Warum es Gott gar nicht geben kann

Ich war am Sonntagvormittag einmal kurz auf meinem Balkon. Zum Glück ist es am Sonntagvormittag normalerweise so hell, dass man nicht in den Weltraum gucken kann. Sonst hätte ich vielleicht gesehen, mit welcher Geschwindigkeit mein Balkon so durch den Weltraum fliegt. Ich merke es nicht, weil die Balkone der Nachbarn mit derselben Geschwindigkeit unterwegs sind, aber eigentlich müsste mir schlecht werden. Darum bin ich lieber wieder hineingegangen. Ob Erdogan auch über so etwas nachdenkt? Menschen, die viel Macht haben, haben vielleicht nicht so viel Zeit zum Nachdenken. Darum müssen sie sich erst mühsam daran gewöhnen, wenn sie doch mal dazu kommen.

Ich war einmal Bausoldat in einer Luftverteidigungsdivision und der Kommandeur war ein General. Einmal wurde ich zu ihm befohlen. Bausoldaten mussten keinen Eid leisten sondern ein Gelöbnis ablegen. Entscheidend war die Teilnahme. Da wurde das Gelöbnis dann verlesen und die Soldaten sollten sagen: „Das geloben wir.“ Oder so ähnlich. Ich hatte das nicht gesagt. Das musste man nicht, aber es war aufgefallen, darum musste ich zum Boss. Der General hatte ein riesengroßes Büro und war sehr freundlich. Ich stand damals auf Uniformen und ich fand den General toll. Dann wollte er wissen, warum ich nichts gesagt hatte. Ich sagte, dass ich an Gott glaube und das betreffende Gelöbnis an einen Staat oder so was nicht angemessen fand. Dann erzählte mir der General vom Fliegen. Er sei schon oft dort oben gewesen und viele andere auch. Die Genossen Gagarin und Jähn wären sogar im Weltraum gewesen und niemand hätte Gott gesehen. Darum könne es ihn gar nicht geben.

Ich weiß nicht mehr, was ich daraufhin erwidert habe, aber der General hat wirklich so argumentiert. Ich glaube, er hat es auch wirklich so gemeint. Er war nicht böse, nur das Nachdenken war für ihn ungewohnt. (In Wirklichkeit war er zu dem Zeitpunkt auch noch Oberst – aber General hört sich besser an.) Bei Erdogan liegen die Dinge natürlich ganz anders. Zum Nachdenken kommt er aber bestimmt auch nicht oft. Darum ist ihm nicht ständig klar, mit welchem Affenzahn die Türkei durch den Weltraum rast. Damit ist er nicht allein. Es gibt eine ganze Menge Weltenlenker, die sich von der Welt, die sie lenken keinen annähernd zutreffenden Begriff machen können. Wenn sie es öfter mal versuchen würden, würden sie wahrscheinlich erst mal einen Schreck bekommen und dann vielleicht etwas vorsichtiger werden. Aber leider haben sie viel zu wenig Zeit, um sich den Weltraum anzuschauen; und schon gar nicht, um lange darüber nachzudenken. Schade eigentlich.

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Das Datum

Jetzt habe ich die Mondfinsternis verpasst. Am Montagabend (!) sollte sie sehr schön zu sehen sein, aber erst war der Mond noch hinter den Häusern und dann habe ich es verschlafen. Ich schlafe so viel. Ich glaube, früher war das anders. Jetzt kann ich mich irgendwo hinsetzen und einfach einschlafen. Wenn ich liege, habe ich gar keine Wahl. Natürlich wache ich nach ein paar Minuten wieder auf, aber wenn ich liegen bleibe, schlafe ich eben wieder ein. Ich finde das wunderbar. Leider verpasst man dadurch hin und wieder eine Mondfinsternis. Aber es war sowieso nur eine partielle und bei Mondaufgang war sie schon fast wieder vorbei. Ich hatte als Kind einen Optik-Baukasten, damit konnte man unter anderem ein Mondfernrohr bauen. Das charakteristische Merkmal eines Mondfernrohrs war die Tatsache, dass alles auf dem Kopf stand, was man damit betrachtete. Ich fand schon, dass das ein erheblicher Mangel war und hätte den Baukasten gern umgetauscht. Aber alle Erwachsenen sagten, wenn man den Mond betrachte, mache es nichts, dass er auf dem Kopf steht. Wieso denn nicht?

Ich kann also noch froh sein, dass ich nicht alles kopfrum sehe, sondern nur doppelt. Sonst würden wahrscheinlich auch alle sagen, das mache nichts. Wenn ich aber sage, ich sehe doppelt, werden alle hellhörig und machen besorgte Gesichter. Vielleicht denken sie bei „doppelt“ immer gleich an doppelte Kosten oder doppelte Arbeit. Ich weiß noch nicht, was mir lieber ist. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, mit dem Mondfernrohr mal eine Mondfinsternis beobachtet zu haben. Ich habe wahrscheinlich überhaupt nichts mehr damit beobachtet, weil mich das auf-dem-Kopf-sehen doch immer sehr gestört hat.

In fast genau einem Jahr haben wir aber eine richtige Mondfinsternis. Der Mond wird dann total verschluckt und es dauert auch mehr als eine Stunde. Leider wird er dabei wieder nicht sehr hoch über dem Horizont stehen und er geht auch nicht viel früher auf. Wenn ich also immer noch so viel schlafen muss, wird es wieder nichts. Außerdem weiß man auch nicht, wie das Wetter wird. Es könnte ganz einfach überall bewölkt sein und dann verfinstert sich der Mond total unbeobachtet. Das wäre eine spannende Frage: Verfinstert sich der Mond auch, wenn es gar keiner sieht? Wie immer die Antwort lautet, sie läßt sich nicht experimentell überprüfen. Man weiß es nicht. Aber eins weiß man – das Datum: Es ist der 27. Juli 2018.

