Die Gleichung

Eine schlimme Krankheitswelle hat uns erfasst. Die Menschen bekommen es im Hals, mit den Ohren oder sie haben die Nase voll. Viele haben Fieber. Ich bin froh, dass ich diesmal offenbar verschont bleibe. Ich glaube, das liegt einerseits daran, dass sich die meisten Menschen inzwischen brav krank melden. Früher schleppten sie sich zur Arbeit und steckten alle anderen auch noch an. Heute merken zumindest meine engeren Kollegen, wenn es nicht mehr geht und halten sich fern. Ich finde, das ist eine gute Entwicklung. Andererseits liegt es natürlich an der gesunden Ernährung. So meide ich konsequent Leitungswasser, das ja mit den verschiedensten Keimen kontaminiert ist. Es gibt kein wirklich sicheres Verfahren, das Wasser keimfrei zu halten, es sei denn, man kocht es ab und trinkt es dann gleich. Will man etwas Kaltes trinken, hilft zur Keimfreihaltung nur Alkohol.

Ich hatte ja schon angekündigt, dass wir uns langsam wieder dem Hefeweizen zuwenden sollten. Zur Zeit verzehren wir noch das dunkle Winterbier, aber es kann nicht mehr lange dauern, bis es auch im Bierglas wieder hell wird. Aber so freudvoll sich der Genuss des Getränkes auch gestalten lässt, seine Beschaffung ist ein echtes Problem. Entweder muss man zusätzlichen Wohnraum teuer anmieten, um es angemessen zu bevorraten oder man muss jeden Tag raus. Ich fahre zurzeit drei verschiedene Getränkemärkte im Umkreis von fünfzehn Kilometern an, um meine Verbrauchsdaten zu verwischen. So hat mich jeder nur einmal in der Woche auf dem Zettel.

Ich zweifle nicht daran, dass ich auch das Biertrinken aufgeben könnte, wie das Zigarettenrauchen. Ein hinreichender Grund dafür wäre, nicht mehr raus zu müssen. Ich könnte wochenlang einfach in der Wohnung bleiben und die Notfallkonserven aufzehren. Vielleicht wäre es nicht mal mehr notwendig, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Zurzeit liegt die Arbeit eben einfach auf dem Weg zu den Getränkemärkten. Aber wenn ich Letztere nicht mehr aufsuchen muss, käme ich nicht mal nur in die Nähe der Ersten. Das alles führt auf geradem Wege zur Gleichung: Je weniger man braucht, desto mehr hat man vom Leben.

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Winterschlaf

Es gibt kein Bild, das bei mir mehr Sehnsucht und gleichzeitig Wohlbehagen hervorruft, als das eines winterschlafenden Felltieres. Wie es zusammengerollt auf weichen Matten in seiner gemütlichen und sicheren Höhle liegt. Draußen gibt es absolut nichts mehr zu holen. Wozu also rausgehen? Es muss wunderbar sein, Tage, Wochen und Monate einfach nur dazuliegen. Man muss nichts essen, nichts trinken, man muss nicht aufs Klo. Nur daliegen muss man.

Bislang dachte man ja, Primaten wären weder zum Winterschlaf noch zur Winterruhe fähig. Weit gefehlt. Ich habe schon immer gewusst, dass das nicht stimmen kann. Da haben wir zum Beispiel den Westlichen Fettschwanzmaki. Ein lupenreiner Primat aus der Unterordnung der Feuchtnasenprimaten. Und er hält nicht nur Winterschlaf, er träumt wahrscheinlich auch noch dabei! Sieben Monate Kopfkino in der gemütlichen Baumhöhle. Warum bin ich kein Fettschwanzmaki? Ich bin mir ziemlich sicher, dass das großäugige Tier zu meinen Vorfahren gehört und finde die in mir repräsentierte Entwicklungsstufe nicht unbedingt vorteilhaft. Besonders den Fettschwanz, von dessen Fett der Maki während des Winterschlafes zehrt, finde ich zumindest interessant. Ich erinnere mich an Fernsehserien, in denen die Protagonisten Mützen mit Schwanz aufhatten. Daniel Boone zum Beispiel. Ja, erst jetzt verstehe ich es richtig. Diese Mütze von Daniel Boone war eine Reminiszenz an das ursprüngliche Leben als Fettschwanzmaki. Vielleicht tat er es gar nicht mal bewusst, aber Daniel Boone wollte eigentlich sagen: ,Hätte ich meinen schönen Fettschwanz noch, müsste ich nicht dieses gefährliche Leben als Jäger und Fallensteller führen.‘

