Abwärts

Gestern hatte ich den ersten richtigen Arbeitstag. Arbeit am Vormittag, Arbeit am Nachmittag, Arbeit am Abend. Am Ende war ich erschöpft. Ich arbeite zu viel. So kann ich nicht weitermachen. Auch meine Vorgesetzten schütteln ihre Köpfe. Ich sollte besser auf mich achtgeben. Das will ich beherzigen. So ausschweifend und hemmungslos will ich mich der Arbeit nicht wieder hingeben. Es gibt Wichtigeres im Leben. Zum Beispiel den Diesel-Gipfel. Das habe ich wegen der Arbeiterei vollständig verpasst. Jetzt, da ich das Debakel zur Kenntnis nehme, ist der Drops schon wieder gelutscht. Wenn ich alles richtig verstanden habe, machen wir jetzt doch weiter mit den Autos. Also nicht elektrisch, wie auf dem Krankenhausgelände, sondern schön mit Abgas. Die Abgase werden aber von einem Computer schöngerechnet. (Wie gesagt, dass ist nur das, was ich verstanden habe.)

Vielleicht sollte ich mir also doch wieder einen Diesel kaufen. Ich mochte den Diesel früher, wegen des kleinen Rituals: man musste ihn vorglühen. Das bedeutete, nach dem Einschalten der Zündung mit dem Starten zu warten, bis eine kleine gelb leuchtende Spirale im Tacho verschwunden war. Wozu das gut war, wusste ich freilich nicht und konnte es auch nicht in Erfahrung bringen. Etwas konnte kaputt gehen, wenn man es nicht tat. Es erinnerte mich an einen Hebel, den man im Trabi vor dem Starten ziehen musste, wenn es kalt war. Wir nannten ihn Schock und es war ein solcher, als wir herausfanden, das er „Choke“ geschrieben wurde. Alle diese kleinen Rituale wird es bei Elektroautos nicht mehr geben und darum interessieren sie mich auch nicht weiter. Genau wie Automatik-Getriebe oder Schlüsselkarten, die man nirgendwo mehr reinstecken, geschweige denn herumdrehen kann.

Wie auch immer, die „Politik“ hat offenbar alles eingesehen und die richtigen Entscheidungen getroffen. Allein die Handwerker – das muss man sich mal vorstellen! Die ganzen Handwerker, die nicht mehr mit ihren Dieselautos herumfahren könnten. Bei der Nationalen Volksarmee hatten wir, glaube ich, einmal eine Dieselameise. In unseren Reihen gab es nur einen Kameraden, der sie fahren konnte. Ich fuhr einmal mit. Zunächst musste natürlich vorgeglüht werden. „Vorglühen“ war ein Lebensgefühl. Wir verstanden den Diesel, er war einer von uns. Wenn jetzt ein Computer alles ausrechnet, braucht man wahrscheinlich weder vorzuglühen noch einen Choke zu ziehen. Das Motorgeräusch muss man wahrscheinlich irgendwann auf CD dazu kaufen oder selbst machen. Diesel-Gipfel hin oder her – wenn der Gipfel einmal erreicht ist, gibt es nur noch eine Richtung: abwärts.

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Zeitreisenverweigerer

Zeitreisen sind möglich. Man sieht es an den ganzen Doku-Sendungen, vor allem im ZDF. Das ZDF hat definitiv eine Zeitmaschine, mit der sie herumreisen und diese tollen Aufnahmen machen. Ob Luther, Columbus oder Jesus. Das ZDF war überall dabei und wir können es jetzt im Fernsehen anschauen. Der zweite Beweis für Zeitreisen sind unsere Tageszeitungen. Kein Journalisten-Team der Welt könnte sich so einen Schwachsinn ausdenken. Alle Zeitungsredaktionen haben eine Zeitmaschine und reisen damit jeden Tag genau einen Tag in die Zukunft. Dort kaufen sie eine Zeitung, reisen zurück und schreiben alles ab. Am nächsten Tag erscheint die Zeitung dann und wir lesen und staunen, was wieder alles in der Welt passiert ist.

