicht gemerkt, dass ich bereits einen neuen Artikel angefangen hatte. Das ist sehr verwirrend. Beim Schreiben ist es ähnlich. Darum muss ich mich kurz fassen. Das ist aber eigentlich nichts Neues.

In einer Sache habe ich es inzwischen zu ganz ordentlichem Expertentum gebracht: im Ausruhen. Ich bin Experte für Ausruhen. Wobei das Wort ein bisschen in die Irre führt. Es impliziert, dass man irgendwann genug geruht hat und eben „ausgeruht“ ist. Das ist aber ein leider weit verbreiteter Irrtum. Genau wie bei „ausgeschlafen“ oder „austherapiert“. So etwas gibt es nämlich nicht. „Ausruhen“ ist einfach nur eine vollständigere Form von „ruhen“. Man kann es mit „ausgestreckt“ vergleichen. Man kann nicht mehr strecken, als schon gestreckt ist. Aber daraus folgt nicht, dass man mit dem Strecken fertig ist. Das macht man schön weiter. Ich hoffe, dass ich ein bisschen Licht in die Angelegenheit bringen konnte und strecke mich jetzt wieder aus. Um zu ruhen. Und zwar aus.

Verlorener Schlüssel

Ein Sonderfall des frühen Feierabends ist der verlorene Schlüssel. Man ist zwar überpünktlich auf der Arbeit, kann aber nicht hinein und darum auch nicht arbeiten. Auf Kollegen zu warten hat überhaupt keinen Zweck, denn selbstverständlich habe ich die Arbeit so organisiert, dass meine Kollegen alle Aufgaben wahrnehmen, die außerhalb beheizbarer Räume stattfinden müssen. So bleibt einem nichts weiter, als wieder abzuziehen. Man braucht schließlich auch noch etwas Zeit, um den Schlüssel wiederzufinden.

Seltsamerweise habe ich noch nie einen Arbeitsschlüssel verloren. Das sagt doch so einiges über mich aus! Dafür ist mir mein Wohnungsschlüssel schon öfter abhanden gekommen. Das letzte mir erinnerliche Ereignis dieser Art liegt allerdings etwas länger zurück. Ich wohnte damals in der Husemannstraße in Berlin und hatte dort zwei prächtige Kammern, deren Türen sorgfältig abgezogen und gebeizt waren und sich außerdem nicht schließen ließen. Meine Mutter bezeichnete sie als „Stalltüren“. Die Wände waren auch nicht tapeziert, sondern mit einer batikfarbenartigen Substanz bearbeitet. Beheizt wurde das Ganze mit Hilfe einer Gasetagenheizung, die die Gemächer im Winter nicht warm kriegte, dafür aber ordentlich Gas verbrannte.

Dafür hatte der Mieter unter mir seine Zimmerdecke vollständig entfernt, damit die Balken in voller Pracht zum Vorschein kamen. Uns trennte fortan nur noch eine Lage billigstes Laminat. Manchmal wurde ich nachts wach und Zeuge weinseliger Gespräche, die scheinbar direkt neben meinem Bett geführt wurden. Außerdem restaurierte er alte Gemälde, allerdings auch nachts, und die flüchtigen Substanzen seiner Tinkturen durchdrangen meinen Fußboden wie leeren Raum. Ich bin hart im Nehmen, aber ich musste mich dann doch geschlagen geben und ausziehen. Aber das nur am Rande. Hauptsächlich geht es ja um verlorene Schlüssel. Also: Nach einer längeren Besprechung mit meinem alten Freund Axel in einer der Kneipen in der Straße trennten sich weit nach Mitternacht unsere Wege, weil Axel entschieden hatte, noch einen Hausbesuch zu machen. Ich steuerte so gut es ging auf den Hinterhauseingang zu, der im Verhältnis zum torähnlichen Haupteingang plötzlich auf Nadelöhr-Größe zusammenschrumpfte. Gleichzeitig (!) versuchte ich, meinen Schlüssel aus der Tasche zu ziehen. Er entglitt meinen klammen Fingern und landete auf dem Rost des Fußabtreters. Darunter befand sich der Keller. Ich ging auf die Knie – und der Schlüssel verschwand im schwarzen Nichts.

Im Gegensatz zur Geschichte vom verlorenen Arbeitsschlüssel, war Warten hier das Mittel der Wahl. Zu meinem zweifachen Glück hatte Axel, mein alter Freund, nämlich vorübergehend hinter einer der Stalltüren Quartier genommen und außerdem verlief sein Hausbesuch offenbar nicht erfolgreich. Er kehrte noch vor Sonnenaufgang zurück.