Das Wetter

Und nun zum Wetter. Wo denn das schöne Wetter geblieben sei? Ich finde das Wetter im Augenblick nicht schlecht. Ich wüsste auch nicht, welches Wetter hier schlechtes Wetter wäre. An meinem momentanen Aufenthaltsort ist das Wetter gleichgültig. Ehrlich gesagt wäre ich sogar enttäuscht, sähe ich kein sturmgepeitschtes Meer, mit Blitzen und allem. Ohne Sturm und Regen sieht das Meer sehr langweilig aus. Es rauscht zwar schön, aber das ist auch alles. Es hat die gleiche graue Farbe, wie der Himmel und nach einer Weile weiß man nicht mehr, ob man auf’s Meer oder in den Himmel guckt. Ein schönes Gewitter könnte da wirklich mehr Klarheit reinbringen und das Ganze interessanter machen. Aber ich glaube, das wird noch.

Wenn es mir in meiner Klosterzelle zu eng wird, kann ich sie jederzeit verlassen. Ich rufe den Lift und nehme dann kichernd die Treppe. Es gibt im Hotel alles, was man zum Überleben braucht. Es gibt Läden und eine Promenade. Dort kann man sitzen, wie in einem Straßenkaffee. Sie kommen alle vorbei. Greisinnen und Greise in Bademänteln auf dem Weg ins Schwimmbad, die rüstigen Alten in Regenjacke, die vom Tagesausflug zurückkehren und die Fünfziger, die noch mal die kleine Runde vor dem Abendessen gehen. Die kleine Runde führt am Strand entlang bis zur Seebrücke, dort hinauf und dann den Steilküstenwanderweg zurück. Sehr gefährlich. Gerade erst ist wieder einer abgestürzt. Das passiert meistens, wenn sie Fotos machen und dabei rückwärts laufen. Das muss doch nicht sein! Ich habe genug Fotos von der Ostsee, im Straßenkaffee an der Hotelpromenade fühle ich mich wieder jung und man kann nirgendwo hinunterfallen.

Vielleicht bieten sie mir ja an, für immer hier zu bleiben. So wie bei Udo Lindenberg. Der wohnt ja auch im Hotel und das Hotel weiß, was es an ihm hat. Einmal in der Woche bin ich dann im Café an der Promenade und signiere Rechnungen. Öfter geht es nicht, denn leider wird an den Cafétischen auch viel gesprochen. Eigentlich sind es immer Paare, die dort miteinander sprechen, genau, wie an den Frühstückstischen. Diese Gespräche dienen definitiv nicht der gegenseitigen Information. Ich glaube, es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass das allgemeine Unglück hier seine Wurzeln hat. Wäre es nicht denkbar, getrennt Urlaub zu machen, wenn man schon sonst alles gemeinsam macht? Ich bin sehr froh, nicht soviel sprechen zu müssen. Dafür lächele ich um so mehr. Bei jedem Wetter.

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Das Beste

Schreiben ist eigentlich gar nicht so schwer. Es geht sogar ganz leicht. Was dagegen schwer ist, ist nicht zu schreiben. Leider verbringe ich mit dieser (Un-)Tätigkeit die meiste Zeit. Das eigentliche Schreiben geht dann ratz-fatz und dauert nur noch ein paar Minuten. Davor sitzt man aber stundenlang da und leidet. Es ist ja nicht etwa so, dass man sich in dieser Zeit ausdenkt, was man gleich schreiben will. Man denkt einfach nur sehr lange immer dasselbe: Dass einem nichts einfällt. Man könnte das abkürzen und gleich schreiben, dass einem heute nichts einfällt. Oder einfach nichts schreiben. Aber das tut man nicht. Man bleibt sitzen und wird immer wütender und immer verzweifelter.

