Johannes

Das Segelboot ist vor Anker gegangen. Der Kapitän geht von Bord. Er hat gesagt, dass er für immer geht und nicht mehr zurückkommen wird. Wie es mit dem Segelboot und uns, der Mannschaft weitergehen wird, hat er nicht gesagt. Dann hat er die Kapitänsmütze abgesetzt und ein Lied mit uns gesungen. Und ich bin traurig und mache Witze. So mache ich das immer, wenn ich traurig werde. Ich finde das nicht schlimm. Man muss nur aufpassen, dass das Lachen nicht bitter wird. Dann soll man doch lieber weinen. Lachen und weinen sind ganz dicht beieinander und Tränen machen ein Gesicht schön.

Natürlich können wir mit der Routine noch eine ganze Weile ohne Kapitän weitermachen. Aber wenn wir wieder Segel setzten wollen, geht das nicht ohne ihn. Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht. Aber ich weiß, dass das Segelboot wieder in See stechen wird und ich weiß, dass ich an Bord sein werde. Das war nicht immer so. Es war eine lange Reise bis hierher und ich wollte immer wieder mal abheuern. Das Essen war meistens miserabel, die Mannschaft hatte oft schlechte Laune und die Heuer hatte ich mir anders vorgestellt. Auf großer Fahrt hatte man den Eindruck, der Kompass wäre über Bord gegangen. Dass der Käpt’n Karten lesen konnte, galt zwar als sicher. Aber ob eine Karte an Bord war, wurde immer offener bezweifelt. Meuterei ist bei Strafe verboten. Aber irgendwie ist es dann doch immer wieder gelungen, die Mannschaft zusammenzubringen. Es waren kleine Tricks mit einer großen Wirkung: Ein Fässchen Rum zur rechten Zeit. Reichlich Landgang allein, aber auch Gelegenheit zur Geselligkeit. Und Musik, Musik, und immer wieder Musik.

Der Kapitän geht von Bord. Wir haben ihm einen filmreifen Abschied gemacht. Es war großes Kino und gute Musik. Kann man nach so vielen Jahren einfach aufhören, Kapitän zu sein? Ja. Alle großen Kapitäne können das. Sie könnten jeden Tag einfach aufhören. Sie haben ein eigenes Leben, um das sie sich kümmern und das sie mehr als genug ausfüllt. Sie brauchen das Segelboot nicht. Sie dienen ihm, solange sie wollen und dann können sie einfach loslassen. Aber nein, nicht einfach. Einfach ist es nicht. Es ist schwierig und es gibt keine Garantien, dass es gelingt. Aber es ist die nächste Herausforderung für einen Kapitän, der sein Segelboot abgibt. Und es gibt keine Karte, auf der sein Weg vorgezeichnet wäre. Gibt es einen Kompass? Vielleicht.

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Mit Zweien

Ich frage mich gerade, ob ich jemals wieder so eine richtige Reise machen werde. So, wie mit der Schönen und Blutjungen damals nach Budapest, Györ, Sopron und Wien. Ich war damals sehr jung und die Schöne war noch viel jünger und sie kannte sich in diesem Teil der Welt aus. Sie zeigte mir, wie man in Ungarn ein Zimmer bekam und wie man ein Bier bestellt. Köszönöm. Oder dass man besser Fröccs bestellt. Am besten im Café New York in Budapest. Lecker Fröccs, kerem. Köszönöm. Es gab zwei Geschäfte, für die wir uns an jedem Ort interessierten: Könyvesbolt und dohanybolt. Könyvesbolt ist ein Buchladen. Dort kauften wir die Süddeutsche. Dohanybolt ist der Tabakladen. Wir kauften rote Gauloises. Solche Reisen werden große Reisen, wenn man sie gemeinsam erlebt. Man erinnert sich einfach anders, wenn man weiß, es gibt noch jemanden mit dem einen diese Erinnerungen verbinden, egal wo die- oder derjenige gerade ist.

Darum ist es wahrscheinlich Quatsch, alleine zu verreisen. Man kann dann zwar machen, was man will und muss auf niemanden Rücksicht nehmen, aber man hat auch niemanden zum Teilen. Man kann nämlich keine Erlebnisse in Ansichtskarten oder auf Facebook teilen. Da kann man etwas mitteilen, das ist aber etwas ganz anderes. Ein Erlebnis zu teilen bedeutet, dass eine Verbindung zwischen zwei Seelen entsteht. Manche haben ganz viele solcher Verbindungen, manche nur eine einzige. Darum kann auch keine Masse etwas gemeinsam erleben. Zwar können alle dieselben Erlebnisse haben, aber sie können sie in der Masse eben nicht teilen. Natürlich können auch drei oder fünf Menschen Erlebnisse miteinander teilen. Vielleicht sogar elf oder zwölf, wer weiß? Aber mit Zweien fängt alles an und wenn es gut läuft, hört es mit Zweien auch wieder auf. Die Zwei ist übrigens die erste Primzahl. Dann kommt die drei und dann die fünf, gefolgt von der sieben. Elf ist die nächste und die Zwölf ist keine Primzahl. Die Zwölf lässt sich aber in fünf und sieben aufteilen.