Tja. Nun ist es aber einmal so. Evolution führt auch manchmal ins Nichts. Erfolg ist nur vom Ende aus beschreibbar. Die Dinosaurier waren erfolgreich. Der Fettschwanzmaki träumt noch vom Erfolg. Ja, es mag ein kafkaesk anmutender Gedanke sein, aber vielleicht sind wir nur der Traum eines Westlichen Fettschwanzmakis in seiner Baumhöhle. Es könnte ja sein, dass er sich im Herbst mit einem superfetten Schwanz zur Ruhe gelegt hat. Er war vielleicht total angenervt von der elenden Schwanzschlepperei und träumt nun von einem freien Leben ohne Fettschwanz. Womit er freilich fehlgeht, denn ohne Fettschwanz kein Winterschlaf. Ohne Winterschlaf kein Kopfkino. Ohne Kopfkino kein Leben ohne Fettschwanz.

Na ja. Wenn er im Frühjahr aufwacht, ist das ganze Fett aus dem Schwanz ja aufgezehrt. Dann denkt er nicht mehr dran, wie schwer das Leben im Herbst war und freut sich wieder über seinen Schwanz, bis er vor lauter Freude eine feuchte Nase bekommt.

Und jetzt wird geschlafen.

Veröffentlicht: liedersaenger, 2013 – Debakel im Strandkorb

Eintagsmann

Hin und wieder muss ich auch mal unangenehme Themen ansprechen. Heiße Eisen anfassen. Den Finger in die Wunde legen. Aufzeigen, wo es schiefläuft und knirscht in unserer Gesellschaft. Wie gehen wir zum Beispiel mit Schneemännern um. Das ist nicht schön. An einem Abend stehen sie noch stolz und stattlich vor jeder Toreinfahrt und einen Tag später sind sie nichts als unansehnliche, schmutzige Häufchen. Niemand redet darüber, weil es eben ein Schandfleck ist. Aber ich will nicht länger schweigen. Und wegsehen schon gar nicht. Es beginnt ja damit, dass es nur Schneemänner gibt. Schneefrauen werden höchstens als Satire gebaut. In Wahrheit wird dem Schneemann so etwas wie ein weibliches Gegenüber gar nicht zugetraut. Gleichwohl soll er aber ein Mann sein, darauf wird Wert gelegt. Ein Mann ist aber nur dann ein Mann, wenn sich eine zugehörige Frau wenigstens denken lässt. Beim Schneemann gelingt das nicht. Er wird als von vornherein zur Unvollständigkeit verurteilt vorgestellt. Man könnte das Problem ja umgehen, indem man Schneemensch sagt. Aber das tut man nicht.

Man tut es deswegen nicht, weil das Schicksal des Schneemannes allgemein bekannt ist. In diesem Winter wird es besonders überzeichnet deutlich, wo er quasi von einem Tag auf den anderen verschwindet. Statt Schneemann könnte man in diesem Jahr auch Eintagsmann sagen. Aber auch in ordentlichen Wintern, die sich über Monate erstrecken, hat der Schneemann keine Zukunft. So stolz und stattlich er sich auch in seinen besten Tagen (oder Stunden) gibt, sein Ende ist lächerlich; erbärmlich; jämmerlich. Als Mann muss ich es jetzt einfach mal sagen: Eine so flüchtige und launische Substanz wie Schnee taugt nicht zu dem Stoff, aus dem wir gemacht sind. Ich will jetzt auch gar keine anderen Materialien bemühen, aber Schnee ist es nicht.

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in einen ungeheuren Schneemann verwandelt.“ (Ich habe diese Zeile aus dem Gedächtnis zitiert, aber irgendwo habe ich sie einmal gelesen.) Als er dann vor den Mädchen stand und sich wunderte, warum sie so kicherten, sah er an sich herunter und bemerkte, dass er in einer schmutzigen Pfütze stand. Schnell wollte er die blauen Überzieher überstreifen, aber er hatte gar keine Füße mehr. Sein runder Kopf saß halslos auf einer einzigen Schneekugel. Die unterste war schon geschmolzen. Es klatschte und eine Mohrrübe fiel in die schmutzige Pfütze. Dann klapperte es und er sah ein Kohlestück. Als es ein zweites Mal klapperte, sah er nichts mehr.