Die Verzweiflung kommt immer dann, wenn ich vergesse, dass es das Schreiben ist, dass am Ende den Text hervorbringt. Es ist nicht das Denken. Beim Denken entsteht gar nichts. Denken führt zu Verzweiflung. Beim Schreiben entsteht ein Text. Genauso ist es beim Sprechen. Es ist eine furchtbare Quälerei, Leuten zuzuhören, die sich überlegen, was sie sagen wollen. Lebendig wird die Sprache erst, wenn sie unbedacht aus einem herausfließt. Zum Glück tut sie dass nicht unaufhörlich und endlos. Mal fließt es und dann eben wieder nicht. Dann kann man mal schweigen, zuhören oder lesen. Die anderen haben nämlich auch was zu sagen.

Je älter ich werde, desto öfter denke ich, ich brauche das nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen. Ich habe das alles schon mal gehört und auch schon längst gelesen. Wenn ich mich dann aber doch entscheide zuzuhören, verstehe ich auf einmal wieder, warum das so wichtig ist: Ich (der ich heute und jetzt bin) habe das noch nie gehört. Je näher man einem Menschen steht, desto schwerer wird es, immer die gleichen Geschichten zu hören. Und doch sollten wir zuhören, denn es kann sein, dass sie ihre Bedeutung erst an einem ganz bestimmten Punkt unseres Lebens entfalten. Wenn wir dann nicht mehr zuhören können, verpassen wir womöglich das Beste.

Ganz schön erwischt

Einmal im Jahr geht am Auto die Beleuchtung kaputt. Das ist mit den Werkstätten so abgestimmt. Damit es nicht auffällt, geht immer nur eine Lampe kaputt. Entweder vorne rechts oder hinten links. Keinesfalls kann man die Lampen eines Autos selber auswechseln. Je nach Typ, muss entweder das ganze Auto auseinander gebaut werden, oder es wird Personal in Mannschaftsstärke benötigt. Dabei müssen dann mindestens fünf Personen das Auto drehen, während einer die Lampe hält. Außerdem geht die Beleuchtung ausnahmslos Winter kaputt. So ist das eben. In der Wohnung geht die Beleuchtung nur in fensterlosen Bädern kaputt. Das ist jahreszeitunabhängig und passiert immer dann, wenn man bewegungsunfähig auf der Toilette sitzt. Dem kann ich inzwischen ganz entspannt entgegensehen, seit ich eine batteriebetriebene Lampe im Bad aufgehängt habe. Ich vermute mal, dass das Licht nicht mehr kaputtgehen wird, bis die Batterien alle sind.

Das zeigt doch sehr schön, dass wir dem Schicksal doch nicht so ausgeliefert sind, wie wir vielleicht denken. Man kann immer noch eine Menge gegen das allgemeine Unglück unternehmen. Man muss eben nur Ideen haben. Bei mir ist es nun so, dass ich oft nicht weiß, was ich sagen soll. Seit ich mit dem Schreiben begonnen habe, kann ich etwas dagegen tun. Was ich schreiben soll, weiß ich freilich auch nicht, aber ich erfahre am Ende eines Textes, was ich geschrieben habe. Beim Lesen merkt man von der schweren Geburt nichts. Ganz anders beim Sprechen. Michele de Montaigne schreibt zwar, dass ihn der Klang seiner eigenen Stimme eher zu geistigen Höhenflügen anregt, als das einsame Geschreibe in seinem unterkühlten Turmzimmer. Das kann man aber vielleicht nicht verallgemeinern. Ich habe gerade wieder versucht, diesen Text mit der Diktierfunktion zu erstellen und es funktioniert einfach nicht. Ich weiß am Anfang eines Satzes nicht, wie er enden wird. Meine gesprochenen Sätze kann man eben nicht mitschreiben. Die Diktierfunktion wird ganz schnell müde und schaltet sich dann einfach ab.

So ähnlich geht es mir, wenn ich mir selbst beim Sprechen zuhöre: Ich schalte einfach ab. Was dann passiert, erlebe ich leider nicht mehr mit, aber es ist bestimmt nicht unterhaltsam. Darum schreibe ich lieber und wenn ich sprechen muss, lese ich Geschriebenes vor oder lerne es auswendig. Beim Lesen merkt auch keiner, dass ich jetzt doch einen Schnupfen bekomme, oder auch Schlimmeres. Oder irgendwie doch schon, oder? Es hat mich jetzt wohl ganz schön erwischt.