Übung

Seit diesem Sommer weiß ich, dass ich es kann. Wie es genau funktioniert, weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich hat es mit dem Schreiben zu tun. Ich kann die Welt verändern. Ich kann es schaffen, dass die Dinge so laufen, wie ich es will. Es tut mir ein bisschen leid für alle, die so mit mir zu tun haben, weil ihnen jetzt klar werden muss, dass sie mehr oder weniger Figuren in meiner Geschichte sind. Aber der Fairness halber und als Fan der Aufklärung muss ich es erwähnen. Nur so bekommt das Ganze auch Hand und Fuß. Bis vor kurzem dachte ich ja noch, ich wäre auch eine Figur, wahrscheinlich die Hauptfigur. Aber ich konnte mir nicht erklären, was der ganze Schwachsinn soll. Das kann man als Teil einer Geschichte sowieso nie, aber jetzt ist mir alles klar: Ich mache die Geschichte. Da ich es aber nicht wußte, lief eben alles scheinbar etwas konzeptionslos.

Das wird sich jetzt ändern. Wie gesagt, ich weiß noch nicht genau, wie es geht. Es kann also sein, dass die Geschichte im Folgenden etwas turbulent wird. Ich muss erst mal üben. Zum Beispiel ist es mir völlig rätselhaft, wer diese Menschen alle sind, die mich hier umgeben und wie um alles in der Welt sie in meine Geschichte kommen. In diesem Augenblick geschieht zum Beispiel Unglaubliches: Ein älterer Herr fragt, ob er sich mit seinen zwei noch älteren Begleiterinnen zu mir setzen darf. Das ist mir noch nie passiert. Es geschieht nur, weil ich es schreibe.

Es müssen Figuren aus meinem Unbewussten sein. Diese Dialoge! Denke ich mir das alles aus? Jetzt sitzen sie mir genau gegenüber. Drei Personen auf einer Bank. Wenn ich jetzt hoch gucke, gucke ich ihnen direkt ins Gesicht. Es geht nicht, ich muss weiter schreiben. Und dann sofort die Augen zu machen. So tun, als wäre ich von der anstrengenden Schreiberei eingeschlafen. Neben uns sind zwei Tische frei, aber sie können es nicht sehen, weil sie mit dem Rücken dazu sitzen. Soll ich es ihnen sagen? Wie gesagt, ich muss noch etwas üben.

Veröffentlicht in „Debakel im Strandkorb“ 2013

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Kommst du mit?

Hinterher weiß man ja immer alles besser. Zum Beispiel, wie es passieren konnte, dass einer wie Donald Trump Präsident wurde. Schließlich hat er doch genau gesagt, was er vorhat und er hat sich im Wahlkampf weder verstellt, noch hat er Kreide gefressen. Bei Adolf Hitler war es übrigens genauso! Es war alles völlig klar und die Vernünftigen haben ihre Köpfe geschüttelt. Wie kann so etwas nur passieren? Als Franz von Papen Vizekanzler im Kabinett Hitler wurde, war der Plan, den rüden Schreihals „einzurahmen“, ihn unschädlich zu machen. Von Papen soll gesagt haben „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht“ (von Bredow, Noetzel: Politische Urteilskraft. 2009, in: Wikipedia: Franz von Papen). Soviel zu Checks and Balances.

So etwas passiert eben. In einer Demokratie passiert es immer genau dann, wenn das Volk keine Lust mehr hat, die Verantwortung zu tragen und die Macht zu gestalten, und sie lieber anderen überlässt. Dann kommen diejenigen zum Zug, die lange und geduldig genau auf diesen Zeitpunkt gewartet haben – aber nicht zum Guten, sondern zum Bösen. Warum sind beispielsweise so viele Menschen bei Facebook? Weil es bequem ist. Weil man hier nichts gestalten muss. Man kann einfach da sitzen und zugucken. Jetzt soll Facebook etwas gegen Fake-News tun. Man weiß schon gar nicht mehr, ob es nicht vielleicht doch Fakebook und Face-News heißt? Hätte man nicht vor kurzem noch der menschlichen Urteilskraft zugetraut, zwischen gut und böse zu unterscheiden? Das soll jetzt Facebook machen. Und sie werden es machen, weil es gut für Facebook ist, wenn immer mehr Menschen ihre Informationen kritiklos von Facebook beziehen.