Neuschnee

Der Schnee hat so seine Tücken. Einerseits empfiehlt es sich, ihn mit guter Profilsohle zu betreten, um nicht etwa auszugleiten. Andererseits bleibt der Schnee gerade in den Profilen sehr gerne haften und lässt sich auch durch heftiges Stampfen oder Füße abtreten nicht vollständig abschütteln. Manchmal muss ich Privatwohnungen betreten, in denen es nicht angeraten erscheint, die Schuhe auszuziehen. Allerdings ist es doch schon auch peinlich, wenn man nach neunzig Minuten an sich herabblickt und in einer schmutzigen Pfütze steht. Freilich kann man dann entrüstet tun und ausrufen „Na zum Glück habe ich die Schuhe anbehalten!“, aber dazu gehört doch schon eine gewisse Chuzpe. Ich würde eher noch sagen: „Jetzt taue ich langsam auf.“

Es gibt für Schuhe Einmal-Überzieher, die dieses Problem ganz leidlich zu lösen helfen. Nur muss man sie erstmal übergezogen kriegen. Das Überstreifen geschieht im Beisein des Wohnungsinhabers, man steht im Treppenhaus. Ich mache nun jeden Morgen sehr viele verschiedene Übungen, bei denen ich mehr oder weniger gut aussehe, aber auf einem Bein stehen ist noch nicht dabei. Socken ziehe ich schon lange im Liegen an. Das sorgt aber auch für unbeschwerte Heiterkeit: Man taumelt, macht sich die Hände schmutzig, die Überzieher reißen – und schon ist das Eis gebrochen! Wenn man das erst mal geschafft hat – vergisst man die blauen Dinger einfach. Sie werden wie eine zweite Haut. Wenn man Glück hat, wird man abends im Supermarkt an der Kasse daraufhin angesprochen. Wenn man Pech hat, schaut man in sehr viele freundliche Gesichter und merkt es, wenn man sich zu Hause die Schuhe ausziehen will.

Das liegt alles daran, das wir so selten Schnee haben. Ich kenne ihn ja fast gar nicht und wenn er dann mal kommt, dann bin ich eben unbeholfen. Wenn aber zwei neue Sachen zusammen kommen – Schnee und Balkon etwa – dann entwickle ich ungeahnte Kreativität. Dann sprudeln die Ideen nur so. Es gibt vom Neuschnee auf meinem neuen Balkon und mir als Neumieter eine schöne Geschichte. Ich werde sie noch einmal heraussuchen und vielleicht am Wochenende hier zum Besten geben. Bis dahin nehme ich den Einbeinstand in mein Gymnastikprogramm auf, bis ich das Socken anziehen wieder im Stehen beherrsche. Man weiß nie, wozu man das noch braucht. Und jetzt fehlt nur noch: Neuschnee!

Steak mit Bohnen

In meiner Garage liegen zwischen anderen alten Sachen ein Paar Skier. Ich kann mich kaum noch erinnern, wann ich sie das letzte Mal benutzt habe, aber ich weiß sicher, dass ich schon mal mit ihnen unterwegs war. Das Land lag unter einer dicken Schneedecke. Das kann jetzt wieder passieren. Ich muss nur noch die Schuhe finden, denn ohne die Schuhe funktionieren die Bindungen nicht. Wenn es dann noch einen Tag lang ordentlich schneit, kann es losgehen. Mit Skiern verbinde ich immer Langlauf. Etwas anderes habe ich nie gemacht. Ich war mal mit Jugendlichen in den Bergen. Sie enterten die Piste. Ohne mich. Ich musste laufen. Ich lief damals sogar mit 39 Fieber, keine Ahnung, wie ich das gemacht habe.