Das trägt nun alles nicht viel zur Beantwortung meiner Eingangsfrage bei. Von meinem derzeitigen Standpunkt aus lässt sich dazu auch nichts Erhellendes sagen. Aber ich glaube schon, dass ich es machen werde. Wenn nicht dieses Jahr, dann eben im nächsten. Mit Zweien fängt alles an und wenn der eine auch ein Esel und der andere ein Hund ist. Und etwas Besseres als den Tod findest du überall!

Fuchs und Esel

Wir hatten in Tröbsdorf Quartier genommen. Tröbsdorf ist ein Ortsteil von Laucha und liegt dort, wo sich Fuchs und Esel gute Nacht sagen. Der Fuchs ist ein Kräuterschnaps und der Esel ein Schwarzbier. Nach einer guten Flasche Wein (ohne Essen – ich kann zum Wein trinken immer nichts essen), wollte ich noch einen kleinen Kräuterlikör genießen. Leider habe ich Fuchs und Esel verwechselt und ein Schwarzbier bestellt. Den Fuchs wollte ich dann trotzdem noch haben und kam dann aber in der Folge völlig mit Fuchs und Esel durcheinander. Sicherheitshalber gab ich dem Wirt am Schluss mein ganzes Bargeld, damit es mir auf dem Weg in mein Zimmer nicht noch gestohlen werde. Dann passte der Schlüssel nicht. Der Wirt hatte so etwas schon öfter erlebt. Er sprang hinzu, denn er hatte einen Zauberschlüssel, der immer passte.

Am nächsten Tag reisten wir ab. Ich war etwas länger unterwegs, weil ich in Ostkreuz meinen Anschlusszug um vier Minuten verpasst hatte. Da man in Ostkreuz ganz schlecht eine Stunde warten kann fuhr ich mit der S-Bahn vor nach Lichtenberg. Ich erwischte einen Wagen mit einer unscheinbar aussehenden Mädchengruppe. Kaum fuhr der Zug, drehten sie die Musik auf und sangen sehr laut fremdländisch anmutende Weisen. Dann hielt der Zug auf freier Strecke. Jetzt standen die Mädchen auf und versuchten mit rhythmischen Bewegungen den Wagen umzuwerfen. Offenbar wurde ich gerade Opfer einer neuen Art von Terroranschlägen. Der Zug fuhr einfach nicht weiter und wackelte immer stärker. Ich muss sagen, dass die Toleranz der anderen Fahrgäste die meine bei Weitem übertraf. Sie ließen sich entspannt von dem wankenden Zug hin und her wiegen, schauten den Mädchen zu und lächelten. Ich saß wie ein Ölgötze auf meinem Platz, biss mir von innen in mein Gesicht und nahm schon mal geistig Anlauf, um beim Einfahren in den Bahnhof der Erste an der Tür zu sein.

Die restliche Fahrt verlief ohne Zwischenfälle. Als ich zu Hause ankam, passte der Schlüssel wieder nicht. Ich hatte den Zimmerschlüssel aus Tröbsdorf eingesteckt und meinen Wohnungsschlüssel abgegeben. Das war jetzt blöd. In dem Moment tippte mir von hinten einer auf die Schulter. Als ich mich umdrehte stand da ein schwarzer Esel mit einem Fuchs auf dem Rücken und hielt mir mit seiner Hufhand meinen Wohnungsschlüssel hin. Wir tauschten und der Fuchs nickte mir kurz zu. Dann verschwanden die beiden und ich ging nach Hause. Ganz genau so ist es gewesen.

Immer besser

Ich verbringe meine Wochenenden gern an abgelegenen Orten. Dieses Mal gedachte ich aus dem Dörfchen Zinndorf in der Märkischen Schweiz, wo ich mich um der Gemeinschaftspflege willen aufhielt, nach Bad Klosterlausnitz in Thüringen zu reisen. Am Einfachsten geht das über die Autobahn A9. Allerdings befürchtete ich dort (zu Recht) einen schrecklichen Stau und wollte über die A13 und A4 ausweichen. Den Anfang der A13 Richtung Dresden konnte man gar nicht verpassen. Er wurde durch einen Mega-Stau von geradezu biblischen Ausmaßen gekennzeichnet. Nach einer guten Stunde hatte ich dann freie Fahrt bis ans nächste Stauende auf der A4. Hier versuchte ich ein Käsebrötchen zu verzehren. Es war außer mit Käse noch mit Tomaten und einer schmierigen, tropfenden Substanz belegt, die den einhändigen Verzehr fast unmöglich machte. Die Brötchenhälften verschoben sich beim Zubeißen gegeneinander und die fettige Creme tropfte mir in den Schoß. Dann zog die Kolonne mit der Geschwindigkeit an. Ich hatte Remouladen-Hand, konnte nicht schalten und versuchte, im 2. Gang mitzuhalten. Bei Tempo 80 gab ich auf.

