Schritte

Ich war schon lange nicht mehr auf dem Balkon. Das sieht man auch. Ich habe noch zwei Blumenkästen vom vorvorletzten Sommer auf der Brüstung stehen. Um deren Bepflanzung muss ich mich jetzt nicht mehr kümmern. Den einen ziert Löwenzahn (wahrscheinlich). Im anderen schießt ein langes einstieliges Gewächs mit weißen Blüten in die Höhe, das jetzt schon an die dreißig Zentimeter erreicht haben dürfte. Ich kann es leider nicht nachmessen, weil ich den Balkon aus einem mir unbekannten Grund zur Zeit nicht betrete. Dabei habe ich viel mit ihm vor. Ich will mir Pflanzgefäße für den Boden besorgen und dann alles einpflanzen, was ich so zu fassen kriege. Ich möchte, dass der Balkon in ein paar Jahren völlig überwuchert ist. Man soll denken, man wäre im Urwald wenn man die Balkontür aufmacht. Das wird auch funktionieren. Ich muss nur anfangen. Heute wird es nichts mehr.

Auch gestern ist es schon nichts geworden und morgen wird es auch nichts werden. Übermorgen kann ich nichts kaufen, weil Sonntag ist. Dieser blöde Sonntag! Immerhin habe ich aber schon etwas in meiner Wohnung aufgeräumt. Das Schrankbett in meiner Kammer war total zugestellt. Ich fand das schade, denn so ein Schrankbett (oder Klappbett) macht ja nur Sinn, wenn man es auch einfach so aufklappen kann. Das ging lange Zeit nicht. Jetzt geht es wieder. Ich musste dazu eigentlich nur verschiedene leere Pappkartons aus der Zeit Ludwigs des XIV entsorgen. Seit den Tagen des Sonnenkönigs stehen sie in meiner Kammer vor dem Schrankbett. Jetzt war einfach mal Schluss. Ohne Bedauern habe ich sie platt gemacht und in den Papiercontainer gesteckt. Ich kann nun einen Schlafgast beherbergen.

Ich hatte erst Bedenken, Schlafgästen dieses Klappbett in einer fensterlosen Kammer anzubieten. Diese Bedenken habe ich nicht mehr. Gäste schlafen ab sofort im Alkoven. Alkoven waren in der Tat richtige Schrankbetten – eingebaut in einen Schrank in der Wand. Allerdings gab es zum Ende des 19. Jahrhunderts Probleme mit der Hygiene. Sie haben das Stroh nicht gewechselt und außerdem lagerten unter dem Alkoven meistens Lebensmittel. Diese Probleme habe ich nicht. Mein Alkoven ist sauber und absolut hygienisch.

Falls ein Gast meinen Alkoven doch einmal nicht zu schätzen weiß, gibt es natürlich auch noch andere Schlafplätze. Mit dem Balkon bin ich dadurch allerdings noch nicht weiter gekommen. Er ist immer noch kahl und ein bisschen unansehnlich. Aber einen Gedanken aufzuschreiben, ist der erste Schritt auf seinem Weg in die Wirklichkeit. Danach kommt der zweite Schritt. Und dann der dritte.

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Prioritäten

Die Welt dreht sich. Das hat die Oma immer gesagt, wenn wir über Veränderungen gesprochen haben. Gerade lese ich über Cyber-Kriminelle, die mein Konto leer räumen können. Das wäre schon blöd. Andererseits ist es aber nicht allzu verwunderlich, dass so etwas geht. Im Prinzip geht es nur darum, hier eine Zahl abzuziehen und sie dort wieder zu addieren. Keine große Sache. Man braucht keine Transporter und die Zahlen können auch nicht markiert werden. Meine Zahlen- deine Zahlen. Alles egal.

Inzwischen habe ich die Kaffeesahne gekauft – und noch ein paar andere Sachen. An der Kasse wollten sie 10.000 Euro. Sie denken sich einfach irgendwelche Zahlen aus. Das Teuerste war der Fisch. Für das Geld, das ich für 300 Gramm Lachs ausgegeben habe, könnte ich ein ganzes Schwein kaufen. Verrückt, oder? Also ohne Kopf. Oder fünf Liter Bier. Oder zwei Hühner. Der Preis für den Lachs ist okay. Der für das Bier auch. Das andere ist eine Sauerei. Zu Hause stellte sich heraus, dass die Butter alle ist. Wenn ich jetzt aber noch mal losfahre, ist mein Jahreseinkommen futsch. Und der Mai hat gerade erst angefangen. Vielleicht sollte ich doch in dichter besiedeltes Gebiet umziehen. In Berlin könnte ich alles zu Fuß erledigen. Ich hätte zwar einen weiteren Weg zur Arbeit, aber es scheint ja inzwischen so zu sein, dass ich mehrmals täglich einkaufen muss, aber nur einmal zur Arbeit fahre. Na, mal sehen. Zur Zeit ist ja viel in Bewegung. Ich versuche gerade, mich zu erinnern, wo ich während meiner Husemann-Phase immer eingekauft habe. Es will mir einfach nicht einfallen. Damals scheint einkaufen noch nicht so wichtig gewesen zu sein.

Dabei fällt mir wieder ein, dass der mangelnde Auslauf ein großes Problem war. Ich musste zum Schluss erst mit dem Rad in den Park fahren, wenn ich ein bisschen rennen wollte. Es ging mir sogar regelmäßig sehr schlecht, bis ich endlich mal wieder gerannt bin. Danach wußte ich immer, dass ich es zu selten mache, was ich jedoch gleich wieder vergaß, woraufhin es mir wieder eine Weile sehr schlecht ging. Schön, dann hätten wir die Prioritäten für die neue Wohnung. Erstens: Auslauf. Zweitens: Einkaufsmöglichkeiten. Drittens: Weg zur Arbeit. Miete: 350 kalt.