Für mich wäre die Zeitmaschinenreiserei nichts. Darum konnte ich auch nicht Journalist werden. Viele Journalisten wissen aber auch gar nicht, was sie sich antun. Manche werden verrückt. Ob Guido Knopp schon immer so war, wie er jetzt ist oder erst durch die Zeitreisen so geworden ist, lässt sich nicht entscheiden, wenn man Zeitreisenverweigerer ist. Aber Knopp ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Unter ihm arbeiten ja viele andere Menschen, Kameramänner, Beleuchter und Maskenbildner, die alle diese gefährlichen Zeitreisen machen müssen. Wenn sie mal frei haben, wissen sie manchmal nicht mehr, in welcher Zeit sie gerade sind und halten ihre Freundin für Jeanne d’Arc oder ihren Mann für Otto Lilienthal. Die, die in der Zukunft die Zeitungen aufkaufen, kommen manchmal mit den Tagen durcheinander. Dann wollen sie Zahnarzttermine wahrnehmen, die erst am nächsten Tag sind, weil sie gerade dort waren, aber jetzt wieder einen Tag davor sind. Das macht auf die Dauer die Birne weich und kratzt am Selbstwertgefühl.

Wenn ich schon eine Zeitmaschine hätte, würde ich immer genau bis zum nächsten Urlaub reisen. Am Ende des Urlaubs dann weiter zum nächsten. So hätte ich immer Urlaub und müsste nicht mehr arbeiten. Blöd wäre nur, wenn die Gefahr besteht, dass ich mir selbst in diesen Urlauben begegne, denn das ist bei Zeitreisen streng verboten. Vielleicht würde ich mich auch sehen, wie ich gar keinen Urlaub mehr machen kann, weil ich entlassen wurde, weil ich nicht mehr auf Arbeit erschienen bin. Dann wäre auch kein Geld mehr auf meinem Konto und ich könnte die Stromrechnung für die Zeitmaschine nicht bezahlen und säße für immer in der falschen Zeit fest. Das wäre erst richtig blöd. Darum sind Zeitreisen nämlich verboten und die Zeitungen und das ZDF sollen sich mal nicht erwischen lassen.

Technische Störung

Wenn an einem Tag mal keine Zeitung kommt, denkt man gleich, dass die Welt stehen geblieben ist. Dabei dreht sie sich natürlich weiter. Aber wer weiß? Die Welt wäre auf jeden Fall eine andere, wenn Zeitungen und Fernsehen aufhören würden, sie zu beobachten und zu beschreiben. Findet die Maidemo heute statt, weil es gestern in der Zeitung stand? Kommt es dabei zu Gewalt, weil morgen darüber geschrieben wird? Und wenn morgen jemand schreibt: „Alles war friedlich.“, passiert dann heute nichts? Ich könnte jetzt zum Beispiel schreiben, dass ich gestern mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war und heute erst am frühen Morgen heimkam, weil die Bahn einfach nicht losfuhr. Und zack – schon war es so gewesen. Die Bahn fuhr einfach nicht los, dafür gab es eine Ansage, dass man nicht losfahren könne. Grund sei ein vorausfahrender Zug. Ich hatte nun Zeit, meine Umgebung etwas genauer zu betrachten und bemerkte, dass sich die Anzahl der Steckdosen in Regionalzügen vervielfacht hat. Das gab es früher nicht. Heute ist es aber notwendig, denn ich benutze ein Handyticket. Kein Akku dieser Erde ist dafür gebaut, die langen Wartezeiten in Regionalzügen zu überbrücken. Binnen Stunden hätte man eine ganze Bahn voller Schwarzfahrer. Das will die Bahn natürlich nicht. Darum die vielen Steckdosen.

