25. September 2017

Ich sagte zu meiner Sekretärin: „Bitte sagen Sie für heute alle meine Termine ab!“ Meine Sekretärin entgegnete: „Also, erstens haben Sie überhaupt keine Termine, weder heute noch sonst irgendwann. Und außerdem bin ich doch nicht ihre Sekretärin!!“ Dann ging sie weg. Ich habe sie seitdem nicht wieder gesehen. Ich weiß auch gar nicht mehr, wie sie eigentlich aussieht. Wer um alles in der Welt war sie denn überhaupt? Schleicht sich hier ein und gibt vor, nicht meine Sekretärin zu sein! Es wurde Zeit, das Bankkonto zu checken. Wenn man keine Termine hat, hat man entweder Urlaub oder man wurde entlassen. Wenn man entlassen wurde, zahlen sie einem kein Geld mehr. Dann muss man zum Amt und sich arbeitslos melden. Das ist alles sehr mühsam, aber es hilft ja nichts. Also: Bankkonto checken. Wie macht man das? So ein Bankkonto trägt man ja nicht in der Tasche mit sich herum. Soll ich mal fragen? Lieber nicht, sonst sagen sie vielleicht noch, ich hätte gar kein Bankkonto und das hier sei auch keine Bank.

Das Letztere kann allerdings sein. Es scheint vielmehr so zu sein, dass ich irgendwo im Freien stehe. Oder eher sitze. Ich sitze im Freien. Das kann gar keine Bank sein. Es ist doch mehr ein Park. Schön grün hier alles und sonnig. Aber mir ist trotzdem kalt und ich fühle mich ein bisschen steif. Ich sollte jetzt eigentlich zu Hause sein und frühstücken. Oder ein Elf-Uhr-Bier trinken. Ist es schon elf? Das kann man nämlich gar nicht so genau sagen. Ende September gibt es einen Sonntag, da ist es die Woche zuvor elf und die Woche danach zehn. Entweder wird das Elf-Uhr-Bier dann zum Zehn-Uhr-Bier oder zwischen zwei Elf-Uhr-Bieren liegen 25 Stunden. Beides ist gegen die Naturgesetze und ist daher eigentlich gar nicht möglich. Trotzdem passiert es jedes Jahr. Es wird Zeit, damit Schluss zu machen!

Ich kann aber gar nicht feststellen, wie spät es ist, denn ich habe gar keine Uhr. Dafür habe ich viele Einkaufstüten mit Krimskrams, der mir irgendwie vertraut ist, aber in der aktuellen Situation nicht weiterhilft. Ich weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat. Ich wohne doch in einem Haus aus Stein, ich habe Arbeit, Geld und Kreditkarten, ich habe saubere Wäsche zum anziehen und ich habe Freunde! Kann es passieren, dass man auf einmal in einem anderen Leben aufwacht?

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Die Wahrheit

Wegen der vielen Nachfragen zu meiner kleinen Sehbehinderung musste ich mir eine Geschichte ausdenken. Die geht so: Also, die Augen haben leider doch etwas abbekommen und die Augenärztin hat mich zum 2. Oktober wiederbestellt. Dann ist die OP. Beide Augen werden herausoperiert und müssen eingeschickt werden. Nach Jena. Wenn ich Glück habe, bekomme ich zu bei diesem Termin zwei Spenderaugen. Vielleicht aber auch nur eins oder gar keins. Wenn, dann auf jeden Fall nur leihweise. Mit Spenderaugen kann man zwar wieder ganz normal gucken, aber wenn man sie zumacht, sieht man die Bilder des Spenders, die ja in den Augen gespeichert sind. Das kann ganz amüsant sein oder eben auch nicht. Das kann vorher keiner wissen und den Spender kann man ja nicht mehr fragen. Auf jeden Fall machen die falschen Bilder auf die Dauer etwas mit der Persönlichkeit, darum muss man sie spätestens nach drei Monaten wieder abgeben.Dann bekomme ich meine eigenen Augen zurück.

