Umsiedeln

Wenn man nicht gerade Donald Trump oder Wladimir Putin ist, ist die Existenz nicht ratsam. Man hat nur Scherereien und es ist lästig. Selbst wenn man nicht als Pinguin in die Existenz geschickt wird, ist das Elend vorprogrammiert. Nein, mag manch einer rufen, nein, es gibt doch so viele Existenzen, mit denen man liebend gern tauschen möchte. Da wäre zum Beispiel der Hamster. Zurzeit liegt er gemütlich eingekuschelt mit lieben Artgenossen in seinem Bau und hält Winterschlaf. Wenn es jedoch nach dem Sangerhausener Bürgermeister geht, wachen sie irgendwo anders wieder auf. Die winterschlafenden Nager sollen umgesiedelt werden, weil auf dem Gelände ein Gartenbauzentrum gebaut werden soll.

Reinhard Mey hat mal ein Lied aus der Geschichte über einen Bären gemacht, der nach dem Winterschlaf plötzlich mitten in einer Fabrik erwacht. Das geht auch nicht gut für den Bären aus. Aber im Schlaf umsiedeln wäre doch sehr krass, oder? Vermutlich würden die Tiere mit dem gesamten Bau ausgegraben, der dann woanders wieder eingesetzt wird. Nach dem Waschen und Anziehen gehen sie dann raus, um Frühstück zu holen. Etwas später werden sie sich überlegen, dass der Winterschlaf vielleicht doch nicht gesund ist, weil man danach neuerdings komplett die Orientierung verloren hat. Manchmal, wenn ich im Wald unterwegs und zu sehr mit denken beschäftigt bin, läuft mein Kleinhirn allein weiter. Wenn ich dann wieder dazu komme, stehen wir auf einmal in einem Waldstück, das keiner von uns beiden jemals zuvor gesehen hat. Einmal ist mir das sogar im Auto auf dem Weg zur Arbeit passiert. Ich kenne das Gefühl der Verzweiflung, das einen dann berückt, darum drücke ich den Hamstern die Daumen, dass ihnen das erspart bleibt.

Das bleibt es vorerst auch, denn das Oberverwaltungsgericht Magdeburg hat die Umsiedlung fürs erste gestoppt. Ich weiß nicht, wie das Gericht seine Entscheidung begründet hat, aber man wünscht sich doch mehr solcher Entscheidungen. Damit der Bürgermeister von Sangerhausen jetzt aber nicht den Mut verliert, sollte ihm eine Ersatzumsiedlung erlaubt werden. In einer Nacht nach dem 20. Januar dürfte er das Weiße Haus und den Kreml ausgraben und die Bewohner mitsamt ihren Bauen in die Antarktis umsiedeln. Da können sie dann versuchen, gemeinsam die Kaiserpinguine zu regieren. Aber: es sind Kaiserpinguine! Bevor die einen als Oberbefehlshaber akzeptieren, muss er erstmal einen Winter lang im Dunkeln mit ihnen im Kreis watscheln. Mit Ei auf den Füßen. Dann werden wir ja sehen.

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Mehr Licht

Allen gegenteiligen Vorhersagen – auch meinen eigenen – zum Trotz geht es wieder aufwärts. Man merkt es noch nicht so richtig. Man merkt es eigentlich nicht im Geringsten, aber es geht. Aufwärts. Machte man man sich die Mühe, genau zu messen und nachzurechnen, hätte man es schwarz auf weiß: Jeden Tag gewinnen wir ein paar Minuten Tageslicht. Es wird wieder hell. Dunkelheit und Kälte sind einmal mehr durchgestanden. Der Planet dreht sich wieder in die Sonne. Zum Glück. Vielleicht wird es nachts noch mal kalt, aber im Großen und Ganzen ist es vorbei.

Man schlittert ja so rein in diese schlimme Zeit. Ich weiß gar nicht genau, wann es los geht. Im September ist eigentlich noch alles gut, im Oktober auch. Im November war ich noch an der Ostsee. Es muss im Dezember gewesen sein, aber zum Ende hin wurden die Tage ja schon wieder länger. Es ist wie mit allen Ereignissen: Wenn sie begonnen haben, sind sie eigentlich schon vorbei. Darum gibt es den Frühling, wegen der Vorfreude auf den Sommer. Der Herbst ist für die Nachfreude. Den Winter gibt es eigentlich gar nicht. Wenn wir nicht so viele geworden wären, könnten wir ja einfach in den Süden ziehen, im Herbst. Immer auf der Sonnenseite. Das geht hauptsächlich deswegen nicht mehr, weil dann das Gewicht auf der Sonnenseite so groß würde, dass sich die Erdachse wieder gerade stellt. Das wäre ziemlich blöd, denn dann kriegen wir den Planeten nicht mehr richtig durchgewärmt. An den Polen wäre es dann immer dunkel.

Die armen Pinguine. Die können sich jetzt auch langsam warm anziehen, zu denen kommt jetzt bald der Winter. Ha, ha. Wir haben es hinter uns. Aber das ist ja kein Vergleich. Die Kaiserpinguine sind wirklich die Allerhärtesten. Warum machen die das? Wieso hauen die nicht ab? Weshalb bewahren sie das Ei? Es ist ein Rätsel. Sie könnten beschließen, dass es vorüber ist, ein für alle mal. Aber sie warten. Sie harren aus ohne Essen und Trinken, ohne Frauen, in unvorstellbarer Kälte und ohne Licht.

Und tatsächlich: Es wird wieder hell.

Vergleiche: 2013, liedersaenger, ENTROPIE UND WOLLMAUS -Geschafft-