Die thüringische Landesgrenze präsentierte sich dann als Wetterscheide. Ich fuhr übergangslos von 30 Grad Celsius und Sonnenschein nach 16 Grad, Hagel und Starkregen. Die Scheiben beschlugen sofort. Das Navi hatte ich ausgeschaltet. Wie durch ein Wunder gelangte ich im Blindflug ans Ziel. Im Nebenzimmer hatte ein älterer Herr Quartier genommen. Aus irgendeinem Grund lässt er das Licht in seiner Nasszelle an, so dass ich vom etwas bedrohlich wirkenden Brummen der Lüftung in den Schlaf gesungen wurde. Im Frühstücksraum war für zwei gedeckt, ich war Erster. Als mein Nachbar kam, erkundigte er sich, ob es freie Platzwahl gäbe. Ich bejahte.

Inzwischen liege ich im Park der Kurklinik in der Sonne und denke über das Leben nach. Da ich ein Spätentwickler bin, werde ich auch etwas später eigene Kinder haben. Ich werde dann im Großeltern-Alter sein und mein Kind so wie mein eigenes Enkelkind aufziehen. Auch mein Kind wird mich als seinen Großvater ansehen. So werden wir viel Spaß miteinander haben. Um die Erziehung sollen sich bitte andere kümmern. Das Kind wird ja wohl noch eine Mutter haben. Daran sieht man schon, dass die Mutter des Kindes bedeutend jünger sein wird. Das ist nun mal nicht mehr zu ändern, muss aber kein Nachteil sein. Es wird immer besser.

Verreisen ist schön

Verreisen ist schrecklich! Verreisen beginnt mit dem Koffer packen. Was soll man mitnehmen? Alles, das ist am einfachsten. Ich habe ja nicht viele Anziehsachen. Mein Vater erzählt an dieser Stelle gern den Witz von den 13 Schlüpfern. Er habe sich 13 Schlüpfer gekauft. So könne er jeden Monat des Jahres in einen frischen Schlüpfer schlüpfen und hätte sogar noch einen zusätzlichen, um alle anderen einmal auszuwaschen. Wenn Menschen älter werden, merken sie sich nicht mehr so viele neue Witze. Dafür erinnern sie sich immer besser an die alten. Da ich auch zu den älter werdenden Menschen gehöre, muss ich nachsichtig sein. Bei meiner Wohnungssuche bin ich auf „Seniorenwohnungen“ gestoßen. Man wünsche sich Mieter ab 50, stand da. Oha.

Verreisen ist schrecklich! Man muss am Auto alles checken. Öl? Ich öffnete die Motorhaube. Ich mache das so selten, dass ich jedesmal nicht weiß, wo dieser Motorhaube-Oben-Halte-Stock ist. Dann ziehe ich den Öl-Messstab. Er ist erwartungsgemäß voller Öl. Ich wische ihn sauber, wurde auch mal Zeit. Die Behälter für Brems- und Kühlflüssigkeit sind so vergilbt, dass ich an den Markierungen keine Füllstände erkennen kann. Ich will sicherheitshalber eine Flasche Öl mitnehmen. Dann gibt es aber so viele verschiedene Öle, dass ich gleich wieder umkehre. Als ich losfahren will, wird im Display ein Schraubenschlüssel angezeigt. Gut zu wissen, wo er ist. Wir werden zweifellos irgendwo liegen bleiben. Egal. Ich habe ein Dreieck und zwei Westen. Mit der Bahn zu verreisen ist aber noch schrecklicher. Man weiß nie, wer noch alles im Zug ist. Es könnte ein Axtmörder sein oder Zeugen Jehovas. Außerdem weiß man nicht, wohin mit seinem Gepäck. Was, wenn die reservierten Plätze besetzt sind und die Besetzer einfach sitzen bleiben? Oder wenn mit der Fahrkarte etwas nicht stimmt.

Verreisen ist soooo schrecklich. Warum kann ich nicht einfach zu Hause bleiben? Nun, weil man eben hin und wieder ein Abenteuer erleben muss. Wäre man ein Baum, hätte man freilich keine Wahl. Man müsste dort stehen bleiben, wo man nun einmal Wurzeln geschlagen hat. Aber wer weiß, was die Bäume unter der Erde so alles treiben. Vielleicht sind die Bäume, die wir sehen nur ihre Häuser, aus denen sie im Frühling die grüne Wäsche raushängen. Der eigentliche Baum ist unter der Erde ständig unterwegs und muss auch andauernd Abenteuer erleben. Was die Bäume dabei erfahren, kann man sich nur ausdenken. Ich könnte erfahren, dass es im Leben noch mehr gibt als arbeiten und einkaufen. Und: Verreisen ist schön.