In Wirklichkeit handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Wahrnehmungsstörung. Dass zwei Augen auch zwei Bilder machen, ist eigentlich logisch. Weil das aber nicht unbedingt hilfreich ist, wie ich gerade feststellen kann, macht die Wahrnehmung daraus eins. Alle Normalsichtigen erliegen also einer optischen Täuschung, mit Hilfe derer sie aber sicherer durchs Leben kommen. Diese Fähigkeit ist mir vorübergehend abhanden gekommen. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass ich sie neu erwerben kann. Das eigentlich Hinderliche und auch Gefährliche bei Doppelbildern ist ja, dass man sich erst entscheiden muss, welches Bild das „richtige“ ist, also wo man hinfasst oder hintritt. Ich entscheide mich jetzt immer öfter richtig. Folglich glaube ich, dass meine Wahrnehmung das überflüssige Bild irgendwann einfach wieder ausblenden wird.

Ich bin dann einer der Wenigen, vielleicht der Einzige, der mal einen Blick hinter die Kulissen der eigenen Wahrnehmung werfen konnte. Ich weiß jetzt: die Welt sieht in Wirklichkeit ganz anders aus und keineswegs besser! Ich frage mich, ob das Frau Merkel und Herr Schulz auch wissen? Merkel müsste es wissen, weil sie ja mal Physik studiert hat. Schulz weiß es ganz bestimmt aus seiner Lebenserfahrung. Aber ich bin der einzige, der es mit eigenen Augen gesehen hat: Jeden Scheißhaufen auf der Welt gibt es zweimal, aber nur einer von beiden stinkt auch. Wir entscheiden selbst, welcher für uns der Echte ist.

Tagträumer

In der Bach-Motette „Jesu meine Freude“ gibt es ein kleines Stück, das beginnt so: „Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich…“ Wenn man nun nicht gut zuhört oder der Chor ein bisschen undeutlich singt oder vielleicht noch beides zusammentrifft, versteht man möglicherweise etwas Anderes. Man hört dann „Ihr aber seid nicht fleißig, sondern geizig…“ Genau das ist mir wieder eingefallen, als ich gestern früh meinen Balkon inspiziert habe. Ich hatte gedacht, die Fleißigen Lieschen würden die ganze Nacht vor sich hin spinnen, so dass am Morgen alles Stroh zu Gold geworden wäre. Aber nichts da. Statt dessen hatten sie sogar das ganze Regenwasser ausgesoffen, das sich eigentlich in ihren Untersetzern ansammeln sollte. Was für eine Enttäuschung! Glücklicherweise können mich solche Erlebnisse nicht mehr aus der Bahn werfen. Ich bewahre völligen Gleichmut und kümmere mich nicht weiter darum. Auch die Geizigen Lieschen sollen mir willkommen sein, seien sie nun fleißig oder nicht. Ich selbst bin wahrscheinlich auch nicht fleißig. Fleiß wird oft synonym zu arbeitsam und zielstrebig verwendet. Ich bin eher arbeitsscheu. Soweit meine Ziele mit der Vermeidung von Arbeit zusammenhängen, bin ich aber doch zielstrebig.

Ich muss hin und wieder an mein „Traum-Erlebnis“ im Zusammenhang mit dem Autounfall denken, das sich an die Stelle der Erinnerung gesetzt hat: Ich stehe relativ unbeteiligt herum und beobachte einen schlimmen Verkehrsunfall. Überall sind Glasscherben. Eine dunkelhaarige Frau guckt sehr ernst. Könnte es sein, dass ich aus diesem Traum noch gar nicht aufgewacht bin? Dass es mir darum so gut geht und dass ich nur noch Gute Nachrichten wahrnehme? Ein Zeitungsartikel von gestern: An einem Strand in Florida geraten zwei Kinder im Wasser in starke Strömung. Die Mutter und weitere Helfe treiben auch ab und können nichts tun. Zwei Badegäste werden aufmerksam und initiieren eine Kette aus ungefähr achtzig Menschen, die sich mit Armen und Beinen verschränkt ins Wasser legt. An der Kette entlang gelangen die Verunglückten wieder an den sicheren Strand. Ist das nicht einfach unglaublich?

Ich träume. In meinem Traum wird das Unglaubliche Wirklichkeit und die Welt wird hell und warm und alle Menschen werden Schwestern und Brüder. Am Montag werde ich in der Zeitung lesen, dass überall auf der Welt tiefe Schächte gegraben werden und Granaten, Bomben und Schießgewehre stürzen tausend Meter tief hinab. Jawohl!