Übung

Seit diesem Sommer weiß ich, dass ich es kann. Wie es genau funktioniert, weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich hat es mit dem Schreiben zu tun. Ich kann die Welt verändern. Ich kann es schaffen, dass die Dinge so laufen, wie ich es will. Es tut mir ein bisschen leid für alle, die so mit mir zu tun haben, weil ihnen jetzt klar werden muss, dass sie mehr oder weniger Figuren in meiner Geschichte sind. Aber der Fairness halber und als Fan der Aufklärung muss ich es erwähnen. Nur so bekommt das Ganze auch Hand und Fuß. Bis vor kurzem dachte ich ja noch, ich wäre auch eine Figur, wahrscheinlich die Hauptfigur. Aber ich konnte mir nicht erklären, was der ganze Schwachsinn soll. Das kann man als Teil einer Geschichte sowieso nie, aber jetzt ist mir alles klar: Ich mache die Geschichte. Da ich es aber nicht wußte, lief eben alles scheinbar etwas konzeptionslos.

Das wird sich jetzt ändern. Wie gesagt, ich weiß noch nicht genau, wie es geht. Es kann also sein, dass die Geschichte im Folgenden etwas turbulent wird. Ich muss erst mal üben. Zum Beispiel ist es mir völlig rätselhaft, wer diese Menschen alle sind, die mich hier umgeben und wie um alles in der Welt sie in meine Geschichte kommen. In diesem Augenblick geschieht zum Beispiel Unglaubliches: Ein älterer Herr fragt, ob er sich mit seinen zwei noch älteren Begleiterinnen zu mir setzen darf. Das ist mir noch nie passiert. Es geschieht nur, weil ich es schreibe.

Es müssen Figuren aus meinem Unbewussten sein. Diese Dialoge! Denke ich mir das alles aus? Jetzt sitzen sie mir genau gegenüber. Drei Personen auf einer Bank. Wenn ich jetzt hoch gucke, gucke ich ihnen direkt ins Gesicht. Es geht nicht, ich muss weiter schreiben. Und dann sofort die Augen zu machen. So tun, als wäre ich von der anstrengenden Schreiberei eingeschlafen. Neben uns sind zwei Tische frei, aber sie können es nicht sehen, weil sie mit dem Rücken dazu sitzen. Soll ich es ihnen sagen? Wie gesagt, ich muss noch etwas üben.

Veröffentlicht in „Debakel im Strandkorb“ 2013

Neujahrsansprache

Naja, naja. Vor allem kommt es 2017 doch wohl darauf an, schön auf dem Teppich zu bleiben. Das fällt um so leichter, wenn der Teppich schön sauber ist. Das ist ein Teppich aber nie. Er ist das Habitat vieler verschiedener Tiere und anderer Bewohner, die wir zum Glück nicht sehen können. Der Teppich ist Lebensraum und Heimat. Die Teppichbewohner erzählen sich Geschichten, über eine Welt, die unabhängig vom Teppich existiere und die Klugscheißer unter ihnen glauben nicht daran. Der Teppich wird mehr oder weniger regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht, auf die die Bewohner keinen Einfluss haben. Es gibt unerklärliche Teppichbeben und verheerende Stürme, die aus dem Nichts kommen und alles, was sich nicht retten kann aus dem Teppich saugen. Die Ursachen für diese Katastrophen liegen im Dunkeln. Darum nennt man sie ja auch Katastrophen. Sie kommen einfach über einen.

Kein Teppichbewohner kann seinen Teppich jemals verlassen. Aber es gibt ein paar Denker unter ihnen, die sich so ihre Gedanken machen. Es gibt sogar ein paar, die behaupten, man würde einen Teppich bewohnen. Natürlich wurden die sofort verhaftet und zum Widerrufen gezwungen. Die nicht widerrufen wollten oder es nicht konnten wurden umgebracht. Aber die Idee war nun mal im Teppich. Was wäre, wenn es wirklich so wäre? Der Teppich ist flach und hat nur zwei Dimensionen, aber was wäre, wenn es noch eine dritte Dimension gäbe, die man natürlich weder wahrnehmen noch sich vorstellen, jedoch mathematisch beschreiben könnte? Und wenn in dieser Dimension Wesen lebten, für die der Teppich etwas ganz anderes wäre, als für seine Bewohner? Die vom Leben im Teppich gar nichts wüssten und auch gar nichts wissen wollten. Ja, was wäre dann?

Gar nichts weiter wäre dann. Wenn sich die außerhalb des Teppichs Lebenden einbilden, dass ihre sogenannte „Welt“ alles ist, was es gibt, unterscheiden sie sich in gar nichts von den meisten Teppichbewohnern. Man könnte allenfalls etwas daraus lernen, nämlich, dass man sich selbst und seinen Teppich nicht so furchtbar ernst und wichtig nehmen sollte. Krieg im Teppich oder Sturm im Wasserglas – beides ist doch einfach nur lächerlich. Viel besser, als sich jeden Tag zu fürchten oder sich zu ärgern, ist es doch, sich zu freuen. Zum Beispiel über die Schönheit des Teppichs, in dem man nun mal lebt. Und über ein Lächeln von einem anderen Teppichbewohner. Oder über ein gutes Wort.

Das würde ich den Bewohnern meines Teppichs sagen, wenn sie mich denn hören könnten.