Ronja von Rönne: Warum man nicht schreibt

Wenn man als Schriftsteller sein Geld verdient, fragen einen ständig Leute, warum man denn schreibe. Kennt man ja von Lehrern, die ständig gefragt werden, warum sie eigentlich unterrichten, statt geil auszuschlafen. Oder von Baggerführern, von denen man gerne wissen will, was eigentlich ihre Inspiration für die Baustelle auf der A99 war.

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http://sudelheft.blogspot.de/2017/10/warum-man-nicht-schreibt.html

Mit Widmung

Ruth Herzberg ist einfach die Härteste! Jetzt hat sie geschrieben, dass sie an einem Roman arbeitet, der dann ein rosa Cover bekommt, weil sie eine Frau ist. Sie muss diesen Roman schreiben, weil sie das Geld braucht, damit sie nach Italien fahren kann, wo sie dann die Sonnenuntergänge fotografiert. Ich müsste auch an meinem Roman schreiben, aber Ruth Herzberg macht es scheinbar einfach. Sie steht jeden Tag um 16:00 Uhr auf und arbeitet dann bis zum Abend. Ich stehe jeden Tag um 6:00 Uhr auf, habe Termine und schaffe nichts. Das macht aber auch nichts, weil ich erwerbstätig bin. Ich bin ein Angestellter und muss nur meine Aufträge abarbeiten. Das würde ich auch als Einäugiger hinkriegen. Schaffen muss ich nichts. So wird aber der Roman nicht fertig. Inzwischen habe ich so vielen Leuten von dem Roman erzählt, dass jetzt schon mehr Menschen darauf warten, als auf den rosa Roman von Ruth Herzberg. Es ist mir schon ein bisschen unangenehm.

Gestern war ich noch mal in der Arztpraxis, um stolz herzuzeigen, welche Fortschritte ich mit meiner Genesung mache. Ich wollte das an der Rezeption erledigen, wurde aber sofort in ein Behandlungszimmer geführt und eine Ärztin wurde gerufen. Sie interessierte sich gar nicht für meine Fortschritte, sondern fragte gleich nach dem Roman. Immer noch nicht weiter? Warum dauert das so lange? Ich wusste es nicht. Vielleicht konzentriere ich mich nicht richtig, oder ich lasse mich zu leicht ablenken. Möglicherweise sollte ich mich auch nicht mit Fingerübungen wie diesen hier aufhalten, sondern einfach kontinuierlich romanschreiben. Ich weiß aber noch gar nicht, welche Farbe das Cover haben wird. Blau? Wahrscheinlich.

So einfach ist es aber leider nicht. Romanschreiben kann man nicht nebenbei. Romanschreiber ist man immer hauptberuflich. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange man arbeitet und welche Tages- oder Nachtzeit man bevorzugt. Man kann aber nebenbei keine anderen Hauptaufgaben haben, wie Kinder betreuen oder eben einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Darum muss man schon sehr davon überzeugt sein, dass man jetzt einen Roman schreiben muss. Das kann bei mir noch ein bisschen wachsen. Es kann auch passieren, dass ich den Roman erst als Rentner schreiben kann. Als Rentner könnte ich mich ins Private zurückziehen und in aller Ruhe arbeiten. Wenn ich dann fertig bin, kriegen alle einen Schreck, weil niemand mehr mit einem Roman von mir gerechnet hat. Wenn die Ärztin dann noch in ihrer Praxis ist, schenke ich ihr ein Exemplar. Mit Widmung.

Zu spät

Gern hätte ich eine Zeit am späteren Vormittag, in der ich Leserbriefe beantworte. Diese Zeit habe ich nicht, was nicht an der Zeit liegt. Es liegt daran, dass ich keine Leserbriefe bekomme. Was nicht weiter schlimm ist. Wenn ich es ganz dringend brauchen würde, könnte ich mir Briefe ausdenken, die ich dann beantworte. So weit ist es aber noch nicht. Dass ich keine Leserbriefe bekomme, bedeutet keinesfalls, dass ich keine Leser habe. Es bedeutet nur, dass mir meine Leser keine Briefe schreiben.

Ich selbst schreibe nun nicht etwa, um irgend jemandem etwas mitzuteilen. Ich schreibe, um zu erfahren was ich geschrieben habe. Ich würde damit nicht anfangen, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass es auch jemand liest. Aber der Leser ist immer jemand anderes, als derjenige, an den ich mich wende. Ganz am Anfang schieb ich für eine sehr reale Person. Meine Leser wurden aber ganz andere Personen. Es kann durchaus passieren, dass daraus eine neue Religion entsteht, wie es beim Christentum gewesen ist. Na gut- eine Religion wird es vielleicht nicht. Dafür fehlt meinen Texten wahrscheinlich das Metaphysische und das Transzendente.