Daran ist nun keineswegs Facebook schuld! Genauso wenig war Hitler daran schuld, dass er gewählt wurde und auch Trump kann man nicht vorwerfen, dass er sich Ignoranz, Dummheit und Angst zunutze macht, um seine Ziele zu verwirklichen. Es ist vielleicht nicht sehr edel, aber verwerflich ist es nicht. Verwerflich ist es, die Dinge nicht selbst in die Hand zu nehmen, für die man eigentlich selbst zuständig ist. Verwerflich ist es, nach Gewalt zu rufen, wenn die Probleme einem über den Kopf zu wachsen scheinen. Verwerflich ist es, sich mit einem wohligen Schaudern die brennende Welt anzuschauen, wie einen Blockbuster, anstatt in ihr zu leben und das Seine zu tun. Aber so sind wir eben. Die meisten von uns sind kleine Schisser, die ihre Ruhe haben und es schön bequem haben wollen. Und darum wird uns genau das passieren, was wir verdient haben. Oder? Auf drei…??

Liedfett: Kommst du mit? (Youtube-Video)

Neujahrsansprache

Naja, naja. Vor allem kommt es 2017 doch wohl darauf an, schön auf dem Teppich zu bleiben. Das fällt um so leichter, wenn der Teppich schön sauber ist. Das ist ein Teppich aber nie. Er ist das Habitat vieler verschiedener Tiere und anderer Bewohner, die wir zum Glück nicht sehen können. Der Teppich ist Lebensraum und Heimat. Die Teppichbewohner erzählen sich Geschichten, über eine Welt, die unabhängig vom Teppich existiere und die Klugscheißer unter ihnen glauben nicht daran. Der Teppich wird mehr oder weniger regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht, auf die die Bewohner keinen Einfluss haben. Es gibt unerklärliche Teppichbeben und verheerende Stürme, die aus dem Nichts kommen und alles, was sich nicht retten kann aus dem Teppich saugen. Die Ursachen für diese Katastrophen liegen im Dunkeln. Darum nennt man sie ja auch Katastrophen. Sie kommen einfach über einen.

Kein Teppichbewohner kann seinen Teppich jemals verlassen. Aber es gibt ein paar Denker unter ihnen, die sich so ihre Gedanken machen. Es gibt sogar ein paar, die behaupten, man würde einen Teppich bewohnen. Natürlich wurden die sofort verhaftet und zum Widerrufen gezwungen. Die nicht widerrufen wollten oder es nicht konnten wurden umgebracht. Aber die Idee war nun mal im Teppich. Was wäre, wenn es wirklich so wäre? Der Teppich ist flach und hat nur zwei Dimensionen, aber was wäre, wenn es noch eine dritte Dimension gäbe, die man natürlich weder wahrnehmen noch sich vorstellen, jedoch mathematisch beschreiben könnte? Und wenn in dieser Dimension Wesen lebten, für die der Teppich etwas ganz anderes wäre, als für seine Bewohner? Die vom Leben im Teppich gar nichts wüssten und auch gar nichts wissen wollten. Ja, was wäre dann?

Gar nichts weiter wäre dann. Wenn sich die außerhalb des Teppichs Lebenden einbilden, dass ihre sogenannte „Welt“ alles ist, was es gibt, unterscheiden sie sich in gar nichts von den meisten Teppichbewohnern. Man könnte allenfalls etwas daraus lernen, nämlich, dass man sich selbst und seinen Teppich nicht so furchtbar ernst und wichtig nehmen sollte. Krieg im Teppich oder Sturm im Wasserglas – beides ist doch einfach nur lächerlich. Viel besser, als sich jeden Tag zu fürchten oder sich zu ärgern, ist es doch, sich zu freuen. Zum Beispiel über die Schönheit des Teppichs, in dem man nun mal lebt. Und über ein Lächeln von einem anderen Teppichbewohner. Oder über ein gutes Wort.

Das würde ich den Bewohnern meines Teppichs sagen, wenn sie mich denn hören könnten.