Wwwwwwwt

In meiner Wohnung vibrierte etwas. Ein Geräusch, etwa so: Wwwwwwt; alle paar Minuten. Das Geräusch war nicht zu orten, aber es war definitiv da. Mein Telefon war es nicht und auch andere in Frage kommende Geräte verhielten sich ruhig. Wwwwwt. Dafür vibrierte meine Armbanduhr am nächsten Morgen nicht. Sie soll mich eigentlich auf diese Weise wecken, was niemals nötig ist, weil ich immer schon lange wach bin. Erst glaubte ich, sie wäre vielleicht irgendwie dahinter gekommen, dass sie reingelegt worden ist und hätte jetzt keine Lust mehr, ständig ins Leere zu vibrieren. Nachdem ich nun eine Weile nachgedacht hatte, fand ich, dass es unangemessen wäre, ein technisches Gerät so zu vermenschlichen und mir kam die folgende Idee: Vielleicht ist das Vibrieren aus meiner Armbanduhr herausgefallen und liegt nun irgendwo in der Wohnung herum, wo es sein Unwesen treibt. Wwwwwwwwwt. Dann könnte ich freilich lange suchen, denn ein Vibrieren kann man natürlich nicht sehen. Wenn es blinken könnte, bräuchte es schließlich nicht zu vibrieren.

Es kann natürlich auch etwas ganz anderes sein. Phantom-Vibrieren kenne ich ja schon aus der Hosentasche, seit ich einmal mein Handy vergessen hatte. Dass es auch akustisches Phantom-Vibrieren gibt, war mir bislang neu, ist aber denkbar. Das es als akustisches Phänomen als Phantom-Vibrieren und nicht als Phantom-Klingeln auftritt, bleibt jedoch rätselhaft. Für die Phantom-These spricht, dass es nach einem Tag wieder aufhörte. Dieser Fakt passt dagegen nicht zur Idee vom aus der Uhr gefallenen Vibrieren. Denn es konnte ja schlecht wieder in meine Uhr hineingefallen sein, es sei denn, es ist den Fußboden entlang gekrochen und dann an der Wand hochgeklettert. Dann hing es irgendwann kopfüber von der Decke herunter, bis ich mit meiner Uhr genau darunter vorbei ging.

Das ist keine sehr beruhigende Vorstellung. Wenn es nun statt in meine Uhr in mich hineingefallen wäre, müsste ich jetzt alle paar Minuten „wwwwwwt“ machen. Das würde doch sehr stören und ist sozial lange nicht so akzeptiert, wie ein Schluckauf. Es könnte sein, dass sich Gesprächspartner davon irritieren lassen. Wwwwwwt. Auch im Kino oder im Theater käme es wahrscheinlich nicht gut an. Ich glaube, man würde mich hinauswerfen, nicht nur aus dem Kino, sondern insgesamt aus der Menschen-Gemeinschaft. Ich würde vereinsamen und ein Leben fernab jeglicher Gesellschaft fristen. Na, vielleicht nicht ganz. Sicher finde ich neue Freunde: Alte Handys, Uhren und alles, was vibrieren kann. Wwwwwt. Wwwwwwwwwt. Wwwwwwt.

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Ich bin in Sorge

Wenn ich schon nicht jede Woche hinfahre, möchte ich doch wenigstens wöchentlich einmal mit meinem Vater telefonieren. Leider schaffe ich das nicht immer. Ich weiß ja ungefähr, was er so für Termine hat und wenn er nicht zu Hause ist, braucht man auch nicht anzurufen. Manchmal rufe ich auch nicht an, wenn er eigentlich zu Hause sein müsste, denn was mache ich, wenn er dann nicht rangeht? Sorgen mache ich mir dann nämlich. Sorgen, die ich nicht habe, wenn ich nicht anrufe. Dann kann ich mir vorstellen, was ich will, zum Beispiel, dass er gerade Kreuzworträtsel löst und großen Spaß dabei hat. Wenn er nicht rangeht, habe ich sofort Kopfkino, wie er auf dem Weg zum klingenden Telefon den Wischeimer umkippt, in der Pfütze ausgleitet, mit dem Kopf gegen die offene Küchenschublade knallt und bewusstlos mit dem Gesicht nach unten in der Lache liegenbleibt.

Es ist doch ganz tröstlich zu sehen, dass mir das nicht nur alleine so geht. Die Menschen in den höchsten Staatsämtern sind ja auch so eine Art Familie. Donald Trump hat wahrscheinlich schon ein paar Mal versucht, Angela Merkel ans Telefon zu bekommen. Aber sie war im Schwimmbad oder beim Minister ernennen oder sie hatte schon Feierabend. Da Trump ja bekanntlich nicht fernsieht, konnte er das alles nicht wissen und nun macht er sich Sorgen. Damit es wenigstens am Samstag klappt, ließ er es über alle Medien verbreiten. Auch mein Vater wusste es schon, als ich ihn am Freitag Abend anrief. Der Zeitpunkt ist freilich kühn gewählt, denn wie jeder weiß, erledigt Angela Merkel am Samstag ihren Wocheneinkauf. Ich bin noch nicht zum Fernsehen gekommen, aber sicher haben sie schon berichtet, ob es geklappt hat oder nicht.

Apropos Sorgen: Es gibt einen kleinen Ort im Harz, der Sorge heißt. Elend liegt gleich nebenan. Ich war einmal beruflich nach Sorge unterwegs und schrieb in meine Email-Abwesenheits-Notiz: „Ich bin in Sorge.“ Daraufhin bekam ich Anrufe und Emails, was denn los sei?

Nichts weiter. Nächste Woche bin ich wieder da.