Viel früher war ich mit meinen Eltern in Oberhof. Es war   d e r   Winter, ich glaube 78/79. Und wir liefen. Natürlich muss man auch beim Langlauf Berge hoch und runter fahren. Ich war vorne und kam gerade noch vor einem umgestürzten Baum zum Stehen. Hinter mir kamen die Eltern. Ich rief, ich brüllte, ich ruderte mit den Armen – und sie hielten sicher und unverletzt. Das war kurz vor meiner Geburt. Es hätte nicht viel gefehlt und dieser Text würde nicht hier stehen. Es gäbe mich nicht. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Dabei fällt mir ein, dass wir im Familienkreis gerade die Tatsache diskutiert haben, dass der inzwischen verstorbene Bruder meines Vaters in Berlin-Neuköln geboren wurde. Was machte meine Großmutter 1938 in Berlin? Niemand fand eine Erklärung dafür. Ich warf ein, dass es ja eine relativ neue Mode ist, bei der Geburt eines Kindes dabei zu sein. 1938 war das jedenfalls noch nicht die Regel.

Wie auch immer, heute bin ich froh, dass es mich gibt. Ich muss zwar essen und trinken, was mit einer Menge Aufwand verbunden ist, aber das nehme ich in Kauf. Außerdem muss ich in meinem Alter inzwischen eine Menge Gymnastik machen. Zu den Schultern kommt jetzt Hals- und Brustwirbelsäule. Das hatte ich früher alles nicht. Gerade gestern früh habe ich ein neues Trainingsgerät gekauft. Diesmal liegt wunschgemäß eine DVD bei. Allerdings auch ein Ernährungsplan. Das finde ich interessant. Der Plan ist für sieben Tage und beinhaltet fünf Mahlzeiten pro Tag. Heute gäbe es ein gekochtes Ei und eine Scheibe Vollkornbrot zum Frühstück. Zum zweiten Frühstück zwei Äpfel. Mittag: Steak mit Bohnen. Am Nachmittag eine Banane. Zum Abend eine Gemüsesuppe. Nicht schlecht!

Mehr Licht

Allen gegenteiligen Vorhersagen – auch meinen eigenen – zum Trotz geht es wieder aufwärts. Man merkt es noch nicht so richtig. Man merkt es eigentlich nicht im Geringsten, aber es geht. Aufwärts. Machte man man sich die Mühe, genau zu messen und nachzurechnen, hätte man es schwarz auf weiß: Jeden Tag gewinnen wir ein paar Minuten Tageslicht. Es wird wieder hell. Dunkelheit und Kälte sind einmal mehr durchgestanden. Der Planet dreht sich wieder in die Sonne. Zum Glück. Vielleicht wird es nachts noch mal kalt, aber im Großen und Ganzen ist es vorbei.

Man schlittert ja so rein in diese schlimme Zeit. Ich weiß gar nicht genau, wann es los geht. Im September ist eigentlich noch alles gut, im Oktober auch. Im November war ich noch an der Ostsee. Es muss im Dezember gewesen sein, aber zum Ende hin wurden die Tage ja schon wieder länger. Es ist wie mit allen Ereignissen: Wenn sie begonnen haben, sind sie eigentlich schon vorbei. Darum gibt es den Frühling, wegen der Vorfreude auf den Sommer. Der Herbst ist für die Nachfreude. Den Winter gibt es eigentlich gar nicht. Wenn wir nicht so viele geworden wären, könnten wir ja einfach in den Süden ziehen, im Herbst. Immer auf der Sonnenseite. Das geht hauptsächlich deswegen nicht mehr, weil dann das Gewicht auf der Sonnenseite so groß würde, dass sich die Erdachse wieder gerade stellt. Das wäre ziemlich blöd, denn dann kriegen wir den Planeten nicht mehr richtig durchgewärmt. An den Polen wäre es dann immer dunkel.

Die armen Pinguine. Die können sich jetzt auch langsam warm anziehen, zu denen kommt jetzt bald der Winter. Ha, ha. Wir haben es hinter uns. Aber das ist ja kein Vergleich. Die Kaiserpinguine sind wirklich die Allerhärtesten. Warum machen die das? Wieso hauen die nicht ab? Weshalb bewahren sie das Ei? Es ist ein Rätsel. Sie könnten beschließen, dass es vorüber ist, ein für alle mal. Aber sie warten. Sie harren aus ohne Essen und Trinken, ohne Frauen, in unvorstellbarer Kälte und ohne Licht.

Und tatsächlich: Es wird wieder hell.

Vergleiche: 2013, liedersaenger, ENTROPIE UND WOLLMAUS -Geschafft-