Überhaupt finde ich den Vergleich mit dem Christentum inzwischen unangemessen. Das passiert manchmal, wenn ich beim Schreiben eines Textes zwischendurch einschlafe. Mein liebster Schreibplatz ist nämlich das große Bett. Leider werde ich es heute noch verlassen müssen, denn ich habe keine Kaffeesahne mehr. Nur wegen der Kaffeesahne für eine volle Stunde das Bett zu verlassen, finde ich aber auch unangemessen. Ich habe gerade einen Text von Ruth Herzberg gelesen. Eigentlich bin ich ein grandioser Kopierer. Ich kann nichts besser, als andere zu kopieren. Dafür müssen sie mir natürlich gefallen. Ruth Herzberg gefällt mir und ich habe versucht, einen Link zu ihrem Blog auf meinem Blog zu teilen. Es hat nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Darum haben jetzt alle Email-Follower einen kryptischen Link bekommen, der nicht funktioniert. Das tut mir leid.

Bevor ich wieder wie ich selbst schreiben kann, muss ich erst einen Text von mir lesen, um dann meinen eigenen Stil zu kopieren. Manche Kopien gehen auch gar nicht mehr weg. Als Kind habe ich Herricht und Preil gehört. Als meine Mutter merkte, was aus mir geworden war, vernichtete sie die Schallplatten. Aber es war zu spät.

Fürs Erste

Was man nicht machen darf, wenn man schreiben will: Lesen. Ich wollte mich gerade etwas anregen lassen und habe ein paar Texte einer von mir verehrten Autorin konsumiert. Unter anderem einen, in dem sie beschreibt, was sie vom Schreiben abhält. Jetzt möchte ich mich gern mit ihr treffen und dass wir uns irgendwie gegenseitig vom Schreiben abhalten. Nur schreiben möchte ich nicht mehr. Nie wieder! Bevor ich auf die Idee kam zu lesen, saß ich zwei Stunden an meinem Schreibplatz am Fenster zur Straße. Das war wahrscheinlich der erste Fehler. Der Schreibplatz am Fenster zur Straße ist nämlich alles andere, als ein Schreibplatz. Man kann dort viele Autos vorbeifahren sehen und sich Gedanken über die neuen Farben und Marken machen. Man sieht Kinder, wie sie zur Schule gehen und wieder heimkommen. Man muss den Kopf darüber schütteln, wie bepackt manche Kinder sich den Weg entlang schleppen. Wozu brauchen sie dieses ganze Zeug? Nur schreiben kann man dort nicht.

Ich bin dann in die Küche umgezogen, in der man natürlich erst recht nicht schreiben kann, weil man ja kochen muss. Nach dem Essen vielleicht? Nein. Also dann vielleicht erst mal was lesen. Wenn das aber funktionieren soll, müsste ich etwas so Grottenschlechtes lesen, dass ich danach sage: Das kann ich besser. Aber wie soll das gehen? Grottenschlechtes findet nicht den Weg zu mir. Wir werden uns nie begegnen, es sei denn, es wird mir zum Zwecke der Folter vorgelesen. Folter ist jedoch in unserem Land nicht erlaubt. Ich lese natürlich nur Sachen, die ich gut finde. Danach frage ich mich dann, warum ich eigentlich noch etwas schreiben soll, denn die von mir verehrte Autorin hat es ja schon geschrieben.

Der dritte Fehler ist, beim Schreiben Musik zu hören. Am besten noch die ganze Sammlung im Zufallsmodus. Entweder denkt man, man schreibt, hört aber Musik und klopft im Takt auf die Tastatur, woraus der Computer dann einen Text macht. Oder man bildet sich ein, den Soundtrack zu der Geschichte zu hören, die man grade schreibt, was natürlich auch nicht stimmt. Der letzte Fehler ist, sich ein Bier auf zu machen, bevor man geschrieben hat. Was dann nämlich passiert, kann man hier sehen. Man schreibt, dass man nicht schreibt. Dann macht man sich das nächste Bier auf und schreibt weiter, dass man nicht schreibt. Und so geht es weiter. Das ist alles nicht gut für den Leser.

Darum machen wir hier Schluss.

Fürs Erste.