Eintagsmann

Hin und wieder muss ich auch mal unangenehme Themen ansprechen. Heiße Eisen anfassen. Den Finger in die Wunde legen. Aufzeigen, wo es schiefläuft und knirscht in unserer Gesellschaft. Wie gehen wir zum Beispiel mit Schneemännern um. Das ist nicht schön. An einem Abend stehen sie noch stolz und stattlich vor jeder Toreinfahrt und einen Tag später sind sie nichts als unansehnliche, schmutzige Häufchen. Niemand redet darüber, weil es eben ein Schandfleck ist. Aber ich will nicht länger schweigen. Und wegsehen schon gar nicht. Es beginnt ja damit, dass es nur Schneemänner gibt. Schneefrauen werden höchstens als Satire gebaut. In Wahrheit wird dem Schneemann so etwas wie ein weibliches Gegenüber gar nicht zugetraut. Gleichwohl soll er aber ein Mann sein, darauf wird Wert gelegt. Ein Mann ist aber nur dann ein Mann, wenn sich eine zugehörige Frau wenigstens denken lässt. Beim Schneemann gelingt das nicht. Er wird als von vornherein zur Unvollständigkeit verurteilt vorgestellt. Man könnte das Problem ja umgehen, indem man Schneemensch sagt. Aber das tut man nicht.

Man tut es deswegen nicht, weil das Schicksal des Schneemannes allgemein bekannt ist. In diesem Winter wird es besonders überzeichnet deutlich, wo er quasi von einem Tag auf den anderen verschwindet. Statt Schneemann könnte man in diesem Jahr auch Eintagsmann sagen. Aber auch in ordentlichen Wintern, die sich über Monate erstrecken, hat der Schneemann keine Zukunft. So stolz und stattlich er sich auch in seinen besten Tagen (oder Stunden) gibt, sein Ende ist lächerlich; erbärmlich; jämmerlich. Als Mann muss ich es jetzt einfach mal sagen: Eine so flüchtige und launische Substanz wie Schnee taugt nicht zu dem Stoff, aus dem wir gemacht sind. Ich will jetzt auch gar keine anderen Materialien bemühen, aber Schnee ist es nicht.

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in einen ungeheuren Schneemann verwandelt.“ (Ich habe diese Zeile aus dem Gedächtnis zitiert, aber irgendwo habe ich sie einmal gelesen.) Als er dann vor den Mädchen stand und sich wunderte, warum sie so kicherten, sah er an sich herunter und bemerkte, dass er in einer schmutzigen Pfütze stand. Schnell wollte er die blauen Überzieher überstreifen, aber er hatte gar keine Füße mehr. Sein runder Kopf saß halslos auf einer einzigen Schneekugel. Die unterste war schon geschmolzen. Es klatschte und eine Mohrrübe fiel in die schmutzige Pfütze. Dann klapperte es und er sah ein Kohlestück. Als es ein zweites Mal klapperte, sah er nichts mehr.

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Neuschnee

Der Schnee hat so seine Tücken. Einerseits empfiehlt es sich, ihn mit guter Profilsohle zu betreten, um nicht etwa auszugleiten. Andererseits bleibt der Schnee gerade in den Profilen sehr gerne haften und lässt sich auch durch heftiges Stampfen oder Füße abtreten nicht vollständig abschütteln. Manchmal muss ich Privatwohnungen betreten, in denen es nicht angeraten erscheint, die Schuhe auszuziehen. Allerdings ist es doch schon auch peinlich, wenn man nach neunzig Minuten an sich herabblickt und in einer schmutzigen Pfütze steht. Freilich kann man dann entrüstet tun und ausrufen „Na zum Glück habe ich die Schuhe anbehalten!“, aber dazu gehört doch schon eine gewisse Chuzpe. Ich würde eher noch sagen: „Jetzt taue ich langsam auf.“

Es gibt für Schuhe Einmal-Überzieher, die dieses Problem ganz leidlich zu lösen helfen. Nur muss man sie erstmal übergezogen kriegen. Das Überstreifen geschieht im Beisein des Wohnungsinhabers, man steht im Treppenhaus. Ich mache nun jeden Morgen sehr viele verschiedene Übungen, bei denen ich mehr oder weniger gut aussehe, aber auf einem Bein stehen ist noch nicht dabei. Socken ziehe ich schon lange im Liegen an. Das sorgt aber auch für unbeschwerte Heiterkeit: Man taumelt, macht sich die Hände schmutzig, die Überzieher reißen – und schon ist das Eis gebrochen! Wenn man das erst mal geschafft hat – vergisst man die blauen Dinger einfach. Sie werden wie eine zweite Haut. Wenn man Glück hat, wird man abends im Supermarkt an der Kasse daraufhin angesprochen. Wenn man Pech hat, schaut man in sehr viele freundliche Gesichter und merkt es, wenn man sich zu Hause die Schuhe ausziehen will.

Das liegt alles daran, das wir so selten Schnee haben. Ich kenne ihn ja fast gar nicht und wenn er dann mal kommt, dann bin ich eben unbeholfen. Wenn aber zwei neue Sachen zusammen kommen – Schnee und Balkon etwa – dann entwickle ich ungeahnte Kreativität. Dann sprudeln die Ideen nur so. Es gibt vom Neuschnee auf meinem neuen Balkon und mir als Neumieter eine schöne Geschichte. Ich werde sie noch einmal heraussuchen und vielleicht am Wochenende hier zum Besten geben. Bis dahin nehme ich den Einbeinstand in mein Gymnastikprogramm auf, bis ich das Socken anziehen wieder im Stehen beherrsche. Man weiß nie, wozu man das noch braucht. Und jetzt fehlt nur noch: Neuschnee!