Der vorausfahrende Zug müsste jetzt eigentlich aus dem Weg sein. Und richtig: Prompt kam eine Ansage, dass man jetzt auf gar keinen Fall losfahren könne, weil es eine schwere technische Störung am Zug gäbe. Der Zug war kaputt. Er hatte sich kaputtgestanden. So etwas kann passieren. Ich war zu schwach, um zu reagieren und blieb einfach sitzen. Die anderen Fahrgäste auch. Bei genauerem Hinsehen ergab sich, dass alle in tiefen Schlaf gesunken waren. Ich war offenbar der einzige, der noch wach war. Aber vielleicht war das die Panne? Alle anderen waren im Kryo-Schlaf, um die lange Reise überstehen zu können und ich war wach geblieben. Ein Albtraum. Wir würden jetzt einfach sehr lange in diesem Zug sitzen. Mein Akku war wieder voll.

So schreibe ich es und so ist es geschehen. Warum schreibe ich nicht, dass ich den Tag mit einer anmutigen rehäugigen verbracht habe, die mich dann mit zu sich nach Hause nahm? Wir redeten kein einziges Wort, sondern sahen uns nur an. Wir waren sehr verliebt. Als der Morgen graute, hielten wir uns noch immer fest in den Armen. So schliefen wir ein und wir schlafen immer noch. Aber das schreibe ich nicht, sondern immer das andere.

Der richtige Weg

Ach ja, die Zeit, die liebe, liebe Zeit und immer wieder die Zeit. Ich habe sie ja abonniert. Ich war schlau genug, dafür die digitale Ausgabe zu wählen, denn jeden Donnerstag Morgen (eigentlich schon Mittwoch Abend) erscheint sie neu auf meinen E-Book-Reader. Sie trägt dann eine kleidsame Banderole mit der Aufschrift NEU und erinnert mich eigentlich nur daran, dass ich auch aus der vorangegangenen Ausgabe kein Wort gelesen habe. Natürlich könnte ich mir diese Ausgabe wieder neu herunterladen, aber das tue ich nicht, denn auch die neue will ja erst einmal gelesen sein. Als ich noch eine Freundin hatte, die Schöne und Blutjunge, gab es noch keine digitalen Zeitungsausgaben. Die Ärmste musste alles Ungelesene hinter ihrer Wohnungstür stapelweise archivieren. Einmal fiel der Stapel um und die Zeitungen verkeilten sich dermaßen mit den leeren Rotweinflaschen im engen Eingangsbereich, dass sich die Tür von außen nicht mehr öffnen ließ. Seitdem habe ich meine schöne Freundin nicht wieder gesehen.

Daran kann man sehr schön lernen, dass das analoge Zeitalter auch nicht ungefährlich war. Aber das ist ja nun ein für allemal vorbei. Mit dem digitalen Heute geht auch der Sofortismus daher. Alles muss gleich gemacht werden, denn nachher kommt schon wieder etwas anderes. Wer Nachrichten nicht gleich beantwortet, braucht sie auch gar nicht mehr beantworten. Mein alter Freund Axel wundert sich darüber, wie schnell ich auf Nachrichten reagiere. Ich entgegne darauf: „Stell dir vor, deine Traumfrau ist online und du tollst im Wald rum!“ (Das habe ich auf Twitter gelesen, Quelle unbekannt).

Also alles gleich machen. Nichts aufschieben. Für Letzteres gibt es ein schönes Wort: Prokrastinantion. Dabei handelt es sich um eine Arbeitsstörung, die beträchtlichen Leidensdruck erzeugt. Wie jedes Ding hat auch die Prokrastination ihr Gegenteil. Das heißt Präkrastination und müsste dann das vorzeitige Erledigen von Aufgaben sein, quasi die Beantwortung von Fragen, noch bevor sie gestellt sind. Die Reaktion auf Nachrichten, noch bevor sie gesendet wurden. Das Lesen der Zeitung, bevor sie erschienen ist. Auch das kann zu Verwirrung und sozialen Verwicklungen führen. Obwohl ich gern meinen nächsten Text lesen würde, bevor ich ihn geschrieben habe. Das würde für mich vieles einfacher machen und es wäre auch viel interessanter! Aber der richtige Weg liegt wahrscheinlich wieder irgendwo in der Mitte.