Lied: Der Teufel, Gerhard Schöne (youtube-link)

Technische Störung

Wenn an einem Tag mal keine Zeitung kommt, denkt man gleich, dass die Welt stehen geblieben ist. Dabei dreht sie sich natürlich weiter. Aber wer weiß? Die Welt wäre auf jeden Fall eine andere, wenn Zeitungen und Fernsehen aufhören würden, sie zu beobachten und zu beschreiben. Findet die Maidemo heute statt, weil es gestern in der Zeitung stand? Kommt es dabei zu Gewalt, weil morgen darüber geschrieben wird? Und wenn morgen jemand schreibt: „Alles war friedlich.“, passiert dann heute nichts? Ich könnte jetzt zum Beispiel schreiben, dass ich gestern mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war und heute erst am frühen Morgen heimkam, weil die Bahn einfach nicht losfuhr. Und zack – schon war es so gewesen. Die Bahn fuhr einfach nicht los, dafür gab es eine Ansage, dass man nicht losfahren könne. Grund sei ein vorausfahrender Zug. Ich hatte nun Zeit, meine Umgebung etwas genauer zu betrachten und bemerkte, dass sich die Anzahl der Steckdosen in Regionalzügen vervielfacht hat. Das gab es früher nicht. Heute ist es aber notwendig, denn ich benutze ein Handyticket. Kein Akku dieser Erde ist dafür gebaut, die langen Wartezeiten in Regionalzügen zu überbrücken. Binnen Stunden hätte man eine ganze Bahn voller Schwarzfahrer. Das will die Bahn natürlich nicht. Darum die vielen Steckdosen.

Der vorausfahrende Zug müsste jetzt eigentlich aus dem Weg sein. Und richtig: Prompt kam eine Ansage, dass man jetzt auf gar keinen Fall losfahren könne, weil es eine schwere technische Störung am Zug gäbe. Der Zug war kaputt. Er hatte sich kaputtgestanden. So etwas kann passieren. Ich war zu schwach, um zu reagieren und blieb einfach sitzen. Die anderen Fahrgäste auch. Bei genauerem Hinsehen ergab sich, dass alle in tiefen Schlaf gesunken waren. Ich war offenbar der einzige, der noch wach war. Aber vielleicht war das die Panne? Alle anderen waren im Kryo-Schlaf, um die lange Reise überstehen zu können und ich war wach geblieben. Ein Albtraum. Wir würden jetzt einfach sehr lange in diesem Zug sitzen. Mein Akku war wieder voll.

So schreibe ich es und so ist es geschehen. Warum schreibe ich nicht, dass ich den Tag mit einer anmutigen rehäugigen verbracht habe, die mich dann mit zu sich nach Hause nahm? Wir redeten kein einziges Wort, sondern sahen uns nur an. Wir waren sehr verliebt. Als der Morgen graute, hielten wir uns noch immer fest in den Armen. So schliefen wir ein und wir schlafen immer noch. Aber das schreibe ich nicht, sondern immer das andere.

Übung

Seit diesem Sommer weiß ich, dass ich es kann. Wie es genau funktioniert, weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich hat es mit dem Schreiben zu tun. Ich kann die Welt verändern. Ich kann es schaffen, dass die Dinge so laufen, wie ich es will. Es tut mir ein bisschen leid für alle, die so mit mir zu tun haben, weil ihnen jetzt klar werden muss, dass sie mehr oder weniger Figuren in meiner Geschichte sind. Aber der Fairness halber und als Fan der Aufklärung muss ich es erwähnen. Nur so bekommt das Ganze auch Hand und Fuß. Bis vor kurzem dachte ich ja noch, ich wäre auch eine Figur, wahrscheinlich die Hauptfigur. Aber ich konnte mir nicht erklären, was der ganze Schwachsinn soll. Das kann man als Teil einer Geschichte sowieso nie, aber jetzt ist mir alles klar: Ich mache die Geschichte. Da ich es aber nicht wußte, lief eben alles scheinbar etwas konzeptionslos.

Das wird sich jetzt ändern. Wie gesagt, ich weiß noch nicht genau, wie es geht. Es kann also sein, dass die Geschichte im Folgenden etwas turbulent wird. Ich muss erst mal üben. Zum Beispiel ist es mir völlig rätselhaft, wer diese Menschen alle sind, die mich hier umgeben und wie um alles in der Welt sie in meine Geschichte kommen. In diesem Augenblick geschieht zum Beispiel Unglaubliches: Ein älterer Herr fragt, ob er sich mit seinen zwei noch älteren Begleiterinnen zu mir setzen darf. Das ist mir noch nie passiert. Es geschieht nur, weil ich es schreibe.

Es müssen Figuren aus meinem Unbewussten sein. Diese Dialoge! Denke ich mir das alles aus? Jetzt sitzen sie mir genau gegenüber. Drei Personen auf einer Bank. Wenn ich jetzt hoch gucke, gucke ich ihnen direkt ins Gesicht. Es geht nicht, ich muss weiter schreiben. Und dann sofort die Augen zu machen. So tun, als wäre ich von der anstrengenden Schreiberei eingeschlafen. Neben uns sind zwei Tische frei, aber sie können es nicht sehen, weil sie mit dem Rücken dazu sitzen. Soll ich es ihnen sagen? Wie gesagt, ich muss noch etwas üben.

Veröffentlicht in „Debakel im Strandkorb“ 2013

Winterschlaf

Es gibt kein Bild, das bei mir mehr Sehnsucht und gleichzeitig Wohlbehagen hervorruft, als das eines winterschlafenden Felltieres. Wie es zusammengerollt auf weichen Matten in seiner gemütlichen und sicheren Höhle liegt. Draußen gibt es absolut nichts mehr zu holen. Wozu also rausgehen? Es muss wunderbar sein, Tage, Wochen und Monate einfach nur dazuliegen. Man muss nichts essen, nichts trinken, man muss nicht aufs Klo. Nur daliegen muss man.

Bislang dachte man ja, Primaten wären weder zum Winterschlaf noch zur Winterruhe fähig. Weit gefehlt. Ich habe schon immer gewusst, dass das nicht stimmen kann. Da haben wir zum Beispiel den Westlichen Fettschwanzmaki. Ein lupenreiner Primat aus der Unterordnung der Feuchtnasenprimaten. Und er hält nicht nur Winterschlaf, er träumt wahrscheinlich auch noch dabei! Sieben Monate Kopfkino in der gemütlichen Baumhöhle. Warum bin ich kein Fettschwanzmaki? Ich bin mir ziemlich sicher, dass das großäugige Tier zu meinen Vorfahren gehört und finde die in mir repräsentierte Entwicklungsstufe nicht unbedingt vorteilhaft. Besonders den Fettschwanz, von dessen Fett der Maki während des Winterschlafes zehrt, finde ich zumindest interessant. Ich erinnere mich an Fernsehserien, in denen die Protagonisten Mützen mit Schwanz aufhatten. Daniel Boone zum Beispiel. Ja, erst jetzt verstehe ich es richtig. Diese Mütze von Daniel Boone war eine Reminiszenz an das ursprüngliche Leben als Fettschwanzmaki. Vielleicht tat er es gar nicht mal bewusst, aber Daniel Boone wollte eigentlich sagen: ,Hätte ich meinen schönen Fettschwanz noch, müsste ich nicht dieses gefährliche Leben als Jäger und Fallensteller führen.‘

Tja. Nun ist es aber einmal so. Evolution führt auch manchmal ins Nichts. Erfolg ist nur vom Ende aus beschreibbar. Die Dinosaurier waren erfolgreich. Der Fettschwanzmaki träumt noch vom Erfolg. Ja, es mag ein kafkaesk anmutender Gedanke sein, aber vielleicht sind wir nur der Traum eines Westlichen Fettschwanzmakis in seiner Baumhöhle. Es könnte ja sein, dass er sich im Herbst mit einem superfetten Schwanz zur Ruhe gelegt hat. Er war vielleicht total angenervt von der elenden Schwanzschlepperei und träumt nun von einem freien Leben ohne Fettschwanz. Womit er freilich fehlgeht, denn ohne Fettschwanz kein Winterschlaf. Ohne Winterschlaf kein Kopfkino. Ohne Kopfkino kein Leben ohne Fettschwanz.

Na ja. Wenn er im Frühjahr aufwacht, ist das ganze Fett aus dem Schwanz ja aufgezehrt. Dann denkt er nicht mehr dran, wie schwer das Leben im Herbst war und freut sich wieder über seinen Schwanz, bis er vor lauter Freude eine feuchte Nase bekommt.

Und jetzt wird geschlafen.

Veröffentlicht: liedersaenger, 2013 – Debakel im Strandkorb